Vernor Vinge, Die kommende technologische Singularität: Wie man im posthumanen Zeitalter überlebt (The Coming Technological Singularity: How to Survive in the Post-Human Era, 1993): „Die Intelligenzverstärkung untergräbt die Bedeutung des Ichs von einer anderen Richtung aus. Die Welt nach der Singularität wird eine Vernetzung mit extrem hoher Bandbreite beinhalten. Ein zentrales Merkmal stark übermenschlicher Entitäten wird wahrscheinlich ihre Fähigkeit sein, mit variablen Bandbreiten zu kommunizieren, einschließlich solcher, die weit über Sprache oder schriftliche Nachrichten hinausgehen. Was geschieht, wenn Teile des Ichs kopiert und verschmolzen werden können, wenn die Größe eines Selbstbewusstseins wachsen oder schrumpfen kann, um der Natur der zu behandelnden Probleme gerecht zu werden? Dies sind wesentliche Merkmale der starken Übermenschlichkeit und der Singularität. Wenn man über sie nachdenkt, beginnt man zu fühlen, wie wesentlich fremd und anders die posthumane Ära sein wird – egal wie klug und wohlwollend sie herbeigeführt wird. Aus einer Perspektive passt die Vision zu vielen unserer glücklichsten Träume: ein endloser Ort, an dem wir einander wirklich kennen und die tiefsten Geheimnisse verstehen können. Aus einer anderen Perspektive ähnelt sie sehr dem Worst-Case-Szenario, das ich mir früher in diesem Aufsatz vorgestellt habe.“

Nachdem gerade Sam Altman von Open AI die Singularität ausgerufen hat, hier der grundlegende Artikel von Vernor Vinge (1944-2024), The … Mehr

Verfolgen – nicht folgen! Wenn alle gängigen Bibelübersetzungen Psalm 23,6 falsch übersetzen: „Im Hebräischen ist nicht von einem Folgen, sondern von einem bedrängenden Verfolgen die Rede. Dazu schreibt Christian Frevel: ‚In den Psalmen wird das Verb rādap fast ausschließlich zur Feindschilderung in den Individualpsalmen gebraucht. Es gehört als Terminus aus der Kriegssprache zu den Begriffen, die sich um die Feindbezeichnung ’ôjeb anlagern.‘ Damit gewinnt der Psalm eine paradoxe Dynamik: ‚Güte und Gnade/Huld werden mich verfolgen mein Leben lang / und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.‘ Die treibende Kraft der Heimkehr in das Haus des HERRN sind göttliche Güte und Huld, die zudringlich sind. Ist hingegen von einem Nachfolgen die Rede, gelten Güte und Huld als eigene Errungenschaften, die im Lebenstross mitgeführt werden. Die Heimkehr scheint sich – hirtenlos – dem eigenen Vermögen zu verdanken.“

Verfolgen – nicht folgen! Wenn alle gängigen Bibelübersetzungen Psalm 23,6 falsch übersetzen Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die … Mehr

Albrecht Grözinger, Identität – das Eigene und das Nicht-Eigene. Eine Spurensuche in der christlichen Tradition: „Macht es Sinn, an dem Begriff der Identität festzuhalten? Diese Frage bleibt zunächst ungeklärt. Wichtig hier war zu zeigen, dass es im Christentum ein Verständnis von Identität gibt, das nicht über Exklusion funktioniert. Aber natürlich wurde im Verlauf der Christentumsgeschichte auch, und vielleicht sogar mehrheitlich, so etwas wie Exklusionsidentität praktiziert. Der Begriff der verletzlichen Identität könnte ausdrücken, dass Identität erst dann in Momenten oder in einer Bewegung entstehen kann, wenn ich mich auf Anderes beziehe und auf Anderes bezogen zu mir zurückkehre. Eine Bewegung, die nicht stehen bleibt, sondern im Grunde ständig weitergeht.“

Identität – das Eigene und das Nicht-Eigene. Eine Spurensuche in der christlichen Tradition Prof. Dr. Albrecht Grözinger, Professor für Praktische … Mehr

Kurt Ihlenfeld, Dichter der Kirche. Zu Jochen Kleppers Liedersammlung ,,Kyrie“: „Am Vortage des Todes noch einmal der Griff zum Psalter: ‚Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.‘ Seine eigenen Lieder hatten ihn verlassen. Nicht aber das Kyrie, das ‚Kyrie eleison‘ der Liturgie. Es war sein letzter Gedanke, sein letztes Wort, sein letztes Gebet: ‚Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.‘ In diesen zwei Sätzen bezeugte sich – im Augenblick tödlichen Verstummens – die volle Übereinstimmung des Dichters mit seinem Gedicht: er hat es nicht widerrufen.“

Dichter der Kirche. Zu Jochen Kleppers Liedersammlung ,,Kyrie“ Von Kurt Ihlenfeld „Daß ich ihn leidend lobe, das ist’s, was er … Mehr

Johannes Evangelista Goßner über die göttliche Liebe: „Wie haben die Menschen die Liebe aufgenommen? Ach, sie gönnten ihr keine Herberge; die Liebe musste im Stall geboren werden; alle Türen und Tore waren der Liebe verschlossen, da sie hereinkam in diese Welt. Ja, sie musste fliehen über die Grenzen und exulieren, da sie kaum geboren war. Man strebte ihr nach dem Leben, wollte sie wieder aus der Welt schaffen, da sie kaum den ersten Schritt in die Welt hereingetan hatte. Darum hielt sie sich dreißig Jahre lang verborgen und lebte unbekannt in Armut und Verachtung. Als die Liebe endlich doch öffentlich auftrat, ihren Mund und ihre Hände öffnete und in lauter Wohltun und Segen umherwandelte, was taten die Menschen? Die einen stießen sie mit Gewalt von sich, andere waffneten sich gegen sie und warfen mit Steinen nach ihr, und wieder andere baten sich’s zur Gnade aus, dass sie von ihnen weichen und ihre Grenze verlassen möchte. Am Ende schlugen sie die Liebe gar ans Kreuz und töteten sie. Aber die Liebe kann nicht aufhören; Schmach, Kreuz, Beleidigung aller Art und selbst der Tod konnten die Liebe nicht töten, sondern sie nur erhöhen und vermehren. Darum konnte sie auch nicht im Grabe bleiben; die Liebe ward wieder lebendig und fing nun erst an, ihr Reich auf Erden zu gründen; indem sie heimgehend und wiederkehrend in den Schoß des Vaters, woher sie gekommen war, den Geist der Liebe ausgoß und herabsendete auf alle, die sich von ihr lieben lassen wollten.“

Über die göttliche Liebe Von Johannes Evangelista Goßner Wie Gott die Liebe ist, so ist auch der Sohn Gottes die … Mehr

Rudolf Bultmann, Formen menschlicher Gemeinschaft: „Für den christlichen Glauben steht es fest, dass der Mensch sein Selbst nur von Gott empfangen kann, und dass er es nur dann empfängt, wenn seine Entweltlichung, und das heißt zuletzt: seine Selbsthingabe, eine radikale ist. Es steht ihm fest, dass derjenige, der sein Leben – und das heißt: sein Selbst – erhalten will, es verlieren wird, und nur der, der es preisgibt, es erhalten wird. Aber es steht ihm ebenso fest, dass diese radikale Preisgabe des Selbst dem Menschen gar nicht eher möglich ist, ehe ihm die göttliche Liebe selber schenkend begegnet, ehe sie sich ihm offenbart. Denn nichts anderes ist die Offenbarung Gottes als die dem Menschen begegnende Liebe, die ihn, ihn von sich selbst erlösend, zu sich selbst befreit. Nichts anderes als das in Jesus Christus gesprochene Wort Gottes, das den Menschen anredet und ihn, indem es ihn gegenüber Gott zum Du macht, zum Selbst werden lässt.“

Formen menschlicher Gemeinschaft Von Rudolf Bultmann Das Interesse, das die folgende Besinnung leitet, ist nicht das soziologische, sondern das anthropologische, … Mehr