John Stuart Mill und die sozialen Medien im Internet: „Solange eine Meinung sehr fest im Gefühl wurzelt, wird sie sich durch ein gegen sie geltend gemachtes Übergewicht von Argumenten nicht erschüttern lassen“ (The Subjection of Women, 1869)

Stuart Mill
John Stuart Mill und Stieftochter Helen Taylor

Das dürfte wohl für die Argumentationsunfähigkeit in sozialen Medien im Internet gelten, was John Stuart Mill (in Kollaboration mit seiner Ehefrau Harriet Taylor Mill bzw. mit seiner Stieftochter Helen Taylor) eingangs seines Essays The Subjection of Women (1869) im Hinblick auf eine argumentative Begründung der Gleichstellung der Frau geschrieben hatte:

Die Worte, welche ich der von mir unternommenen Arbeit vo­rauszuschicken für notwendig hielt, beweisen, wie schwierig sie ist. Man wäre jedoch in einem großen Irrtum, wenn man wähnte, die Schwierigkeit des Unternehmens läge in dem Mangel oder der Un­klarheit der Vernunftgründe, auf welchen meine Überzeugung beruht. Ich habe mit andern Schwierigkeiten zu kämpfen, und zwar mit solchen, welche immer da entstehen, wo man es mit einer gan­zen Masse sich streitend erhebender Gefühle (feelings) zu tun hat. Solange eine Meinung sehr fest im Gefühl wurzelt, wird sie sich durch ein gegen sie geltend gemachtes Übergewicht von Argumenten nicht erschüttern lassen, sondern weit eher an Stabilität gewinnen. Wäre die Meinung als Resultat eines Argumentes gebildet worden, so dürfte man hoffen, die Widerlegung desselben werde auch die Fes­tigkeit der Überzeugung erschüttern; beruht sie jedoch lediglich auf Gefühlen, so wird man sich, je schlechter man vor dem Angriff der Argumente bestehen kann, um so eifriger daran klammern und sich überreden, die Gefühle müßten einen tieferen Grund haben, einen Grund, den die Argumente gar nicht zu erreichen vermögen. Solan­ge das Gefühl besteht, wird es nicht aufhören, neue Verschanzungen aufzuführen und die in die alten gelegte Bresche wieder auszu­füllen. Und es gibt so viele Ursachen, welche dazu dienen, gerade in bezug auf diese Angelegenheit die Gefühle aller, welche an alten Einrichtungen und Gebräuchen hängen und sie beschützen, recht eingewurzelt und intensiv zu machen, daß es uns nicht wunder­nehmen darf, wenn wir gerade sie von dem Fortschritt der großen modernen geistigen und sozialen Übergangs-Periode noch so wenig gelockert und unterwühlt finden. Ebensowenig darf man anneh­men, die Barbarei, welche Menschen am längsten festhalten, sei ein geringerer Grad von Barbarei als jene, welche sie früher abgeschüt­telt haben. (Übersetzung nach Jenny Hirsch, 1869)

(im englischen Original: The very words necessary to express the task I have undertaken, show how arduous it is. But it would be a mistake to suppose that the difficulty of the case must lie in the insufficiency or obscurity of the grounds of reason on which my conviction rests. The difficulty is that which exists in all cases in which there is a mass of feeling to be contended against. So long as an opinion is strongly rooted in the feelings, it gains rather than loses in stability by having a preponderating weight of argument against it. For if it were accepted as a result of argument, the refutation of the argument might shake the solidity of the conviction; but when it rests solely on feeling, the worse it fares in argumentative contest, the more persuaded its adherents are that their feeling must have some deeper ground, which the arguments do not reach; and while the feeling remains, it is always throwing up fresh intrenchments of argument to repair any breach made in the old. And there are so many causes tending to make the feelings connected with this subject the most intense and most deeply-rooted of all those which gather round and protect old institutions and customs, that we need not wonder to find them as yet less undermined and loosened than any of the rest by the progress of the great modern spiritual and social transition; nor suppose that the barbarisms to which men cling longest must be less barbarisms than those which they earlier shake off.)

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