Hannah Arendt über die Lüge in der Politik: „Die bewusste Leugnung der Tatsachen – die Fähigkeit zu lügen – und das Vermögen, die Wirklichkeit zu verändern – die Fähigkeit zu handeln – hän­gen zusammen; sie verdanken ihr Dasein derselben Quelle: der Einbildungs­kraft. Es ist näm­lich keineswegs selbstverständlich, dass wir sagen können ‚Die Sonne scheint‘, wenn es tat­säch­lich regnet (gewisse Hirnverletzungen haben den Verlust dieser Fähigkeit zur Folge). Es be­weist vielmehr, dass wir mit unseren Sinnen und unserm Verstand zwar für die Welt gut ausgerüstet, dass wir ihr aber nicht als unveräußerlicher Teil eingefügt sind. Es steht uns frei, die Welt zu verändern und in ihr etwas Neues anzufangen. Ohne die geistige Freiheit, das Wirkliche zu akzeptieren oder zu verwerfen, ja oder nein zu sagen – nicht nur zu Aussagen oder Vorschlägen, um unsere Zustimmung oder Ablehnung zu bekunden, sondern zu Dingen, wie sie sich jenseits von Zustimmung oder Ablehnung unseren Sinnes- und Erkenntnisorga­nen darbieten –, ohne diese geistige Freiheit wäre Handeln unmöglich. Handeln aber ist das eigentliche Werk der Politik.“

Die Lüge in der Politik (Lying in Politics) Von Hannah Arendt Als 1971 Teile des sogenannten Pentagon-Papiere, ein Geheimdokument des … Mehr

Wilhelm Kamlah über die Widerfahrnis (Philosophischen Anthropologie, 1972): „Unser aller Leben ist eingespannt zwischen den Widerfahrnissen Geburt und Tod. Gleichsam das erste und das letzte Wort hat für uns nicht unser eigenes Handeln. Aber auch, wenn wir handeln, widerfährt uns stets etwas. Es gibt Widerfahrnisse ohne Handeln, aber es gibt kein pures Handeln. Auch ein so mächtiges Handeln wie das sogenannte ’schöpferische‘ ist doch stets auf vorgegebene Bedingungen angewiesen und Störungen ausgesetzt, so dass es mehr oder weniger oder gar nicht ‚gelingt‘. Handlungen führen zum Erfolg oder zum Mißerfolg oder auch zu unerwarteten Neben­folgen.“

„Widerfahrnis“ ist kein geläufiger anthropologischer Begriff, obwohl er das aufnimmt, was in der klassischen griechischen Philosophie mit páthos bezeichnet wird. … Mehr

Karl Homann über Wirtschaftsethik: „Wirtschaftsethik befaßt sich mit der Frage, wie moralische Normen und Ideale unter den Bedingungen der modernen Wirt­schaft zur Gel­tung gebracht werden können. Da moralisch uner­wünschte, empörende Zustände nicht auf moralische Defekte der Akteure, son­dern auf Defi­zite der Ordnung zurückgeführt werden, müssen angestrebte Korrekturen bei ei­ner Reform dieser Ordnung ansetzen; demgegenüber sind moralische Appelle eher kontrapro­duktiv: Be­dingungswandel auf­grund von Gesinnungswandel, ist die De­vise.“

Für mich ist Karl Homanns Verständnis von Wirtschaftsethik als Institutionen­ethik bzw. Ökonomik immer noch zielführend für eine „sündenfällige“ Gesellschaft außerhalb … Mehr

José Ortega y Gasset über den Populismus in ‚Der Aufstand der Massen‘ (1929): „Der Massenmensch findet sich vollkommen. Der hervorragende Mensch muss, um sich voll­kommen zu finden, ausgesprochen eitel sein. Die Überzeugung von seiner Vollkommen­heit ist ein Fremdkörper in seinem Wesen; sie ist nicht ursprünglich in ihm, sondern ein Produkt seiner Eitelkeit und trägt sogar für ihn selbst einen vorgetäuschten, scheinhaften und fragwür­digen Charakter. Darum braucht der Eitle die anderen, damit sie ihm die Meinung, die er gern von sich selber hätte, bestätigen. Dem mittelmäßigen Menschen unserer Tage, dem neuen Adam, dagegen fällt es nicht ein, an seiner Gottähnlichkeit zu zweifeln. Sein Selbstvertrauen ist paradiesisch wie Adams; es hin­dert ihn daran, sich mit anderen zu vergleichen, was die erste Bedingung für die Entdeckung seiner Unzulänglichkeit wäre. Er müsste dazu eine Weile aus seinem eigenen Leben hinaus- und in das seines Nächsten hinüberwandern. Aber die gemeine Seele versteht sich nicht auf Seelenwanderungen – den sublimsten Sport.“

José Ortega y Gassets „Der Aufstand der Massen“ (La rebelión de las masas) erschien 1929 auf Spanisch und 1931 in … Mehr

Warum eine Hermeneutik der Unterstellung als Nachrede ethisch fragwürdig ist: „Wer dem anderen ‚tatsächlich Gemeintes‘ unterstellt, weiß ihn zu kritisieren, und zwar in einer Weise, die Gegenargumente und Richtigstellungen nur schwerlich zulässt. Folgenreich ist die ‚Hermeneutik der Unterstellung‘ dann, wenn dabei dem anderen eine bestimmte Gesinnung zugeschrieben wird, die ihn moralisch zu diskreditieren sucht. Wird diese Nachrede in der Öffentlichkeit toleriert oder gar akzeptiert, sieht sich der selbsterklärte Hermeneut in seiner vermeintlichen Deutungshoheit über den anderen bestärkt.“

Warum eine Hermeneutik der Unterstellung als Nachrede ethisch fragwürdig ist In Diskussionen oder Feuilletonartikeln zeigt sich mitunter eine „Hermeneutik der … Mehr

Martin Buber, Die Söhne Amos’ (1950): „Wir Juden sind nur wie einst und wie immer das leibhafte Paradigma, an dem dargelegt wird, was dargelegt werden soll, — aber eben ein selber ent­scheidungsfähiges, sel­ber Entscheidung übendes und das heißt: ein Paradigma für Heil und Unheil. Was heute für Israel gesprochen wird, wird für das ganze elende Menschenge­schlecht dieser Stunde gesprochen. Aber zu Recht wird es gerade für Israel gesprochen, das einzige Volk, das unter einem göttlichen Geheiß auf den Weg seiner Geschichte ausgesandt worden ist.“

Die Söhne Amos’ (1950) Von Martin Buber Die Sehnsucht, die Selbständigkeit wiederzugewinnen, ist dem jüdischen Volk in der Form eines … Mehr

Hans-Georg Gadamer, Die Erfahrung des Todes (1983): „Es sieht so aus, als ob die Verdrängung des Todes, wie sie zum Leben selbst gehört, von den Überlebenden auf eine ihnen selbstverständliche Weise wieder gutgemacht werden muß. Religiöser Glaube und reine Weltlichkeit kommen darin überein, die Majestät des Todes zu ehren. Die Angebote wissenschaftlicher Aufklärung finden an dem Mysterium des Lebens und des Sterbens eine unübersteigbare Grenze. Mehr noch, an dieser Grenze kommt eine wahre Solidarität aller Menschen miteinander zum Aus­druck, indem sie alle das Geheimnis als solches verteidigen. Wer lebt, kann den Tod nicht annehmen. Wer lebt, muss den Tod annehmen. Wir sind Grenzgänger zwischen Diesseits und Jenseits.“

Die Erfahrung des Todes Von Hans-Georg Gadamer Da war der eigene Tod noch mehr als 18 Jahre entfernt, als der … Mehr