Eberhard Jüngel, Pfingsten — Aufruhr zur Treue (1968): „Die Aufklärung der Welt durch den Heiligen Geist lautet dahin, dass wir für unser Heil nichts zu tun haben. Religiöser Eifer schadet nur. Es gibt kein anderes Heil, als Gott kom­men zu lassen. Das klingt fast zu einfach, um wahr zu sein. Aber die Wahrheit ist mitunter halt einfach. Mit dem Einfa­chen anzufangen ist noch immer schwierig genug. Zur Auf­klärung der Welt gehört aber auch dies, dass wir, weil für unser Heil nichts zu tun ist, für das Wohl der Welt nicht genug tun können. Nicht alles auf einmal. Das Wohl der Welt wird en détail besorgt. Oder gar nicht. Der Heiland der Welt geht aufs Ganze. Die christliche Bitte, Gott kommen zu lassen, ermuntert die Welt, Schritt für Schritt zu sich selbst zu kommen. Nur keine Sprünge!“

Pfingsten — Aufruhr zur Treue (1968)

Von Eberhard Jüngel

Gottes zweite Heimat – der Mensch. Dem zeitlichen Men­schen, seiner irdischen Welt gilt ewige Treue. Sie wartet darauf, erwidert zu werden. Treue um Treue. Wenn Gottes treuer Geist den Menschen berührt und der Mensch sich von diesem Geist anrühren, aufrühren läßt, dann ereignet sich Pfingsten: Aufruhr zur Treue.

Gott — ist die verlorene Heimat des Menschen. Das ist traurig, aber wahr Es ist die traurige Wahrheit vom treulo­sen Menschen. Doch das treulose Geschöpf wird zur Heimat des Schöpfers. Der Mensch ist erwählt. Das ist erfreulich und erst recht wahr. Es ist die erfreuliche Wahrheit der Pfing­sten. Die Wahlheimat Gottes – das ist der Mensch. Deshalb kommt Gott unentwegt auf den Menschen zurück. Er ist gern dort. Ihm macht es Freude, uns treu zu sein.

Treue bewährt sich. Und in ihr bewähren wir uns. Wer einem Anderen die Treue hält, bleibt sich selbst treu. Ein treues Leben stimmt, weil es mit einem anderen Leben zusammenstimmt. Wer Treue bricht, droht selbst zu zerbre­chen. Ein untreues Leben wird verhältnislos. Es schrumpft sozusagen auf sich selber und zugleich in sich selbst erbärm­lich zusammen. In einem treulosen Leben stimmt vieles nicht mehr.

Darüber herrscht Einigkeit: Wir leben in einer Welt, in der es nicht stimmt. Man kann darüber hinweg gehen, weil es immer so war, weil das sich bestimmt nicht ändern läßt, daß es irgendwann irgendwo eben nicht stimmt. Irgendwann? Irgendwo? Das wäre beruhigend. Es ist anders. Es stimmt heute und hier nicht. Es stimmt von Grund auf etwas nicht, wenn der Mensch mit seiner Welt nicht mehr zusammen­stimmt. Da verstehen wir plötzlich die Welt nicht mehr. Und zuweilen versteht man sich selbst nicht mehr. Und schon längst verstehen wir Gott nicht mehr. Es ist so einfach, ihn nicht zu verstehen. Man braucht nur nicht zu wollen. Und eben das ist der Fall. Wer darüber hinweg geht, soll sich nicht wundern, wenn es morgen noch weniger und schließ­lich überall überhaupt nicht mehr stimmt.

Pfingsten ist ein göttlicher Hinweis darauf, daß unsere Welt nicht unverbesserlich ist. Es muß nicht stimmen. Es muß nicht verhältnislos sein und immer verhältnisloser noch wer­den in dieser Welt. Es geht auch anders. Zwar ist das Wohl der Welt noch nicht unser Heil. Aber mit unserem Heil steht auch das Wohl der Welt auf dem Spiel. Die Welt kann erneuert werden – wenn der Mensch sich erneuern läßt. Damit dies geschieht, damit die Menschheit nicht an sich selber zerbricht, sondern von Grund auf erneuert wird, deshalb kommt Gott in seiner Treue immer wieder auf den Menschen zurück: erwählt sich ein Volk, engagiert sich Propheten, kommt selbst in sein Eigentum, läßt sich von Menschen mit Menschen bekannt machen. Und macht sich schließlich selber als Mensch bekannt. Im Namen dieses Menschen, im Namen des neuen Menschen, im Namen Jesu Christi kommt Gott erneut und erneuernd auf uns Menschen zurück. Er kann es nicht lassen. Das heißt Heiliger Geist: Gott kann uns nicht lassen, weil er die Heimat seiner Wahl nicht aufgeben will. Verödung und Verwüstung seiner menschlichen Heimat schrecken ihn nicht. Er kommt mit Strömen lebendigen Wassers, um da, wo es wüst ist, Oasen zu schaffen. Er kommt mit feurigen Flammen, um längst erstarrte Vorstellungen und die viel zu fest gefrorenen Ein­stellungen im Osten und Westen der Welt aufzutauen. Er kommt gerade eben so, wie es nötig ist. Gott ist treu – Gott sei Dank.

Es ist eine vehemente, eine stürmische Treue, mit der Gott die treulose Menschen-Welt heimsucht. Nicht umsonst hat­ten Juden und Griechen für Gottes heimsuchenden Geist und den wehenden Wind dasselbe Wort. Jeder Geist hat etwas Bewegendes. Die Bewegung des Geistes soll man nicht hindern. Den Ungeist soll man dämpfen. Den Geist jedoch dämpfe man nicht. Und den Heiligen Geist schon gar nicht. Denn er ist die Vehemenz göttlicher Treue, die über alle irdischen Grenzen hinweg Menschen in dieselbe Rich­tung zum selben Ziel in Bewegung setzt – dem neuen Menschen Jesus Christus entgegen. So entsteht seine Ge­meinde. Sie lebt in neuen Verhältnissen. Sie will ihrem Gott die Treue halten und läßt sich auch von ihren eigenen Schwächeanfällen nicht irritieren. Der Heilige Geist führt sie ins Freie, aus Verhältnislosigkeit in ein neues, freies Verhält­nis vor allem zur Zukunft. Denn der Heilige Geist ist ein offener Geist. Wo er kommt, geht es weiter. Wo er wirkt, geht es unwiderruflich voran. Und er kommt nur zu gern, um weltlich zu wirken. Gottes zweite, erwählte Heimat ist wirk­lich der Mensch. Bei ihm will er sein. Und er hofft, aus seiner Wahlheimat nicht vertrieben zu werden.

Freilich, Hoffen und Harren … Hält Gott sich zum Narren? Hat ihm die Menschheit nicht längst und endgültig den Abschied gegeben? Treibt die christliche Kirche mit ihrer Rede von Gott nicht ein Narrenspiel? Je nachdem, wie man’s nimmt! Man kann es so nehmen, daß man den Mann, der einem unentwegt treulosen Partner unbeirrt und ent­schieden die Treue hält, einen Narren nennt. Und den Treulosen vielleicht einen mündigen Menschen. Die christ­liche Verkündigung vom treuen Gott wäre dann wohl ein Narrenspiel. Sei’s drum’ Zuweilen wurden sogar Könige durch Narren Weisheit zur Wahrheit geführt. Die christliche Kirche sollte sich vor dem Vorwurf, eine Narrenrolle zu spielen, am allerwenigsten fürchten. Sie könnte der Welt gerade damit die Treue halten – wie ja auch der Narr auf den Brettern, die die Welt bedeuten, der treueste Anwalt der Welt ist.

Aber auch wenn man es anders nimmt, wenn man sich Gottes vehemente Treue gefallen und wohl gefallen läßt, kann man die noch heillose Welt nicht gewaltsam erneuern. Gewalt greift nie tief genug, um eine heilsame Ordnung zu schaffen. Und Treue läßt sich schon gar nicht erzwingen. Erzwungene Treue ist ein Selbstwiderspruch, der sich rächt – auch unter Völkern. So vehement Gottes Treue, so stür­misch sein Geist auch ist – er vergewaltigt nicht. Der freie Gott will einen freien Menschen in einer freien Welt. Der unfreie Mensch kann nicht frei geprügelt werden. Die Freiheit läßt bitten.

Und Gottes Geist bittet auch. Das Licht, mit dem er die Welt erleuchtet, ist nicht der grelle Strahl eines Scheinwerfers, der unsere Augen gleichsam kommandiert. Auch nicht der breite Schein der Mittagssonne, die alles gleichermaßen ins Helle taucht. Sondern eher das anfängliche Licht einer Morgenrö­te, die am Horizont der Welt einen neuen Tag verheißt: den Tag Jesu Christi. Man kann die Morgenröte dieses neuen Tages verschlafen. Und es sieht – trotz allem! — so aus, als sei unsere Welt um fast 2000 Jahre verspätet. Vorerst wird eben noch nicht mit Posaunen geweckt. Die Welt wird gebeten. An Christi Statt bitten die Christen. So spielen sie ihre Narren­rolle, die ihnen nun einmal besser ansteht als Arrangements mit dem oder Arrangements gegen das Establishment. Bit­tend vertreten sie Gott. Denn bittend kommt Gott auf den Menschen zurück.

Doch für den Gott, der bittend auf den Menschen zurück­kommt, läßt sich nicht viel tun. Ihn muß man kommen lassen. Das ist alles. Mit der Bitte, den vielfältig kommenden Gott doch auch kommen zu lassen, sorgt der Heilige Geist auf seine Weise für das Wohl der Welt. Indem er um Treue wirbt, klärt er die Welt auf. Indem er Glauben weckt, ruft er zur Vernunft Der Heilige Geist ist der intimste Freund des gesunden Menschenverstandes. Aufklärung durch den Heili­gen Geist ist der Eingang des Menschen in seine ihm nicht geschuldete Mündigkeit. Die zu Pfingsten ohne den Heiligen Geist ausgingen, behaupteten, er mache trunken.

Die Aufklärung der Welt durch den Heiligen Geist lautet dahin, daß wir für unser Heil nichts zu tun haben. Religiöser Eifer schadet nur. Es gibt kein anderes Heil, als Gott kom­men zu lassen. Das klingt fast zu einfach, um wahr zu sein. Aber die Wahrheit ist mitunter halt einfach. Mit dem Einfa­chen anzufangen ist noch immer schwierig genug. Zur Auf­klärung der Welt gehört aber auch dies, daß wir, weil für unser Heil nichts zu tun ist, für das Wohl der Welt nicht genug tun können. Nicht alles auf einmal. Das Wohl der Welt wird en détail besorgt. Oder gar nicht. Der Heiland der Welt geht aufs Ganze. Die christliche Bitte, Gott kommen zu lassen, ermuntert die Welt, Schritt für Schritt zu sich selbst zu kommen. Nur keine Sprünge!

Also: genau eben da, wo die Untreue eines Menschen gegen Gott endet, fängt der Mensch an, sich selber und seiner Welt treu zu werden. Und der Mensch beginnt, die Heimat auch des Menschen zu werden. Das ist — mit einem alten Aus­druck zu reden – die Neue Zeitung des Heiligen Geistes, die in allen menschlichen Sprachen erscheinen will.

Quelle: Neue Züricher Zeitung, 2. Juni 1968, S. 1.

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