Joseph Wittigs Erzählung „Der Fremde am Palmsonntag“: „Ein Bündel Sonnen­strahlen breitete sich über das schöne Greisenantlitz, das in diesem Licht zu lächeln schien. Da ich von dem Gerede der Leu­te wußte, war ich wie erlöst von diesem Lächeln und sagte unwillkürlich zu ihm: „Gelt, da freuen Sie sich auch!“ — „Ja“, antwortete er. „Freue dich, Tochter Zion! Siehe dein König kommt zu dir! — Vor jeder großen Leidenszeit schickt der Herrgott eine solche große Freude. Wer so lange gelebt hat wie ich, der muß das Leben kennen!“

Der Fremde am Palmsonntag Von Joseph Wittig Ein jedes Licht, ehe es verlischt, flammt noch einmal hell auf. So tat’s … Mehr

Irene Eber über das Passahfest 1942 in Sosnowiec (Ich bin allein und bang): „Dieses sederlose, doch rituell begangene Passahfest, als wir noch zusammen waren — Vaters letztes Passah auf dieser Erde, als er geduldig unsere Nahrung vor den Ratten beschützte, als Mutter wegen des verdorbenen Borschtsch weinte—, ist mir in zu schmerzlicher Erinnerung, als dass eine wirklich fröhliche Feier seitdem möglich gewe­sen wäre. Was uns zu dem machte, was wir waren — Juden mit einer gemeinsamen Tradition, einer Vergangenheit, die dem alten Mann genauso gehörte wie uns —, war im Begriff zu verschwinden, zur Erinnerung zu werden.“

Über das Passahfest 1942 in Sosnowiec Von Irene Eber Irene Eber, israelische Sinologin deutscher Herkunft (geboren 1929 in Halle/Saale, verstorben … Mehr

Joseph Wittig, Die Erlösten (1922): „Der Katholik treibt sich sein Leben lang – solang damals schon unser Leben war – in den Grenz­gebieten des Reiches Gottes herum und fühlt sich stets von Strafen für Grenzüberschreitungen bedroht. Er hat gar keine Zeit, etwas nach der Mitte des Gottesreiches zu wandern, wo es eigentlich erst schön zu werden beginnt. Er muss fortwährend an der Grenze Grenzverlet­zungsprozesse mit seiner Seele, mit seinem Beichtvater, mit seinem Herrgott durchfechten. Er lernt die Geographie des Gottesreiches auswendig, nämlich die Dogmatik; er studiert das Jus des Gottesreiches, nämlich die Moral. Er weiß genau, wieviel Gramm Brot er essen darf, ohne das Fastengebot zu verletzen. Er schließt ziemlich viel Verträge ab mit seinem Gott: Gegen die und die Leistung erwartet er, freilich in aller Demut und mit dem Zugeständnis jedes Man­gels eines Rechtsanspruches, ganz bestimmte Leistungen von seiten Gottes.“

Nachdem Joseph Wittig 1922 mit seinem Hochland-Essay „Die Erlösten“ die katholische Sündenlehre bzw. Beichtpraxis heftig kritisiert hatte, wurden im Juni … Mehr

Ingeborg Bachmann, Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar (Rede von 1959): „Es kann nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muss ihn, im Gegenteil, wahr­haben und noch einmal, damit wir sehen können, wahr­machen. Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Erfahrung empfindlich und insbe­sondere für die der Wahrheit.“

Ingeborg Bachmanns Rede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959 ist ein beredetes Zeugnis für die Parrhesia im Sinne … Mehr

Reinhold Schneider, Die Kranken besuchen (1957): „Die Krankheit verbannt heute ins Krankenhaus, wo ja auch Geburt und Tod geschehen. Über seine Unentbehrlichkeit, seine Hilfsbereitschaft braucht kein Wort mehr gesagt zu werden. Als aber der Kranke von der Familie, inmitten ihres Lebens, respektiert wurde, in ihr seinen Raum hatte, war er gleichsam immer besucht. Heute wird er auf eine bestimmte Weise abge­fertigt; das Krankenhaus ist Autorität, die Familie hat keine Stimme mehr. Aufs höchste sind die Menschen zu bewundern und zu verehren, die in harter Selbstüberwindung in den Kran­kenhäusern behandeln, dienen und pflegen. Aber als Bote des Arztes der Welt, als der War­tende am Teiche in Jerusalem hat der Kranke hier nicht mehr viel zu sagen, wäh­rend er in der Familie so viel zu sagen hatte.“

Die Kranken besuchen (1957) Von Reinhold Schneider Die Kranken besuchen, das heißt: eine echte Beziehung zur Krankheit finden. Das ist … Mehr

Reinhold Schneider, Sonett „An meinen Vater“ (1928): „Der Schwermut Erbe ward mir übermacht, / Es ist mein Untergang und ist mein Lohn; / Wohl fühlte ichs in frühen Tagen schon, / Doch kommts aus frühern, aus des Anfangs Nacht. // Du hast als letzter mir die schwere Fracht / Der Väter auferlegt zu Not und Fron, / Ich will sie tragen, bis zuletzt dein Sohn, / Doch sei in mir das Leid zur Ruh gebracht.“

Nachdem sich der 19jährige Schneider 1922 in der Nachfolge seines Vaters an einer eigenen Selbsttötung versucht hatte, schrieb er 1928 … Mehr