Hannah Arendt über die Deutschen (1950): „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen. Die Verwandlung von Tatsachen in Meinungen ist nicht allein auf die Kriegsfrage beschränkt; auf allen Gebieten gibt es unter dem Vorwand, dass jeder das Recht auf eine eigene Meinung habe, eine Art Gentlemen’s Agreement, dem zufolge jeder das Recht auf Unwissenheit besitzt – und dahinter verbirgt sich die stillschweigende Annahme, dass es auf Tatsachen nun wirklich nicht ankommt. Dies ist in der Tat ein ernstes Problem, nicht allein, weil Diskussionen dadurch oftmals so hoffnungslos werden (man schleppt ja normalerweise nicht immer Nachschlagewerke mit sich herum), sondern vor allem, weil der Durchschnittsdeutsche ganz ernsthaft glaubt, dieser allgemeine Wettstreit, dieser nihilistische Relativismus gegenüber Tatsachen sei das Wesen der Demokratie. Tatsächlich handelt es sich dabei natürlich um eine Hinterlassenschaft des Naziregimes.“

Nachdem Hannah Arendt im Winter 1949/50 im Auftrag der «Jewish Cultural Reconstruction» zum ersten Mal nach ihrer Emigration wieder Deutschland … Mehr

Martin Buber, Hoffnung für diese Stunde. Eine Ansprache (1952): „Die Hoffnung für diese Stunde ist auf die Hoffen­den selber, auf uns selber gestellt. Ich meine damit: auf die unter uns, die die Krankheit des heutigen Menschen am tiefsten empfinden und in seinem Namen das Wort sprechen, ohne das es keine Heilung gibt: Ich will leben. Die Hoffnung für diese Stunde geht auf eine Erneuerung der dialogischen Unmittelbarkeit zwischen den Menschen.“

Martin Bubers Ansprache vom 6. April 1952, die er in Carnegie Hall in New York gehalten hatte, ist immer noch … Mehr

Fridolin Stier über Martin Buber (1966): „Es galt, im amor­phen Gewirr des Überlieferten das Wahre aus der Mengung mit Falschem, das Lebendige aus Totem, den Funken aus der Asche zu scheiden, um dem chassidischen Geist Sprache und Gestalt einer ‚Botschaft an den abend­ländischen Menschen‘ zu bereiten. Martin Bubers Deutung chassidischer Begriffe mag in einzelnem an­fechtbar sein (G. Scholem). Tatsachentreue ist Sache des Historikers, die des Jüngers ist Treue zur Sache. Aneignend wirkt diese Treue, und darum in der Vollmacht neuen Formens. Ihre In­stanz ist das eigene Selbst. Er habe ein Sieb gebraucht, sagte man ihm; ‚ich bin ein Sieb‘, antwortet er. Es ist vor allem die chassidische Haltung zur Welt, die sich ihm einwirk­te. Nach dem kabbalistisch-gnostischen Mythos wohnen, dem Urlicht entsprüht, göttliche Funken in allen Dingen und Wesen, selbst im ‚bösen Trieb‘, verbannt, harrend des Men­schen, dem es gegeben ist, sie zu ‚erlösen‘, sie durch die rechte ‚Richtung‘ (qawwanah) des Sinnes, im liebenden Umgang mit allem Umwesenden zu ‚heben‘, um das Göttliche in die Einheit seines Ursprungs zurückzuführen.“

Martin Buber (1966) Von Fridolin Stier Martin Mordechai Buber, geboren am 8. Februar 1878 in Wien. Vom dritten bis zum … Mehr

„Ich bin, was ich für mich selbst zu wählen weiß“ – Über den Homo optativus in der internetösen Multioptionsgesellschaft und über die Unfreiheit des Wählens: „Die menschliche Freiheit zeigt sich nicht im eigenen Auswählen-Können, sondern im anfänglichen Handeln-Können. Inchoativ und eben nicht ‚häretisch‘ ereignet sich die Freiheit im unvorhergesehenen Handeln. In Sinne Hannah Arendts ließe sich Freiheit wie folgt politisch definieren: Freiheit heißt für uns Menschen miteinander etwas anfangen können, was andere Menschen für uns nicht vorgesehen haben, so dass sich daraus jenseits vorübergehender Erlebnisse ein dauerhaftes Gemeinwesen ergibt.“

„Ich bin, was ich für mich selbst zu wählen weiß“ – Über den Homo optativus in der internetösen Multioptionsgesellschaft und … Mehr

Hannah Arendt über Ideologie und Terror (1952): „Tota­litäre Herrschaft gleich der Tyrannis trägt den Kern ihres Verderbens in sich. So wie die Furcht und die Ohnmacht, aus der sie entspringt, ein antipolitisches Prinzip und eine dem politischen Handeln konträre Situa­tion darstellen, so sind die Verlassenheit und das ihr entspringende logisch-ideologische Deduzieren zum Ärgsten hin eine antisoziale Situ­ation und ein alles menschliche Zusammensein ruinierendes Prinzip. Dennoch ist organisierte Verlassenheit erheblich bedrohlicher als die unorganisierte Ohnmacht aller, über die der ty­rannisch-willkürliche Wille eines ein­zelnen herrscht.“

Ideologie und Terror Von Hannah Arendt Nachdem 1951 „The Origins of Totalitarianism“ bei Schocken in New York erschienen war, veröffentlichte … Mehr