„Dem mittelmäßigen Menschen unserer Tage, dem neuen Adam, dagegen fällt es nicht ein, an seiner Gottähnlichkeit zu zweifeln. Sein Selbstvertrauen ist paradiesisch wie Adams“ – José Ortega y Gasset über den Populismus in „Der Aufstand der Massen“ (1929)

Ortega y Gasset - Der Aufstand der Massen (DVA)

José Ortega y Gassets „Der Aufstand der Massen“ (spanisch La rebelión de las masas) erschien 1929 auf Spanisch und 1931 in deutscher Übersetzung. Von einem aristokratisch-liberalen Anspruch her legte Ortega y Gasset mit diesem Buch eine soziologische Zeitdiagnose der Massenzivilisation vor. Auch wenn man einen elitären Freigeist dahinter vermuten darf, sind dessen Urteile im Hinblick auf den zunehmenden Populismus in Europa immer noch lesenswert:

Warum die Massen in alles eingreifen, und warum sie nur mit Gewalt eingreifen

Von José Ortega y Gasset

Wir stellten fest, daß sich etwas überaus Paradoxes, aber im Grunde ganz Natürliches zu­ge­tragen hat: rein weil dem Mittelmäßigen Welt und Leben offen standen, hat sich seine Seele geschlossen. Nun wohl; diese Verhärtung der Durchschnittsseelen, behaupte ich, hat den Auf stand der Massen verschuldet, der seinerseits das schwerste Problem bedeutet, das der heuti­gen Menschheit aufgegeben ist.

Ich weiß, daß manche, die mich lesen, anders denken als ich. Auch das ist sehr natürlich und bestätigt die Theorie. Denn würde sich meine Ansicht am Ende selbst als irrig erweisen, so bleibt doch immer die Tatsache, daß viele dieser Andersmeiner keine fünf Minuten über eine so verwickelte Frage nachgedacht haben. Wie sollten sie also mit mir übereinstimmen? Aber indem sie sich eine Meinung über einen Gegenstand anmaßen, ohne daß sie sich vorher die Mühe genommen hätten, sich eine zu bilden, verraten sie ihre Zugehörigkeit zu jener abson­derlichen Spielart von Menschen, die ich die aufständische Masse nannte. Genau das meinte ich, wenn ich von verstockten, verrammelten Seelen sprach. In diesem Fall würde es sich um intellektuelle Verstocktheit handeln. Der Mensch hat einen gewissen Ideenvorrat in sich; er findet, es sei daran genug und er geistig vollkommen ausgestattet. Da er nichts vermißt, was über seinen Horizont geht, richtet er sich end-[73]gültig mit diesem Vorrat ein. Das ist der Mechanismus der Verstockung.

Der Massenmensch findet sich vollkommen. Der hervorragende Mensch muß, um sich voll­kommen zu finden, ausgesprochen eitel sein. Die Überzeugung von seiner Vollkommen­heit ist ein Fremdkörper in seinem Wesen; sie ist nicht ursprünglich in ihm, sondern ein Produkt seiner Eitelkeit und trägt sogar für ihn selbst einen vorgetäuschten, scheinhaften und fragwür­digen Charakter. Darum braucht der Eitle die anderen, damit sie ihm die Meinung, die er gern von sich selber hätte, bestätigen. So daß der Edle auch in diesem krankhaften Fall, auch ver­blendet durch Eitelkeit, nicht zum rechten Glauben an seine Vollkommenheit gelangen kann. Dem mittelmäßigen Menschen unserer Tage, dem neuen Adam, dagegen fällt es nicht ein, an seiner Gottähnlichkeit zu zweifeln. Sein Selbstvertrauen ist paradiesisch wie Adams; es hin­dert ihn daran, sich mit anderen zu vergleichen, was die erste Bedingung für die Entdeckung seiner Unzulänglichkeit wäre. Er müßte dazu eine Weile aus seinem eigenen Leben hinaus- und in das seines Nächsten hinüberwandern. Aber die gemeine Seele versteht sich nicht auf Seelenwanderungen – den sublimsten Sport.

Wir haben es hier mit demselben Unterschied zu tun, der seit Ewigkeiten den Narren vom Weisen trennt. Dieser ertappt sich selbst immer zwei Finger breit von einer Torheit; darum bemüht er sich, der ständig lauernden zu entkommen, und in dieser Bemühung hegt seine Klugheit. Der Einfältige aber ist ohne Arg gegen sich selbst; er dünkt sich gewaltig­gescheit, und daher die beneidenswerte Genügsamkeit, mit der sich Beschränkte in ihrer eigenen Gei­stesarmut zur Ruhe setzen. Wie jene Insekten, die man auf keine Weise aus ihren [74] Lö­chern ausräuchern kann, läßt sich der Dumme nicht aus seiner Dummheit werfen; unmög­lich, ihn ein Weilchen ohne Scheuklappen umherzuführen und ihn zu zwingen, daß er sein dump­fes Weltbild mit anderen feineren Arten des Sehens zusammenhält. Dummheit ist lebensläng­lich und hoffnungslos. Darum meinte Anatole France, sie sei verhängnisvoller als Bosheit; denn Bosheit setzt manchmal aus, Dummheit nie.

Nicht daß der Massenmensch dumm wäre. Im Gegenteil, der gegenwärtige ist gescheiter, hat größere intellektuelle Fähigkeiten als irgendeiner in der Vergangenheit. Aber diese Fähigkei­ten helfen ihm nicht; im Grunde hilft ihm das undeutliche Bewußtsein ihres Besitzes nur dazu, daß er sich noch hermetischer in sich verschließt und sie erst recht nicht gebraucht. Den Wust von Gemeinplätzen, Vorurteilen, Gedankenfetzen oder schlechtweg leeren Worten, den der Zufall in ihm aufgehäuft hat, spricht er ein für allemal heilig und probiert mit einer Unverfro­renheit, die sich nur durch ihre Naivität erklärt, diesem Unwesen überall Geltung zu verschaf­fen. Das ist es, was ich im ersten Kapitel als das Kennzeichen unserer Epoche hinstellte: nicht daß der gewöhnliche Mensch glaubt, er sei außerordentlich und nicht gewöhnlich, sondern daß er das Recht auf Gewöhnlichkeit und die Gewöhnlichkeit als Recht proklamiert und durchsetzt.

Nichts an der gegenwärtigen Situation ist so neu und unvergleichbar mit irgendeinem Ge­schehen der Vergangenheit [75] wie die Herrschaft, welche die geistige Plebs heute im öffent­lichen Leben ausübt. In der europäischen Geschichte wenigstens hat sich bis zum heutigen Tag das Volk noch niemals eingebildet, „Ideen“ über irgend etwas zu haben. Es hatte Glau­benslehren, Überlieferungen, Erfahrungen, Sprichwörter, Denkgewohnheiten; aber es dünkte sich nicht im Besitz theoretischer Einsichten in das Sein oder Sollsein der Dinge – in Politik etwa oder Literatur. Was der Politiker plante oder tat, erschien ihm gut oder schlecht; es stimmte für oder gegen; aber es beschränkte sich darauf, im einen oder anderen Sinn den Resonanzboden für die schöpferische Tat anderer abzugeben. Den „Ideen“ des Politikers seine eigenen gegenüberzustellen, ja sie auch nur vor das Tribunal anderer „Ideen“ zu ziehen, die es zu besitzen glaubte, wäre ihm niemals eingefallen. Und ebenso in der Kunst und den übrigen Ordnungen des öffentlichen Lebens. Ein angeborenes Gefühl für seine Begrenztheit, seine Uneignung zu theoretischem Denken hinderte es daran. Die selbstverständliche Folge war, daß das Volk auch nicht entfernt daran dachte, auf irgendeinem Gebiet der öffentlichen Tätig­keiten, die größtenteils theoretischer Art sind, Entscheidungen zu treffen.

Heute dagegen hat der Durchschnittsmensch die deutlichsten Vorstellungen von allem, was in der Welt geschieht und zu geschehen hat. Dadurch ist ihm der Gebrauch des Gehörs abhanden gekommen. Wozu hören, wenn er schon alles, was not tut, selber weiß? Es ist nicht mehr an der Zeit zu lauschen, sondern zu urteilen, zu befinden, zu entscheiden. Im öffentlichen Leben gibt es keine Frage, in die er sich, taub [76] und blind wie er ist, nicht einmischte, seine An­sichten durchsetzend.

Aber ist das nicht ein Vorteil? Bedeutet es nicht einen gewaltigen Fortschritt, wenn die Mas­sen „Ideen“ haben, das heißt gebildet sind? Ganz und gar nicht. Die „Ideen“ dieses durch­schnitt­lichen Menschen sind keine echten Ideen, noch ist ihr Besitz Bildung. Die Idee ist ein Schach, das man der Wahrheit bietet. Wer Ideen haben will, muß zuerst die Wahrheit wollen und sich die Spielregeln aneignen, die sie auferlegt. Es geht nicht an, von Ideen oder Meinun­gen zu reden, wenn man keine Instanz anerkennt, welche über sie zu Gericht sitzt, keine Nor­men, auf welche man sich in der Diskussion berufen kann. Diese Normen sind die Grundlagen der Kultur. Es kommt mir nicht auf ihren Inhalt an. Was ich sagen will, ist, daß es keine Kul­tur gibt, wenn es keine Normen gibt, auf die wir und unsere Gegner zurückgreifen können. Es gibt keine Kultur, wenn es keine Prinzipien des bürgerlichen Rechts gibt. Es gibt keine Kul­tur, wenn es keine Ehrfurcht vor gewissen Grundwahrheiten der Erkenntnis gibt. Es gibt keine Kultur, wo die wirtschaftlichen Beziehungen von keiner Verkehrsordnung beherrscht werden, unter deren Schutz man sich stellen kann. Es gibt keine Kultur, wo ästhetische Polemiken es nicht für notwendig erachten, das Kunstwerk zu rechtfertigen.

Wo dies alles fehlt, gibt es keine Kultur; es herrscht im genauesten Sinn des Wortes Barbarei. Und Barbarei ist es, geben wir uns keinen Täuschungen hin, die dank der zu-[77]nehmenden Aufsässigkeit der Massen in Europa anzubrechen droht. Der Reisende, der in ein barbarisches Land kommt, weiß, daß dort keine Bindungen gelten, auf die er ich verlassen kann. Barbari­sche Normen im eigentlichen Verstand gibt es nicht. Barbarei ist die Abwesenheit von Nor­men und Berufungsinstanzen.

Der Grad der Kultur bemißt sich nach der Genauigkeit der Normen. Wo sie gering ist, ordnen sie das Leben nur im Groben; wo sie groß ist, durchdringen sie bis ins einzelne die Ausübung aller Lebensfunktionen.

Niemand kann sich dem Eindruck entziehen, daß in Europa seit Jahren seltsame Dinge vor sich gehen. Als greifbares Beispiel möchte ich gewisse politische Bewegungen wie den Syn­dikalismus und den Faszismus nennen. Man sage nicht, daß sie seltsam erscheinen, einfach weil sie neu sind. Die Begeisterung für das Neue ist dem Europäer in solchem Maße eingebo­ren, daß er sich das bewegteste von allen historischen Schicksalen bereitet hat. Wenn also diese neuen Begebenheiten sonderbar anmuten, ist es nicht, weil sie neu, sondern weil sie höchst befremdlich geartet sind. Unter den Marken des Syndikalismus und Faszismus er­scheint zum erstenmal in Europa ein Menschentypus, der darauf verzichtet, Gründe anzuge­ben und Recht zu haben, der [78] sich schlechtweg entschlossen zeigt, seine Meinung durch­zusetzen. Das ist neu: das Recht darauf, nicht recht zu haben, Grundlosigkeit als Grund. Die neue Einstellung der Masse manifestiert sich nach meiner Meinung am sinnfälligsten in ihrem Anspruch, die Gesellschaft zu führen, ohne dazu fähig zu sein. Aber wenn die Struktur der neuen Seele auch nirgends so grob und unverhüllt zutage tritt wie in ihrem politischen Geba­ren, der Schlüssel liegt doch in ihrer geistigen Absperrung. Der durchschnittliche Mensch entdeckt „Gedanken“ in sich, aber er kann nicht denken. Er ahnt nicht einmal, wie scharf und rein die Luft ist, in der Gedanken leben. Er will „meinen“, aber er will die Bedingungen und Voraussetzungen alles Meinens nicht anerkennen. Darum sind seine Gedanken in Wahrheit nur Triebe in logischer Verkleidung. Man ist nur dann im Besitz einer Idee, wenn man im Besitz ihrer Gründe zu sein glaubt, wenn man demnach an Begründbarkeit überhaupt, an die Existenz eines Reiches einsichtiger Wahrheiten, glaubt. Es gibt kein Denken noch Meinen, das nicht an eine solche Instanz appelliert, sich ihr beugt, ihren Kodex und Wahrspruch aner­kennt und also die überlegenste Form menschlicher Beziehungen in dem Zwiegespräch sieht, in dem die Vernunftgründe unserer Gedanken erwogen werden. Aber der Massenmensch wäre verloren, wenn er sich in Diskussionen einließe; instinktiv schreckt er zurück vor der Nöti­gung, diese höchste objektive Instanz anzuerkennen. Das Neueste in Europa ist es daher, „mit den Diskussionen Schluß zu machen“, und man verabscheut jede Form geistigen Verkehrs, die, vom Gespräch über das Parlament bis zur Wissenschaft, ihrem Wesen nach Ehrfurcht vor objektiven Normen voraussetzt. Das heißt, man verzichtet auf ein kultiviertes Zusammenle­ben, das ein Zu-[79]sammenleben unter Normen ist, und fällt in eine barbarische Gemein­schaft zurück. Der Massenmensch verachtet alle normalen Zwischenstufen und schreitet unmittelbar zur Durchsetzung seiner Wünsche. Die Unzugänglichkeit seiner Seele, die ihn, wie wir sahen, anstachelt, sich in alle öffentlichen Angelegenheiten zu mischen, führt ihn auch unausweichlich zu einem einzigen Interventionsverfahren: der „direkten Aktion“.

Wenn man später einmal die Anfänge unserer Zeit zu rekonstruieren versucht, wird man fin­den, daß die ersten Takte ihrer eigentümlichen Melodie um 1900 bei jenen syndikalisti­schen und realistischen Gruppen in Frankreich erklangen, die das Wort und die Sache der „action directe“ erfanden. Der Mensch hat immer wieder seine Zuflucht zur Gewalt genom­men; zu­weilen war dieser Rekurs schlechthin ein Verbrechen und geht uns nichts an. Aber zuweilen war die Gewalt das Mittel, zu dem er griff, wenn vorher alle anderen versagt hatten. Man mag es beklagen, daß die menschliche Natur gelegentlich zu Gewalttaten führt; aber sind sie nicht im Grunde die schönste Ehrenbezeugung vor Vernunft und Gerechtigkeit? Denn was ist Ge­walt anders als Vernunft, die verzweifelt; als „ultima ratio“? Törichterweise ist diese Wen­dung, die doch die vorangegangene Unterwerfung der Gewalt unter die Norm der Vernunft sehr gut veranschaulicht, meist ironisch verstanden worden. Zivilisation ist der Versuch, die Gewalt zur ultima ratio zu machen. Das wird uns jetzt nur allzu klar, denn die direkte Aktion dreht die Ordnung um und proklamiert die Gewalt als prima ratio, genauer als unica ratio. Sie ist die Norm, die jede Norm aufhebt, die alle Zwischenglieder zwischen unserem Vorsatz und seiner Durchführung ausschaltet. Sie ist die Magna Charta der Barbarei. [80]

Wir erinnern daran, daß die Masse, so oft sie aus diesem oder jenem Grund handelnd in das öffentliche Leben eingriff, es in Form der direkten Aktion getan hat, die also immer die natür­liche Art des Vorgehens für sie war. Und die These dieses Buches wird kräftig durch die of­fenkundige Tatsache gestützt, daß gerade jetzt, da die Führung des öffentlichen Lebens durch die Massen aus einem zufälligen und gelegentlichen zum gewöhnlichen Zustand ge­worden ist, die direkte Aktion von Rechts wegen und als anerkannte Norm auf der Szene erscheint.

Die neue Ordnung, welche die vermittelnden Instanzen unterdrückt, ergreift schon das ganze Gemeinschaftsleben. Der gesellige Verkehr verzichtet auf die gute Erziehung. Literatur als direkte Aktion besteht aus Schmähungen. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern ver­einfachen ihre Präliminarien, Verhandlungen, Normen, Höflichkeit, Rücksichten, Gerech­tig­keit, Vernunft! Warum erfand man das alles? Wozu der ganze Umstand? All das läßt sich in dem Wort der Zivilisation zusammenfassen, das durch den Begriff des civis, des Bürgers, hin­durch seinen Ursprung enthüllt. Es dient dazu, die civitas, die Gemeinschaft, das Zusam­men­leben, zu ermöglichen. Wenn wir in diese Hilfsmittel der Zivilisation hineinleuchten, fin­den wir darum in allen den gleichen Kern. Sie alle bekunden den ursprünglichen und fortwir­ken­den Wunsch jedes Individuums, mit allen übrigen zu rechnen. Zivilisation ist in erster Linie Wille zur Gemeinschaft. Man ist so unzivilisiert und barbarisch, wie man rück­sichtslos gegen seinen Nächsten ist. Die Barbarei ist die Neigung zur Auflösung der Gesell­schaft. Da­rum waren alle barbarischen Epochen Zeiten der menschlichen Vereinzelung, eines Gewim­mels kleinster, getrennter und feindlicher Gruppen. [81]

Die politische Form, die den höchsten Willen zur Gemeinschaft verkörpert hat, ist die liberale Demokratie. Sie zeigt die Bereitschaft zur Anerkennung des Mitmenschen in vollster Entfal­tung und ist das Urbild der indirekten Aktion. Der Liberalismus ist das politische Rechtsprin­zip, nach welchem die öffentliche Gewalt, obgleich sie allmächtig ist, sich selbst begrenzt und, sei es auch auf ihre eigenen Kosten, in dem Staat, den sie beherrscht, eine Stelle für jene frei läßt, die anders denken und fühlen als sie, das heißt als die Starken, als die Majorität. Der Liberalismus – wir dürfen das heute nicht vergessen – ist die äußerste Großmut; er ist das Recht, das die Majorität der Minorität einräumt, und darum die edelste Losung, die auf dem Planeten erklungen ist. Er verkündet den Entschluß, mit dem Feind, mehr noch: mit dem schwachen Feind zusammenzuleben. Die Wahrscheinlichkeit war gering, daß die Menschheit eine so schöne, geistreiche, halsbrecherische und widernatürliche Sache erfinden würde. So ist es kein Wunder, wenn nun diese selbe Menschheit entschlossen scheint, sie aufzugeben. Ihre Ausübung ist allzu schwierig und verwickelt, als daß sie auf dieser Erde Wurzel schlagen könnte.

Mit dem Feind zusammenleben! Mit der Opposition regieren! Ist eine solche Humanität nicht fast schon unbegreiflich? Nichts verrät die Beschaffenheit der Gegenwart schonungsloser als die Tatsache, daß die Zahl der Länder, wo es eine Opposition gibt, immer mehr abnimmt. Fast überall lastet eine gleichförmige Masse auf der Staatsgewalt und erdrückt jede oppositionelle Gruppe. Die Masse – wer würde es denken beim Anblick ihrer Dichte und Zahl – wünscht keine Gemeinschaft mit dem, was nicht zu ihr gehört; sie hat einen tödlichen Haß auf alles, was nicht zu ihr gehört,

Aus: José Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen, Stuttgart-Berlin: DVA 1931, S. 72-81.

Hier der Text als pdf.

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