Hans-Georg Gadamer, Gedenkworte für Rudolf Bultmann (1976): „Einen nicht geringen Teil seiner wissenschaftlichen Produktion hat er auf den freien Rückseiten von bezahlten Rechnungen, beantworteten Briefen, ja, auf dem aufgeklappten Innern von Briefumschlägen zu Papier gebracht. Zu seinen Freizeitliebhabereien gehörte, neben konsequent durchgehaltenen täglichen Lektürestunden, die vor allem die klassische Literatur, aber auch moderne Literatur pflegten, das imaginäre Reisen, irgendwohin in die ferne Welt, mit genauer Wahl der Züge, die er nehmen würde, der Hotels, in denen er wohnen würde, und natürlich vor allem mit genauester historischer und kunstgeschichtlicher Vorbereitung für alle Sehenswürdigkeiten, die er antreffen würde: ein einzigartiges Gemisch von Phantasie und Pedanterie, diesen Feengaben des geborenen Gelehrten.“

Gedenkworte für Rudolf Bultmann (20. 8. 1884 – 30. 7. 1976) Von Hans-Georg Gadamer Als der Orden im Jahre 1969…

Kanzelabkündigung der VELKD zur Entmythologisierung des Neuen Testamentes (1953): „Hier ist nun in den letzten Jahren in der Kirche selbst begründete Besorgnis entstanden. Einige Lehrer der theologischen Wissenschaft, die neue Wege gesucht haben, um unserer Gegenwart den Kern der biblischen Botschaft verständlich zu machen, sind in der Gefahr, bei ihrem Bemühen um eine ‚Entmythologisierung des Neuen Testamentes‘, wie sie das nennen, den Inhalt der Verkündigung zu vermindern oder gar zu verlieren. Sie sehen, dass die Aussagen des Neuen Testaments das äußere Gewand der damaligen Denkweise tragen. Aber wir müssen sie fragen, ob sie darüber nicht die Tatsachen verleugnen, die die Schrift bezeugt. Es ist eine dringende kirchliche Aufgabe, die Auseinandersetzung mit diesen Lehrern der Theologie zu führen. Darum stehen Männer der Kirche aus Kirchenleitungen, Theologischen Fakultäten und Kirchlichen Hochschulen in ständigem wissenschaftlichem Gespräch mit den Vertretern jener Anschauung, um die Reinheit der christlichen Lehre zu wahren.“

Kanzelabkündigung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) zur Entmythologisierung des Neuen Testamentes vom 22. November 1953 „Fürchte dich nicht! Ich…

Rudolf Bultmann, Das christologische Bekenntnis des Ökumenischen Rates: „Christus ist all das, was von ihm ausgesagt wird, sofern er das eschatologische Ereignis ist. Dieses aber nicht so, daß es als ein Weltgeschehen konstatierbar wäre, aber auch nicht ein Geschehen in supranaturalen Höhen, was ja faktisch auch nur ein Weltgeschehen wäre. Jesus Christus ist als eschatologisches Ereignis nicht objektiv feststellbar, so daß man daraufhin an ihn glauben könnte. Vielmehr ist er es ja, genauer gesagt: wird er es ja in der Begegnung, wenn das Wort, das ihn verkündigt, Glauben findet – ja, selbst wenn es nicht Glauben findet; denn wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet (Joh. 3,18). Ebenso wie die ἐκκλησία, die Kirche, die eschatologische Gemeinde, nur als Ereignis je wirklich ἐκκλησία ist, so ist auch Christi Herr-Sein, seine Gottheit, immer nur je Ereignis. Eben das ist der Sinn dessen, daß er das eschatologische Ereignis ist, das nie zu einem Ereignis der Vergangenheit objektiviert werden kann, auch nicht zu einem Ereignis in einer metaphysischen Sphäre, das vielmehr jeder Objektivation widerstreitet.“

Das christologische Bekenntnis des Ökumenischen Rates[1] Von Rudolf Bultmann I. Über das christologische Bekenntnis des ökumenischen Rates der Kirchen in…

Vernor Vinge, Die kommende technologische Singularität: Wie man im posthumanen Zeitalter überlebt (The Coming Technological Singularity: How to Survive in the Post-Human Era, 1993): „Die Intelligenzverstärkung untergräbt die Bedeutung des Ichs von einer anderen Richtung aus. Die Welt nach der Singularität wird eine Vernetzung mit extrem hoher Bandbreite beinhalten. Ein zentrales Merkmal stark übermenschlicher Entitäten wird wahrscheinlich ihre Fähigkeit sein, mit variablen Bandbreiten zu kommunizieren, einschließlich solcher, die weit über Sprache oder schriftliche Nachrichten hinausgehen. Was geschieht, wenn Teile des Ichs kopiert und verschmolzen werden können, wenn die Größe eines Selbstbewusstseins wachsen oder schrumpfen kann, um der Natur der zu behandelnden Probleme gerecht zu werden? Dies sind wesentliche Merkmale der starken Übermenschlichkeit und der Singularität. Wenn man über sie nachdenkt, beginnt man zu fühlen, wie wesentlich fremd und anders die posthumane Ära sein wird – egal wie klug und wohlwollend sie herbeigeführt wird. Aus einer Perspektive passt die Vision zu vielen unserer glücklichsten Träume: ein endloser Ort, an dem wir einander wirklich kennen und die tiefsten Geheimnisse verstehen können. Aus einer anderen Perspektive ähnelt sie sehr dem Worst-Case-Szenario, das ich mir früher in diesem Aufsatz vorgestellt habe.“

Nachdem gerade Sam Altman von Open AI die Singularität ausgerufen hat, hier der grundlegende Artikel von Vernor Vinge (1944-2024), The…

Verfolgen – nicht folgen! Wenn alle gängigen Bibelübersetzungen Psalm 23,6 falsch übersetzen: „Im Hebräischen ist nicht von einem Folgen, sondern von einem bedrängenden Verfolgen die Rede. Dazu schreibt Christian Frevel: ‚In den Psalmen wird das Verb rādap fast ausschließlich zur Feindschilderung in den Individualpsalmen gebraucht. Es gehört als Terminus aus der Kriegssprache zu den Begriffen, die sich um die Feindbezeichnung ’ôjeb anlagern.‘ Damit gewinnt der Psalm eine paradoxe Dynamik: ‚Nur Güte und Gnade/Huld werden mich verfolgen mein Leben lang / und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.‘ Die treibende Kraft der Heimkehr in das Haus des HERRN sind göttliche Güte und Huld, die zudringlich sind. Ist hingegen von einem Nachfolgen die Rede, gelten Güte und Huld als eigene Errungenschaften, die im Lebenstross mitgeführt werden. Die Heimkehr scheint sich – hirtenlos – dem eigenen Vermögen zu verdanken.“

Verfolgen – nicht folgen! Wenn alle gängigen Bibelübersetzungen Psalm 23,6 falsch übersetzen Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die…

Albrecht Grözinger, Identität – das Eigene und das Nicht-Eigene. Eine Spurensuche in der christlichen Tradition: „Macht es Sinn, an dem Begriff der Identität festzuhalten? Diese Frage bleibt zunächst ungeklärt. Wichtig hier war zu zeigen, dass es im Christentum ein Verständnis von Identität gibt, das nicht über Exklusion funktioniert. Aber natürlich wurde im Verlauf der Christentumsgeschichte auch, und vielleicht sogar mehrheitlich, so etwas wie Exklusionsidentität praktiziert. Der Begriff der verletzlichen Identität könnte ausdrücken, dass Identität erst dann in Momenten oder in einer Bewegung entstehen kann, wenn ich mich auf Anderes beziehe und auf Anderes bezogen zu mir zurückkehre. Eine Bewegung, die nicht stehen bleibt, sondern im Grunde ständig weitergeht.“

Identität – das Eigene und das Nicht-Eigene. Eine Spurensuche in der christlichen Tradition Prof. Dr. Albrecht Grözinger, Professor für Praktische…