Johannes Hamel, Christenheit unter marxistischer Herrschaft (1959): „Es werden dann die politischen Mächte hüben und drüben ihr dunkles Spiel mit einer Christenheit treiben, die darum in feindliche Parteien auseinander­fällt, weil sie gemeinsam sich nichts mehr sagen läßt. Hinter kirchlichen Gegnern erschei­nen die Schatten oder gar die Leiber der Poli­tiker des Kalten Krieges in der Gegenwart und eines drohenden Heißen Krieges in der Zu­kunft. Ein unheimlicher Sog verwandelt dann die Botenschar des souveränen Herrn in Reli­gionsgemeinschaften, die nachträglich das religiös-theologisch-christlich ‚untermauern‘, was die Politiker vorher entschieden, verkündet und getan haben. Man spricht es nicht aus, aber es liegt unausgesprochen in der Luft: es wird hüben die ‚Weltrevolution‘ und drüben ein Kampf für die ‚Freiheit‘ und die ‚Be­freiung‘, auch mit Atombomben, für christlich möglich, erlaubt, vielleicht sogar geboten er­achtet.“

Christenheit unter marxistischer Herrschaft Von Johannes Hamel unterwegs. eine evangelisch Zeitbuchreihe, Bd. 7, Berlin: Käthe Vogt Verlag, 1959 STICHWORTE DIE … Mehr

Rudolf Bultmann, Wie spricht Gott durch die Bibel zu uns? (How Does God Speak to Us through the Bibel, 1934): „Das Wort Gottes wird niemals zu unserem Eigentum. Ob wir es wirklich recht gehört haben, zeigt sich daran, ob wir bereit sind, es immer wieder neu zu hören, es in jeder Entscheidung unseres Lebens zu erfragen; ob wir bereit sind, es im Augenblick der Entscheidung eingreifen zu lassen; ob wir zulassen, dass es uns von unserem Nichts überzeugt, zugleich aber auch von Gottes Barmherzigkeit, die uns von allem Hochmut befreit – ‚Was hast du aber, das du nicht empfangen hast?‘ –, aber ebenso von aller Mutlosigkeit – ‚als die nichts haben und doch alles besitzen‘. Die Bereitschaft, das ganze Leben dem Wort Gottes zu unterstellen, Gottes Wort immer wieder zu hören, das heißt: es in jedem Augenblick neu zu vernehmen, ist zugleich die Bereitschaft zur Liebe. Wenn Gottes Wort uns von uns selbst befreit und uns durch seine Liebe zu neuen Menschen macht, dann macht es uns auch frei, andere zu lieben. Wir bleiben nur dann in ihm, wenn seine Worte in uns bleiben, wenn wir seine Gebote halten. Und sein Gebot ist die Liebe.“

Wie spricht Gott durch die Bibel zu uns? (How Does God Speak to Us through the Bibel, 1934) Von Rudolf … Mehr

Rudolf Bultmann, Ein Rückblick auf die Diskussion um die Entmythologisierung (1960): „Es ist unglaublich, wie viele Menschen sich ein Urteil über meine Arbeit anmaßen, die nie ein Wort von mir gelesen haben. Ich konnte unmöglich auf alle Zuschriften antworten. In manchen Fällen habe ich es getan, und zwar besonders dann, wenn der Angriff auf meine Person besonders heftig war, wenn mir z. B. geweissagt wurde, dass ich so schrecklich enden werde wie Voltaire oder Nietzsche. Ich habe dann gefragt, worauf sich das Urteil des Schreibers gründe, und was er von meinen Schriften gelesen habe. Die Antwort lautete regelmäßig, ohne Ausnahme: nichts gelesen von meinen Schriften! Aber aus einem Sonntags- oder Gemeindeblatt erfahren, dass ich ein Irrlehrer sei. Ich halte es für unverantwortlich, dass Sonntags- und Gemeindeblätter das Thema – sollte wohl sagen: das Schlagwort – der Entmythologisierung vor Laien bringen, ein Thema, von dem sie nichts verstehen oder das sie notwendig missverstehen, weil das Verstehen theologische Bildung voraussetzt.“

Ein Rückblick auf die Diskussion um die Entmythologisierung (1960) Von Rudolf Bultmann Die Post, die in den letzten Jahren täglich … Mehr

Hans-Georg Gadamer, Gedenkworte für Rudolf Bultmann (1976): „Einen nicht geringen Teil seiner wissenschaftlichen Produktion hat er auf den freien Rückseiten von bezahlten Rechnungen, beantworteten Briefen, ja, auf dem aufgeklappten Innern von Briefumschlägen zu Papier gebracht. Zu seinen Freizeitliebhabereien gehörte, neben konsequent durchgehaltenen täglichen Lektürestunden, die vor allem die klassische Literatur, aber auch moderne Literatur pflegten, das imaginäre Reisen, irgendwohin in die ferne Welt, mit genauer Wahl der Züge, die er nehmen würde, der Hotels, in denen er wohnen würde, und natürlich vor allem mit genauester historischer und kunstgeschichtlicher Vorbereitung für alle Sehenswürdigkeiten, die er antreffen würde: ein einzigartiges Gemisch von Phantasie und Pedanterie, diesen Feengaben des geborenen Gelehrten.“

Gedenkworte für Rudolf Bultmann (20. 8. 1884 – 30. 7. 1976) Von Hans-Georg Gadamer Als der Orden im Jahre 1969 … Mehr

Kanzelabkündigung der VELKD zur Entmythologisierung des Neuen Testamentes (1953): „Hier ist nun in den letzten Jahren in der Kirche selbst begründete Besorgnis entstanden. Einige Lehrer der theologischen Wissenschaft, die neue Wege gesucht haben, um unserer Gegenwart den Kern der biblischen Botschaft verständlich zu machen, sind in der Gefahr, bei ihrem Bemühen um eine ‚Entmythologisierung des Neuen Testamentes‘, wie sie das nennen, den Inhalt der Verkündigung zu vermindern oder gar zu verlieren. Sie sehen, dass die Aussagen des Neuen Testaments das äußere Gewand der damaligen Denkweise tragen. Aber wir müssen sie fragen, ob sie darüber nicht die Tatsachen verleugnen, die die Schrift bezeugt. Es ist eine dringende kirchliche Aufgabe, die Auseinandersetzung mit diesen Lehrern der Theologie zu führen. Darum stehen Männer der Kirche aus Kirchenleitungen, Theologischen Fakultäten und Kirchlichen Hochschulen in ständigem wissenschaftlichem Gespräch mit den Vertretern jener Anschauung, um die Reinheit der christlichen Lehre zu wahren.“

Kanzelabkündigung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) zur Entmythologisierung des Neuen Testamentes vom 22. November 1953 „Fürchte dich nicht! Ich … Mehr

Rudolf Bultmann, Das christologische Bekenntnis des Ökumenischen Rates: „Christus ist all das, was von ihm ausgesagt wird, sofern er das eschatologische Ereignis ist. Dieses aber nicht so, daß es als ein Weltgeschehen konstatierbar wäre, aber auch nicht ein Geschehen in supranaturalen Höhen, was ja faktisch auch nur ein Weltgeschehen wäre. Jesus Christus ist als eschatologisches Ereignis nicht objektiv feststellbar, so daß man daraufhin an ihn glauben könnte. Vielmehr ist er es ja, genauer gesagt: wird er es ja in der Begegnung, wenn das Wort, das ihn verkündigt, Glauben findet – ja, selbst wenn es nicht Glauben findet; denn wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet (Joh. 3,18). Ebenso wie die ἐκκλησία, die Kirche, die eschatologische Gemeinde, nur als Ereignis je wirklich ἐκκλησία ist, so ist auch Christi Herr-Sein, seine Gottheit, immer nur je Ereignis. Eben das ist der Sinn dessen, daß er das eschatologische Ereignis ist, das nie zu einem Ereignis der Vergangenheit objektiviert werden kann, auch nicht zu einem Ereignis in einer metaphysischen Sphäre, das vielmehr jeder Objektivation widerstreitet.“

Das christologische Bekenntnis des Ökumenischen Rates[1] Von Rudolf Bultmann I. Über das christologische Bekenntnis des ökumenischen Rates der Kirchen in … Mehr

Russell T. McCutcheon zur Problematik des Religionsbegriffs: „Da die Ursprünge des Religionsbegriffs keinen Hinweis darauf geben, wie wir ihn heute verwenden sollten, stoßen Wissenschaftler, die ‚Religion‘ zur Bezeichnung einer Untergruppe kultureller Praktiken verwenden, auf eine Reihe von Fragen, die es zu untersuchen gilt: Wenn eine Kultur den Begriff nicht kennt, können wir dann ‚ihre Religion‘ studieren? Sollte die Wissenschaft nur Konzepte verwenden, die für die untersuchte Gruppe typisch sind? Ist die Sache, auf die unser Wort verweist, allen Menschen gemeinsam, ungeachtet ihres Selbstverständnisses? Ist die Verwendung unseres lokalen Begriffs, als wäre er ein universeller Signifikant, ein Akt des Kulturimperialismus?“

Religion Von Russell T. McCutcheon Wie alle Gegenstände der Kultur haben auch Wörter eine Geschichte; Bedeutung und Gebrauch ändern sich … Mehr

Lesslie Newbigin über den Religionsunterricht in einer säkularen pluralen Gesellschaft (1977): „Die Fähigkeit des Schülers zu kritischer Reflexion über eine These kann nur auf der Grundlage dessen entwickelt werden, was er zunächst auf die Autorität des Lehrers hin akzeptiert. Der Religionsunterricht muss denselben Disziplinen unterworfen sein. Das menschliche Verstehen muss mit der vorläufigen unkritischen Akzeptanz von Erfahrung beginnen. Man kann die Entwicklung des Verstehens mit der Art vergleichen, wie ein Kletterer einen Felsen erklimmt. Er kann nur vorankommen, indem er einen seiner Hand- oder Fußgriffe loslässt und nach einem sicheren weiter oben sucht. Während er das tut, muss er die anderen Griffe akzeptieren, die er hat. Ein Kletterer, der versucht, alle vier Griffe gleichzeitig loszulassen, wird nicht vorankommen.“

Religionsunterricht in einer säkularen pluralen Gesellschaft (1977) Von Lesslie Newbigin Das mir gestellte Thema, mit dem sich dieser Aufsatz auseinandersetzt, … Mehr

Ansprache der Generalsuperintendenten der altpreußischen Provinzen an die evangelischen Gemeindeglieder vom Juni 1919: „Jeder Gedanke an die Auslieferung unseres Kaisers, der fast dreißig Jahre seinem Volke den Frieden erhalten hat, nebst seinen Feldherren und Staatsmännern, die ihn nach bestem Wissen beraten haben, ist eine Qual, die kein deutsches Herz ertragen kann; wir empfinden sie als tiefe Schmach, die uns mit Treubruch und Ehrlosigkeit belasten will. Das Verlangen, uns als die einzig Schuldigen am Kriege zu bekennen, legt uns eine Lüge in den Mund, die schamlos unser Gewissen verletzt. Als evangelische Christen erheben wir vor Gott und Menschen feierlich heiligen Protest gegen den Versuch, unserer Nation dieses Brandmal aufzudrücken.“

Ansprache der Generalsuperintendenten der altpreußischen Provinzen an die evangelischen Gemeindeglieder Berlin, Ende Juni 1919 In der Stunde tiefster Demütigung unseres … Mehr