Vaterunser des neunzehnten Jahrhunderts (1845)
Von Ernst Ortlepp
„Allen, die gezweifelt und gerungen,
Sei das grause Lied gesungen!“
Vater! – Vater? – – Soll ich so dich nennen,
Der du Millionen riefst an’s Licht,
Denen Thränen in den Augen brennen,
Deren Herz der Qualen Dolch zersticht?
Ach, woran soll dich dein Kind erkennen,
Wenn es betet, und du hörst es nicht? –
Und doch ruft das ganze Weltgewimmel:
„Vater unser, der du bist im Himmel!“
Vater! – Ach, es dringt so sanft zum Herzen,
Wenn die Lippe lallt den süßen Ton,
Himmelswonne wird aus Höllenschmerzen, –
„Vater!“ stöhnt auch der verlorne Sohn,
Und in seine Nacht erstrahlen Kerzen,
Hebt er seinen Blick zu deinem Thron.
Eitler Trug! Du bist kein Vater! Alle
Täuscht der Name mit dem bloßen Schalle!
Zertret’ner Völker Geheul ertönt,
Der Welt zerriss’ne Seele stöhnt,
Altar und Kirche stehen leer,
Der Donner braus’t dein Lob nicht mehr,
Es rauscht’s nicht mehr der wallende Strom,
Dumpf tönt die Glocke vom hohen Dom,
Gleichgültig summt der Choral an’s Ohr,
Der einst die Seele trug empor;
Der Frühling, sonst ein sichtbarer Gott,
Wird vor dem Weltenherbst zum Spott,
Und alle Wonnen, die wir sehn,
Sind Rosen, die auf Gräbern stehn.
Der Geist ist wüst, das Herz ist kalt,
Das Lied vom Glauben ist verhallt,
Aus allen Tiefen der Seel’ herauf
Quillt nicht ein Tröpfchen Andacht auf;
Der alten Zeiten Religion
Verachtet der neuen Tage Sohn,
Und grinsend ruf die ganze Erde:
„Dein Name nicht geheiligt werde!“
Begraben liegt die Welt in Modern,
Todt ist das höhere Gefühl,
Der Wahrheit Flamme soll nicht lodern,
Und Eide sind der Winde Spiel;
Das Auge soll den Tag nicht sehen,
Der Mund Gedanken Wort nicht leih’n,
Die Uhr des Lebens soll nicht gehen,
Die Sonne nicht die Sonne sein!
Ward über Sternen je etwas beschlossen,
So war’s gewiß der Mord des Rechts;
Aus Lug und Lastern sollte sprossen
Der Fluch des menschlichen Geschlechts.
Das war der ew’ge Rath; ihn läßt
Das tollgeword’ne höchste Wesen,
Aus manchem großen Opferfest
In der Geschichte Blättern lesen!
Der große Plan von Glück und Licht –
Wo ist die Fabel? Wir finden sie nicht!
Es ist kein Reich, das kommen mag;
Es ist nur Nacht! Es ist kein Tag!
Drum, thörichte Sünder, thörichte Fromme,
Betet nicht ferner: „Dein Reich komme!“
Ein Zufall nur erschuf die Welt,
Und hier, wie überm Sternenzelt,
Ist weder Weisheit, Glück, noch Heil
Verfluchter Myriaden Theil;
Der Aufschwung nach dem Ideal
Belohnt mit grimmer Höllenqual,
Und jeder Flug nach hohem Ziel
Gebiert ein neues Trauerspiel.
Den einzelnen, der sich erhebt,
Zerpeitscht der Dämon auf jedem Schritt,
Die Völker, die der Geist belebt,
Zerstampft des rohen Schicksals Tritt!
Wer soll noch bitten bei all dem Wehe:
„Dein Will’ auf Himmel und Erden geschehe?“
Die Saaten wogen, die Traube winkt,
Es weiden die Heerden im Thal,
Und der Baum mit den goldenen Früchten blinkt
Im lachenden Sonnenstrahl!
Ach, aber umwogt von dem Segensmeer
Hungern die Nationen umher;
Den Erkor’nen gehört der Segen an,
Die anderen haben nicht Theil daran!
So mancher Edle schleicht verlassen
Und weiß vor Pein sich nicht zu fassen,
Für blut’ge Thränen, die er weint,
Ist ringsum jede Brust versteint.
Er betete in seiner Qual
Vergebens viele tausendmal,
Blickt, weil er nicht mehr beten kann,
Nun sprachlos nur noch himmelan,
Und ringt die Hände verzweiflungsvoll;
Und weiß nicht, was er beginnen soll.
Er hat gethan das Seine treu
Mit jedem Morgen frisch und neu
Und sieht des Wichtes Ueberfluß,
Indem er trostlos darben muß.
Und laut antwortende Melodei
Gibt Echo seinem Jammerschrei,
Tausende stimmen Tausenden bei:
„Gib uns nicht unser täglich Brod!
Gieb uns den Tod!“
Schwach und gebrechlich sind wir alle;
Geschrieben stand im ew’gen Buch
Mit Flammenschrift seit Adams Falle,
Beim Namen „Mensch“ der Name „Fluch;“
Verläumdung, Feindschaft, Zorn und Hader,
Entflammen uns zur Tiegerwut,
Und bis in unsre kleinste Ader
Durchrollt uns ein vergiftet Blut.
Dorten zischt des Neides Schlange Tadel,
Hier beschimpfen Schurken Seelenadel,
Einer gönnt dem Andern kaum die Luft,
Nächster dürstet nach des Nächsten Falle,
Bruder zeigt dem Bruder Zahn und Kralle,
Und dem Freunde gräbt der Freund die Gruft.
Und die Sünde läßt nicht ruhig schlafen,
Auf dem Fuße folgen ihr die Strafen,
Jeder Tag gebiert sein Weltgericht;
Jeder Fehltritt wird ein Wurm dem Herzen,
Jedes Laster Folterbank der Schmerzen;
Die den Körper, die den Geist zersticht.
Wenn wir Leid, Verzweiflung, Tod getragen,
Was erwartet uns in jenen Tagen?
Strafe? – Doppelt? – Ha, Tyrannenhuld! –
Wird der Qual genug doch hier gelitten! –
Darum lasset uns nicht länger bitten:
„Ewiger, vergib uns unsre Schuld!“
Ha, wieder schneidet an mein Ohr
Ein Mißton grell und dumpf hervor!
Er dringt mit sinnbethörender Macht
So recht herauf aus tiefster Nacht:
„Durchlitten hab’ ich alle Qual,
Durchzählet aller Leiden Zahl,
Durchlaufen aller Schmerzen Pfade,
Gescheitert bin ich an jedem Gestade;
Des Unglücks weites, weites Land,
Es ist mir durch und durch bekannt,
Kein Weg des Elends zieht sich hin,
Den ich nicht schon gegangen bin;
Da steht kein Dorn, der mich nicht stach,
Kein Fels, der meine Kraft nicht brach,
Da zischt keine Schlange, deren Gift
Mein Herz zum erstenmale trifft;
Da ist kein Weh’, kein Fieberbrand,
Den ich nicht zuckend schon bestand!“
Aber im Dunkel dort, welch ein Winken?
Haufen von Golde seh’ ich erblinken,
Und den Besitz verleiht mir Gewalt;
Wuth und Verzweiflung, die raschen Dämonen,
Locken, versprechen, mich reich zu belohnen –
Ha, und zum Raub ist die Faust schon gekrallt!“
Die Stimme findet Wiederhall,
Was einer will, das wollen All’.
Hörst du der ergrimmten Völker Ton,
Die, über Vermögen versucht, nun drohn?
Sie flehten mit hochgehobenen Armen
Zum Himmel jahrelang um Erbarmen;
Jedoch der Himmel ließ sie beten,
Um tiefer nur in den Staub sie zu treten;
Kein Gott will mehr herniederblicken,
Den Teufel nur sieht man gräßlich nicken.
Kein Ende seh’n sie ihrer Verfluchung,
Drum beten sie nicht mehr: „Führ’ uns nicht in Versuchung!“
Auch wird sie Gott von dem Bösen
Nimmer erlösen!
Denn sein ist der Wahnsinn,
Und der Widerspruch in sich selbst,
Und das Herz von Eis,
Und die allmächt’ge Tyrannei,
Die alle Tyrannen schuf und erhält,
Und die schaffende Zerstörungswuth
In ihrer blitzumspielten, donnerumkrachten Fürchterlichkeit
Von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Zuckend wimmern vor seinem Namen
Die Welten ihr: „Amen!“
Quelle: Ernst Ortlepp, Gesammelte Werke, Bd. 1, Winterthur: Hegner, 1845, S. 49-61.