Von Michael M. Hoffmann (Fragen) und Karl Barth (Antworten)
I. Fragen
1. Womit erklären Sie die ungeheure Interesselosigkeit der Allgemeinheit gegen die protestantische Kirche?
Auf welchem Wege erwarten Sie die Neubelebung des Protestantismus?
2. Was kann dazu getan werden, daß die protestantische Kirche wieder Angelegenheit des Volkes wird?
3. Wie beurteilen Sie die heutige Jugend in religiöser Hinsicht?
4. Welches erscheint Urnen als die ideale Wechselbeziehung zwischen Staat und Kirche?
5. Darf, Ihrer Meinung nach, die Kirche Politik treiben und in welcher Form?
6. Halten Sie die Vereinigung der christlichen Kirchen für ein auf der Erde zu erstrebendes Ziel? Welche Wege, glauben Sie, können dahin führen?
7. Halten Sie den Bolschewismus für die evangelische Welt für eine Gefahr, und mit welchen Mitteln ist ihr zu begegnen?
8. Sehen Sie in der Gegenwart das intensive Bestreben nach Vereinfachung des Weltbildes einerseits, – den Hunger nach übersinnlichem Erleben anderseits, und wo sehen Sie das Berechtigte dieser beiden entgegengesetzten Faktoren und wie unterstützen bzw. bekämpfen Sie sie?
II. Antworten
Bonn, Siebengebirgstraße 18, 21. Juni 1932.
Sehr geehrter Herr Hoffmann!
Auf Ihre Fragen würde ich folgendes antworten:
1. Die „Interesselosigkeit der Allgemeinheit gegen die protestantische Kirche“ erklärt sich daraus, daß die protestantische Kirche seit ca. 200 Jahren tatsächlich weithin aufgehört hat, interessant zu sein, indem sie sowohl ihre Substanz als Kirche wie ihre Gestalt als protestantische Kirche weithin verloren hat. Die katholische Kirche ist der Allgemeinheit darum mit Recht „interessanter“, weil sie sowohl ihre Substanz als Kirche, wie auch ihre (antichristliche!) Gestalt als katholische Kirche im Ganzen zu wahren gewußt hat.
Eine wirkliche Neubelebung des Protestantismus könnte nur darin bestehen, daß er nicht mehr – ismus, d.h. das Kompromiß-System einer religiösen Fraktion, sondern nur noch – rücksichtslos gegen alle von außen kommenden (philosophischen, moralischen, ästhetischen, politischen) Ansprüche und Maßstäbe in Ausrichtung der ihm aufgetragenen Botschaft protestantische Kirche sein wollte.
Nach meiner Kenntnis der Menschen und Verhältnisse im Raum der deutschen und der schweizerischen protestantischen Kirche halte ich es nicht für wahrscheinlich, daß diese Neubelebung in den nächsten Zeiten Ereignis werden wird.
2. Die Kirche kann und soll keine „Angelegenheit des Volkes“ sein, wohl aber müßte das „Volk“, nämlich der wirkliche Mensch in seiner wirklichen Not und mit seinen wirklichen Fragen, wieder ganz anders eine Angelegenheit der Kirche werden. Dies würde dann der Fall sein, wenn die protestantische Kirche, unter Verzicht auf die Ideologien, von denen sie jetzt weithin lebt, in Rückkehr zu ihrem christlichen Thema und zu ihrer protestantischen Sprache (s. oben) ihre ursprüngliche und notwendige Bezogenheit zum „Volk“ wieder entdecken würde.
3. Die heutige Jugend ist in religiöser Hinsicht so entschlossen und fröhlich heidnisch, aber auch so reif zur Erkenntnis Gottes in Christus, wie dies vermutlich von der Jugend, aber schließlich in anderer Form, auch vom Alter aller Zeiten zu sagen gewesen ist und zu sagen sein wird. – Man darf sie bitten, sich sowohl in ihrer „Heutigkeit“ wie in ihrer „Jugendlichkeit“ nicht allzu wichtig zu nehmen.
4. Es gibt keine „ideale“ Wechselbeziehung zwischen Staat und Kirche, wie es auch keine „ideale“ Wechselbeziehung zwischen Philosophie und Theologie gibt. Staat und Kirche sind göttliche Ordnungen unter Voraussetzung der Sünde, d.h. der menschlichen Unordnung, die von keinem Tag auf den andern und also auch in keiner Idee zu überwinden ist. In der Realität des Reiches Gottes, die in Staat und Kirche das Gemeinte ist, gibt es beide nicht mehr und also auch keine Wechselbeziehung zwischen beiden. Jede rebus sic stantibus wirkliche Wechselbeziehung zwischen beiden wird eine Darstellung der Konkurrenz zwischen dem (von der Kirche vertretenen) göttlich verheißenen und gebotenen und dem (vom Staat vertretenen) menschlich verwirklichten Recht bedeuten müssen. Gut ist eine solche Darstellung, die dieser Konkurrenz Freiheit bietet, ungut eine solche, die sie verheimlichen oder unterdrücken will.
5. Die Verkündigung der Kirche ist per se politisch, sofern sie die in der Unordnung befindliche heidnische Polis zur Verwirklichung von Recht aufzurufen hat. Gut ist sie dann, wenn es das konkrete Gebot Gottes, ungut ist sie dann, wenn es die abstrakte Wahrheit einer politischen Ideologie ist, was sie vertritt.
6. Eine Vereinigung der christlichen Kirchen (gemeint ist wohl: Konfessionen) kann nur insofern ein erstrebenswertes Ziel sein, als sich in ihnen bloß zufällig äußerlich getrennte, aber grundsätzlich unter sich vereinbare Bekenntnisse desselben Glaubens gegenüberstehen, nicht aber, wie z.B. im Gegensatz des Evangelischen und des Römisch-Katholischen, je das die Gegenseite als Irrtum ausschließende Bekenntnis eines anderen Glaubens. Auch in Bezug auf die im ersten Fall möglichen Vereinigungen ist aber zu sagen, daß es für die evangelische Kirche dringlichere Aufgaben gibt, als gerade diese.
7. Der Bolschewismus ist nur die asiatisch-drastische Gestalt der neuheitlichen Geistesbewegung, die in Westeuropa deutlich schon in der Renaissance des 16. Jahrhunderts eingesetzt hat (die z.B. auch in dem durch die französische Revolution abgelösten Absolutismus des Zeitalters Ludwigs XIV. und dann in jener Revolution selber auf dem Plan war) und die ihrerseits wieder nur ein Exponent des Antichristentunis ist, das der Politik des christlichen Glaubens z.B. auch im römischen Papsttum gegenüberstand und noch steht. Den Bolschewismus besonders tragisch zu nehmen, zeugt von wenig Einsicht. Die Kirche hat ihm nicht in Form von direkter Bekämpfung zu begegnen, sondern indem sie den Antichrist in ihren eigenen Mauern bekämpft. Dort und nur dort kann er ihr gefährlich und kann er von ihr überwunden werden.
8. Auch das intensive Bestreben nach Vereinfachung des Weltbildes und der Hunger nach übersinnlichem Erleben kann nicht als besonderes Merkmal gerade der Gegenwart gelten, obwohl beide gewiß auch für die Gegenwart bezeichnend sind. Beide gehören zusammen und sind in ihrer dialektischen Bezogenheit charakteristisch für die immanente vorläufige, d.h. durch die christliche Verkündigung bzw. durch den christlichen Glauben noch nicht oder nicht mehr erschütterte Problematik des heidnischen Menschen, wie er schon in der römischen Kaiserzeit gelebt hat. Beide sind durch die evangelische Kirche weder zu unterstützen noch zu bekämpfen. Beiden hat sich vielmehr ihre in den drei Artikeln des Glaubensbekenntnisses zusammengefaßte Botschaft schlicht gegenüberzustellen.
In vorzüglicher Hochachtung
Ihr Prof. D. Karl Barth.
Quelle: Michael M. Hoffmann (Hrsg.), Jugend und Krisis der Kultur. Akademische Arbeitstagung Europäischer Jugend [Sonderpublikation der »Agni«. Internationale Zeitschrift für Kultur und Kunst], Berlin-Leipzig 1932, S. 36-38.