Ingeborg Bachmann, Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar (Rede von 1959): „Es kann nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muss ihn, im Gegenteil, wahr­haben und noch einmal, damit wir sehen können, wahr­machen. Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Erfahrung empfindlich und insbe­sondere für die der Wahrheit.“

Ingeborg Bachmanns Rede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959 ist ein beredetes Zeugnis für die Parrhesia im Sinne … Mehr

Max Horkheimer über das Vorurteil: „Der Trieb zur Selbsterhaltung ist nur eine der Ursachen von Vorurteilen. Eigenliebe, Bedürf­nis nach Prestige sind in der Gesellschaft mit ihm aufs engste verknüpft. Jeder muß nicht bloß so handeln, sondern so auftreten und sprechen, daß die Menschen ihm glauben und ihren Vor­teil in ihm sehen. Er bedarf der positiven Vorurteile über sich selbst. Sie zu korrigieren, fällt schwerer als wenn es nicht um Stolz und Selbstbewußtsein, sondern unmittelbar um Selbst­erhaltung geht.“

Über das Vorurteil (1961) Von Max Horkheimer Seit dem Ende des Krieges war in Deutschland viel vom Vorurteil die Rede. … Mehr

Leo Tolstoi, Was ist Geld (1890): „Auch die Frage, was Geld sei, wird alsdann ihre Lösung finden, und es wird sich herausstellen, dass das Geld durchaus nicht jenes un­schuldige Mittel der Wertmessung, der Verkehrserleichterung und der Sparmög­lichkeit ist, als welches die Wissenschaft es gegenwärtig darstellt, son­dern dass es das erste und vorzüglichste Mittel der Unterjochung des Menschen durch den Menschen ist, mit einem Wort, dass es ist: geron­nene Gewalt.“

Was ist Geld? Von Leo Tolstoi Geld! Was ist Geld? Geld ist ein Äquivalent für Arbeit. Ich habe gebildete Leute … Mehr

Max Horkheimers Gedanke zur Religion (1935): „Im Gottesbegriff war lange Zeit die Vorstellung aufbewahrt, daß es noch andere Maßstäbe gebe als diejenigen, welche Natur und Gesellschaft in ihrer Wirksamkeit zum Ausdruck brin­gen. Aus der Unzufriedenheit mit dem irdischen Schicksal schöpft die Anerkennung eines transzendenten Wesens ihre stärkste Kraft. Wenn die Gerechtigkeit bei Gott ist, dann ist sie nicht im selben Grade in der Welt. In der Religion sind die Wünsche, Sehnsüchte und Ankla­gen zahlloser Generationen niedergelegt.“

Gedanke zur Religion (1935) Von Max Horkheimer Im Gottesbegriff war lange Zeit die Vorstellung aufbewahrt, daß es noch andere Maßstäbe … Mehr

Es gilt ein frei Geständnis in dieser unsrer Zeit. Über die evangelische Parrhesia: „Die Parrhesia im Sinne Foucaults ist gesellschaftlich verantwortete Wahrrede, die sich dikato­rischer Verstummung, ideologischer Bevormundung, narzisstischer Selbstgerechtigkeit, popu­listischer Verdummung, suprematischer Hassrede wie auch fatalistischer Untergangsbe­schwö­rung widersetzt. Und doch lässt sich fragen, welches Vertrauen die martyrische Wahrrede trägt. Wenn Parr­hesia im Neuen Testament mit ‚Freimut‘ bzw. ‚Zuversicht‘ wiedergegeben wird, hat dies eine escha­tologische Ausrichtung. Das freimütige Reden gründet sich in der eschatologischen Christusgemeinschaft, zu der Johannes einlädt: ‚Und nun, Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er offenbart wird, freimü­tig reden (schṓmen parrhesían) und nicht zuschanden werden vor ihm, wenn er kommt.'“

Es gilt ein frei Geständnis in dieser unsrer Zeit. Über die evangelische Parrhesia „Es gilt ein frei Geständnis / in … Mehr

Hannah Arendt über Freiheit und Politik (1958): „Will man die Menschen daran hindern, dass sie in Freiheit handeln, so muß man sie daran hindern, zu denken, zu wollen, herzustellen, weil offenbar all diese Tätigkeiten das Handeln und damit Freiheit in jedem, auch dem politischen Verstande mit implizieren. Daher glaube ich auch, dass wir das Phänomen der totalen Herrschaft durchaus missverstehen, wenn wir meinen, dass in ihr eine totale Politisierung des Lebens erfolgt, durch die Freiheit zerstört wird. Das gerade Gegenteil ist der Fall; wir haben es mit Phänomenen der Entpolitisierung zu tun, wie in allen Diktaturen und Despotien, nur daß diese Entpolitisierung hier so radikal auf­tritt, dass sie das politische Freiheitselement in allen Tätigkeiten vernichtet und sich nicht nur damit zufrieden gibt, das Handeln, also die politische Fähigkeit par excellence, zu zerstören.“

„Freiheit und Politik“ heißt der Vortrag, den Hannah Arendt 1958 im Rahmen des Vortragszyklus »Erziehung zur Freiheit« im Schweizerischen Institut … Mehr

Richard Schaeffler, Christlicher Glaube – Hoffnung aus Erinnerung (1978): „Wir erinnern uns an das Ende dieser Unheilswelt, in der wir heute noch leben, obgleich sie im Tode Jesu schon an ihr Ende geraten ist. Und des­halb erwarten wir eine kommende Welt, die für uns noch Hoffnung ist, gerade weil sie in Jesu Auferstehung schon begonnen hat. Unsere Erinnerung ist Danksagung, weil die Vergan­gen­heit, an die wir uns erinnern, die von Gott her schon gewirkte Zukunft ist, die sich für unsere Erwartung auftut.“

Der jüngst verstorbene katholische Philosoph Richard Schaeffler (1926-2019) hat als Sohn einer jüdischstämmigen Mutter eine besondere Sensibilität für eine anamnetische … Mehr