Jörg-Ulrich Fechner über Paul Gerhardt: „Als Gestalt der deutschen protestantischen Kirchengeschichte ist Paulus Gerhardt nicht auf Grund von systematisch entwickelten Lehren des Glaubens und des Dogmas eingebürgert; vielmehr verdankt er diesen stellvertretenden Rang der ununterbrochenen Rezeption seiner volkstümlich gewordenen Kirchenlieddichtung, einer Rezeption zudem, die sich gelegentlich allerdings mit Erscheinungsformen katholischer Heiligenverehrung berührt. Diese geschichtliche Entfaltung der Rezeption in dokumentarischen Zügen einlässlich nachzuzeichnen, ist eine bis heute noch nicht eingelöste Aufgabe.“

Paulus Gerhardt

Prismatische Brechungen seines historischen Bildes oder historische Marginalien zu einer Heiligsprechung im Protestantismus

Von Jörg-Ulrich Fechner

Gibt es im Protestantismus Gestalten der Kirchengeschichte? Was definiert sie, sind sie Kirchenväter oder Kirchenlehrer? Und ist Paulus Gerhardt eine solche Persönlichkeit? Freilich ja, könnte man antworten, aber nur in dem Sinne, daß potentiell schon jeder Gläubige eine Gestalt der Geschichte seiner Glaubensrich­tung ist. Im engeren Sinne ist Gerhardt weiterhin ein Kirchenmann des evange­lisch-lutherischen Bekenntnisses im Zeitalter des allmählichen Auseinanderfal­lens von Orthodoxie und Pietismus. Mehr noch; seine Persönlichkeit hat von damals bis in die heutige Gegenwart eine andauernde Strahlkraft behalten. Das zeichnet Ger­hardt vor jener Vielzahl von protestantischen geistlichen Lieddich­tern des 17. Jahrhunderts aus und begründet so seine Aufnahme in die Reihe der in diesem Bande Dargestellten.

Polemisch gewendet aber, in die Frage gefügt: Wie werde ich eine Gestalt der Kirchengeschichte?, bietet Paulus Gerhardt einen untypischen Fall. Sein Beispiel verdeutlicht, daß eben die Verweigerung, sich als öffentliche Person hinzustel­len, zu der späteren Auszeichnung mit einem solchen Ehrentitel beigetragen hat. Offenbar wird man zu einer Gestalt der Kirchengeschichte gerade nicht dadurch, daß man dieses Ziel wie eine berufliche Karriere anstrebt.

Für Gerhardt verbinden sich mit dieser Grundhaltung weiterhin Züge, die durchaus einen Hang zur Nicht-Öffentlichkeit, ja, zur Anonymität bekunden. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Aufgabe, eine solche Gestalt aus heutiger Sicht darzustellen. Schichten lassen sich unterscheiden und voneinander ablösen, die das dokumentarisch Greifbare der biographischen Person in ihrer Zeit betreffen, dann aber auch den Wandel, den die Rezeption in der Zeit und vor allem mit der Zeit an dem Bild dieser Gestalt vornahm. Die allgemeine Frage nach der Gestalt der Kirchengeschichte vervielfältigt sich in die komplexere: Für wen oder für welche Schicht war und ist wann und wo Paulus Gerhardt eine solche verbindliche Gestalt? Angesichts der durch die Jahrhunderte aufgehäuften und verkrusteten Vorurteile und Klischees bleibt nur eine ehrliche Möglichkeit der Annäherung und Vergewisserung, diejenige, prismatische Brechungen dieses Bildes in zugestandenermaßen nur einigen Ausschnitten aneinanderzureihen. Das setzt die Hoffnung voraus, mittels der Facetten möchte der Darzustellende Gestalt werden. Dennoch, eine solche Darstellung des Rezipierten ist notwendig zugleich eine des Rezipienten.

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Wie wenig Gerhardt Züge einer unverwechselbaren Eigenart aufweist, unter­streicht schon der Blick auf seinen Namen. Kaum ein authentisches Zeugnis, das diesen Namen nicht in der Form »Paulus Gerhardt« festhielte; die Rezeption aber setzt (seit wann?) die kürzere, im Deutschen üblichere Form des Vornamens an: Paul. Auf Vor- und Nachnamen als Doppelvornamen wurden (wiederum: seit wann?) und werden Generationen protestantischer Knaben im deutschspra­chigen Raum getauft. Die Frage: Wer ist Paulus Gerhardt? ruft hingegen allgemein Befremden hervor.

Fragen nach der äußeren Erscheinung dieses Paulus Gerhardt bleiben aus anderen Gründen ohne eine klare Antwort. Fragen nach der Verläßlichkeit und dem dokumentarischen Wert des überkommenen Bildes erweisen sich auch hier als nötig. Ein Bild allein beansprucht Authentizität oder doch zeitliche Nähe zu dem, wie man meint, dokumentarisch Dargestellten. Wie die Überlieferung will, stammt dieses Bild aus dem Nachlaß des 1716 gestorbenen Sohnes, Paul Fried­rich Gerhardt. Dieses Ölgemälde eines ungenannten Künstlers, das sich in der Kirche zu Lübben findet, bietet also die einzige Handhabe zu einer Annäherung. Gesetzt, der anonyme Maler habe den Porträtierten nach dem Leben oder doch zumindest nach der Erinnerung an lebendige Anschauung geschaffen, erweist sich dieses Abbild schon durch die Ausmaße (220×114 cm) als überlebensgroß. Es gehört zum Typus des Pfarrerporträts, wie es sich vielfältig an Kirchenwän­den findet und die Gemeindemitglieder an das vertraute Vorbild eines verstorbe­nen Pastors erinnern soll. Eine historisch zugreifende Typologie von Pfarrerbil­dern aber fehlt bis heute.

Mit einem ebenso schlichten wie einleuchtenden Kontrast des Chiaroscuro arbeitet der unbekannte Maler: Hell sind Gesicht, Kragen, Hände, Buch und das ins Bild hineingenommene Kruzifix gegenüber einem nur in Schattierungen variierten Dunkel der mehrheitlichen übrigen Bildfläche. Der ausgestreckte Zeigefinger der rechten Hand deutet auf das Herz des Porträtierten und in der Verlängerung auf den Gekreuzigten zugleich. Über dem Herzen hält die linke Hand ein Buch, die Bibel, geschlossen, ohne individuell charakterisierende Auswahl einer aufgeschlagenen Stelle, als Ganzes. Das gleichermaßen helle Kruzifix mit Corpus- auf einem Podest mit der Inschrift INRI und dem Vanitas- Zeichen des Totenschädels – gehört zu den nicht-individualisierenden Bildattri­buten, sagt nichts über die besondere Eigenart des Dargestellten aus. In diesem Attribut wird das Porträt verbindlich und zugleich übertragbar auf jeden Ange­hörigen einer christlichen Glaubensform. Zerlegt man nach alter Sitte durch waagerechten, senkrechten und diagonalen Schnitt einmal dieses Bild, so entsteht statt des vermeintlichen Individualporträts eine komponierte theologische Aus­sage. Das Kreuz steht am Rand auf der eben durch es belebten, horizontalen Mittelachse. Das Gesicht (ist es persönlich belebt?) ist der zugehörige Kontra­punkt auf der Höhe der vertikalen Mittelachse; es wirkt wie ein aufgelegter Vordergrund in einem Spiel von Ganz- und Halbschatten. Als dritter Flucht­punkt bleibt für den Betrachter die rechte, auf die Bibel über dem Herzen weisende Hand. Doch auch die damit entstehende, im Dreieck angeordnete Bildaussage ist über-individuell, ein gleichermaßen über-konfessioneller Por­trät-Typus in der christlichen Malerei von der Renaissance bis über den Barock hinaus.

Ein Bild ist kein Bild; doch erst das neunzehnte Jahrhundert malte sich mit Bedacht seinen nun Paul Gerhardt neu und weiter aus. Die Berliner Obrigkeit stiftete eine Kopie des Lübbener Bildes für die Kirche in Mittenwalde, Gerhardts frühere Wirkungsstätte. Die heute unbekannte Malerin, Emma Matthieu, verän­derte die Bildaussage vornehmlich dadurch, daß sie das typisierende Porträt in ein authentisches umzuschaffen trachtete. Während der Dargestellte nun in den Hauptgrund rückte, änderten sich die althergebrachten Zeichen der Handhal­tung; und der Christus am Kreuz wurde in ein Halbdunkel zurückgedrängt. Idealisierende Teilporträts folgten die Menge. Bald fehlte es nicht an musizieren­den Engelein, die den Liederdichter bei seinem Werk inspirierten, während der Christusknabe am lichtdurchfluteten Fenster der Stube auf einem Esel durch die Wolken vorüberzog           Protestantische Legende, Heiligengeschichte oder biedermeierlich hagiographisierende Idealisierung aus Anlaß dieses Paul Ger­hardt?

Reduziert man die wenigen Bilddetails des Lübbener Gemäldes als des potentiell realistischen, so verbleiben die vom Barett bedeckte Vorderglatze, das lange, strähnig gelockte Randhaar des Hauptes, ein modischer, unter der Nase ausra­sierter Schnurrbart, ein senkrechter, auf einen schmalen Steg gestutzter Mittel­kinnbart (der in den Bildern des neunzehnten Jahrhunderts zu einem übermäßi­gen Kinngrübchen verniedlicht wird!) und kein Ring an den schönen Fingern. Es ist das Bild eines älteren, aber altersmäßig wie im dargestellten Gemütszustand nicht näher bestimmbaren Mannes.

Ebensowenig individualisierend, sondern pietätvoller Ausdruck ist die dem Gemälde am Fuß beigefügte Inschrift: PAULUS GERHARDUS THEOLO- GUS in Cribro Satanae tentatus et devotus postea obiit Lubena A[nn]o 1676 aetatis 70. Der mit Anspielung auf Lukas 20, 31 f. im fruchtbaren wie nährenden Weizen seines Glaubens durch das Sieb des Satans Geprüfte wird weiterhin durch drei Distichen gewürdigt:

Sculpta quidem PAULI VIVA est ab imago GERHARDI
Cuius in ore FIDES SPES AMOR usque fuit;
Hic docuit nostris ASSAPH REDIVIVUS in oris
Et cecinit laudes CHRISTE benigne tuas;
Spiritus aethereis veniet Tibi sedibus hospes
Haec ubi Saepe canes carmina Sacra DEO.

Die metaphorische Gleichsetzung mit dem wiedererstandenen Assaph der Psal­men ebenso wie das Lob der heiligen, Gott geweihten Sänge wären doppelt außerordentlich, bildeten sie ein Zeugnis der Wirksamkeit und Wertschätzung des so Gepriesenen zu seinen Lebzeiten. Nur ist die Verfasserangabe dieser Inschrift zu beachten: F[ecit] Gottlieb Wernsdorff D[ecanus] oder D[octor], Und da die Restaurierung des Bildes in jüngerer Vergangenheit ergab, daß diese Inschrift naß in naß gemalt sein könnte, verstärken sich die Zweifel an der Authentizität. Gerhardt starb 1676; damals war Wernsdorf, 1668 in Schöne­walde geboren, ein achtjähriger Knabe. In Wittenberg wurde Wernsdorf 1698 Dekan der Philosophischen Fakultät und erwarb dort 1700 seinen Doktortitel. Das sind die Fakten, aus denen sich eine Datierung post quem für das Gemälde ergibt. Es stammt als Huldigung der sich nach den konfessionalistischen Streitig­keiten wieder konsolidierenden evangelischen Kirche frühestens von der Wende des 17. zum 18. Jahrhundert. Mit einem Wort: wir besitzen kein verläßliches Bild von Paulus Gerhardt.

Und auch die dokumentierbare Biographie bleibt spärlich oder wird es doch wieder, wenn man sich anschickt, Gemutmaßtes, psychologisierend Begründen­des, dichterisch Ausgemaltes und andächtig Legendäres unter den wenigen Fakten auszuscheiden.

Im engeren Raum Mitteldeutschlands, in Sachsen und Brandenburg, ist Paulus Gerhardts Leben verlaufen. Geboren wurde er in Gräfenhainichen, einer kur­sächsischen Ortschaft nicht weit von Wittenberg und Bitterfeld. Hier war sein Vater, der 1637 starb, Christian Gerhardt, Ackerbauer und Gastwirt; überdies war er mit dem Amt des Bürgermeisters betraut. Da in den Wirren des Dreißig­jährigen Krieges durch einen schwedischen Brand die Kirchenbücher vernichtet wurden, ist es unklar, ob das erst spät erschlossene Datum des 12. März 1607 den Geburts- oder Tauftag von Paulus Gerhardt meint. Seine Mutter, Dorothea, stammte aus einer Pfarrersfamilie; ihr Vater, Caspar Starke, war Superintendent in Eilenburg gewesen, Nachfolger und Schwiegersohn eines Gallus Döbler, der zuvor als zweiter Hofprediger in Dresden tätig gewesen war. Am 12. Mai 1605 hatten die Eltern geheiratet; Paulus war ihr erstes, blieb vielleicht ihr einziges Kind. Ob der Knabe frühzeitig für das geistliche Amt bestimmt wurde, ist – schon im Hinblick auf die Vorfahren mütterlicherseits – möglich, aber nicht belegbar.

Jedenfalls kam er mit fünfzehn Jahren auf die bedeutsame sächsische Fürsten­schule in Grimma, ob mit der für Gräfenhainichen vereinbarten Freistelle, ist wiederum unbezeugt. Die dortige Schulerziehung legte die Grundlagen zu der umfassenden lateinischen und theologischen Bildung, folgte dem liturgischen Ablauf des Kirchenjahres und war überhaupt von lutherischer Tradition geprägt. Bis Ende 1627 blieb Gerhardt in Grimma; am 2. Januar 1628 wurde er als Student der Theologie an der sächsischen Landesuniversität in Wittenberg immatriku­liert. Wittenberg pflegte damals eine gemäßigte Orthodoxie. Allerdings wurde die Geltung der Konkordienformel betont und, damit verbunden, eine klare Abgrenzung von anderen protestantischen Glaubenslehren. Ist schon diese Feststellung bloß im Hinblick auf Gerhardts spätere Lebensumstände begrün­det, so auch jene andere, daß der Wittenberger Theologe Paulus Röber als ein Freund der Orgel und des geistlichen Liedes wie auch als Verfasser von Kirchen­liedern für den späteren Gerhardt beispielgebend wirken konnte. Indes ist aus den Wittenberger Jahren kein Liedschaffen Gerhardts belegt, obwohl prakti­sches Üben des Verseschreibens durchaus zur üblichen sprachlichen Ausbildung gehörte und weiterhin obwohl Wittenberg in August Buchner einen bedeuten­den Dichter und theoretischen Poetiker besaß, der, ein Freund Martin Opitzens, die Möglichkeit deutscher Daktylen und Anapäste in die damalige Dichtkunst eingeführt hatte. Ebenso wenig findet Gerhardt sich in den damals allgemein gepflogenen Freundschaftsbekundungen von studentischen Stammbucheintra­gungen.

Erst 1642 findet sich die nächste Spur von Paulus Gerhardt, als er ein bescheide­nes lateinisches Gedicht von vier Distichen zu einer Glückwunschsammlung des am 26. April jenes Jahres promovierten Jacob Wehrenberg aus Hamburg beisteuert. Damit ergibt sich für die Wittenberger Zeit ein Abschnitt von vierzehn Jahren in Gerhardts Leben, über den keinerlei Zeugnisse vorliegen. Ob all diese Jahre dem Studium gehörten, ob Gerhardt es des langen Krieges wegen unterbrach, ob er vielleicht zwischenzeitlich Feldprediger oder auch Hauslehrer war, ist völlig ungewiß. Und diese Ungewißheit gilt auch noch für die folgenden neun Jahre. Zwar ist für das Jahr 1643 Gerhardts ältestes deutschsprachiges Gedicht datiert, für seine Lebensumstände ergibt die Unterschrift nur, daß Gerhardt, dessen noch völlig unbekannter Name vom Setzer als ›Gebhard‹ verdruckt ist, sich immer noch als »Ss. Theol. Studiosus« unterzeichnet, also bloß als Student. Der Druck erschien in Berlin; wäre Gerhardt schon damals dort gewesen, hätte der Drucker ihn namentlich kennen oder den Druckfehler sonst vermeiden können. So bleibt nur der faktische Befund, daß Gerhardts frühestes, uns erhaltenes deutschsprachiges Gedicht ein barockes Gelegenheitsgedicht bildet, ein umfäng­liches, weit ausladendes Reimwerk auf den Anlaß einer Hochzeit, oder anders, wertend gesagt: barocke Dutzendware. Ein Freund, der Magister Joachim Fromm(e), Archidiaconus an St. Nicolai in Berlin, heiratete damals Sabina Barthold, eine Tochter des Berliner Kammergerichtsadvokaten Andreas Bar­thold. Gerhardts Epithalamium »Der aller Herz und Willen lenkt…« reiht in achtzehn Strophen Bilder und Vorstellungen vom gottgesegneten Ehestand und läßt zeittypisch Spielereien mit dem Namen der Eheleute in seinen Text ein­fließen.

Ob Gerhardt schon damals oder anschließend – und seit wann – als Hauslehrer bei der Familie Barthold angestellt wurde, ist wiederum fraglich. Erst 1651 wird er als Mitbewohner des Hauses und in dieser Eigenschaft bezeichnet. Und daß er schon länger in Berlin gewesen sein dürfte, läßt sich aus dem Sachverhalt schließen, daß 1647 die »Praxis Pietatis Melica. Das ist Vbung der Gottseligkeit in Christlichen und Trostreichen Gesängen Herrn D. Martini Lutheri fürnem- lieh und denn auch anderer vornehmer und gelehrter Leute. Ordentlich zusam­men gebracht und mit vielen schönen außerlesenen newen Gesängen gezieret: Auch zu Befoderung des KirchenGOttesdienstes mit beygesetzten Melodien Nebest dem Basso Continuo verfertiget Von Johann Crügern« auch achtzehn Kirchenlieder von Paulus Gerhardt enthielten. Freilich braucht Gerhardt 1647 noch nicht in Berlin gewesen zu sein, denn Crüger, der als Autor, Komponist und auch für den Selbstverlag des Buches zeichnete, konnte die Beiträge Ger­hardts ja über den gemeinsamen Bekannten Joachim Fromm erhalten haben.

Crüger war Kantor an der Berliner Nicolai-Kirche und zugleich Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster. Im Umkreis dieser beiden Institutionen sind die Freunde Gerhardts zu suchen, der vor 1651 nach Berlin kam, wo er, der sich inzwischen als Kandidat der Theologie unterzeichnete, wohl als Aushilfspredi­ger tätig war. Crügers Veröffentlichung hatte Erfolg; 1653 lag schon die fünfte Auflage vor; und bis 1736 wurde das Werk weiter, oft nachgedruckt. Regionale Gesangbücher übernahmen von hieraus einzelne Lieder für den gottes­dienst­lichen Gebrauch. (So enthält etwa das Lüneburgische Gesangbuch von 1661 be­reits mehrere Lieder Gerhardts.) Crüger verwendete für den Titel seiner Samm­lung die Formulierung von der ›Praxis pietatis‹, die er von einem Werk des walisischen Bischofs Lewis Bayly vom Anfang des 17. Jahrhunderts übernahm, ein Werk, das seit den vierziger Jahren auch in deutscher Sprache vorlag. Praxis pietatis meint die Übung der Gottseligkeit; neu ist, daß dies von Crüger hier auf das Mittel der geistlich-musikalischen Andacht übertragen wird. Die Lieder sind dementsprechend nicht nur für den gottesdienstlichen Gemeindegesang verwend­bar, sondern dienen ebenso, wie es der Untertitel von 1653 ab präzisieren wird, dem »Privat-Gottesdienst«. Frömmigkeitsgeschichtlich haben Gerhardts Lieder – und das wird durch den Canto solo der Vertonung nachdrücklich unterstützt – ihren Ursprungsort wie ihre Wirkmöglichkeit in solchen sich damals anbahnen­den Tendenzen einer privaten, ja: individualistischen Glaubensübung. Und in dieser Feststellung liegt zugleich der Grund dafür, daß Gerhardts Lieder insge­samt keine biographisch faßbaren Anlässe aus dem Leben des Verfassers un­mittelbar gestalten, sondern Ereignisse der Heilsgeschichte, des Kirchenjahres und des christlichen Lebens zur Andacht für den einzelnen mit ihrem dichterischen Redeschmuck aufbereiten.

1651 ist Gerhardt nachweislich in Berlin und erhält vom dortigen Ministerium, der lutherischen Stadtgeistlichkeit, ein ehrenvolles Gutachten, das ihn dem Stadtrat von Mittenwalde für eine dort freigewordene Stelle des Propstes emp­fiehlt. Mit 44 Jahren erhielt Gerhardt Ende 1651 so sein erstes öffentliches Amt, nachdem er zuvor in Berlin auf die Rechtgläubigkeit hin examiniert und dann ordiniert worden war. Das Ordinationsbuch enthält Gerhardts Verpflichtung zu den Lehrtraditionen des Luthertums von der Augsburger Konfession bis hin zur Konkordienformel: »me in Ea [doctrina] ad finem usque vitae meae Dei juvante gratia constanter perseveraturum confiteor atque promitto«.

Die Jahre in Mittenwalde, von Ende 1651 bis Mitte 1657, lassen in den säuberlich geführten Pfarramtsbüchern den hohen Ernst erkennen, mit dem Gerhardt an die Ausübung des ihm anvertrauten, seelsorgerischen Amtes ging. Den Höhe­punkt dieser Epoche seines Lebens bildet zweifelsohne der 11. Februar 1655, als Gerhardt, fast 48jährig, in Berlin mit der fünfzehn Jahre jüngeren Anna Maria Barthold verheiratet wird, einer Tochter jener Familie also, die schon über Gerhardts erster Beziehung zu Berlin gestanden hatte. Diesem Höhepunkt folgt bald ein Tiefpunkt: Die am 19. Mai 1656 geborene Tochter Marie Elisabeth starb schon am 14. Januar 1657, wie eine Gedächtnistafel der Eltern in der Kirche zu Mittenwalde ausweist.

Im Mai 1657 wurde Paulus Gerhardt vom Magistrat der Stadt Berlin an der dor­tigen St. Nikolai-Kirche eine Diakonatsstelle angeboten, die durch den Tod des Propstes und ein Nachrücken der Berliner Amtspfarrer freigeworden war. Am 4. Juni 1657 sagte Gerhardt zu: »Nehme derowegen obberührte vocation im Nahmen Gottes, wie sie von meinen Hochgeehrten Herren mier zugesendet worden, auff Undt an, der Christlichen Hoffnung Unndt ZuVersicht, das fromme Herzen mit dem embsigen Gebethe mier zu Hülffe kommen, Unndt das durch solch ein geringes Organon, wie ich auch erkenne, seine heylige Gemeine wohlgebawet werden möge, fleißig zu Gott werden seuffzen helfen«.

Die Stellung in der Residenzstadt bedeutete einen beruflichen Aufstieg, zugleich die Rückkehr zu Freunden und in die Nähe von Anverwandten seiner Frau. Bis 1665 wurden vier weitere Kinder in ihrer Ehe geboren; drei starben bald nach der Geburt oder lebten kaum über ein Jahr. Nur der am 25. August 1662 getaufte Sohn Paul Friedrich sollte die Eltern überleben. In die Berliner Jahre fallen dann Gerhardts Schwierigkeiten mit der Obrigkeit. 1613 war das brandenburgische Herrscherhaus zum reformierten Bekenntnis übergetreten. Berlin besaß seither reformierte oder lutherische Kirchen, dazu solche, die von beiden Glaubensrich­tungen gleichermaßen benutzt wurden. Im Anschluß an ein Kasseler Religions­gespräch von 1661, das mit Universitätstheologen aus Marburg und Rinteln den Versuch unternommen hatte, das lutherische und calvinistische Bekenntnis zu vereinigen – ein Ergebnis, das stürmischen Widerspruch der Wittenberger Orthodoxie hervorrief -, ließ nun der Große Kurfürst 1662 ein ähnliches Gespräch unter den Geistlichen seiner beiden Residenzstädte anberaumen. Ziel war die Feststellung, ob die reformierte Lehre etwas dem ewigen Seelenheil Abträgliches enthielte oder ob ihr etwas dazu unbedingt Nötiges fehle. Das hieß vorwärtsschauend eine Beförderung der Toleranz im Zusammenleben der Ange­hörigen beider Glaubensrichtungen. Schon an den Gutachten von lutherischer Seite scheint Gerhardt nun wesentlich beteiligt gewesen zu sein. Als dann Edikte des Landesherren das Verketzern, Verlästern und Verdammen des reformierten Bekenntnisses, besonders von der Kanzel, untersagten, hielt Gerhardt wie andere seiner Amtsbrüder dies für eine Beschränkung der hergebrachten Konkordienformel. Eine nicht mehr mögliche, weil verbotene, genaue Abgrenzung der lutherischen Auffassung wurde als Vorschub für einen unbotmäßigen Syn­kretismus und eine Abkehr von der lutherischen Orthodoxie gehalten. Bei der immer stärker werdenden Unvereinbarkeit der Haltungen erließ der Kurfürst am 16. September 1664 ein Edikt, das beiden Richtungen eine Verketzerung der anderen von der Kanzel untersagte und weiter die lutherische Verwendung der traditionellen Exorzismus-Formel bei der Taufe in das Ermessen der Eltern oder Pfleger des Täuflings stellte. Zur Durchführung dieses Edikts sollten sämtliche Prediger bei Androhung des Verlustes ihres Amtes einen entsprechenden Revers unterzeichnen. Mit anderen Amtskollegen weigerte sich auch Paulus Gerhardt, erhielt dann im Februar 1666 noch eine Woche Bedenkzeit und wurde anschlie­ßend von seinem Amt abgesetzt. Bürger und Zünfte in Berlin legten ein Gesuch zugunsten des Abgesetzten vor, ein auffälliges Zeugnis für die Wertschätzung, die dieser Seelsorger bei seiner Gemeinde genoß, eine Wertschätzung zudem, in die auch die Anerkennung seiner geistlichen Lieder und deren Aufnahme in das obrigkeitlich verordnete Gesangbuch einbezogen waren. Daß Gerhardt sich in seinem Leben und in den Amtshandlungen stets tolerant verhalten und »keine Seele mit Worten oder Werken angegriffen« habe, wurde darin eigens betont. Nach weiteren Bittschriften bot der Kurfürst Paulus Gerhardt die Rückkehr in sein Amt auch ohne Unterschreiben des Revers an, ließ ihn aber zugleich seine Erwartung wissen, Gerhardt möge auch so den Inhalt dieser Bestimmungen befolgen. Eben dies aber hielt Gerhardt mit seinem Gewissen für unvereinbar; wäre ein solches, auch ohne Unterschrift indirekt verbindliches Einvernehmen nicht in besonderem Widerspruch zur Konkordienformel und allem, was der Pfarrer bei seiner Ordination schriftlich und öffentlich bekundet hatte? Traditionsbewußte Orthodoxie stand hier gegen einen zur Toleranz offenen Reli­gionsvergleich. Gerhardt sah nur die Gefahr eines Synkretismus und handelte entsprechend. Tradition ist eine verbindliche Norm; zu ihr tritt die andere, eschatologische, die auf das Ewige Gericht blickt. Matthäus 16, 26 liegt nahe; und damit argumentiert Gerhardt auch in den Briefen vom Jahr 1667 an den Kurfürsten und an Marie Magdalene Gräfin zur Lippe, Briefe, in denen er sich rechtfertigt, den Wiederantritt seines Amtes trotz des obrigkeitlichen Verzichts auf seine Unterschrift von Edikt und Revers verweigern zu müssen. Gerhardt bezieht sich auf die Verletzlichkeit seines »armen Gewissens«, dann auf die Verantwortung seines Amtes und schließlich auf sein lutherisches Bekenntnis. Gerade in dieser betonten Reihenfolge mit der vorangestellten individuellen Kategorie des Gewissens ist diese Haltung kennzeichnend für den Wandel der geschichtlichen Frömmigkeit. Die Verweigerung aber bedeutete bewußte Hin­nahme der »remotio ab officio«, der Amtsenthebung, und damit einer wirtschaft­lichen Unsicherheit, einer Abhängigkeit, von der Unterstützung seiner Gemein­de und anderer Gönner leben zu müssen. Das Wortspiel, das Gerhardt in seinen Eingaben an den Magistrat einfließt, ist somit in zeitlicher wie ewiger Bedeutung hintergründig; seine Antwort wird ihm zum »Angstwort«.

Persönliche Schicksalsschläge fehlten in dieser Zeit auch nicht. Am 5. März 1668 starb ihm seine Frau. Gerhardt blieb mit dem allein überlebenden Sohn zurück; die inzwischen verwitwete Sabina Fromm, jene Schwägerin, auf deren Hochzeit sein ältestes Gedicht geht, führte von nun an den Haushalt. Und im August 1668 mußte der inzwischen 61jährige Gerhardt erleben, daß seine Stelle an der Nicolai-Kirche mit einem anderen besetzt wurde.

Im Herbst 1668 erfolgte eine Anfrage durch den Rat der Stadt Lübben im Spreewald wegen der dort freien Stelle eines Archidiaconus. Lübben gehörte zur Herrschaft des Herzogs Christian I. von Sachsen-Merseburg, der eben in jenem Jahr ein neues Konsistorium eingeführt hatte. Nach einer Probepredigt am 20. Sonntag nach Trinitatis wurde Ende Oktober die endgültige Berufung ausgesprochen. Lübben bedeutete den Wechsel von der Residenz- in eine Provinzstadt. Dringlicher aber waren äußere Bedingungen; das Pfarrhaus mußte instand gesetzt werden, um Gerhardts Haushaltung mit sechs oder sieben Personen zu beherbergen, seine Möbel, Gerätschaften und nicht zuletzt die Büchersammlung angemessen aufzunehmen. Kleinliche Verzögerungen, Vor­würfe und formale Vorbehalte blieben dabei auf beiden Seiten nicht aus. Erst zu Pfingsten 1669 trat Gerhardt sein Amt an. Hier wirkte er noch sieben Jahre. Von weiterem Liedschaffen dieser Jahre ist nichts bezeugt. Außerdem fehlten Verlag und Druckerei am Ort. Ob die Beziehungen zu den früheren Freunden aus Berlin fortdauerten, ist unbekannt. Im 70. Jahr seines Lebens, also nach dem März 1676, schrieb Paulus Gerhardt sein Vermächtnis für den Sohn nieder, eine punktweise verfahrende Aufzählung von Lebensregeln, deren dichte Wirkung bis auf heutige Leser von der »fröhlichen Abfahrt« des Todes und der Heilsgewißheit des »lieben jüngsten Tages« getragen wird. Ebenfalls vom Geburtstag 1676 datiert eine Zahlungsanweisung für den Zimmermann, der dem Pfarrer den Viehstall ausgebessert hatte. Damit enden die Zeugnisse von Paulus Gerhardt. Am 27. Mai 1676 starb er nachmittags, am 7. Juni wurde er in der Lübbener Kirche vor dem Altar beigesetzt. Eine Leichenpredigt aus diesem Anlaß hat sich bisher nicht finden lassen.

Ist es Zufall, daß die Epistel eben auf den 20. Sonntag nach Trinitatis, an dem Gerhardt seine Lübbener Probepredigt hielt, die Verse enthält: »redet unterein­ander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singet und spielet dem Herrn in euren Herzen und saget Dank allezeit für alles Gott und dem Vater in dem Namen unsers Herrn Jesu Christi, und seid untereinander untertan in der Furcht Gottes« (Epheser 5, 19-21). Man könnte das Bibelzitat als Motto über Gerhardts Werk stellen. Bis zu seinem Wechsel nach Lübben, also für die Mittenwalder und Berliner Jahre, gilt sein reges Kirchenlieddichten. Die Lieder sind Werke eines reifen Mannes, gehören in sein vierzigstes bis sechzigstes Lebensjahr. Noch in den belastenden Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit in Brandenburg findet Gerhardt Halt und Bestärkung in seinen Liedern, die – offenbar nicht ohne seine Beteiligung – ab Februar 1666 und bis ins Folgejahr in zehn Dutzenden als Hefte erscheinen. Der Nachfolger Johann Crügers, der Berliner Kirchenmusikdirektor und Komponist Johann Georg Ebeling, ließ sie in Berlin drucken als »Pauli Gerhardi Geistliche Andachten / Bestehend in hundert und zwanzig Liedern / Auff Hoher und vornehmer Herren Anfoderung in ein Buch gebracht / Der göttlichen Majestät zu foderst Zu Ehren / denn auch der werthen und bedrängten Christenheit zu Trost / und einer jedweden gläubigen Seelen Zu Vermehrung ihres Christenthums Also Dutzendweise mit neuen sechsstimmigen Melodeyen gezieret.« Die Ausgabe sammelt das Werk Gerhardts, dessen Name hier erstmals den Titel einleitet. Von dieser Sammlung nahm Gerhardts Wirkung ihren hauptsächlichen Ausgang.

Ebelings bewundernswerte Melodienerfindung trug dazu bei, nicht aber seine für Chor und Solisten bestimmte, arios sechsstimmige Durchführung, auf die seit der zweiten Auflage im Druck denn auch verzichtet wurde. In dieser stimm­lichen Reduzierung spiegelt sich die Entwicklung, die zur Verwendung der Lieder im ›Hausgottesdienst‹ führt.

Wie schon der Titel, der sich an den von Andreas Hammerschmidt eingeführten, von Johann Rist dann übernommenen Begriff der »musikalischen Andachten« anschließt, in seiner ausladenden Beschreibung anzeigt, versteht Gerhardt sein Werk als Lieder zur Ehre Gottes, zum Trost der Kirche und zur Erbauung des einzelnen. Den einzelnen als identifikatorisch Nach­vollziehenden anzuspre­chen, ist ein wesentliches Anliegen des Textdichters Gerhardt; von hieraus begründen sich die vielen »ich«- und »wir«-Reflexionen, die seine Lieder durchziehen. Die damit verknüpfbare, persönliche Innigkeit kann ebenso im Gemeindegottesdienst wie in der persönlichen Einzelandacht eingesetzt werden. So ist ja auch Ebelings Sammlung weder ein Kirchengesangbuch noch ein Chor­buch für eine bestimmte Kantorei, sondern die Ausgabe eines einzelnen Liedver­fassers und Liedkomponisten für eine geistliche Hausmusik.

Vernachlässigt man einmal den Anteil, den die musikalische Vertonung an der Wirkung von Gerhardts Liedern hat, betrachtet man sie also als dichterische Texte, so entsteht der zusammenfassende Eindruck, daß sie gleichwertige Bei­spiele für das barocke Dichten des 17. Jahrhunderts abgeben. Die Texte sind biblisch, ja biblizistisch verankert, wenn der Pfarrer Paulus Gerhardt neben einer biblischen Mitte als Katalysator seines Dichtens centohaft weitere Neben­stellen der biblischen Bücher in Hülle und Fülle aufgreift. Freilich bleibt er nicht nur bibelbezogen; im Sinne damaliger rhetorischer Übung erweitert er die Text­aussage mit Rückgriffen auf eine alltäglich verfügbare, vom Rezipienten nach­stellbare Wirklichkeit des menschlichen Geschöpfs in der Natur. Die Sonne, die kopernikanisch-heliozentrisch den Mittelpunkt ausmacht, ist so zugleich stets metaphorisch übertragbar, christologisch beziehbar, als personales Du für ein auf es zentriertes Ich. Schon solches metaphorisches Verfügen und Vorstellen in einem geordneten Kosmos, dessen gegliederte Ebenen aufeinander verweisen, dazu die Aufnahme emblematischen Bilddenkens erweisen Gerhardt als Angehörigen seiner Zeit. Hier liegt der Grund für seine Nähe auch zu mystischen Neigungen, wie sie sich am auffälligsten in seiner Behandlung der pseudo-bernhardinisdien Passions-Hymnen, aber auch von Texten des Johann Arndt aus dem »Paradies- Gärtlein« bekunden. Formal fallen die hypotaktische Satzbildung, die Neuwort­bildungen und, wie Eugen Aellen schon in seiner Basler Dissertation 1912 aufwies, die rhetorischen Ziermittel des Sprachstils auf, der sowohl zu dem damaligen Predigtstil als auch zu der durch Opitz reformierten Kunstlyrik in Abhängigkeit steht. Gerhardts Lieder sind selbst Beispiele geistlicher Kunstlyrik seiner Zeit und auf der Höhe seiner Zeit. Neben den selten gebrauchten Alexandrinern stehen gegenläufige Rhythmen unterschiedlicher Versmaße, ja sogar eigenständig gebildete metrische Schemata, aber auch die traditionellen Formen des älteren evangelischen Kirchenliedes. Was jedoch den Sondercharak­ter dieser Texte ausmacht, ist ihre barocke Verweistechnik. Eingebettet in den Ablauf des Kirchenjahres gehen die Texte von der entsprechenden Bibelstelle des Evangeliums aus, reichern sie mit anderen Verweisen auf Bibel wie Alltag an und setzen das Lied in den verpflichtend seit der Kurfürstenbibel von 1640 vorge­gebenen lehrhaften Nutzen, den Trost oder die Vermahnung. Eine weitere Ebene der Bezüglichkeit ergibt sich noch aus der Kontrafaktur auf bekannte Kirchenlie­der und deren Melodien. Die Nachbildung etwa von Hebräer 10, 35 ff., »Geduld ist euch vonnöten …«, lebt so aus den Anspielungen des Verweises auf Text und Melodie von »Nun jauchzet all, ihr Frommen…« und »Von Gott will ich nicht lassen …« nebst deren jeweiligem biblischem Quellgrund. Eine solche komplexe Bedeutungserweiterung zu vergegenwärtigen, hilft bis heute keine neuere Ausgabe. Wenn Gerhardt durch die Rezeption auf einen Dichter der Glaubensinnigkeit verengt worden ist und wird, so gilt es demgegenüber an die zeitgenössischen Urteile zu erinnern, die in Paulus Gerhardt den geistreichen, nicht nur geistlichen Dichter, seine ›dulcedo‹ und ›perspicuitas‹ hervorheben. Nicht barocker Schwulst, vielmehr barock gedachte und rhetorisch ausgezierte, dazu lehrhaft und überredend gezielte Kunstübung ist für Paulus Gerhardt und sein Liedschaffen wiederzuentdecken.

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Als Gestalt der deutschen protestantischen Kirchengeschichte ist Paulus Gerhardt nicht auf Grund von systematisch entwickelten Lehren des Glaubens und des Dogmas eingebürgert; vielmehr verdankt er diesen stellvertretenden Rang der ununterbrochenen Rezeption seiner volkstümlich gewordenen Kirchenlieddich­tung, einer Rezeption zudem, die sich gelegentlich allerdings mit Erscheinungs­formen katholischer Heiligenverehrung berührt. Diese geschichtliche Entfal­tung der Rezeption in dokumentarischen Zügen einläßlich nachzuzeichnen, ist eine bis heute noch nicht eingelöste Aufgabe. Hier sollen abschließend nur einige beispielhafte Stationen Umrissen werden.

Nachdem die Ebelingsche Sammlung von 1666/67 im verbleibenden Jahrhundert noch siebenmal nachgedruckt worden war und ihr die Ausgabe des Zerbster Hofpredigers Johann Heinrich Feustking, der vorgab, sich auf das eigenhändig von Gerhardt korrigierte Exemplar zu stützen, mit drei Auflagen aus den Jahren 1707, 1717 und 1723 gefolgt war, lag über die anthologisierende Verwendung in den nach Herrschaftsbereichen regional begrenzten Kirchengesangbüchern ein gesammelter, annähernd vollständiger Text des gerhardtschen Dichtwerks zur allgemeinen Verfügung bereit. Während editorisches Bemühen um diese Texte nun für ein Jahrhundert brach lag, wandte sich ein gesteigertes Interesse zunächst der Biographie Ger­hardts zu. Ein frühes Beispiel enthält zumal »Pauli Gerhards […] hertzfreudiges Danck-Lied vor die unendliche Liebe Gottes […]. Ans Licht gestellet von Gabriel Wimmern« (Altenburg 1723). Wimmer war Pfarrer zu Alten-Merbitz bei Altenburg. Überhaupt gingen die vornehmlichen Anstöße der frühen Rezeption Gerhardts von Sachsen aus. Das hatte einen Grund in der dortigen pietistischen Glaubensrichtung mit ihrer Betonung der gemütvollen Glaubensinbrunst des einzelnen. Stellvertretend für solche pietistisch beeinfluß­te oder gar bestimmte Rezeptionshaltung sei wiederum ein frühes Werk ange­führt: Christian Gerbers »Historia derer Wiedergebohrnen in Sachsen, oder Exempel solcher Personen, mit denen sich im Leben oder im Tode viel Merck- würdiges zugetragen; als eine Continuation von Bruno Quinos Disce mori, oder Sterbe-Kunst, sowohl aus gewissen Urkunden, als eigener Erfahrung gesamm- let« (Dresden 1726; 4 Teile). Der umfängliche, hier wiedergegebene Titel enthält bereits das Programm: Die Sammlung ist angelegt auf den Vorbildcharakter einzelner historischer Persönlichkeiten der Kirchengeschichte zum erbaulichen Gebrauch der Nachgeborenen. Paulus Gerhardt, der dort im zweiten Teil behan­delt wird, erhält somit eine Verbindlichkeit für den auszeichnenden Anspruch der geistlichen Wiedergeburt; seinem in Absicht der Legende vorgetragenen Beispiel gilt es nachzueifern.

Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts waren Gerhardts Lieder dann weitverbrei­tetes Volksgut im protestantischen Deutschland. Rührend fast ist ein Zeugnis unter vielen: Aus Rom schreibt ein dort lebender Deutscher, der inzwischen zum Katholizismus übergetreten ist, und erbittet sich ein evangelisches Kirchenge­sangbuch von seinen Freunden in der Heimat. Als er es erhält, verbindet der Folgebrief den Dank zugleich mit einer Anklage: »Aber warum finde ich in dem Hannöverischen Gesangbuche mein Leiblied nicht: Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Licht! Lassen Sie diesen Mangel als eine Be­schwerde von mir an das Consistorium gelangen. Ich habe dieses Buch mit Noth nach Rom kommen lassen, und werde gezwungen, ein anderes Gesangbuch zu verschreiben. Es muß eine Ketzerey dahinter seyn, und verdienet Ahndung.« Es ist Johann Joachim Winckelmann, der dies am 23. Januar 1768 an den Göttinger Altertumswissenschaftler Heyne schreibt. Über das Anekdotische hinaus hat Winckelmanns Brief eine Signalwirkung für die Art der Aufnahme und Aneig­nung des Liedgutes von Paulus Gerhardt, für ihre emotionale Umwertung zum ›Leiblied‹.

Zeugnisse dieser Art ließen sich häufen. Zwar findet Friedrich II. von Preußen Gelegenheit, rationalistisch an Gerhardts »Nun ruhen alle Wälder …« zu mäkeln, doch sind solche Einwände selten und untypisch. Etwa gleichzeitig läßt Friedrich Gottlieb Klopstock es sich sauer werden, für die Sammlung seiner »Geistlichen Lieder«, die seit 1758 und bis über die Wende zum 19. Jahrhundert nachhaltig wirken, Lieder aus dem Schatz der Überlieferung, darunter auch von Paulus Gerhardt, gemäß seinen verstechnischen und sprachlichen Forderungen wie auch gemäß den neuen Vorstellungen zu verändern. Anders verhält sich Mat­thias Claudius, sonst ein uneingeschränkter Bewunderer Klopstocks, wenn er – Claudius – für den Erhalt der über Generationen vertraut gewordenen Texte eintritt, und zwar auch um den Preis, archaisch gewordene Stellen als weitge­hend mißverstandene hinnehmen zu müssen. Claudius’ Huldigung für Paulus Gerhardt besteht darin, daß sein berühmtestes Gedicht, das später selbst zum erbaulichen Kirchenlied werden sollte, »Der Mond ist aufgegangen …«, in Thema wie Strophenform an Gerhardts »Nun ruhen alle Wälder …« angelehnt ist und daß der berühmte Brief »An meinen Sohn Johannes« sowohl auf die Vermächtnisse der apokryphen Bücher Tobias und Jesus Sirach zurückblickt als auch auf Paulus Gerhardts Testament für dessen Sohn.

Die Romantiker hingegen suchten Anschluß an andere, verschüttete Traditionen des Liedgutes. So fehlt Gerhardt überhaupt in Brentanos und Arnims Sammlung »Des Knaben Wunderhorn«. Und Goethes Brief aus der Entstehungszeit des »West-östlichen Divans«, am 15. November 1815 an die Willemers nach Frank­furt gerichtet, setzt zwar munter ein: »Ob ich gleich nicht mit dem frommen Paul Gerhardt singen dürfte…«, doch die anschließend zitierte Strophe »Den liebsten Buhlen, den ich hab …« entstammt einem Trinklied des Johann Fischart …

Rudolf Borchardts Anthologie »Ewiger Vorrat deutscher Poesie« von 1926 erfaßt als bleibenden, ewigen Beitrag Gerhardts die Lieder »Nun ruhen alle Wälder …« und »O Haupt voll Blut und Wunden …«. Gewichtiger noch wiegen Trost, Freude und Aufmunterung in jüngerer Vergangenheit, wie sie Verfolgte und Inhaftierte in Gefängnissen und Konzentrationslagern erfuhren und mit Dank an Paul Gerhardt bekannten. So schreibt Dietrich Bonhoeffer im November 1943: »In den ersten 12 Tagen, in denen ich hier als Schwerverbrecher abgesondert und behandelt wurde – meine Nachbarzellen sind bis heute fast nur mit gefesselten Todeskandidaten belegt -, hat sich Paul Gerhardt in ungeahnter Weise bewährt.«

Das Evangelische Kirchengesangbuch in seiner heute gültigen Zusammenstel­lung enthält vierzig Lieder von Paulus Gerhardt. Kein Lieddichter, auch nicht Luther, ist mit mehr Beiträgen dort vertreten. In diesen Liedern lebt Gerhardt als lebendige Gestalt der Kirchengeschichte weiter. Das reicht für seine Nachwir­kung.

Nur aus historischer Warte, die deshalb nicht als akademisch diffamiert zu werden braucht, schließt sich eine zweifelnde Überlegung an: Die Liedtexte Gerhardts sind Wandlungen, Änderungen und vor allem Kürzungen im Laufe der Zeit unterzogen worden. Sie dienen dennoch wirkungsvoll einer erbaulichen Betrachtung des einzelnen Gläubigen oder der kirchlichen Gemeinschaft. Ger­hardts theologische Auseinandersetzung mit seiner Obrigkeit, ein Beispiel für die Verschränkung von hartköpfiger Orthodoxie und frühbürgerlicher Zivilcou­rage, ist vergessen oder zur Legende verschoben; sie wird nicht mehr rezipiert. So ist trotz seines allgemein anerkannten Ranges in der konfessionellen Kirchen­geschichte die Gestalt des Paulus Gerhardt weitgehend verblaßt. Doch auch in unserer Zeit und für unsere Zeit lohnt es, diesen Paulus Gerhardt mit kritischem und historischem Bedacht wiederzuentdecken, ihn wieder zur Gestalt werden zu lassen.

Quellen

Eine kritische Ausgabe der Lieder, Predigten, Schriften und Briefe fehlt bis heute.

Leben und Lieder des Paulus Gerhardt. Hg. von E. C. G. Langbecker. Berlin 1841 (Akten und Urkunden des Berliner Kirchenstreites).

Paul Gerhardts Geistliche Andachten. Hg. von O. Schulz. 3. Aufl. Berlin 1869.

Paul Gerhardt, Dichtungen und Schriften. Hg. von E. v. Cranach-Sichart. München 1957 (Leseausgabe).

Paul Gerhardt, Geistliche Andachten (1667). Samt den übrigen Liedern und lateinischen Gedichten. Hg. von F. Kemp. Bern-München 1976 (Faksimileausgabe).

G. Dünnhaupt: Personalbibliographien zu den Drucken des Barock. Zweite verbesserte und wesentlich vermehrte Auflage des Bibliographischen Handbuches der Barocklite­ratur. Dritter Teil. Stuttgart 1991, S. 1589-1598 (Umfassendste Bibliographie der Originalausgaben).

Darstellungen

Petrich, H.: Paul Gerhardt. Seine Lieder und seine Zeit. Gütersloh 1907.

Ders.: Paul Gerhardt. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Geistes. Auf Grund neuer Forschungen und Funde. Gütersloh 1914 (Standard-Biographie).

Fechner, J.-U.: Paul Gerhardts Lied. Tradition und Innovation. In: Literaturwissenschaft­liches Jahrbuch NF 17 (1976), S. 1-21.

Jenny, M.-Nievergelt, E. [Hgg.]: Paul Gerhardt. Weg und Wirkung. Zürich 1976.

Hoffmann, H. [Hg.]: Paul Gerhardt. Dichter-Theologe-Seelsorger 1607-1676. Beiträge der Wittenberger Paul-Gerhardt-Tage 1976. Mit Bibliographie und Bildteil. Berlin 1978.

Krummacher, H.-H.: Paul Gerhardt. In: H. Steinhagen und B. von Wiese, Hrsgg.: Deut­sche Dichter des 17. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk. Berlin 1984, S. 270-288.

Reinitzer, H.: Paul Gerhardts biblische Bildersprache. In: A. Schöne, Hrsg.: Kontrover­sen, alte und neue. Akten des 7. Internationalen Germanisten-Kongresses Göttingen 1985. Tübingen 1986, Bd. VII, S. 196-206.

Brunners, Chr.: Paul Gerhardt. Weg – Werk – Wirkung. Berlin 1993.

Quelle: Martin Greschat (Hrsg.), Gestalten der Kirchengeschichte, Bd. 7: Orthodoxie und Pietismus, Stuttgart: Kohlhammer, 21994, S. 177-190.

Hier der Text als pdf.

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