Karl Barth, Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit (1957): „Christen sind Menschen, die ihren Herrn gefunden haben: daraufhin, dass er sie gefunden hat. Nach anderen Her­ren, Autoritäten, Heilanden und Schutzgeistern brauchen sie kein Bedürfnis zu haben. Das heißt nicht, dass sie re­spektlose, meisterlose Leute wären. Das heißt aber, daß sie aus aller Knechtschaft, Magie und Diktatur fröhlich und definitiv entlassen sind: aus der ihrer Zeitung, aus der des Urteils der Leute, aus der der gerade herrschen­den Stimmung und öffentlichen Meinung, aus der be­stimmter starker Persönlichkeiten, Ideologien, Prinzi­pien, Systeme — nicht zuletzt aus der der Vorstellung ei­ner absolut maßgebenden Bedeutung ihrer eigenen Überzeugung, Stellungnahme und Rechthaberei. Sie ha­ben in aller Ohnmacht die Macht, Gott über alle Dinge zu fürchten und zu lieben. Das ist ihre Freiheit.“

Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit

Von Karl Barth

Kühn, lustig, locker und offen, höchst bestimmt und doch so gar nicht naturhast oder mechanisch, so richtig geistlich und frei wird das in diesem Wort aus dem 2. Korinther­brief (3, 17) schlicht nebeneinander gestellt: Wo dieser ist, der Geist des Herrn, da ist auch dies, Freiheit. Selbst­verständlich, unfehlbar ist es so, daß diese beiden immer und überall beieinander find. Was gäbe es da abzuleiten, zu erklären, zu verrechnen? Sind Gott und der Mensch beieinander — und davon ist da die Rede —, dann ist es eben so, dann ist das aber eine höchst wunderbare Sache, weil Gott es dem Menschen nicht schuldig ist, bei ihm zu sein, und weil der Mensch das nicht schaffen und nicht einmal erwarten kann, bei Gott zu sein. Zu verrechnen gibt es da -also gar nichts. Es passiert dann nur eben: Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. So passierte es am Pfingsttag. So entstand damals aus 12, aus 120, aus 3000 und später noch mehr Leuten die christliche Ge­meinde. So mag, kann, darf sie auch heute und morgen aufs neue entstehen. So kommt es dazu, daß es in der Welt als Kinder Gottes und als Gottes Briefträger an die Welt auch Christen gibt.

Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Freiheit ist in der Sprache der Bibel eine Macht, ein Vermögen, ein Können, insofern eine „Kunst“. Nicht irgendeine Macht und Kunst — am allerwenigsten die, ins Blaue hinein nach Zufall oder Belieben dies oder das zu wäh­len, nicht die Freiheit der Freiheitsstatue im Hafen von New York, nicht die Freiheit des Herkules am Scheide­wege. Nein, die Freiheit, Macht und Kunst zu erkennen, zu beherzigen, ins Werk zu setzen, daß Gott die Welt und in der Welt einen jeden Menschen geliebt hat, liebt und lieben wird. Christen sind Menschen, die diese Freiheit haben. Die christliche Gemeinde lebt, indem sie diese Frei­heit betätigt. Wo der Geist des Herrn ist, da ist dafür gesorgt, daß es Christen, daß es christliche Gemeinde gibt: in dieser Freiheit, in ihrer Betätigung.

Christen sind Menschen, die ihren Herrn gefunden haben: daraufhin, daß er sie gefunden hat. Nach anderen Her­ren, Autoritäten, Heilanden und Schutzgeistern brauchen sie kein Bedürfnis zu haben. Das heißt nicht, daß sie re­spektlose, meisterlose Leute wären. Das heißt aber, daß sie aus aller Knechtschaft, Magie und Diktatur fröhlich und definitiv entlassen sind: aus der ihrer Zeitung, aus der des Urteils der Leute, aus der der gerade herrschen­den Stimmung und öffentlichen Meinung, aus der be­stimmter starker Persönlichkeiten, Ideologien, Prinzi­pien, Systeme — nicht zuletzt aus der der Vorstellung ei­ner absolut maßgebenden Bedeutung ihrer eigenen Überzeugung, Stellungnahme und Rechthaberei. Sie ha­ben in aller Ohnmacht die Macht, Gott über alle Dinge zu fürchten und zu lieben. Das ist ihre Freiheit.

Sie sind darum Menschen, die gerade nur eine Sorge ha­ben: die nämlich, sie könnten von Gott, seiner Güte und seinem Vermögen zu gering denken, zu wenig erwarten, im Blick auf ihn und auf sein Geheiß in Gedanken, Worten und Taten zu schüchtern sein, zu wenig wagen. Im übrigen brauchen sie keine Angst zu haben: vor der Zu­kunft ihrer Lebensgeschichte nicht und auch nicht vor der der Welt- und Kirchengeschichte, nicht vor der übermäch­tigen Unvernunft und Bosheit irgendwelcher Anderer und nicht vor ihrer eigenen, vor dem Altwerden nicht, vor dem Einsamwerden auch nicht und auch nicht vor dem Sterben, vor keinem Schicksal und vor keinem Teufel. Sie versäumen es gewiß jeden Tag ein paarmal, von die­ser ihrer Macht Gebrauch zu machen. Die Angst will gewiß auch sie beständig übermannen und tut es oft genug. Sie haben aber die Macht über sie und sie können sie be­tätigen. Das ist ihre Freiheit.

Sie müssen aber als solche Menschen nicht für sich — sie dürfen gerade in ihrer Freiheit für die anderen, für die Welt da sein. Für das Volk Israel, für alle Völker, ihnen zum Zeugnis und zum Licht ist ja damals am Pfingsttag die freie Gemeinde der freien Christen geboren und ein­gesetzt worden. Die Christen haben die Macht, die Liebe Gottes in dem kleinen oder großen Kreis ihres Daseins denen sichtbar zu machen, die sie noch nicht oder noch nicht recht kennen: in aller Bescheidenheit, aber auch in aller Heiterkeit und vor allem: in aller Bestimmtheit. Dazu sind sie aus aller Knechtschaft und von aller Angst frei gemacht. Sie dürfen dienen. Gott kann sie brauchen. Sehr seltsam, daß er sie brauchen kann. Aber er braucht sie tat­sächlich und macht es eben damit unmöglich, daß ihnen ihr Leben je langweilig, überflüssig, sinnlos werden und erscheinen könnte. Gerade ihr Auftrag wird sie immer wieder tragen: auf Adlersflügeln sogar. Zusammenbre­chen müßten und würden sie nur, wenn sie — ein schreck­liches Wort! — „dienstfrei“ sein müßten. Das ist aber gerade ihre Freiheit, daß für sie von Dienstfreiheit nie die Rede wird sein können. Gerade das wird ihnen zum Heil, daß sie schlicht zur Ehre Gottes da sein dürfen. Das ist ihre Freiheit und man wird das wohl die Krone ihrer Freiheit nennen dürfen.

Wo der Geist des Herrn ist, da ist diese Freiheit. Da wäre er also nicht, wo diese Freiheit, diese Macht und Kunst nicht wäre, wo die freie Gemeinde der freien Chri­sten nicht geboren würde, nicht aufstünde, nicht am Werk wäre. Christentum in der Knechtschaft, in der Angst, im Schneckenhaus kann und mag an sich immer noch eine nette Sache sein. Nur mit dem Geist des Herrn wird ein solches unfreies Christentum bestimmt nichts zu tun haben.

Aber nun ist auch das andere zu bedenken: Wo der Geist des Herrn ist, da (und nur da!) ist Freiheit. Es gibt auch andere Geister, menschliche und außermenschliche, auch übermenschliche, persönliche und unpersönlich kol­lektive: Hausgeister, Volksgeister, Rassen- und Klassen­geister, Vereinsgeister, Parteigeister, auch religiöse, auch Kirchengeister übrigens. In Basel zum Verspiel gibt es einen besonderen mit Trommeln und vielerlei Redens­arten begrüßten Fastnachtsgeist. Man redet wohl auch etwa von einem allgemeinen, in Natur und Geschichte waltenden und sich offenbarenden Gottesgeist. Man kann aber von allen diesen Geistern nicht sagen, daß, wo sie sind, auch Freiheit ist. Sie müssen zwar nicht, sie können sich aber allesamt auch als böse, das heißt als solche Geister entpuppen und erweisen, die die Menschen, statt aus der Knechtschaft, der Angst, den Schneckenhäu­sern heraus tiefer in sie hinein und also in die Unfreiheit treiben. Gute, in die Freiheit führende Geister können sie eigentlich im besten Fall nur werden: dadurch nämlich, daß allenfalls mit und unter ihnen auch irgend etwas vom Geist des Herrn gegenwärtig und am Werk sein möchte. An und für sich sind sie um so mehr als ungute Geister zu erkennen, je mehr sie sich selbst groß machen und schließlich wohl gar eine Art göttlicher Würde und Heiligkeit für sich in Anspruch nehmen wollen. Und die Bibel macht uns darauf aufmerksam, daß ausge­rechnet jener vielgerühmte allgemeine göttliche Weltgeist durchaus kein guter, sondern ein böser, ein richtiger Poltergeist sein dürfte. Wo er ist, da ist keine Freiheit. Der Geist des Herrn ist, verschieden von allen anderen Geistern, das Werk, das der auferstandene, der lebendige Jesus Christus unter uns Menschen tut: seine durch seine Himmelfahrt nicht unterbrochene, sondern nun eben so — vorläufig unsichtbar geworden, aber nicht minder unmittelbar und kräftig — fortgesetzte Geschichte und Gegenwart, Rede und Tat auf Erden. Der Geist des Herrn ist Jesus Christus selbst, der wieder und wieder zu seiner Gemeinde kommt, in ihr Wohnung nimmt und wirkt, mit ihr und so mit dem ganzen Menschengeschlecht auf dem Wege ist, dem Ziel seines Werkes entgegen, an welchem er allen Menschen als der, der er war und ist: als der Richter und Mittler zwischen Gott und ihnen offenbar werden und damit das Weltgeschehen abschlie­ßen und vollenden wird. Der Geist des Herrn ist die sich in diesem Übergang bezeugende brennende und leuch­tende Liebe des Vaters und dieses seines für uns dahin­gegebenen und sich selbst hingebenden Sohnes. Wo dieser, der Heilige Geist, ist, einkehrt, spricht, handelt, treibt, führt und regiert, da ist Freiheit: da und nur da.

Wie unterscheidet man ihn von den anderen Geistern? Wir sind aufgefordert, die anderen Geistern zu prüfen: darauf nämlich, ob und inwiefern sie etwas mit diesem, dem Heiligen Geist, zu tun haben möchten? ob sie wohl direkt oder wenigstens indirekt auch bekennen möchten, daß Jesus der Herr ist? ob dann, wo sie sind, auch so etwas wie Freiheit sein und sichtbar werden möchte? Aber wie kann man sich da auch bei gründlichster, ernstlichster Prüfung irren! Und wie oft ist das tatsächlich geschehen! Die eigentliche, die unfehlbare Unterscheidung des Geistes des Herrn von den anderen Geistern, an die wir uns bei unserem Prüfen nur eben nachträglich nach bestem Wissen und Gewissen halten können, ist offenbar die, die er, indem er da ist, und indem da, wo er ist, auch Frei­heit ist, selber vollzieht. Tut er es etwa nicht? Ist etwa Jesus und sein Werk nicht von allen anderen Geistern und ihren Werken — wenn wir nur aufmerksam Hinsehen und hinhören wollen — unmißverständlich verschieden? Und so auch die Freiheit, die da ist, wo sein Werk ge­schieht, unmißverständlich verschieden von all den Gefan­genschaften, die sich uns als Freiheiten ausgeben möch­ten? Die Menschen des Pfingsttages wußten Bescheid darüber, daß sie es mit dem Geist des Herrn zu tun hatten. Der Geist des Herrn selber gab ihnen darüber Bescheid, indem er sich schlicht als die mit keiner anderen zu verwechselnde Selbstbezeugung des leidenden, gekreu­zigten, gestorbenen, aber auch auferstandenen, des leben­digen Herrn Jesus Christus zu erkennen gab. Und ihre eigene Freiheit, die da war, indem er, Dieser, in ihrer Mitte war, war die Bestätigung, daß sie sich wahrhaftig nicht getäuscht hatten. Rechnen wir ruhig damit, daß er sich auch heute, auch unter uns, unfehlbar, mit keinem anderen zu verwechseln, zu erkennen gibt und daß sich seine Gegenwart in unserer, ihr sehr wunderbar, aber auch sehr einfach auf dem Fuß folgenden Freiheit be­stätigen wird!

Quelle: Leben und Glauben. Evangelisches Wochenblatt, 32. Jahrgang, Heft 23, 8. Juni 1957, S. 4-5.

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