Mit Verlusten in der Kirche zurechtkommen. Zehn Thesen zur christlichen Ethik des Abschiednehmens entfaltet (Kirchliche Abschiedsprozesse bewusst gestalten): „Um Verluste verabschieden zu können, dürfen sie nicht als alles bestimmende Unwirklichkeit gelten. Sie sind daher in einem perspektivischen Rahmen zu sehen – es ist eben nicht alles verloren. Fehlt eine solche Rahmung, entfalten Verluste eine unwiderstehliche Sogwirkung, als würde alles Liebgewonnene entschwinden. Soll es keinen fatalistischen Abschied geben, darf ein religionssoziologischer Deutungsrahmen, bei dem die Diffusion religiöser Selbstbezüglichkeit im Zentrum steht, nicht das letzte Wort haben. Dazu ist das Hinübergehen in eine andere Gattung (metábasis eis állo génos) angesagt, die als kohärente Erzählung nicht zu Fehlschlüssen führt.“

Mit Verlusten in der Kirche zurechtkommen. Zehn Thesen zur christlichen Ethik des Abschiednehmens entfaltet

1. In der Gesellschaft sind der soziale Beständigkeitsrahmen wie auch das Fortschrittsversprechen brüchig geworden, so dass sich Verlusterfahrungen schwerlich kompensieren lassen.

In der pastoralen Praxis beziehen sich Abschiede meist auf individuelle Ereignisse, für die es seelsorgerliche Bewältigungspraktiken gibt. Pfarrerinnen und Pfarrer sind abschiedserfahren, etwa in der Sterbebegleitung. „Trauerarbeit“ geschieht in einem sozialen Beständigkeitsrahmen: Mit Tod oder Trennung ist nicht alles verloren; vieles bleibt bestehen, kann Halt und Anhalt für das weitere Leben geben. Mit der Zeit lässt sich in vertrauter Umgebung Neues hinzugewinnen.

Über Jahrzehnte hinweg galt ein gesellschaftliches Fortschrittsversprechen: „Es wird schon (wieder) aufwärtsgehen.“ So konnten individuelle Verluste – auch materieller Art – auf Zukunft hin kompensiert werden. Gegenwärtig hat dieses Versprechen seine Gültigkeit verloren. Gesellschaftliche Veränderungen scheinen einen unwiederbringlichen Verlust von Gewohntem zu bedingen.[1] Verluste können nicht individuell „abgetrauert“ werden, sondern prägen ein kollektives Schmerzgedächtnis.

2. Verlustanzeigen rufen in der Gesellschaft thymotische Reaktionen hervor, die das Aushandeln notwendiger Verzichte blockieren und Verlustdynamiken beschleunigen.

Die Auswirkungen kollektiver Verlusterfahrungen – Exzesse, Ressentiments und Empörungen – verweisen auf eine energetische Dimension jenseits bloßer Affekte. Der antike Begriff dafür ist „Thymos“ – verlangende Lebensenergie, die sich im Zorn entäußert. Er speist sich aus Kränkung oder Ideologie und sucht Genugtuung sowie Vergeltung. In sozialen Resonanzräumen verstärkt er sich wechselseitig und kann Konflikte bis hin zu Kriegen eskalieren lassen.

Gesellschaftliches Zusammenleben beruht auf gegenseitigem Zugestehen. Werden jedoch keine Gewinne, sondern Verluste erwartet, nimmt die Verträglichkeit ab. Gewinnt ein kollektiv verstärkter Thymos die Oberhand über kommunikative Vernunft, erodiert Kooperation; der Gemeinsinn wird untergraben, Konflikte eskalieren – und Verlustdynamiken beschleunigen sich weiter.

3. Obwohl mit dem Begriff der Säkularisierung eine Verlustanzeige vorgegeben war, haben die finanziellen Konsequenzen dieses Prozesses erst in jüngster Zeit die verfassten Kirchen nachhaltig eingeholt.

Kollektive Verluste betreffen auch die verfassten Kirchen – weniger Taufen, kirchliche Trauungen, Bestattungen, Gottesdienstbesuche und mehr Austritte. Der christliche Glaube verliert drastisch an Resonanz. Nicht einmal die Gegenrede, der Atheismus, erregt noch Aufmerksamkeit. Stattdessen breitet sich ein „Apatheismus“ aus – eine gleichgültige Haltung gegenüber der Gottesfrage.

Obwohl die fortschreitende Entkirchlichung als „Säkularisierung“ seit Mitte des 20. Jahrhunderts thematisiert worden ist, wurden Rückgänge lange finanziell überdeckt: Trotz sinkender Mitgliederzahlen stiegen die Kirchensteuern auch real bis in die 2010er-Jahre – durch Wirtschaftswachstum und die Babyboomer. Das verschaffte Handlungsspielraum und ließ Verluste in den Hintergrund treten, baute aber auch Verlustpotenziale auf. Seit den 2020er-Jahren ist auch die bayerische Landeskirche von religiösen Verlustzuweisungen eingeholt. Sinkende Einnahmen und fehlender Nachwuchs machen absehbar, dass Aktivitäten reduziert, Gebäude aufgegeben und Gemeinden zusammengelegt werden müssen.

4. In den verfassten Landeskirchen kommen bei den kirchlich Aktiven bezüglich Verlustanzeigen Verhaltensweisen zum Tragen, die der Problematik nicht gewachsen sind.

Was in den kommenden Jahren auf kirchlich Tätige an Verlusterfahrungen zukommt, stellt alle vor große Herausforderungen. Verunsicherungen und existenzielle Zukunftsängste nehmen zu. Individuell zeigen sich unterschiedliche Verhaltensweisen:

  1. Manche suchen Verlustprognosen zu verdrängen. Einschneidende Veränderungen lässt man nicht an sich heran, unliebsame Botschaften werden umgedeutet.
  2. Andere versuchen, negative Veränderungen durch verstärktes Bemühen abzuwenden: „Wenn wir uns alle mehr anstrengen, können wir Verluste vermeiden.“
  3. Einige verfallen in eine Wehmut, die dem eigenen Handeln die Wirksamkeit nimmt.
  4. Im Extremfall resigniert man in innerer Kündigung oder sucht nach einer Exit-Strategie.

5. In der Kirche müssen wir mit bevorstehenden Verlusten abschiedlich zurechtkommen, was einer Verständigung innerhalb einer perspektivischen Rahmung bedarf.

Individuelle Strategien wie Verdrängung oder innere Kündigung werden dem Erfordernis gemeinsamen Handelns angesichts definitiver Verluste nicht gerecht. Es bedarf einer Verständigung, damit wir mit Verlusten abschiedlich zurechtkommen.

Ein Abschied ist eine bewusst ausgesprochene Trennung, in die die Beteiligten einstimmen. Wir nehmen wahr, dass das, was uns entgeht, nicht länger gegeben sein wird. Abschiede entlassen Verluste, entbinden von vergeblichem Festhalten und ermöglichen Neues zu beginnen. Ohne Abschied bleibt nur der Verlust.

Um Verluste verabschieden zu können, dürfen sie nicht als alles bestimmende Unwirklichkeit gelten. Sie sind daher in einem perspektivischen Rahmen zu sehen – es ist eben nicht alles verloren. Fehlt eine solche Rahmung, entfalten Verluste eine unwiderstehliche Sogwirkung, als würde alles Liebgewonnene entschwinden.

Soll es keinen fatalistischen Abschied geben, darf ein religionssoziologischer Deutungsrahmen, bei dem die Diffusion religiöser Selbstbezüglichkeit im Zentrum steht, nicht das letzte Wort haben. Dazu ist das Hinübergehen in eine andere Gattung (metábasis eis állo génos) angesagt, die als kohärente Erzählung nicht zu Fehlschlüssen führt.

6. Im kanonischen Bezugsrahmen der Heiligen Schrift lässt sich weltliches Schwinden der Kirche zur Sprache bringen.

In der Geschichte des dreieinigen Gottes mit Israel und Jesus Christus – wie sie in der Heiligen Schrift kanonisch bezeugt ist – ist für die Kirche der Bezugsrahmen vorgegeben, in dem irdisches Geschehen gedeutet werden soll. Jesu Zusage „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,32) lässt über eigenes Verlieren-Müssen hinwegsehen. „Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet. Seht die Vögel unter dem Himmel: Euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel kostbarer?“ (Mt 6,25f)

Weltlichem Dasein ist der Modus eines doppelten Verlieren-Müssens eingeschrieben: Mit der Zeit entschwindet Vorhandenes wie auch das Leben, das es zu erfassen vermag. Zukunft als beständige Erweiterung gegenwärtiger Zustände ist nicht garantiert. Gewohnheiten sind kontingent und werden nicht als Selbstverständlichkeiten verbleiben.

Endlichkeit gilt es im Sinne eines memento mori nicht nur auf das eigene Lebensende zu bedenken, sondern auch auf gesellschaftliche wie auch kirchliche Gegebenheiten. „Die Zeit ist kurz […] das Wesen dieser Welt vergeht“ schreibt der Apostel Paulus (1. Kor 7,29–31). Bei allen Einrichtungen ist deren mögliches Ende in den Blick zu nehmen. Wird mit dem Hymnus „Die Kirche steht gegründet“ (EG 264) zeitübergreifende Beständigkeit besungen, gilt dies vollumfänglich nur für die unsichtbare Kirche. Die sichtbare Körperschaft „Kirche“ steht unter der Signatur der Vergänglichkeit.[2]

7. Trotz Anfechtung finden sich Christen in Gottes Geschichte mit seinem Volk Israel wieder – „mit auferweckt und mit eingesetzt in den Himmeln in Christus Jesus“ (Eph 2,6).

Der Geltungsverlust des Christentums wird uns zur Anfechtung: Was wird künftig von Gottes Wort in unserer Gesellschaft noch zu halten sein; wo wird das Evangelium Glauben finden; wo werden Gottesdienste Seelen erheben? Lamentieren ist erlaubt, sofern es stimmig adressiert ist: Die Klage hat den dreieinigen Gott anzusprechen, muss zum Gebet werden, wie es in den Psalmen geschieht: „Hilf doch, HERR, der Fromme ist am Ende, ja, verschwunden sind die Treuen unter den Menschen.“ (Ps 12,2)

Wird in der Klage der Glaubensverlust vor Gott ausgesprochen, findet man sich damit nicht schicksalshaft ab. Im Gebet verlieren wir nicht den „roten Faden“ göttlicher Verheißung. Jesu Beständigkeitsansage kommt neu zu Gehör: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte.“ (Offb 22,13) Gott „hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, / alles in Christus als dem Haupt zusammenzufassen, was im Himmel und auf Erden ist, in ihm.“ (Eph 1,10)

Himmlische Aussichten sind für die Kirche vorgesehen: „Ihr seid gekommen zum Berg Zion, zum himmlischen Jerusalem“ (Hebr 12,22). Jeder Gottesdienst geschieht unter der Himmelsvision im Buch der Offenbarung – eine große Schar aus allen Nationen vor dem Thron und dem Lamm, die Gott anbeten: „Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ (Offb 7,12)

8. Kirche Jesu Christi macht sich nicht an Kirchengebäuden fest, sondern geschieht als bewegliche gottesdienstliche Zusammenkunft in der Diaspora.

Wenn biblisch von Kirche als Leib Christi die Rede ist (Eph 4,12), lässt sich fragen: Sollten wir nicht versuchen, Kirchengebäude zu bewahren? Obwohl diese ein hohes Identifikationspotenzial (Metonymie „Kirche“) haben, kann sich Kirche nach Artikel 7 des Augsburger Bekenntnisses nicht an Gebäuden festmachen: „Es wird gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt wird.“

Kirche geschieht in der gottesdienstlichen Versammlung. Deren Nutzung von Gebäuden ist nicht als das Proprium anzusehen. Vorbildlich dazu waren evangelische Diaspora-Gottesdienste nach dem Zweiten Weltkrieg in Schulen oder gastweise in katholischen Kirchengebäuden. Die Preisgabe eigener Versammlungsgebäude stellt die Gemeinde Jesu Christi nicht in Frage.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebr 13,14). Christen sind in die irdische Pilgerschaft eingewiesen, wo Abschiede auf ein Ankommen ausgerichtet sind. „Unser Bürgerrecht ist im Himmel“ (Phil 3,20).

Himmlisch ausgerichtet und irdisch bewegt – so gilt es Abschied zu nehmen von der Statik einer gebietskörperschaftlich organisierten Kirche. In der Diaspora mögen räumliche Distanzen wachsen; und doch werden Christen sich zu Gottesdiensten zusammenfinden. Nicht der numerische Verlust zählt, sondern der Gewinn an gottesdienstlicher Gemeinschaft.

9. Professionalität im Pfarrdienst zeigt sich in der Bereitschaft zum eigenen Statusverzicht um Christi willen und gewinnt dadurch an Glaubwürdigkeit.

Schließlich gilt es, uns als Pfarrerinnen und Pfarrer in den Blick zu nehmen angesichts bevorstehender Abschiede. Was als Verlust erscheint, kann geistlich als Neuausrichtung verstanden werden. Rückläufige Kirchensteuern werden zu drastischen Einbußen führen. Staatsanaloge Besoldungen wie A 13/A 14 werden wohl nicht auf Dauer aufrechterhalten. Ich plädiere für eine Rückbesinnung auf die evangelische Professionalität des Pfarrberufs. Professionalität meint ein öffentliches, verpflichtendes Bekenntnis zu einer qualifizierten Tätigkeit. Im Horizont des Evangeliums ist dies ein Wortdienst. „Botschafter an Christi statt“ (2. Kor 5,20) zu sein bedeutet, auch an der Selbstentäußerung Christi teilzuhaben (Phil 2,7). Oder mit den Worten Jesu: „Der Führende soll werden wie der Dienende.“ (Lk 22,26)

Die Professionalität des Pfarrberufs zeigt sich in einer vita evangelica, die sich nicht anderen Berufen angleicht. Ihr Maßstab ist die Übereinstimmung von Lebensform und Botschaft. Uns kann nichts Materielles genommen werden, das der Würde unseres Amtes Abbruch täte. Der Apostel Paulus bringt in seinem ersten Brief an die Korinther (9,1–18) ein entsprechendes Ethos des Verzichts zur Sprache. Im Dienst des Evangeliums ist der Verzicht eine bewusste, freie Entscheidung, die nicht als persönlicher Verlust empfunden wird.[3] In dieser weltfremden Haltung (vgl. Röm 12,2) gewinnt der pastorale Dienst an Glaubwürdigkeit. Die Professionalität einer freiwilligen „Wohlstandsentsagung“ wird als Ausdruck innerer Freiheit wahrgenommen.

Wo unsere Lebensform der Botschaft entspricht, kann unser Dienst Menschen ansprechen. So dient der mögliche Statusverlust der Rückgewinnung einer Professionalität, die aus dem Evangelium lebt und darin an Ansehen gewinnt.

10. Abschiedlich leben in der Kirche heißt nicht hinfälliges Verlieren, sondern vertrauensvolles Aufgeben im Himmelsblick, das das Evangelium freimütig bezeugt.

Abschiede sind schmerzlich. Sie vorschnell im Hinblick auf neue Chancen umzudeuten, wird dem Verlust nicht gerecht. Doch kann für Christen ein sich selbst eingestandenes Aufgeben zum Glaubenszeugnis werden. Wer bewusst loslassen kann, lässt Dinge nicht hinfällig werden. Im eigenen Aufgeben zeigen wir, dass unser Halt nicht in dem besteht, was uns entgeht, sondern in dem, was von Gottes Handeln zu erwarten ist.

Vertrauensvolles Aufgeben ist ein Loslassen mit Himmelsblick, das Realitäten nicht verleugnet, aber über sie hinausweist. Wir sind nicht am Ende, sondern unterwegs und halten uns dabei an dem „Bekenntnis der Hoffnung“ fest (Hebr 10,23). In der Spannung von Verlust und Verheißung spricht sich ein Bekenntnis aus, das für das Evangelium zu gewinnen sucht: „Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“ (Hebr 13,8).

Gekürzter Vortrag, gehalten auf der Konferenz der Seniorinnen und Senioren am 1. Oktober 2025 auf dem Hesselberg.

Jochen Teuffel


[1] Vgl. dazu Andreas Reckwitz, Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, Berlin: Suhrkamp, 2024.

[2] Provozierend hierzu Oto Mádr (Pseudonym Franz Markus), Modus moriendi der Kirche. Zur Theologie einer sterbenden Kirche, Diakonia 8, Heft 2, 1977, S. 115–119.

[3] Vgl. Ruben Zimmermann, Warum weniger gut sein kann. Eine Ethik des Verzichts, Stuttgart: Reclam, 2025.

Hier der Text als pdf.

Hier die Druckfassung Kirchliche Abschiedsprozesse bewusst gestalten. 10 Thesen aus dem Korrespondenzblatt 05-2026.

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