Friedrich Christoph Oetinger, Predigt auf das Fest der Heiligen Dreieinigkeit zu Johannes 14,23: „Kein Wunder ist demnach, dass die Prinzessin Antonia sich so sehr ergötzt hat an dieser Lehre der Hebräer, dass sie sie auf einer großen Tafel in die Kirche in Bad Teinach gestiftet und ihr Herz nach dem Tod dahin begraben ließ. Diese Tafel enthält kurzgefasst die Vereinigung des Alten und Neuen Testaments in Christus, in welchem alle zehn Abglänze Gottes in ein Zentrum eines Gartens zusammenlaufen und von da aus sich in die Glieder seines Leibes mit großer Verschiedenheit der Gaben verteilen, sodass nach 1. Korinther 12, Vers 8-11 dem einen gegeben ist »die Rede der Weisheit« durch den Geist, dem andern »die Rede der Erkenntnis« nach demselben Geist, einem andern der Glaube, die Standhaftigkeit des Geistes, und wieder andern andere Kräfte in dem Geist. Die selige Prinzessin will kurz so viel sagen: Christus sei das Zentrum der Lehre von der Dreieinigkeit. Jesus ist Christus, das begreife die ganze Dreieinigkeit – nämlich den Salbenden, den Gesalbten und die Salbe selbst.“

Predigt auf das Fest der Heiligen Dreieinigkeit zu Johannes 14,23

Von Friedrich Christoph Oetinger

Text: Johannes 14, Vers 23: Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.

Eingang

Das Fest der Heiligen Dreieinigkeit sollte billigerweise im Geist und in der Wahrheit gefeiert werden. Dazu gehört, dass man versteht, was Geist und Wahrheit ist und wie der Geist zusammen mit Vater und Sohn zu uns kommt, wie er mit uns spricht, woran wir ihn erkennen müssen und auf welche Art er bei uns bleibt und in uns wohnt. Wer fleißig mit sich selbst und Gott umgeht, wer sein seelisches Verlangen vor Gott ausschüttet und dabei innere Erfahrungen mit den Worten Jesu vergleicht, der lernt nach und nach, was der Geist ist und wie er sich von unserer Seele unterscheidet. Gott ist kein Bild, das man auf dem Berg Samaria oder in Jerusalem anbeten kann, sondern ein Geist, das heißt: ein alles durchdringendes, alles belebendes und besonders in den Seelen sich selbst offenbarendes Wesen. Sein Name ist Jehova oder Vater, ein Liebeswesen, das sich selbst offenbart, dort, wo man die Worte und den Sinn Jesu in sich aufnimmt. Dadurch bekommt man ein Gespür für die Ausflüsse und Offenbarungen Gottes, die in verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Weltteilen, in verschiedenen Nationen sehr vielfältig sind.

Jesus sagt von den Samaritern: »Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden« (Johannes 4,22). Mit größerem Recht können wahre Christen sagen: Wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den gesalbten Christen. Gott offenbart sich der ganzen Welt, aber die Welt kennt ihn nicht. Nur diejenigen, die Jesu Lehre hoch genug halten, haben das Gespür für die verschiedenen Offenbarungen Gottes. Die anderen beten an und wissen doch nicht, wer der ist, den sie anbeten. Wir wissen, dass er der Vater Jesu Christi ist und dadurch auch unser Vater. Wenn einer alle Weisheit Gottes in den Geschöpfen wüsste, so hat er doch nicht das Herz, Gott einen Vater zu nennen; denn Gott sagt selbst bei Jeremia, Kapitel 30, Vers 21: »Wer ist, der mit willigem Herzen zu mir naht?« Niemand außer dem, dem sich Gott äußerlich oder innerlich offenbart. In den ersten Zeiten nach der Himmelfahrt Jesu hat sich der Vater Jesu Christi sehr vernehmlich offenbart. Zum Beispiel in der Apostelgeschichte im achten Kapitel sprach Gott durch den Engel zu Philippus ganz vernehmlich: »Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem hinabgeht nach Gaza, die da wüst ist.« Da sah Philippus den Kammerherrn der Königin von Äthiopien vorbeifahren. Da kam eine noch genauere Offenbarung – nicht durch den Engel, sondern durch den Geist selbst – an Philippus. Der Geist sprach ganz vernehmliche Worte zu Philippus: »Geh hin und mach dich bei diesem Wagen!« Philippus hörte den Kammerherrn Jesaja lesen, Kapitel 53, Vers 7.

Abhandlung

I. Im Alten Testament – das heißt in der Verfassung und Einrichtung der Kirche des Alten Testaments unter den Juden – geschahen die Offenbarungen Gottes in vielen einzelnen Stücken und auf sehr verschiedene Weisen. Dem Mose geschah die Offenbarung im feurigen Busch mit den Worten: »Ich werde sein, der ich sein werde. Ich werde allezeit ein Geist sein nach der Art des Feuers. Feuer ist und bleibt meine Offenbarung. Den Bösen werde ich allezeit ein verzehrendes Feuer sein im Zorn, den Guten werde ich allezeit ein erhaltendes, nährendes Feuer sein in Liebe.« Sonst hat sich Gott in vielen Stücken offenbart: durch die Wolken- und Feuersäule, auch durch das Manna, durch den Felsen, der Wasser gab, durch die eherne Schlange, durch den Stab Aarons, durch die Bundeslade und die Altäre im Tempel, durch das Urim und Thummim, durch das Salböl. In diesen Stücken sind zugleich auch viele verschiedene Weisen der Offenbarung. Darüber hinaus hat sich Gott den Männern Gottes auf besondere, Gott angemessene Weise offenbart: als der Engel des Bundes, als der Fürst über das Heer Gottes, als der Thron Gottes mit dem, der da saß auf dem Thron. Kurz: Gott hat sich damals in seiner Herrlichkeit sehr vielfältig nach menschlicher Art und doch Gott angemessen offenbart. Im Neuen Testament gibt es nicht so viele einzelne Stücke der Offenbarung Gottes, auch nicht so viele verschiedene Weisen, obwohl es verschiedene Gaben gibt. Die Hauptsache der Offenbarung des Neuen Testaments besteht im Kommen und Wohnen, wie wir später hören werden.

Jedoch ist zu jeder Zeit die Offenbarung Gottes durch den, der ist, der war und der kommt, und durch die sieben Geister Gottes geschehen. Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag, ja wie ein Augenblick. Er ist an sich ein ewiges, unveränderliches Sein; aber weil er ein sich selbst offenbarendes Wesen ist, heißt es: »Er war und er kommt.« Er ist ein Vater, der in einem ewigen Heute ist, was er ist. Aber das Sein Gottes ist eine ewige Geburt; diese kann nicht ohne ewige, Gott angemessene Bewegung sein. Darum heißt es: »Er war und er kommt« – und das nicht nur nach der Haushaltung der Zeiten und Äonen, sondern in sich selbst durch seinen unaufhörlichen Abglanz und Ausgang seiner selbst in sich selbst, wonach er die Ewigkeiten oder die Äonen willkürlich bestimmt und sich daher »den Ersten und den Letzten« nennt (Offenbarung 21,6). Er bleibt aber dennoch unveränderlich; es ist in ihm kein Übergang aus der Finsternis ins Licht, und dennoch fließt er unaufhörlich als der Vater der Lichter aus sich selbst aus und zieht alles in sich als die unveränderliche Quelle des Lebens. Dadurch gibt er sich selbst Zahl und Maß gegenüber der Schöpfung in seiner sich stets neu offenbarenden Herrlichkeit. Dieses hat nie ein Oberhaupt der Schulen erblickt, wenn er nicht in der Schule der Hebräer gelernt hat. Und das ist die Sache, die ich mir bei der Begehung des Festes der Dreieinigkeit vorgenommen habe zu berühren.

Es ist nach der uralten Lehre der Hebräer die Dreieinigkeit etwas unumstößlich Gewisses, wie auch in dem Buch »Jüdische ABC-Schule« von M. Johann Steudner bewiesen ist. Aber man muss die Juden nur mit dem Wort »Person« verschonen und dafür »Ausgänge« oder »Abglänze« oder »Sephirot« setzen, dann kann man die Juden bald gewinnen. Ohne das aber jagt man sie von sich oder macht ihnen Anstoß. Es ist genug, dass wir mit ihnen sagen: In der Gottheit sind drei Ausgänge, die wieder ineinanderlaufen und eins sind; jeder Ausgang ist eine besondere Verstandeskraft. Der erste, der zweite, der dritte hat seine eigene Selbstständigkeit. Das Ursprüngliche ist von dem Geborenen, und das Geborene ist von dem Ausgehenden unterschieden. Das Ursprüngliche mit dem Geborenen und Ausgehenden heißt Jesus (Johannes 17,3), der allein wahre Gott. Was braucht man viel Streit? Der Vater als das Ursprüngliche ist größer als alles und hat schon alle drei und alle sieben in sich. Der Geborene aber ist nicht außerhalb des Ursprünglichen; er ist kein besonderes Bild, sondern lauter Licht und Kraft. Doch ist der Geborene als das Innerste der Gottheit anzusehen, und von diesem steigt aus der Mitte auf und geht wieder aus der Heilige Geist. Das Ursprüngliche ist ein ewiger, reinst vollzogener Akt – das heißt, es steht nicht still, sondern ist ein ewiges Ausquellen, ein ewiges Aussprechen, sonst wäre das Ursprüngliche eine bloße Verborgenheit, eine Finsternis. Nun aber ist Gott Licht, und in ihm ist nicht Finsternis, folglich lauter Wort und Licht des Lebens. Das Wort ist nicht vermischt in Gott, sonst wäre Gott nur eins und nicht drei – nach unserer Sprechweise nur eine Person. Er ist aber eine andere Person, aber nicht ein anderer Gott; so auch der Geist.

Die Gottheit ist demnach in einem ewigen Ausfluss aus sich selbst in sich selbst. Weil aber die sieben Geister Gottes auch in Gott sind und dennoch als besondere sieben vor dem Thron Gottes wie Fackeln brennen, so sind sie auch ausgehende Kräfte, aber doch unterschieden von Gott. Sie sind das Kleid und das Wohnhaus Gottes und heißen alle zusammen die Weisheit, die Schechina, die Heiligkeit, worin Gott wohnt. Wir bleiben bei den heiligen Worten stehen und begehren es nicht, mit den Bildern der natürlichen Dinge übereinzustimmen. Genug: Die sieben Ausflüsse sind in Gott und außer Gott. Wie? Ich weiß nicht, bin auch nicht schuldig zu antworten. Es ist nichts Unreimliches, wenn du sagst: In der Zahl sieben ist immer eine doppelte Dreieinigkeit, aber ohne solche Selbstständigkeit wie die drei oberen. Die sieben Geister haben keine Selbstständigkeit wie die drei oberen, wiewohl in Gott alles selbstständig ist. Ach, dass wir nur dächten wie die Juden, nämlich: Wir sollen ein Thron des Ausgeflossenen sein, von der Ausflusswelt; wir sollen keine materialistischen Gefühle in uns leiden, damit das unmaterialische, reine, sich selbst offenbarende Wesen in uns wohnen kann.

»Gedulah« (Größe) und »Gebhurah« (Kraft) – die Ausdehnung und die Zusammenziehung – ist in »Tiphäeret« (Schönheit) vereinigt, und die Überwindung und Herrlichkeit ist in Jesus vereinigt. Gegenüber der Verschiedenheit der Kräfte in den sieben Geistern erhebt sich die dreimal vorkommende Einheit, und diese fassen sich alle in einen dauerhaften Zustand, »Malchut« (Königtum), sodass keine Veränderung von Licht und Finsternis in Gott stattfinden kann, obschon Gericht und Liebe in Gott wesentlich unterschieden sind, und sodass alles Veränderliche einen festen Stand gewinnt – sowohl bei der Mitteilung Gottes an die Schöpfung als auch im Wesen Gottes selbst. Daher kommt, dass die Fälle der höchst geistlichen, alles durchdringenden Gottheit leibhaftig werden kann in Christus, ja daher kann das Wort Fleisch werden. Das ist die Gedankenbildung der alten Hebräer, das ist der Tag Christi, den Abraham gesehen hat, das ist das erste und zehnte Kapitel des Ezechiel, wovon die Heiden wie Plato und Aristoteles auch durch Überlieferung nichts oder wenig erreicht haben.

Kein Wunder ist demnach, dass die Prinzessin Antonia sich so sehr ergötzt hat an dieser Lehre der Hebräer, dass sie sie auf einer großen Tafel in die Kirche in Bad Teinach gestiftet und ihr Herz nach dem Tod dahin begraben ließ. Diese Tafel enthält kurzgefasst die Vereinigung des Alten und Neuen Testaments in Christus, in welchem alle zehn Abglänze Gottes in ein Zentrum eines Gartens zusammenlaufen und von da aus sich in die Glieder seines Leibes mit großer Verschiedenheit der Gaben verteilen, sodass nach 1. Korinther 12, Vers 8-11 dem einen gegeben ist »die Rede der Weisheit« durch den Geist, dem andern »die Rede der Erkenntnis« nach demselben Geist, einem andern der Glaube, die Standhaftigkeit des Geistes, und wieder andern andere Kräfte in dem Geist. Die selige Prinzessin will kurz so viel sagen: Christus sei das Zentrum der Lehre von der Dreieinigkeit. Jesus ist Christus, das begreife die ganze Dreieinigkeit – nämlich den Salbenden, den Gesalbten und die Salbe selbst. Das sei nicht schwer zu lernen. Das Alte Testament sei das Haus mit sieben Säulen, das Neue sei der Garten, worin der Heilige Geist grünt und blüht in den gläubigen Seelen, wenn sie schon nichts weiter als Glauben, Liebe und Hoffnung aus Christus wissen. Die zehn Ausgänge Gottes seien zwar von Ewigkeit nach Micha 5,2; sie seien im Alten Testament den Heiligen offenbar gewesen; sie hätten durch alle Haushaltungen der Zeiten durchgeglänzt; die Alten hätten es nur mit lieblich spielenden Worten begriffen, durch einen Übergang aus einem Haus in einen Garten. Aber im Neuen Testament sei alles in allem Christus, in dem alle Fälle der Gottheit leibhaftig wohnt. Das ist es, was die selige Prinzessin allen Badegästen zur Kur anpreist; das soll ihnen Länge des Lebens bringen, und ganz Württemberg soll von diesen Ausflüssen beglückt werden.

Aber bedenkt, ihr Zuhörer, die ihr Anbeter der Dreieinigkeit sein wollt, bedenkt, wie wenig das nicht nur von den Badegästen, sondern auch von euch erfasst wird. Es ist schwer, davon zu reden, weil ihr leicht beim Hören verlegen und verdrossen werdet.

II. Wir wenden uns demnach zu der Offenbarung Gottes im Neuen Testament. Wir wissen, wie verschieden die Zeiten des Neuen Testaments sind, wie die letzten Zeiten so vermischt sind, weil das Evangelium in der ganzen Welt ausbrechen musste; und dennoch besitzen die Gläubigen alle diese Geheimnisse als Unmündige in Christus durch die Verheißung Jesu: »Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.« Jeder, der das Wort Jesu in sich bleibend hat, hat diese Verheißung, wenn auch der Satan noch so viel Vermischung und Unglauben in die ganze Kirchenverfassung eingeführt hat, sodass es Gott gar nicht geziemen will, mit Wunderkräften der ersten Zeit zu uns in die Stadt zu kommen (Hosea 11,9). Gleichwohl ist Jesus Christus eben derselbe gestern und heute. Er ist, wie der Vater, das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte, und was im Jesaja von Gott und dem Erlöser gesprochen wird (Jesaja 41,4; Kapitel 44,6; 48,12): »Ich bin der Erste und der Letzte, ich bin eben derselbe« – das dürfen wir kühn und getrost auch auf unsere verdorbene Zeit deuten. Durch Jesus den Herrn, den gekreuzigten Herrn der Herrlichkeit, durch das Blut seines ewigen Testaments ist er uns so nahe wie denen in der ersten Kirche. Uns gehört es auch, dass uns die sieben Geister Gottes vom Himmel herab grüßen; uns gehört es, dass der, der da ist und der da war und der da kommt, uns Gnade und Frieden entbietet; uns gehört es, dass er kommen und Wohnung bei uns machen will.

»Ach!«, spricht die arme, bekümmerte, in vielen Zweifeln verschmachtete Seele, »ach, wie kann ich diese Dinge glauben? Der Herr hat uns samt andern den Folgen des Unglaubens überlassen; wir müssen es leiden, dass wir um des allgemeinen Unglaubens willen auch klagen müssen: ›Unsere Sünden antworten wider uns‹ (Jesaja 59,12), wir fühlen nichts als Sünde (Vers 12). ›Die Wahrheit fällt auf der Gasse‹ (Vers 14), ›die Wahrheit ist dahin‹ (Vers 15). ›Du lässt uns irren von deinen Wegen und verstockst unser Herz‹ (Kapitel 64, Vers 6 in anderer Zählung). ›Unsere Sünden führen uns dahin wie ein Wind‹ (Vers 5). ›Du verbirgst dein Angesicht vor uns‹ (Vers 6).«

Aber, liebe Seelen! Hierher gehören alle die großen Zusprüche in der großen Predigt Jesajas vom 40. bis zum 66. Kapitel. Fasst sie, glaubt sie, wiederholt sie hundert- und tausendmal. In der ersten Kirche waren solche Zusprüche nicht nötig, aber uns sind sie nötig, die wir an den Wassern zu Babel wohnen. Der Herr hat schon angefangen, Berge und Hügel zu verschlingen; seht auf und hebt eure Häupter auf (Jesaja 42,14-15; Lukas 21,28).

Aber lasst uns von der Ermahnung und Tröstung zurückkehren zur Lehre von der Offenbarung Gottes im Neuen Testament. »Kommen« und »wohnen« ist die ganze Sache bei der Offenbarung Gottes im Neuen Testament. So oft sich Gott in einer Seele bemerken lässt, kommt er. Daher gibt sich Gott den Namen »der da ist, der da war und der da kommt«. In Gott ist keine Veränderung oder Wechsel; denn alle seine möglichen Zustände sind zugleich von Ewigkeit. Doch ist in Gott ein Verhältnis eines Zustands zu dem anderen: Der gegenwärtige Zustand der göttlichen Dauer ist eine Folge des vorhergegangenen ewigen Zustands. Darum heißt es: »Er war und er kommt«, und wenn er in eine Seele gekommen ist, so will er auch in ihr bleiben und wohnen. Genauso wie er in der Menschheit Christi im Alten Testament noch nicht gewohnt hat – im Neuen Testament aber wohnt die ganze Fülle der Gottheit in ihm körperlich, leibhaftig und durchdringend-wesentlich, sodass kein Stäubchen des Fleisches und Blutes Christi ist, das nicht von der Gottheit durchdrungen und bewohnt wird. Da nun Gott darauf abzielt, dass er »alles in allem« werde, so zielt all sein Kommen und Wohnen im Neuen Testament eben auch dahin, dass er die Gläubigen zu Tempeln und Bleibestätten Gottes macht. Das ist uns etwas Unbegreifliches. Man kann es mit nichts vergleichen, darum kann es die vernünftige Kraft, die aus dem Sichtbaren ihre Bilder nimmt, nicht fassen. Aber dessen ungeachtet sprechen alle Gläubigen: »Herr, du hast Worte des ewigen Lebens.« Anfangs kam es den Jüngern Jesu gar nicht glaublich vor, als Jesus sprach: »Wer mich sieht, der sieht den Vater«; aber nach und nach lernten sie es glauben. Petrus, der sprach: »Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!«, machte Christus dem Herrn eine große Freude mit diesem Bekenntnis. Jesus erklärte ihm, dass diese Offenbarung Gottes nicht nur von außen, sondern von dem Vater im Himmel – nämlich von innen heraus – sei. Das musste Petrus glauben, ohne dass er es begreift. Und so ging es immer allmählich zu einem festen Glauben, mitten durch die ungläubigen Zweifel hindurch.

Die Jünger meinten, die Erscheinung Gottes im feurigen Busch, die Himmelsleiter Jakobs sei viel etwas Höheres, als dass Jesus leiblich und körperlich vor ihnen stünde. Daher sagte Philippus: »Herr, zeige uns den Vater, so genügt uns.« Jesus aber war etwas unzufrieden darüber und sprach: »So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht? Philippus, wer mich sieht, der sieht den Vater; wie sprichst du dann: Zeige uns den Vater?« (Johannes 14,9). Längst vorher sprach er zu Philippus und Nathanael und zu den anderen Jüngern: »Von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabsteigen auf den Menschensohn.« Das sahen sie ja nicht sichtbar wie Jakob, aber sie hätten gern mit leiblichen Augen die Engel Gottes hinauf- und herabsteigen sehen auf Christus. Es ging aber ganz anders, als sie es sich vorher vorgestellt hatten. Es ging durch viele Schmach, Verachtung, Anstoß, Zweifel, Unglauben, kleingläubige Versuchungen hindurch. Auch Maria selbst vergaß durch Gewohnheit, dass Christus sein müsse in dem, was seines Vaters war. Seht also die Art der Offenbarung Gottes im Neuen Testament: Es geht nicht so sichtbar zu wie im Alten Testament. Taufe und Abendmahl sind die zwei großen Offenbarungen Gottes, aber unter sehr großen und verächtlichen Anstößen, Missbräuchen und widersprechenden Gedanken der Menschen. Man muss es alle Tage ansehen – nicht, wie es missbraucht wird, sondern wie es eingesetzt ist von Anfang an. So sprechen wir oft: »Ach, wie ist das möglich! Wir wollen keine Narren um Christi willen sein. Wir sehen unser elendes Wesen an: Wir sind Staub, wir sind Sünde, Tod und Verwesung im äußeren Fleisch. Aber das innere Fleisch und Blut Jesu, das wir in die Seele empfangen, ist uns unbegreiflich.« Macht daher den gewissen Schluss im Heiligen Geist: Gott und Jesus im Geist verhüllen sich in die Wolke der Unbegreiflichkeit. Aber indem wir den Worten derer glauben, die aus dem himmlischen Schauen geredet haben, besiegeln wir, dass Gott wahrhaftig ist. Glaubt demnach, besteht auf dem Zeugnis der Männer Gottes. Die Zeit wird kommen, dass ihr seht. Es wird nicht an einem fehlen. Glaubt, wie Abraham geglaubt hat. Ihr werdet euch freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, je mehr ihr glaubt ohne zu sehen.

Amen.

Quelle: Friedrich Christoph Oetinger, Die Lehrtafel der Prinzessin Antonia, 1763.

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