„Vor allem findet der Raub der Menschenrechte dadurch statt, dass einem Menschen der Standort in der Welt entzogen wird“ Hannah Arendt – Es gibt nur ein einziges Menschenrecht von 1949

DP_class_at_Schauenstein_camp
Jüdische Schulkinder im „Displaced Person“-Lager Schauenstein bei Hof (1946)

Hannah Arendts Aufsatz „Es gibt nur ein einziges Menschenrecht“ erschien 1949 in der von Dolf Sternberger herausgegebenen Zeitschrift „Die Wandlung“ und ist im Hinblick auf die weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen unvermindert aktuell. Hier ein Auszug aus dem zweiten Abschnitt:

Wie immer Menschen­rech­te einst definiert wurden (als Recht auf Leben, Freiheit und Stre­ben nach Glück in der amerikanischen, oder als Gleichheit vor dem Gesetz, Freiheit, Schutz des Eigentums und nationale Sou­veränität in der französischen Fassung) und wie man auch ver­suche, eine zweideutige Formulierung wie »Streben nach Glück« oder eine antiquier­te wie das unqualifizierte »Recht auf Eigen­tum« zu verbessern – die reale Situation derjeni­gen, die im 20. Jahrhundert aus dem Rahmen des Gesetzes überhaupt her­ausgefallen sind, zeigt deutlich, daß der Verlust partikularer Rechte niemals absolute Rechtlosigkeit nach sich zieht. Der Sol­dat ist während des Krieges seines Rechtes auf Leben beraubt, der Verbre­cher geht seines Rechtes auf Freiheit verlustig, alle Staatsbürger büßen in einer Notlage ihr Recht auf Streben nach Glück ein: niemand aber wird behaupten, daß in irgend­einem solchen Fall ein Verlust der Menschenrechte vorläge. Und andererseits können diese Rechte selbst unter der Bedin­gung fundamentaler Rechtlosigkeit weiter funktionieren.

Das Unglück der Rechtlosen liegt nicht darin, daß sie des Lebens, der Freiheit, des Strebens nach Glück, der Gleichheit vor dem Gesetz oder der Meinungsfreiheit beraubt sind; ihr Un­glück ist mit keiner der Formeln zu decken, die entworfen wurden, um Probleme innerhalb gegebener Gemeinschaften zu lösen. Ihre Rechtlosigkeit entspringt einzig der Tatsache, daß sie zu keiner irgendwie gearteten Gemeinschaft mehr gehören. Ihr Zustand ist nicht zu defi­nieren mit Ungleichheit vor dem Gesetz, da es für sie überhaupt kein Gesetz gibt; nicht daß sie unterdrückt sind, kennzeichnet sie, sondern daß niemand sie auch nur zu unterdrücken wünscht. Ihr Recht auf Leben wird erst im letzten Stadium eines langwierigen Prozesses in Frage gestellt; nur wenn sie völlig »überflüssig« bleiben, und sich niemand mehr findet, der sie reklamiert, ist ihr Leben in Gefahr. Sogar die Nazis haben die Juden, bevor sie mit der Ausrottung begannen, erst einmal ihres legalen Status (damals des Status der Staats­bürger­schaft zweiter Klasse) beraubt, haben sie in Ghettos und Konzentrationslager gepfercht, sie von der Welt der Lebenden abgeschnitten. So wurde – und das ist entscheidend – eine Lage kompletter Rechtlosigkeit hergestellt, bevor das Recht auf Leben in Frage gezogen wurde.

Das gleiche gilt in einem fast ironischen Sinne bezüglich des Rechts auf Freiheit, das so oft als die eigentliche Essenz der Menschenrechte betrachtet wird. Ohne Frage kann sich ein »Rechtloser« größerer Bewegungsfreiheit erfreuen als ein rechtmäßig eingesperrter Verbrecher, und sicherlich genießt ein Staatenloser in einem Internierungslager einer Demo­kratie größere Meinungsfreiheit als die Bürger eines despotisch regier­ten Landes – von tota­litären Staaten ganz zu schweigen. Doch weder Lebenssicherheit (die praktisch auf Ernäh­rung durch staatliche oder private Wohlfahrtsorganisationen hinausläuft) noch Meinungsfrei­heit können an der fundamentalen Situation der Rechtlosigkeit das Geringste ändern. Die Erhal­tung des Lebens verdanken die Rechtlosen der Mildtätigkeit und nicht einem Recht, denn es existiert kein Gesetz, das die Nationen zwingen könnte, sie zu ernähren; Bewegungs­freiheit, soweit sie sie noch haben, ist auf keinerlei Aufenthaltsrecht gegründet, wie es sogar der einge­sperrte Verbrecher selbstverständlicherweise noch besitzt; und ihre Meinungsfreiheit erweist sich als eine Narrenfreiheit, weil das, was sie denken, für nichts und niemand mehr von Be­lang ist.

Diese Tatsachen sind von ausschlaggebendem Gewicht. Zuerst und vor allem findet der Raub der Menschenrechte dadurch statt, daß einem Menschen der Standort in der Welt entzogen wird, durch den allein seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen Wirksamkeit.[1]

Etwas viel Grundlegenderes als die Staatsbürgerrechte der Freiheit und Gerechtigkeit steht also auf dem Spiel, wenn die Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft, in die man hineingeboren ist, nicht mehr selbstverständlich und die Nichtzugehörigkeit zu ihr nicht mehr eine Sache der Wahl ist, oder wenn jemand in eine Situation versetzt wird, wo – falls er nicht ein Verbrechen begeht – seine Behandlung durch die andern gar nicht mehr von dem abhängt, was er tut oder unterläßt.

Daß es so etwas gibt wie ein Recht, Rechte zu haben (und das heißt: in einem Beziehungssy­stem zu leben, wo man nach sei­nen Handlungen und Meinungen beurteilt wird), oder ein Recht, einer politisch organisierten Gemeinschaft zuzugehören – das wissen wir erst, seitdem Millionen von Menschen auf­tauchten, die solche Rechte verloren hatten und sie zufolge der neuen globalen politischen Situation nicht wiedergewinnen konnten. Dieses Übel hatte weder etwas mit Rückständigkeit noch mit bloßer Tyrannei zu tun; es erwies sich im Gegen­teil nur deswegen bisher als unheilbar, weil es sozusagen keinen »unzivilisierten« Flecken Erde mehr gibt, weil wir, ob wir wollen oder nicht, bereits angefangen haben, in »Einer Welt« zu leben. Nur bei vollständiger Organisiertheit des Menschenge­schlechtes konnte der Verlust der Heimat und des politischen Status identisch werden mit der Ausstoßung aus der Mensch­heit überhaupt.

Bevor sich dergleichen ereignet hatte, wurde das, was wir heute als ein »Menschenrecht« zu betrachten gelernt haben, eher als ein allgemeines Kennzeichen des Menschseins angesehen, das kein Tyrann rauben könne. Der Verlust des »Rechts auf Rechte« zieht den Verlust der Relevanz und damit der Realität der Sprache nach sich (und der Mensch ist seit Aristoteles als ein Wesen definiert worden, das über die Macht der Sprache und des Denkens verfügt), und diesem Verlust reiht sich der Verlust aller menschlichen Beziehungen an (und man hat den Men­schen, wiederum seit Aristoteles, das »politische Tier« genannt, das heißt ein Wesen, das durch Gemeinschaft definiert ist) – mit anderen Worten: hier treten Verluste ein, die einige der wesentlichsten Eigenschaften menschlichen Lebens betreffen.[2] Das Unheil, das eine stets wachsende Anzahl von Menschen hier befällt, ist also nicht das Verlieren spezifischer Rechte, son­dern der Verlust einer Gemeinschaft, die gewillt und fähig ist, überhaupt Rechte – welcher Art auch immer – zu garantieren.

Es stellte sich heraus, daß der Mensch alle sogenannten Men­schenrechte einbüßen kann, ohne seine wesentliche menschliche Qualität, seine Menschenwürde zu verlieren. Einzig der Ver­lust der politischen Gemeinschaft ist es, der den Menschen aus der Menschheit herausschleu­dern kann.

[1] Das trat sehr klar zutage, als die Nazis die Juden als Feinde zu behandeln begannen, ohne ihnen vorher die Gelegenheit gegeben zu haben, Meinungen zu äußern oder Partei zu nehmen. Daraus ergab sich unmittelbar, daß die Juden nie als vollwertige Feinde des Nazismus anerkannt wurden, weil ihr Widerstand nicht klar genug aus Überzeugung und Aktion hervorgewachsen schien. Sie waren der Fähigkeit zu beidem beraubt worden.

[2] Es ist richtig, daß dies in gewissem Grade bereits auf Sklaven zutraf, die darum von Aristoteles auch nicht unter die Menschen gerechnet wurden. Doch kann man angesichts der neuesten Erfahrungen behaupten, daß Skla¬ven eher Glieder der menschlichen Gesellschaft waren als die »displaced persons« eines Internierungslagers oder die Insassen eines Konzentrationslagers. Ihre Arbeit wurde gebraucht, genutzt und ausgebeutet, und dadurch waren sie noch immer in den Rahmen der Menschheit einbezogen. Ein Sklave sein hieß immerhin, einen bestimmten sozialen Charakter und einen umschriebenen Platz in der menschlichen Gesellschaft haben.

Hier der vollständige Aufsatz „Es gibt nur ein einziges Menschenrecht“ von Hannah Arendt als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s