Wir befinden uns im Karl-Barth-Jahr 2019, und man kann sicher sein, dass zahlreiche Vorträge und Abhandlungen veröffentlicht werden, die Barths Bedeutung für die Gegenwart und ein zeitgemäßes Verständnis seiner Theologie aufzeigen wollen. Schon 1928 hatte der damals 28jährige Paul Schempp in der Zeitschrift Zwischen den Zeiten eine Abrechnung mit zeitgenössischen Barth-Exegesen vorgenommen, die es immer noch in sich hat. Konsequenter kann man die historische Methode in der akademischen Theologie nicht aufs Korn nehmen, wenn Schempp schreibt:
Von Paul Schempp
Auch bei noch so genauer Literaturkenntnis ist der Versuch vergeblich, die Höhe zu erreichen, von der aus es möglich wäre, den Streit für und wider Barth so zu übersehen, daß ein Wort zur Lage weder die Gestalt eines langen Zensurberichts über die wichtigsten der viel zu vielen literarischen Ein- und Ausfälle rund um Barths Theologie und deshalb einer bloßen Verlängerung der ebenso interessanten wie müßigen Debatteschreiberei noch die einer sich durch Belesenheit, Toleranz und Kürze auszeichnenden theologischen Rundschau im Stile Kattenbuschs, also eines allgemein orientierenden und resümierenden Lexikonartikels annehmen müßte. Daß aber ein solches Wort auch weder eine Rechtfertigung der Barthschen Theologie, noch ein Zeichen siegestrunkenen Aufräumungseifers werden dürfte, ist klar, gerade weil Barth leider bis heute noch keinen wirklich gefährlichen Gegner gefunden hat und deshalb das Richten nicht schwer wäre. Es ist wohl ein Fluch der heutigen Theologie, daß sie weder Gemeinschaft noch echte Entzweiung kennt und dieser Fluch macht einsam. Er zwingt in die Neutralität oder aber in den Versuch, allein den Kampf aufzunehmen gegen alle. Es scheint, daß Barth heute noch genau so einsam ist wie vor zehn Jahren trotz der großen Erfolge seiner Theologie und daß fast die gesamte Literatur über Barth entweder gar nicht von der Sache redet, um die es Barth geht oder aber von anderen sachbezogenen Voraussetzungen her von ihr redet als Barth, was in der Theologie, da ein Widerstreit zwischen Wort Gottes und Geist Gottes nicht behauptet werden kann, nur Zeugnis ist vom Unterschied im Verständnis und in der Aneignung der Sache, gleichgültig, ob nun Barth oder die Barthianer oder die Antibarthianer richtig von ihr reden. Es handelt sich hier nirgends nur um solche Unterschiede im Reden, die dem Unterschied der synoptischen, paulinischen und johanneischen Tradition analog wären, also um die immer variable, persönliche Disposition und Intention der Zeugen, die nicht das geringste Hindernis für die [530] Einigkeit im Geiste bildet, vielmehr nur die im Dienste Christi herrschende Freiheit beweist, sondern um deutliche Zeugnisse dafür, daß diese Einigkeit im Geist – gleichgültig, wo nun Gottes- und wo Menschengeist redet – eben nicht vorhanden ist. Es könnte Theologen geben, deren Dogmatik sehr viel anders aussieht als die Barths und die doch mit ihm in der gleichen Kirche stünden und das gleiche Evangelium glaubten, aber das Reden, das in der gesamten Barthliteratur für oder wider Barth laut wird, zeugt nicht von solcher Gemeinschaft. Barth und Barthliteratur schließen sich aus, natürlich nicht grundsätzlich – es kann Schriften und Worte geben, die durchaus die geistige Gemeinschaft mit Barth beweisen – das Urteil, ob damit auch Gemeinschaft mit Christus, ist hier nicht zu fällen; es ist ein Glaubensurteil, das die Rechtfertigung durch Gott allein zur Voraussetzung und als Inhalt der Hoffnung hat. Dieser Satz ist also lediglich ein Erfahrungssatz und bedeutet deshalb keine Parteinahme für Barth oder gar eine Kanonisierung Barths, die von vorneherein eine Blasphemie wäre. Barths Dogmatik ist keine Bekenntnisschrift der christlichen Kirche, sondern Bekenntnis von Barths Besinnung über den Glauben an diese Kirche, eine Besinnung, die falsch sein kann, auch wenn irgend eine empirische Kirche so töricht wäre, sich barthianisieren zu lassen. Barth soll nicht herrschen, so wenig wie eine Kirche. Stellt man Barths Schrifttum und das über Barth Geschriebene oder Phantasierte einander gegenüber, so kann man neben den Mißverständnissen wohl zahlreiche Einflüsse, auch da und dort eine völlig korrekte Wiedergabe von Barths theologischer Position (z. B. Metzger) feststellen, und doch wird meines Wissens überall Barth zuerst in mehr oder weniger glücklicher Photographie eingerahmt, dann gelobt oder getadelt, korrigiert, verbessert oder verschlimmert – ein theologisch durchaus berechtigtes Vorverfahren; aber hier, in der Diskussion über Barths Theologie bleibt man stecken, als ob Theologie ein so harmloses und friedfertiges Unternehmen wäre wie die Aufstellung der Jahresbilanz eines gut fundierten Geschäfts. Barth floriert, seine Bücher gehen und die Konkurrenz strengt sich an. Aber dies hindert nicht, daß der gesamte Produktionszweig, Kirche und Theologie, nur unter die Luxusindustrie zu rechnen ist; sie muß schon sehr interessante Artikel liefern, wenn das Publikum noch kaufen soll. Nicht die Ware, der Verkäufer, die Aufmachung, die Reklame und vor allem das Ansehen der [531] Firma geben den Ausschlag. Der Erfolg: ein paar bedeutende Theologen, die Aufrechterhaltung des Betriebs mit staatlichen Mitteln, die Erhaltung der Absatzgebiete, die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse des Mittelstandes, die langsame Modernisierung; innerhalb der Wissenschaft, Bildung, Mentalität und Religiosität des 20. Jahrhunderts behaupten Theologie und Kirche ihr traditionelles Plätzchen, die Konjunktur schwankt, aber das Unternehmen ist gesicherter als der Friede Europas. Das alles wird gerechtfertigt durch die Theologie selber, nicht so plump und unglaubwürdig, daß das als Werk und Wille Gottes ausgegeben wird, nein, viel feiner und imponierender dadurch, daß der Zorn Gottes über all das gelegt wird, daß geschmettert und getobt wird wider die Gottlosigkeit der Kirche und die Unfruchtbarkeit und den Mangel an Geist in der Theologie. Im Modus der Selbstanklage wird heute viel wirksamer das Bestehende gestützt als durch die schlichte Pietät und den Sinn für fromme Tradition. Barth macht Schule, weil seine Theologie der heutigen Geisteslage mehr entspricht als andere Theologieen, weil das sacrificium intellectus für solche, die hier wenig zu opfern haben, ein Vergnügen ist, weil die Paradoxie tiefsinnig erscheint, weil die Kritik am Morbiden für Schwächlinge schon eine Kraftleistung ist, weil durch ihn Theologie wieder interessant, problematisch, existenzberechtigt, ein Asyl für Zweifler und Gläubige und die ganze Schar der religiösen Zwischenstufen geworden ist. Überall, und so auch in Beziehung auf die Theologie selber, wird allzu rasch von der Anklage zur Rechtfertigung fortgeschritten und auf der ganzen Linie ist statt Krieg Diplomatie, statt Scheidung Ausgleich, statt Ja oder Nein des Glaubens das Ja und Nein der theologischen Spekulation herrschend geworden und bei dem großen Radius, den Barths Theologie besitzt, wäre es ein Wunder, wenn nicht fast jeder Theologe einige Punkte aufzählen könnte, bei denen er triumphierend sagen kann: das habe ich auch schon längst „vertreten“ – so glaubt sich z. B. Wobbermin im Kampf gegen den Psychologismus Barth um einige Jahre voraus oder: Barth hat vollkommen Recht, wenn er usw. Ein Wunder wäre es auch, wenn nicht jeder auch seinen eigenen Feind in Barth hineinlesen könnte, und ein Wunder, wenn nicht überall der Versuch auftauchen würde, Barth zu beweisen, daß er nach der einen oder anderen Seite noch nicht konsequent genug sei, daß er gut daran täte, sich noch etwas weiter zu entwickeln, oder umgekehrt ihm zu raten, einige Radikalismen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren [532] oder einige Atavismen abzubauen. Man könnte fast sagen, die Diskussion um Barth beginnt allmählich so langweilig und gemütvoll zu werden wie eine theologische Freizeit. Ein paar Abwehrmaßregeln und ein paar Umstellungen im Gedankenapparat und Barth ist kirchen-, fakultäts- und salonfähig geworden. Man kann über ihn so prächtig reden, alles einwenden, alles verteidigen und sich etwas ärgern darüber, daß das Chamäleon noch dauernd die Farbe wechselt. Ein paar systemlos ausgewählte Beispiele mögen zeigen, wie der neue Stern auf der theologischen Bühne Deutschlands von den Zuschauern aufgenommen wurde.
Messer hat es sich nicht nehmen lassen, Barths Theologie kantisch und fichtisch zu deuten und sie unter Ausschaltung der Frage nach Gott als anerkennenswerte Leistung der „Religion der Abkehr“ ethisch zu würdigen mit dem humanen Wunsch, daß sie sich bald vom Bolschewismus erhole und mit der „Religion der Weihe“ vor dem Standesamt einer brauchbaren Wertphilosophie eine harmonische Ehe schließen werde. Wenn auch weder Barth noch Messer daran schuldig sein werden, manche Barthianer werden voraussichtlich diesen Wunsch erfüllen, um der Konkurrenz der katholischen Philosophie das Wasser abzugraben.
Oepke hat durch Stammbaumforschung festgestellt, daß Barth radikaler Mystiker ist und Oepke zitiert nicht falsch. Halb ist Barth zwar nach Oepke auch Glaubenstheologe. Er hat seine Sendung, ist leidenschaftlicher Erwecker wie alle großen Mystiker, man muß ihm dankbar sein, weitergehen und den alten Kampf zwischen Evangelium und Asien auch gegen ihn selber weiterkämpfen. über die Strategie bei diesem Kampf mag sich Oepke mit W. Bruhn verständigen. – Doch Barth soll ja auch in extremer Weise die ausschließliche Transzendenz Gottes behaupten. Dörries protestiert sogar im Namen Gottes gegen Barth, daß er im Diesseits nur die Abwesenheit des Jenseits sähe, und verkündigt im nationalen Pathos eines preußischen Lutheraners den nahen Gott der Liebe, man möchte fast sagen, das prächtigste, brauchbarste und liebenswürdigste Exemplar eines Gottes, der „nichts Vollkommenes schafft“ und mit der Welt in denkbar bester Arbeitsteilung lebt, ein Evangelium, das horribile dictu zugleich Gesetz ist, eine Liebe, die einfach drauflosliebt, einen reflexionsfeindlichen Optimismus, der so ziemlich alles verwechselt, was es in der Theologie zu verwechseln gibt, und der noch paradoxer und dialektischer sein will als der angeblich so pessimistische Barth. Man kann Dörries nur [533] beneiden und möchte ihn davor warnen, Luther zu lesen, damit er nicht vom Haß und von der Lästerung gegen Gott, die nach Luther, wie die ganze Schrift bezeuge, in einem heiligen Manne stark seien, überfallen und ihm die angebliche Verwandtschaft des Menschen mit Gott nicht fraglich werde.
Nach Harnack ist Barth Verächter der wissenschaftlichen Theologie und es wurde auch schon behauptet, Barth sei recht für die Kanzel, aber nicht für die Theologie. Wäre es da nicht zu empfehlen, Barth und Dörries nacheinander predigen zu lassen? Das düstere Nein würde dem seligen Ja in dialektischer Spannung vorangehen; „große Gedanken“ würden, wie Dörries will, ins Volk hineingetragen – Dörries sollte zwar wissen, wie gefährlich fürs Volk große Gedanken sind – und Salz und Licht wären sachgemäß verteilt. Die Pfarrer könnten sich das Studieren schenken, denn auf der Kanzel ist alles erlaubt. Karlstadt mag den Doktorhut ablegen, der heilige Geist hat auch unter einer Kappe Raum. Theologie ist nur für solche, die schon eine haben, ehe sie studieren, oder die keine brauchen. Entweder versteht auch das Fleisch schon Gottes Wort – der Glaube ist ja nach Dörries da, ehe er weiß, woran er glaubt – oder wirkt der Geist „senkrecht von oben“ und Bewußtsein und Besinnung kann man von vornherein entbehren. (Trotzdem, „an die Arbeit, ihr Theologen!“ ruft Dörries, verschweigt aber an welche – etwa an die der Richtigstellung seiner eigenen Bibelzitate?)
Ist Barth Spiritualist, Schwärmer oder Idealist? Immer wieder, nicht bloß bei Heinzelmann, liest man den Vorwurf, Barth habe kein religiöses Subjekt mehr. Die Verherrlichung Gottes geschehe immer nur durch die Tötung des Menschen, das Reich Gottes sei die Vernichtung der Welt mit ihrer frommen und gottlosen Kultur. Deshalb habe Barth auch keine Ethik. Bloße Kritik, Pessimismus, Leichengeruch an statt Einsicht in die reale Verbindung und Umwandlung des Menschlichen mit und durch Gott. Gott in uns und Gott über uns! Beides müsse an statt der Ausschließlichkeit, mit der Barth nur das Eine sage, festgehalten werden. An dieser Stelle ließen sich ganz auffallende Übereinstimmungen katholischer Kritiken (Przywara und Adam) mit solchen von liberaler und von pietistischer Seite aufweisen. Das eine Mal wird die Göttlichkeit der Schöpfung, das andere Mal die innerweltliche und innermenschliche Wirklichkeit der Erlösung ins Feld geführt; aber es steht dahinter, ausdrücklich oder unbewußt, die Lehre von der [534] analogia entis, durch die Gott als Objekt zum natürlichen oder zum bekehrten Menschen in Relation gesetzt wird. Zu welch naiver Erfahrungstheologie und falscher Kritik dies führt, wenn nicht eine feste Kirchenlehre oder ein robuster Biblizismus die Konsequenzen aufhält, mag man bei Wobbermin nachlesen in seiner neuesten Interpretation von Luthers „Gott und der Glaube gehören zu Haufe“ und in seinem Meißener Vortrag über die dialektische Theologie, bei denen man die Berufung auf Luther Luther zulieb gern vermissen würde.
Nachdem Traub in konsequentem Festhalten an der Unmöglichkeit des logischen Widerspruchs innerhalb der Theologie, also in der reinlichen Scheidung von Denken und Sein das christologische Problem durch Deutung von Gewissenseindrucken, die zu Vertrauens urteilen drängen, gelöst hat, muß ihm Barth als theologischer Wirrkopf erscheinen, der ständig nur die Äste absägt, auf die er sich gerne setzen möchte, um schließlich hilflos beim bloßen assensus fidei, beim orthodoxen Autoritätsglauben zu enden, hartnäckig die Frage nach einem inhaltlichen Maßstab für die Dogmatik ignorierend.
Barth ist ferner Rationalist, er vermengt dauernd seine philosophischen, aus der Marburger Schule bezogenen Voraussetzungen mit den Sachgehalten der Schrift, er ist heimlicher Gefangener seines Todfeindes, des Idealismus, außerdem ist er Scholastiker und schließlich endet seine Theologie nach O. Ritschl beim Averroismus, beim Satz von der doppelten Wahrheit.
Es ist kein erfreuliches Zeichen, daß die Einwände gegen Barth fast durchweg schon vorauszusagen sind, wenn man den Namen oder die Richtung des Theologen kennt, der über ihn berichtet, ehe man nur dessen Schrift liest. Was sollte auch in „Licht und Leben“ anderes stehen als der Hinweis auf den Mangel an Erkenntnis der Liebe Gottes, am Festhalten der historischen Heilstatsachen eben als historischer Gegebenheiten, an Einsicht in das positive Heiligungsleben des Christen, an sieghafter Heilsgewißheit? Was kann Gustav Krüger abstoßen, wenn nicht der Biblizismus Barths und seine Ignorierung der Offenbarungswelt der Religionsgeschichte? So könnte man lange fortfahren und schließlich alle Einwände so konfrontieren, daß sie sich gegenseitig aufheben. Aber das wäre Apologetik für Barths Theologie und deshalb unsachlich. Die Freunde Barths sorgen schon dafür, daß der Barthianismus in Gemeindeleben und Theologie sich behauptet und weiterschreitet, [535] und man möchte dringend wünschen, daß ihre Schriften (z. B. Strauch, Burckhardt, Haitjema) weniger Empfehlungscharakter trügen, weil das wuchtige Reden von Gericht und Gnade doch allmählich so wohltuend und beruhigend wirkt. Man sollte bedenken, daß O. Ritschl, der an dogmengeschichtlichem Wissen und in der Verankerung seiner Theologie im 19. Jahrhundert Barth weit überragt, bei der Feststellung, in Barths Theologie sei die Gesprächigkeit eine Haupteigenschaft Gottes, Barth und den Barthianismus zwar mit Gott verwechselt, aber daß die Möglichkeit solcher Verwechslung Vorsicht gebietet, wenn sich auch Ritschl besser in diesem Punkt an die Kirchen gewandt hätte, mit der Bitte um Einschränkung der amtlichen Gesprächigkeit. Es ist zu sagen, daß die Literatur für Barth fast durchweg (Ausnahmen: Metzger und mit der durch den Popularisierungsversuch bedingten Einschränkung Kolfhaus) nicht besser ist als die gegen Barth. Noch deutlicher als die Literatur beweisen das die vielen Vorträge, die dem Interesse für Barth entgegenkommen wollen. Entweder Ja- und Aber-Theologie im schlechten Sinn oder Schülertum, das oft an jünglinghafte Nietzschebegeisterung erinnert.
Aber wie steht es mit Barth und den andern Dialektikern? Sind nicht Brunner, Gogarten und Bultmann Vertreter der gleichen »Richtung“, Mitkämpfer Barths? Und hört man nicht bei Althaus und Heim manche dialektische Klänge? Ja gibt es noch ein systematisches Kolleg und Seminar, in dem nicht ernste Auseinandersetzung mit der Dialektik stattfindet? Ja. Es gibt eine Front der Dialektiker und der Student begegnet ihr auf jeder Hochschule direkt oder indirekt. Barth hat der theologischen Arbeit neue Richtungen und Fragen gegeben, hat in die Studierstuben Kämpfe von ehrfurchtgebietendem Ernst gebracht. Aber trotzdem kämpft jeder auf eigene Faust mit Büchern und Papier und jedem werden die Abgrenzungen gegen den andern immer wichtiger. Einsam steht Theologie neben Theologie, Dozent neben Dozent; Individualismus und Virtuosentum beginnen zu herrschen bei aller gegenseitigen Auseinandersetzung und Befruchtung. Der Student ist das Opfer der Lehrfreiheit der Akademiker geworden. Er muß Schüler eines Meisters werden oder er geht nur mit einem Schulsack voll kunterbunten Wissens ins Amt. Er predigt dann eine bestimmte Theologie und die Gemeinde bleibt hungrig, oder er paßt sich der Gemeinde an und diese bleibt satt. Muß der Student, der alle Disziplinen durchlaufen hat, nicht ratlos seufzen über die vielen [536] Teile, denen das geistige Band fehlt? Ist ihm geholfen, wenn er die Systeme von 10 Meistern im Gedächtnis hat? Und ist er nicht noch ärmer, wenn er eingeschworen ist auf Einen? Wenn unter den Lehrern nur die Bücher die Gedanken vermitteln und jeder nur in spekulativer Synthese oder in spekulativer Diastase zum andern seinen theologischen Bau erstellt, jeder objektiv, jeder kirchlich, jeder schriftgemäß, jeder auch in persönlicher Treue zu sich selber, jeder aus der Souveränität und Geborgenheit seines akademischen Amtes heraus Buchstaben in Geist und Geist in Buchstaben verwandelt, wenn das Wissen und Vielwissen höchstens noch durch Spekulation überboten wird und sich die Bewegung des Denkens nur vom Sein des Denkers entfernt – auch Leben und Lehre müssen, so sehr sie nach Luther wie Erde und Himmel zu scheiden sind, in der Person· des Lehrers zusammenstoßen –, dann kann zwar die Wissenschaft blühen und die Bibliotheken können wachsen, aber wie die reiche und tiefe katholische Wissenschaft heute keinen einzigen Weihwasserkessel umwirft, so ist die protestantische Theologie auf der Fehlhalde der bloß gedanklichen Interpretation der Schrift und der Reformation, während eine entschlossene Wendung zum Stehen in der biblischen Freiheit und zur Beugung unter das göttliche Gesetz eine wirkliche Krisis in die Theologie bringen müßte, die zunächst an den Universitäten große Umschichtungen im Gefolge hätte (Fakultät und Professor, Fakultät und Fakultäten, Fakultät und Kirche, Fakultät und Staat, Fakultät und Fachschaft, Fakultät und Examen, überall Paragraphen zur Verteilung von Rechten und Pflichten, während der Primat der nach Luther heilsnotwendigen Theologie immer mehr preisgegeben wird und die Gemeinschaft der Kirchenlehrer und Kirchendiener vielfach fast nur aus Wahl, Zufall und Examensbedingungen resultiert; zu wenig Gesetzesstrenge: wie wenig weiß heute der Student, was er studieren soll; und zu wenig evangelische Souveränität: wie abhängig ist die Theologie von den Satzungen dieser Welt, vor allem von dem repräsentativen „man“!). – Schon die zeitgenössisch-exegetischen Urteile über Barth beweisen ja, daß Verständigung, ob sie durch Zustimmung oder durch Widerspruch erfolgt, immer auch Vergewaltigung ist, Vergewaltigung des Exegenden an dessen Wort oder Geist und Vergewaltigung des Exegeten durch Verdeckung des eigenen Wortes oder des eigenen Geistes mit der Maske des Mit- oder Gegenspielers. Das Problem der Verständigung ist das Problem von Glaube und Wissen. Die Verständigung von außen her, [537] also auf dem Weg der Wissenschaft, muß unerbittlich versucht und weitergeführt werden bis zu dem Punkt, an dem die Erkenntnis auftaucht, daß Gemeinschaft und Entzweiung nur echt sein können, wenn sie nicht nur in mehr oder weniger wissenschaftlich gegründeten Thesen und Antithesen ihren Grund haben, sondern in der Haltung beider Gesprächspartner vor Gott, die selber wieder nur Antwort sein kann auf die Haltung Gottes zu ihnen, die ohne Zwischenstufen nur die des Zorns oder der Gnade ist. Das Gesetz der Wissenschaftlichkeit darf nicht durchbrochen werden, aber theologice, vor Gott, nicht humana ratione führt dieses Gesetz zur Heuchelei, zu erheuchelter Gemeinschaft wie zu unechter Entzweiung; das Halten der Einigkeit im Geiste und die Scheidung der Geister ist Gesetz, das nicht erfüllt werden kann durch theologische Arbeit. Und diese Unerfüllbarkeit der Forderung ganzer Gemeinschaft vor Gott oder ganzer Trennung vor Gott wird deutlich in der Diskussion um Barth. Bald voreiliger Friedensschluß, als ob man Theologie treiben könnte wie einen Warentausch und ohne in sich den Todfeind aller Theologie entdecken zu müssen (Luther: Qui dicit se legem diligere mentitur et nescit, quid dicat) und bald voreilige Angriffe, als ob nicht auch der Gegner nur durch das Hangen an Christus und nicht durch seine theologische Position gerechtfertigt sei. Das Wissen ist Gesetz, das Glauben Evangelium. Beide, Gesetz und Evangelium, sind nach Luther re ipsa diversissima, longissime distincta, plus quam contraria, alterum infernus, alterum coelum, aber in corde, in affectu sind sie conjungenda und conjunctissima. „Speculative conjunguntur facillime, sed practice ea conjungere est omnium dificillimum“ und unmöglich ohne experientia und tentatio. Dieser Kampf zwischen Himmel und Hölle, der nur durch den „quotidianus adventus Christi“ entschieden wird, ist in der theologischen Diskussion der Gegenwart durch eine stetige Verwechslung von christlicher und stoischer Liebe zurückgehalten. Das Gesetz des wissenschaftlichen Forschens erfüllen wollen müßte zu einer Gemeinschaft in der Schuld führen, die jeden persönlichen Ehrgeiz, alles Rechthabenwollen restlos ausschließt, und der Glaube, die Auslieferung von Denken und Sein an ihr volles Gerechtfertigtsein durch Christus müßte zu einem Kampf führen, in dem sich eine Scheidung bis in die Familien-, nicht bloß bis in die Standeszusammengehörigkeit hinein bahnbrechen müßte, gefährlicher, tiefer, umwälzender als aller Bolschewismus, reicher, fruchtbarer, befreiender als alle allgemeine Rechtfertigung der Schöp-[538]fung durch theologische Durchschau und Hoffnung. Es gibt nichts in allen sozialen Verhältnissen der Gegenwart und allen Bestrebungen, die zu bessern, das nicht auf eine tätige erneuernde Antwort durch die Kirche bisher vergeblich wartet. Die Pfarrer wollen helfen, aber durch ihre theologische Bildung gehemmt, versuchen es alle mit dem mḕdèn ágan mit der Vermittlung und Aussöhnung und Vertröstung; es setzt sich die Halbheit in der Entzweiung und die Halbheit in der Gemeinschaft, die für die Theologie bezeichnend ist, ins Amt fort und alle Seufzer der jungen Theologen gehen in der mit Glauben verwechselten Resignation unter. Der Laie hat ein Recht, den Theologen zu fragen: Worauf gründe ich mein Handeln und Denken und Sein so, daß es in Gott zu Gottes Ehre geschieht und ist? und der Student, der hier später Rede stehen soll, hat die Pflicht, auf dieser Frage an seine Lehrer rücksichtslos zu bestehen, bis diese, allein oder gemeinsam, aber nicht allgemein in einer Synthese des gegenwärtigen Standes der theologischen Wissenschaft, nicht durch wohlwollende Abgrenzung und Bescheidung, sondern mit der Maßlosigkeit der ihnen durch ihr Amt zugemuteten göttlichen Autorität Antwort geben, die verbindet oder trennt, aber nicht in Neutralität läßt. Sonst wäre es besser, wenn die Theologen den naiv-ehrlichen Humor aufbrächten, den ein Bauer .auf die ketzermordende Predigt seines Pfarrers hin in dem Wort an seinen Nachbar bewies: „i müeßt aber lache, wenn jetzt mir (= wir) da falsche Glaube hättet“. Aber vielleicht wäre es doch ratsamer, noch radikaler Theologie zu treiben, bis es ohne Seligpreisungen und ohne Weherufe nicht mehr geht, aber bei beidem gegen sich und den Nächsten ohne Ansehen der Person. Man würde dann weniger Kamele verschlucken und weniger Mücken seihen und man käme von den Theologien einen Schritt weiter in der Richtung auf die Theologie, von den Kirchen einen Schritt weiter in der Richtung auf die Kirche, die mitten unter ihren Feinden durch Gott bei seinem Wort erhalten wird, durchs Gesetz dem Gesetz, durch die Theologie der Theologie gestorben.
Literatur: W. Metzger: Der Angriff Karl Barths als Kampf um die Sache, Monatsschrift für Pastoraltheologie 1925, 1-3. A. Messer in Gemmer-Messer: Sören Kierkegaard und Karl Barth, Stuttgart 1925. A. Oepke: Karl Barth und die Mystik, Leipzig 1928. W. Bruhn: Vom Gott im Menschen, 1926; vgl. Zwischen den Zeiten, 1927, S. 33. B. Dörries: Der ferne und der nahe Gott, Gotha 1927. Heinzelmann: Das Prinzip der Dialektik in der Theologie Karl Barths. NKZ XXXV, 12, S. 532-556. Schmidt-Japing: Die christologischen Anschauungen der dialektischen Theologie, Apologetisches Jahrbuch 1925. E. Przywara: Gott in uns oder Gott über uns, StZ, 53./11. 1923, S. 343-362. K. Adam: Die Theologie der Krisis, Hochland, 23. Jg. 9, S. 271-286. G. Wobbermin: Der Kampf um die dialektische Theologie, ChW 1928, Nr. 3/4. – Gott und der Glaube gehören zu Haufe. ZThK 1928, H. 1, S. 51 ff. (vg1.1927, 4, 251ff.). Fr. Traub: Karl Barths Dogmatik, MPTh 1928. W. Knappe: Karl Barth und der Pietismus. Licht und Leben, 39. Jg., Nr. 30-34. Gustav Krüger: The Theology of Crisis, HThR 1926. Strauch: Die Theologie Karl Barths, München. P. Burckhardt: Was sagt uns die Theologie Karl Barths und seiner Freunde? Basel 1927. Th. L. Haitjema: Karl Barths „kritische“ Theologie, Wageningen 1926. O. Ritschl: ThLZ 53, 10 (12. V. 1928). W. Kolfhaus: Die Botschaft des Karl Barth, 1927. RGG., 2. Aufl., Bd. I, Sp. 1914 (dort auch Literaturangaben). Karl Heim: Glaube und Leben, Berlin, Furche, 2. Aufl., Vorwort. F. Kattenbusch: Die deutsche evangelische Theologie seit Schleiermacher.5 Gießen 1926.
Quelle: Zwischen den Zeiten 6 (1928), Heft 4, S. 529-539.