„Wenn die Gerechtigkeit bei Gott ist, dann ist sie nicht im selben Grade in der Welt. In der Religion sind die Wünsche, Sehnsüchte und Anklagen zahlloser Generationen niedergelegt.“ – Max Horkheimers Gedanke zur Religion von 1935

Max Horkheimer (1895-1973)
Max Horkheimer (1895-1973)

Gedanke zur Religion (1935)

Von Max Horkheimer

Im Gottesbegriff war lange Zeit die Vorstellung aufbewahrt, daß es noch andere Maßstäbe gebe als diejenigen, welche Natur und Gesellschaft in ihrer Wirksamkeit zum Ausdruck brin­gen. Aus der Unzufriedenheit mit dem irdischen Schicksal schöpft die Anerkennung eines transzendenten Wesens ihre stärkste Kraft. Wenn die Gerechtigkeit bei Gott ist, dann ist sie nicht im selben Grade in der Welt. In der Religion sind die Wünsche, Sehnsüchte und Ankla­gen zahlloser Generationen niedergelegt.

Je mehr aber im Christentum das Walten Gottes mit dem diesseitigen Geschehen in Einklang gebracht wurde, hat sich dieser Sinn der Religion verkehrt. Schon dem Katholizismus galt Gott in bestimmter Hinsicht als Schöpfer der irdischen Ordnung, der Protestantismus führte den Weltlauf geradewegs auf den allmächtigen Willen zurück. Dadurch wird nicht nur das jeweilige irdische Regiment mit dem Scheine göttlicher Gerechtigkeit verklärt, sondern diese selbst auf die faulen Verhältnisse der Wirklichkeit heruntergebracht. Das Christentum hat in gleichem Maße die kulturelle Funktion, Idealen Ausdruck zu verleihen, eingebüßt, wie es zum Bundesgenossen des Staats geworden ist.

Die produktive Gestalt der Kritik am Bestehenden, die sich in früheren Perioden als Glaube an einen himmlischen Richter geäußert hat, ist gegenwärtig das Ringen um vernünftigere Formen des gesellschaftlichen Lebens. Aber ähnlich wie die Vernunft sich nach Kant trotz ihres eige­nen besseren Wissens des Wiederauftauchens bestimmter erledigter Illusionen nicht erwehren kann, bleibt auch seit dem Übergang der religiösen Sehnsucht in die bewußte gesellschaftliche Praxis ein Schein bestehen, der sich zwar widerlegen, jedoch nicht ganz verscheuchen läßt. Es ist das Bild vollendeter Gerechtigkeit. Diese kann in der Geschichte niemals [375] ganz ver­wirklicht werden; denn selbst wenn eine bessere Gesellschaft die gegenwärtige Unordnung abgelöst und sich entfaltet haben wird, ist das vergangene Elend nicht gutgemacht und die Not in der umgebenden Natur nicht aufgehoben. Es handelt sich daher auch hier um eine Illusion, um ein Sich-Aufspreizen von Vorstellungen, die wahrscheinlich mit dem primitiven Tausch entstanden sind. Daß jedem das Seine zuteil werden muß und jeder ursprünglich ein gleiches Recht auf Glück mitbringt, ist die Verallgemeinerung ökonomisch bedingter Regeln, ihre Steigerung ins Grenzenlose. Aber der Antrieb zu diesem gedanklichen Hinausgehen über das Mögliche, zu dieser ohnmächtigen Rebellion gegen die Wirklichkeit gehört zum Menschen, wie er geschichtlich geworden ist. Nicht etwa die Ablehnung dieses Bildes unterscheidet den fortschrittlichen Typus Mensch vom zurückgebliebenen, sondern die Erkenntnis der Grenzen seiner Erfüllbarkeit.

Soweit der autoritäre Staat in einen historischen Kampf mit der Religion zu treten scheint, handelt es sich wesentlich um Fragen der Konkurrenz, der Gleichschaltung oder der Ablen­kung. Die gegenwärtigen Verhältnissen angepaßte Bürokratie übernimmt und reorganisiert den alten ideologischen Apparat, an dem die Kirche ihren Anteil hatte. Wenn es dabei auch nicht ohne Härten abgeht, muß die Kirche schließlich doch einsehen, daß vom Fortbestand der Grundzüge des heutigen Systems ihre eigene soziale Stellung abhängt. Würden jene verän­dert, hätte die Kirche alles zu verlieren und nichts zu gewinnen. Ihre Stellung beruht auf dem Glauben, daß absolute Gerechtigkeit nicht bloß ein von den Menschen entworfenes Bild, son­dern wirklich eine ewige Macht sei; auf seine Verbreitung würde aber eine künftige Gesell­schaft verzichten.

Es ist eine vergebliche Hoffnung, daß die aktuellen Diskussionen in der Kirche Religion erwecken werden, wie sie in ihrem Anfang lebendig war; denn der gute Wille, die Solidarität mit dem Elend und das Streben nach einer besseren Welt haben ihr religiöses Gewand abge­worfen. Die Haltung der Märtyrer ist nicht mehr das Dulden, sondern die Tat, ihr Ziel nicht mehr ihre eigene Unsterblichkeit im Jenseits, sondern das Glück der Menschen, die nach ihnen kommen, und für das sie zu sterben wissen.

Der bloße geistliche Widerstand ist ein Rad im Getriebe des [376] totalen Staats. Die wahre Nachfolge, zu der manche Christen heute wieder aufgerufen werden mögen, führt nicht zur Religion zurück. Jenes Bild jedoch, für dessen Verbreitung weder Macht noch Ansehen dies­seits oder jenseits zu gewinnen sind und zu dem das zunehmende Bewußtsein der Vergeblich­keit gehört, mag enttäuschten Gläubigen reiner vor der Seele stehen als der eitlen Selbstge­nügsamkeit, die im vergangenen Jahrhundert die Religion übersah oder aus wohlverstandener Absicht tolerierte.

Die Menschheit verliert auf ihrem Wege die Religion, aber dieser Verlust geht nicht spurlos an ihr vorüber. Ein Teil der Triebe und Wünsche, die der religiöse Glaube bewahrt und wach­gehalten hat, werden aus ihrer hemmenden Form gelöst und gehen als produktive Kräfte in die gesellschaftliche Praxis ein. Und selbst die Maßlosigkeit der zerstörten Illusion gewinnt in diesem Prozeß eine positive Form und wandelt sich in Wahrheit um. In einer wirklich freiheit­lichen Gesinnung bleibt jener Begriff des Unendlichen als Bewußtsein der Endgültigkeit des irdischen Geschehens und der unabänderlichen Verlassenheit der Menschen erhalten und bewahrt die Gesellschaft vor einem blöden Optimismus, vor dem Aufspreizen ihres eigenen Wissens als einer neuen Religion.

Ursprünglich unter dem Titel „Nachbemerkung“ in der Zeitschrift für Sozialforschung (Jahrgang 4, Paris 1935, Heft 2, S. 307f.) erschienen.

Quelle: Max Horkheimer, Kritische Theorie. Eine Dokumentation, hrsg. v. Alfred Schmidt, Bd. 1, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1968, S. 374-376.

Hier der Text als pdf.

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