Martin Luther Vorrede zu Unterricht der Visitatoren an die Pfarrherrn im Kurfürstentum zu Sachsen (1528): „Da uns jetzt das Evangelium durch unaussprechliche Gnade Gottes so barmherzig wiedergekommen oder sogar erst überhaupt aufgegangen ist und wir dadurch gesehen haben, wie elend die Christenheit verwirrt, zerstreut und zerrissen ist, hätten wir auch dieses rechte bischöfliche und Besuchsamt, als aufs höchste vonnöten, gern wieder eingerichtet gesehen. Aber weil unser keiner dazu berufen war oder mit Gewissheit den Auftrag hatte und St. Petrus in der Christenheit nicht etwas schaffen lassen will, man sei denn gewiss, dass es Gottes Geschäft sei, hat sich keiner vor dem anderen erdreistet, es auf sich zu nehmen. Da haben wir sicheres Spiel haben wollen und uns an das Amt der Liebe gehalten, welches allen Christen gemeinsam geboten ist, und sind demütig mit Bitten an den durchlauchtigsten hochgeborenen Fürsten und Herrn, Herrn Johann, unseren gnädigsten Herrn als den Landesfürsten und unsere eindeutige weltliche Obrigkeit, die uns von Gott verordnet ist, herangetreten, dass Seine Kurfürstliche Gnaden aus christlicher Liebe — denn nach weltlicher Obrigkeit sind sie nicht verpflichtet — und um Gottes willen, dem Evangelium zugut und den elenden Christen in S.K.F.G. Landen zu Nutz und Heil gnädiglich etliche tüchtige Personen zu diesem Amt auffordern und verordnen sollten.“

Vorrede zu: Unterricht der Visitatoren an die Pfarrherrn im Kurfürstentum zu Sachsen (1528)

Von Martin Luther

Ein wie göttliches, heilsames Werk es ist, die Pfarreien und christlichen Gemeinden durch verständige, geeignete Leute zu besuchen, zeigen uns das Neue und Alte Testa­ment zur Genüge an. Denn so lesen wir, daß St. Petrus im jüdischen Land umherzog, Apg. 9,32, und St. Paulus mit Barnabas, Apg. 15,36, auch aufs neue alle Orte durchzog, wo sie gepredigt hatten. Und in allen Briefen bezeugt er, wie er um alle Gemeinden und Pfarreien besorgt ist, Briefe schreibt, seine Jünger sendet, auch selber läuft, ebenso wie auch die Apostel, Apg. 8,14: »Als sie hörten, daß Samaria das Wort angenommen hatte, sandten sie Petrus und Johannes zu ihnen.« Und im Alten Testament lesen wir auch, daß Samuel jetzt zu Rama, jetzt zu Nobe, jetzt zu Gilgal und so weiter nicht aus Lust zu spazieren, sondern aus Liebe und Pflicht seines Amtes, dazu aus Not und Bedürfnis des Volkes umherzog, wie denn auch Elia und Elisa es taten, wie wir in den Königsbüchern (2.Kön. 2,1ff.) lesen. Dieses Werk hat auch Christus selbst aufs eifrigste vor allen getan, so daß er deshalb auch nicht einen Ort auf Erden behielt, da er sein Haupt hinlegte, der sein eigen wäre. Ja, noch im Mutterleib fing er damit an, als er mit seiner Mutter über das Gebirge ging und St. Jo­hannes besuchte.

Dieses Beispiel haben auch die alten Väter, die heiligen Bischöfe, vorzeiten mit Eifer betrieben, wie auch noch viel darüber in den päpstlichen Gesetzen zu finden ist. Denn aus dieser Tätigkeit sind ursprünglich die Bischöfe und Erzbischöfe hervorgegangen, je nach dem, wie ei­nem jeglichen viel oder wenig zu besuchen und zu visitie­ren aufgetragen wurde. Denn eigentlich heißt ein Bischof ein Aufseher oder Visitator, und ein Erzbischof der, der über diese Aufseher und Visitatoren gesetzt ist. Denn ein jeglicher Pfarrer soll seine Pfarrkinder besuchen, auf sie acht haben und darauf sehen, wie man da lehrt und lebt, und der Erzbischof soll solche Bischöfe besuchen, auf sie acht haben und darauf sehen, wie sie lehren. Doch schließ­lieh ist dieses Amt eine solche weltliche, prächtige Herr­schaft geworden, in der die Bischöfe sich zu Fürsten und Herren gemacht und dieses Besuchsamt irgendeinem Propst, Vikar oder Dechanten übertragen haben; und hernach, da Pröpste und Dechanten und Domherren auch faule Junker geworden waren, wurde es den Offizialen übertragen, die mit Vorladungen die Leute plagten in Geldsachen und niemanden besuchten.

Endlich, als es nicht mehr schlimmer und tiefer fallen konnte, blieb Junker Offizial auch daheim in der warmen Stube und schickte irgendeinen Schelm oder Buben, der auf dem Land und in den Städten umherlief und, wenn er durch böse Mäuler und Verleumder etwas in den Schen­ken von Manns- oder Frauenspersonen hörte, es dem Offizial anzeigte; der griff sie dann auf nach seinem Schin­deramt, schabte und preßte Geld auch von unschuldigen Leuten und brachte sie außerdem um Ehre und guten Leumund, woraus Mord und Jammer kam. Daher ist auch der heilige Send oder Synodus unterblieben.

Summa: Dieses kostbare, edle Werk ist ganz dahinge­fallen und nichts davon übriggeblieben, als daß man die Leute um Geldes, Schulden und zeitlichen Gutes willen vorgeladen und in den Bann getan oder eine »göttliche Ordnung« von Antiphonen und Versikeln, in den Kir­chen zu plärren, aufgestellt hat. Aber wie man lehren, glauben, lieben, wie man christlich leben solle, wie die Armen versorgt werden, wie man die Schwachen tröstet, die Zügellosen straft und was sonst noch zu diesem Amt gehört, dessen ist nie gedacht worden. Bloße Junker und Prasser sind es geworden, die den Leuten das Ihrige ver­zehrt und nichts, ja vielmehr statt dessen reinen Schaden getan haben. Und so ist dieses Amt ebenso wie alle heilige, christliche alte Lehre und Ordnung auch zum Spott und Gaukelwerk des Teufels und Antichrist geworden, unter greulichem, schrecklichem Verderben der Seelen.

Denn wer kann aufzählen, wie nützlich und notwendig dieses Amt in der Christenheit ist! Am Schaden kann man’s merken, der daraus gekommen ist seit der Zeit, da es dahingefallen und entstellt worden ist; ist doch keine Lehre, kein Stand recht oder rein geblieben, sondern es sind dagegen so viele greuliche Rotten und Sekten auf­gekommen, wie die Stifte und Klöster es sind, durch welche die christliche Kirche völlig unterdrückt gewesen, der Glaube erloschen, Liebe in Zank und Krieg verwan­delt, das Evangelium unter die Bank gesteckt worden ist und bloßes Menschenwerk, -lehre und -träume anstelle des Evangeliums regiert haben. Da hatte freilich der Teu­fel leicht handeln, weil er dieses Amt darnieder und unter sich gebracht und lauter geistliche Gespenster und Mönchskälber aufgerichtet hatte, so daß ihm niemand widerstand. Dabei hat man doch schon große Mühe, auch wenn das Amt recht und eifrig in Übung ist, wie Paulus den Thessalonichern, Korinthern und Galatern klagt, daß auch die Apostel selbst alle Hände voll damit zu tun hatten. Was für Nutzen sollten dann die müßigen, faulen Bäuche hier schaffen!

Demnach, da uns jetzt das Evangelium durch unaus­sprechliche Gnade Gottes so barmherzig wiedergekom­men oder sogar erst überhaupt aufgegangen ist und wir dadurch gesehen haben, wie elend die Christenheit ver­wirrt, zerstreut und zerrissen ist, hätten wir auch dieses rechte bischöfliche und Besuchsamt, als aufs höchste von­nöten, gern wieder eingerichtet gesehen. Aber weil unser keiner dazu berufen war oder mit Gewißheit den Auftrag hatte und St. Petrus in der Christenheit nicht etwas schaf­fen lassen will, man sei denn gewiß, daß es Gottes Ge­schäft sei (1.Petr. 4,11), hat sich keiner vor dem anderen erdreistet, es auf sich zu nehmen. Da haben wir sicheres Spiel haben wollen und uns an das Amt der Liebe gehal­ten, welches allen Christen gemeinsam geboten ist, und sind demütig mit Bitten an den durchlauchtigsten hoch­geborenen Fürsten und Herrn, Herrn Johann, Herzog zu Sachsen, des Römischen Reichs Erzmarschall und Kur­fürsten, Landgrafen in Thüringen, Markgrafen zu Mei­ßen, unseren gnädigsten Herrn als den Landesfürsten und unsere eindeutige weltliche Obrigkeit, die uns von Gott verordnet ist, herangetreten, daß Seine Kurfürstliche Gnaden aus christlicher Liebe — denn nach weltlicher Obrigkeit sind sie nicht verpflichtet — und um Gottes willen, dem Evangelium zugut und den elenden Christen in S.K.F.G. Landen zu Nutz und Heil gnädiglich etliche tüchtige Personen zu diesem Amt auffordern und verord­nen sollten. Welches denn S.K.F.G. gnädig durch Gottes Wohlgefallen getan und ausgerichtet und es den folgen­den vier Personen anbefohlen haben, nämlich dem ge­strengen, ehrenfesten Herrn Hans Edlen von der Planitz, Ritter usw., dem achtbaren hochgelehrten Herrn Hiero­nymus Schurff, Doktor der Rechte usw., dem gestrengen und festen Asmus von Haubitz usw. und dem achtbaren, hochgelehrten Herrn Philippus Melanchthon, Magister usw. Gott gebe, daß es allen anderen deutschen Fürsten ein seliges Beispiel sei und werde, fruchtbar danach zu handeln, welches Christus auch zuletzt reichlich vergelten wird. Amen.

Weil aber der Teufel durch seine giftigen, unnützen Mäuler kein göttliches Werk ungeschmäht und ungeschabernackt lassen kann und bereits durch unsere Feinde viel daran auszusetzen und zu verdammen hat, so daß sogar etliche prahlen, unsere Lehren hätten uns gereut und wir seien zurückgewichen und hätten widerrufen – und wollte Gott, daß dies ihr Prahlen von rechter Art wäre und unser Widerrufen bei ihnen gelten müßte, so würden sie freilich viel eher auf unsere Seite als wir auf die ihre treten, würden unsere Lehre bestätigen und ihre Sache widerrufen müssen! —: so bin ich veranlaßt, dieses alles, was die Visitatoren ausgerichtet und schriftlich un­serm gnädigsten Herrn angezeigt haben, nachdem ich es, von ihnen mit allem Fleiß zusammengetragen, erhalten habe, öffentlich durch den Druck an den Tag zu geben, damit man sehe, daß wir nicht im Winkel noch im Dun­keln handeln, sondern das Licht fröhlich und gewiß suchen und ertragen wollen. Und wiewohl wir es nicht als strenges Gebot ausgehen lassen können, auf daß wir nicht neue päpstliche Dekretalen aufbringen, sondern als eine Historie oder Geschichte, zudem als ein Zeug­nis und Bekenntnis unseres Glaubens, so hoffen wir doch, alle rechtschaffenen, friedsamen Pfarrherren, die sich dem Evangelium mit Ernst ergeben und Lust ha­ben, es demütig und in Übereinstimmung mit uns zu halten, wie St. Paulus Phil. 2,2 lehrt, daß wir tun sollen, werden diesen Eifer unseres Landesfürsten und gnädigen Herrn, dazu unsere Liebe und Wohlmeinen, nicht un­dankbar und stolz verachten, sondern sich willig, ohne Zwang, nach Art der Liebe dieser Visitation unterwer­fen und zusammen mit uns friedlich ihr nachleben, bis Gott der heilige Geist durch uns oder durch sie Besseres anfange.

Wenn aber etliche sich ihr mutwillig widersetzen und ohne guten Grund etwas Eigenes machen wollten, wie man denn wilde Köpfe findet, die aus lauter Bosheit nicht etwas Gemeinsames oder Übereinstimmendes ertragen können, sondern deren Herz und Leben es ist, abweichen­der Meinung und eigensinnig zu sein: so müssen wir sie sich von uns absondern lassen wie die Spreu von der Tenne und um ihretwillen nicht unsere gerechte Sache verlassen, obwohl wir auch in dieser Hinsicht unseres gnädigsten Herrn Hilfe und Rat nicht ungesucht lassen wollen. Denn obgleich S.K.F.G. zu lehren und geistlich zu regieren nicht aufgetragen ist, so sind sie doch als weltliche Obrigkeit schuldig, darauf zu halten, daß sich nicht Zwietracht, Rotten und Aufruhr unter den Unter­tanen erheben, wie auch der Kaiser Constantinus die Bischöfe nach Nicäa vorlud, weil er die Zwietracht nicht dulden wollte noch durfte, die Arius unter den Christen im Kaiserreich angerichtet hatte, und sie zu einträchtiger Lehre und Glauben anhielt.

Aber Gott, der Vater aller Barmherzigkeit, gebe uns durch Jesus Christus, seinen lieben Sohn, den Geist der Einigkeit und Kraft, seinen Willen zu tun. Denn auch wenn wir aufs allerschönste einträchtig sind, haben wir dennoch alle Hände voll zu tun, daß wir Gutes tun und in der göttlichen Kraft beständig bleiben. Was sollte denn daraus werden, wenn wir uneins und ohne Übereinstim­mung untereinander sein wollten? Der Teufel ist nicht fromm und gut geworden dieses Jahr, wird’s auch nim­mermehr. Darum laßt uns wachen und sorgsam sein, die geistliche Einigkeit, wie Paulus lehrt, zu halten im Band der Liebe und des Friedens (Eph. 4,3).

Übertragen in heutiges Deutsch von Martin Elze.

WA 26,195-201.

Hier der Text als pdf.

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