„Barth floriert, seine Bü­cher gehen und die Konkurrenz strengt sich an. Aber dies hindert nicht, daß der gesamte Produktionszweig, Kirche und Theologie, nur unter die Luxusindustrie zu rechnen ist“ – Paul Schempps Randglossen zum Barthianismus von 1928

Karl-Barth-Jahr

Wir befinden uns im Karl-Barth-Jahr 2019, und man kann sicher sein, dass zahlreiche Vorträge und Abhandlungen veröffentlicht werden, die Barths Bedeutung für die Gegenwart und ein zeitgemäßes Verständnis seiner Theologie aufzeigen wollen. Schon 1928 hatte der damals 28jährige Paul Schempp in der Zeitschrift Zwischen den Zeiten eine Abrechnung mit zeitgenössischen Barth-Exegesen vorgenommen, die es immer noch in sich hat. Konsequenter kann man die historische Methode in der akademischen Theologie nicht aufs Korn nehmen, wenn Schempp schreibt:

In der Diskussion über Barths Theologie bleibt man stecken, als ob Theologie ein so harmloses und friedfertiges Unterneh­men wäre wie die Aufstellung der Jahresbilanz eines gut fundierten Geschäfts. Barth floriert, seine Bü­cher gehen und die Konkurrenz strengt sich an. Aber dies hindert nicht, daß der gesamte Produktionszweig, Kirche und Theologie, nur unter die Luxusindustrie zu rechnen ist; sie muß schon sehr interessante Artikel liefern, wenn das Publikum noch kaufen soll. Nicht die Ware, der Verkäufer, die Aufmachung, die Reklame und vor allem das Ansehen der Firma geben den Ausschlag. Der Erfolg: ein paar bedeutende Theologen, die Aufrecht­erhaltung des Betriebs mit staatlichen Mitteln, die Erhaltung der Absatzgebiete, die Befriedi­gung der reli­giösen Bedürfnisse des Mittelstandes, die langsame Modernisierung; innerhalb der Wissen­schaft, Bildung, Mentalität und Religiosität des 20. Jahrhunderts behaupten Theo­logie und Kirche ihr traditionelles Plätzchen, die Konjunktur schwankt, aber das Unternehmen ist ge­sicherter als der Friede Europas. Das alles wird gerechtfertigt durch die Theologie selber, nicht so plump und unglaubwürdig, daß das als Werk und Wille Gottes ausgegeben wird, nein, viel feiner und imponierender dadurch, daß der Zorn Gottes über all das gelegt wird, daß geschmettert und getobt wird wider die Gottlosigkeit der Kirche und die Unfruchtbarkeit und den Mangel an Geist in der Theologie. Im Modus der Selbstanklage wird heute viel wirksa­mer das Bestehende gestützt als durch die schlichte Pietät und den Sinn für fromme Tradition. Barth macht Schule, weil seine Theologie der heutigen Geisteslage mehr entspricht als andere Theologieen, weil das sacrificium intellectus für solche, die hier wenig zu opfern haben, ein Vergnügen ist, weil die Paradoxie tiefsinnig erscheint, weil die Kritik am Morbiden für Schwächlinge schon eine Kraftleistung ist, weil durch ihn Theologie wieder interessant, prob­lematisch, existenzberechtigt, ein Asyl für Zweifler und Gläubige und die ganze Schar der religiösen Zwischenstufen geworden ist. Überall, und so auch in Beziehung auf die Theologie selber, wird allzu rasch von der Anklage zur Rechtfertigung fortgeschritten und auf der gan­zen Linie ist statt Krieg Diplomatie, statt Scheidung Ausgleich, statt Ja oder Nein des Glau­bens das Ja und Nein der theologischen Spekulation herrschend geworden und bei dem gro­ßen Radius, den Barths Theologie besitzt, wäre es ein Wunder, wenn nicht fast jeder Theologe einige Punkte aufzählen könnte, bei denen er triumphierend sagen kann: das habe ich auch schon längst „vertreten“ – so glaubt sich z. B. Wobbermin im Kampf gegen den Psychologis­mus Barth um einige Jahre voraus oder: Barth hat vollkommen Recht, wenn er usw. Ein Wun­der wäre es auch, wenn nicht jeder auch seinen eigenen Feind in Barth hineinlesen könnte, und ein Wunder, wenn nicht überall der Versuch auftauchen würde, Barth zu beweisen, daß er nach der einen oder anderen Seite noch nicht konsequent genug sei, daß er gut daran täte, sich noch etwas weiter zu entwickeln, oder umgekehrt ihm zu raten, einige Radikalismen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren oder einige Atavismen abzubauen. Man könnte fast sagen, die Diskussion um Barth beginnt allmählich so langweilig und gemütvoll zu werden wie eine theologische Freizeit. Ein paar Abwehrmaßregeln und ein paar Umstellungen im Gedankenapparat und Barth ist kirchen-, fakultäts- und salonfähig geworden. Man kann über ihn so prächtig reden, alles einwenden, alles verteidigen und sich etwas ärgern darüber, daß das Chamäleon noch dauernd die Farbe wechselt.

[…]

Es ist zu sagen, daß die Literatur für Barth fast durchweg (Ausnahmen: Metzger und mit der durch den Popularisierungsversuch bedingten Einschränkung Kolfhaus) nicht besser ist als die gegen Barth. Noch deutlicher als die Literatur beweisen das die vielen Vorträge, die dem Interesse für Barth entgegenkommen wollen. Entweder Ja- und Aber-Theologie im schlechten Sinn oder Schülertum, das oft an jünglinghafte Nietzschebegeisterung erinnert.

Aber wie steht es mit Barth und den andern Dialektikern? Sind nicht Brunner, Gogarten und Bultmann Vertreter der gleichen „Richtung“, Mitkämpfer Barths? Und hört man nicht bei Alt­haus und Heim manche dialektische Klänge? Ja gibt es noch ein systematisches Kolleg und Seminar, in dem nicht ernste Auseinandersetzung mit der Dialektik stattfindet? Ja. Es gibt eine Front der Dialektiker und der Student begegnet ihr auf jeder Hochschule direkt oder indi­rekt. Barth hat der theologischen Arbeit neue Richtungen und Fragen gegeben, hat in die Stu­dierstuben Kämpfe von ehrfurchtgebietendem Ernst gebracht. Aber trotzdem kämpft jeder auf eigene Faust mit Büchern und Papier und jedem werden die Abgrenzungen gegen den andern immer wichtiger. Einsam steht Theologie neben Theologie, Dozent neben Dozent; Individua­lismus und Virtuosentum beginnen zu herrschen bei aller gegenseitigen Auseinandersetzung und Befruchtung. Der Student ist das Opfer der Lehrfreiheit der Akademiker geworden. Er muß Schüler eines Meisters werden oder er geht nur mit einem Schulsack voll kunterbunten Wissens ins Amt. Er predigt dann eine bestimmte Theologie und die Gemeinde bleibt hung­rig, oder er paßt sich der Gemeinde an und diese bleibt satt. Muß der Student, der alle Diszi­plinen durchlaufen hat, nicht ratlos seufzen über die vielen Teile, denen das geistige Band fehlt? Ist ihm geholfen, wenn er die Systeme von 10 Meistern im Gedächtnis hat? Und ist er nicht noch ärmer, wenn er eingeschworen ist auf Einen? Wenn unter den Lehrern nur die Bücher die Gedanken vermitteln und jeder nur in spekulativer Synthese oder in spekulativer Diastase zum andern seinen theologischen Bau erstellt, jeder objektiv, jeder kirchlich, jeder schriftgemäß, jeder auch in persönlicher Treue zu sich selber, jeder aus der Souveränität und Geborgenheit seines akademischen Amtes heraus Buchstaben in Geist und Geist in Buchsta­ben verwandelt, wenn das Wissen und Vielwissen höchstens noch durch Spekulation überbo­ten wird und sich die Bewegung des Denkens nur vom Sein des Denkers entfernt – auch Leben und Lehre müssen, so sehr sie nach Luther wie Erde und Himmel zu scheiden sind, in der Person des Lehrers zusammenstoßen –, dann kann zwar die Wissenschaft blühen und die Bibliotheken können wachsen, aber wie die reiche und tiefe katholische Wissenschaft heute keinen einzigen Weihwasserkessel umwirft, so ist die protestantische Theologie auf der Fehl­halde der bloß gedanklichen Interpretation der Schrift und der Reformation, während eine ent­schlossene Wendung zum Stehen in der biblischen Freiheit und zur Beugung unter das göttli­che Gesetz eine wirkliche Krisis in die Theologie bringen müßte, die zunächst an den Univer­sitäten große Umschichtungen im Gefolge hätte (Fakultät und Professor, Fakultät und Fakul­täten, Fakultät und Kirche, Fakultät und Staat, Fakultät und Fachschaft, Fakultät und Examen, überall Paragraphen zur Verteilung von Rechten und Pflichten, während der Primat der nach Luther heilsnotwendigen Theologie immer mehr preisgegeben wird und die Gemeinschaft der Kirchenlehrer und Kirchendiener vielfach fast nur aus Wahl, Zufall und Examensbedingungen resultiert; zu wenig Gesetzesstrenge: wie wenig weiß heute der Student, was er studieren soll; und zu wenig evangelische Souveränität: wie abhängig ist die Theologie von den Satzungen dieser Welt, vor allem von dem repräsentativen „man“!). – Schon die zeitgenössisch-exegeti­schen Urteile über Barth beweisen ja, daß Verständigung, ob sie durch Zustimmung oder durch Widerspruch erfolgt, immer auch Vergewaltigung ist, Vergewaltigung des Exegenden an dessen Wort oder Geist und Vergewaltigung des Exegeten durch Verdeckung des eigenen Wortes oder des eigenen Geistes mit der Maske des Mit- oder Gegenspielers. Das Problem der Verständigung ist das Problem von Glaube und Wissen. Die Verständigung von außen her, also auf dem Weg der Wissenschaft, muß unerbittlich versucht und weitergeführt werden bis zu dem Punkt, an dem die Erkenntnis auftaucht, daß Gemeinschaft und Entzwei­ung nur echt sein können, wenn sie nicht nur in mehr oder weniger wissenschaftlich gegrün­deten Thesen und Antithesen ihren Grund haben, sondern in der Haltung beider Gesprächs­partner vor Gott, die selber wieder nur Antwort sein kann auf die Haltung Gottes zu ihnen, die ohne Zwischenstufen nur die des Zorns oder der Gnade ist. Das Gesetz der Wissenschaftlich­keit darf nicht durchbrochen werden, aber theologice, vor Gott, nicht humana ratione führt dieses Gesetz zur Heuchelei, zu erheuchelter Gemeinschaft wie zu unechter Entzweiung; das Halten der Einigkeit im Geiste und die Scheidung der Geister ist Gesetz, das nicht erfüllt wer­den kann durch theologische Arbeit. Und diese Unerfüllbarkeit der Forderung ganzer Gemein­schaft vor Gott oder ganzer Trennung vor Gott wird deutlich in der Diskussion um Barth. Bald voreiliger Friedensschluß, als ob man Theologie treiben könnte wie einen Warentausch und ohne in sich den Todfeind aller Theologie entdecken zu müssen (Luther: Qui dicit se legem diligere mentitur et nescit, quid dicat) und bald voreilige Angriffe, als ob nicht auch der Gegner nur durch das Hangen an Christus und nicht durch seine theologische Position ge­rechtfertigt sei. Das Wissen ist Gesetz, das Glauben Evangelium. Beide, Gesetz und Evange­lium, sind nach Luther re ipsa diversissima, longissime distincta, plus quam contraria, alterum infernus, alterum coelum, aber in corde, in affectu sind sie conjungenda und conjunctissima. „Speculative conjunguntur facillime, sed practice ea conjungere est omnium dificillimum“ und unmöglich ohne experientia und tentatio. Dieser Kampf zwischen Himmel und Hölle, der nur durch den „quotidianus adventus Christi“ entschieden wird, ist in der theologischen Dis­kussion der Gegenwart durch eine stetige Verwechslung von christlicher und stoischer Liebe zurückgehalten. Das Gesetz des wissenschaftlichen Forschens erfüllen wollen müßte zu einer Gemeinschaft in der Schuld führen, die jeden persönlichen Ehrgeiz, alles Rechthabenwollen restlos ausschließt, und der Glaube, die Auslieferung von Denken und Sein an ihr volles Ge­rechtfertigtsein durch Christus müßte zu einem Kampf führen, in dem sich eine Scheidung bis in die Familien-, nicht bloß bis in die Standeszusammengehörigkeit hinein bahnbrechen müß­te, gefährlicher, tiefer, umwälzender als aller Bolschewismus, reicher, fruchtbarer, befreiender als alle allgemeine Rechtfertigung der Schöpfung durch theologische Durchschau und Hoffnung. Es gibt nichts in allen sozialen Verhältnissen der Gegenwart und allen Bestrebun­gen, die zu bessern, das nicht auf eine tätige erneuernde Antwort durch die Kirche bisher ver­geblich wartet. Die Pfarrer wollen helfen, aber durch ihre theologische Bildung gehemmt, ver­suchen es alle mit dem mḕdèn ágan mit der Vermittlung und Aussöhnung und Vertröstung; es setzt sich die Halbheit in der Entzweiung und die Halbheit in der Gemeinschaft, die für die Theologie bezeichnend ist, ins Amt fort und alle Seufzer der jungen Theologen gehen in der mit Glauben verwechselten Resignation unter. Der Laie hat ein Recht, den Theologen zu fra­gen: Worauf gründe ich mein Handeln und Denken und Sein so, daß es in Gott zu Gottes Ehre geschieht und ist? und der Student, der hier später Rede stehen soll, hat die Pflicht, auf dieser Frage an seine Lehrer rücksichtslos zu bestehen, bis diese, allein oder gemeinsam, aber nicht allgemein in einer Synthese des gegenwärtigen Standes der theologischen Wissenschaft, nicht durch wohlwollende Abgrenzung und Bescheidung, sondern mit der Maßlosigkeit der ihnen durch ihr Amt zugemuteten göttlichen Autorität Antwort geben, die verbindet oder trennt, aber nicht in Neutralität läßt. Sonst wäre es besser, wenn die Theologen den naiv-ehrlichen Humor aufbrächten, den ein Bauer .auf die ketzermordende Predigt seines Pfarrers hin in dem Wort an seinen Nachbar bewies: „i müeßt aber lache, wenn jetzt mir (= wir) da falsche Glaube hättet“. Aber vielleicht wäre es doch ratsamer, noch radikaler Theologie zu treiben, bis es ohne Seligpreisungen und ohne Weherufe nicht mehr geht, aber bei beidem gegen sich und den Nächsten ohne Ansehen der Person. Man würde dann weniger Kamele verschlucken und weniger Mücken seihen und man käme von den Theologien einen Schritt weiter in der Rich­tung auf die Theologie, von den Kirchen einen Schritt weiter in der Richtung auf die Kirche, die mitten unter ihren Feinden durch Gott bei seinem Wort erhalten wird, durchs Gesetz dem Gesetz, durch die Theologie der Theologie gestorben.

Hier der vollständige Text als pdf.

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