Gerhard von Rad über den Prediger Salomo (Kohelet): „Es kommt zu keinem Ge­spräch des Menschen mit seiner Umwelt und noch viel we­niger mit Gott. Ist er überhaupt noch ein Du?“

Salvador Dali, Vanitas vanitatum (Mischtechnik, 1964)
Salvador Dalí, Vanitas Vanitatum (Mischtechnik, 1964)

In seinem letzten Werk „Weisheit in Israel“ hat sich Gerhard von Rad auch des Predigers (bzw. Kohelets) angenommen. Über dessen Gottesverhältnis schreibt er:

Wie unmittelbar Kohelet in der Lehrtradition steht, wird daran deutlich, wie er von Gott redet. Verstünde man seine Lehre als eine in sich abgeschlossene »Philosophie«, so müßte man ihm angesichts so schwacher theologischer Prämissen Inkonsequenz vorwerfen. Aber in dieser Sache – daß Gott ist und souverän in der Welt handelt – teilt  er ganz die Auffassung der älteren Lehrer. Neu und aller­dings alarmierend ist seine Meinung über das Verhältnis des Menschen zu diesem, wie gesagt kontinuierlichen »Werk« Gottes, nämlich, daß es sich in sei­ner Logik der Wahrnehmung des Menschen und seinem Begreifen durch­aus entzieht und daß deshalb der Mensch auch außerstande ist, sich darauf einzustellen. Die Folgen dieser Über­zeu­gung sind – an der Zuversicht der älteren Weisheit ge­messen – katastrophal. Der starke Wille zur Lebensbe­mächtigung – ein Hauptcharakteristikum der älteren Weisheit – ist gebro­chen. Der Mensch hat den Kontakt mit den Widerfahrnissen der Außenwelt verloren. Ob­schon unablässig von Gott durchwaltet, ist ihm die Welt stumm geworden. Das Geschehen in ihr, immer in Bewegung, teils dem Menschen förderlich zugekehrt, teils sich ihm verwei­gernd, ist nun in seiner Logik tief versiegelt. »Fern ist, was geschieht, tief, tief, wer kann es herausfinden?« (7,24) Selbst in seinem eigenen Lieben und Hassen kann sich der Mensch nicht verstehen (9,1). Es kommt zu keinem Ge­spräch des Menschen mit seiner Umwelt und noch viel we­niger mit Gott. Ist er überhaupt noch ein Du? Gewährt er Lebenserfüllungen, so kommt es zu einem stummen Hin­nehmen einer stumm gereichten Gabe. Mit diesem Status hat sich Kohelet abgefunden, wenn auch in einer Resigna­tion, die keinen Leser unberührt lassen kann. In schroffem Unterschied zu Hiob fehlt jedes Andringen auf Gott, jede Empörung gegen ein Verhältnis Gottes zum Menschen, das in nichts mehr dem gleicht, von dem das älte­re Isra­el wußte. Die Frage Hiobs, ob dieser Gott noch sein Gott sei, stellt Kohelet nicht mehr.

Hier der vollständige Text „Der Prediger Salomo“ aus von Rads „Weisheit in Israel“ als pdf.

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