Martin Buber, Dom und Friedhof (1934): „Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofgewirr zu der herrlichen Harmonie empor und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf.“

Dom und Friedhof Von Martin Buber Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich auch eine Tradition … Mehr

Ernst Cassirer über das Wiederkehr des Mythus in der Gesellschaftskrise (Vom Mythus des Staates, 1945): „Der Mythus ist nicht wirklich besiegt und unterdrückt worden. Er ist immer da, versteckt im Dunkel und auf seine Stunde und Gelegenheit wartend. Diese Stunde kommt, sobald die anderen bindenden Kräfte im sozialen Leben des Menschen aus dem einen oder anderen Grunde ihre Kraft verlieren und nicht länger imstande sind, die dämonischen mythischen Kräfte zu bekämpfen.“

Über das Wiederkehr des Mythus in der Gesellschaftskrise Von Ernst Cassirer Die mythische Organisation der Gesellschaft scheint von einer vernünftigen … Mehr

Richard Sennett, Liebesmühen. Über den Handwerker (craftsman): „Die meisten Menschen haben das Potenzial, gute Handwerker zu werden. Sie verfügen über die Fähigkeiten, sich zu verbessern und sich mehr mit ihrer Arbeit zu identifizieren – über die Fähigkeit zu lokalisieren, zu hinterfragen und Probleme zu öffnen, was schließlich zu guter Arbeit führen kann. Auch wenn die Gesellschaft diesen Einsatz nicht ausreichend belohnt – am Ende können sie Selbstachtung gewinnen. Und das ist Lohn genug.“

Liebesmühen. Über den Handwerker (craftsman) Von Richard Sennett Das Wort Handwerker ruft sofort ein Bild hervor. Man blickt durch ein … Mehr

Hayden White, Das Problem der Erzählung in der modernen Geschichtstheorie: „Die Tatsache, dass die Erzählung eine »historischen« wie »nichthi­storischen« Kulturen gemeinsame Diskursform ist und im mythi­schen wie im fiktionalen Diskurs überwiegt, macht sie als Form des Sprechens über »reale« Ereignisse verdächtig. Die nichtnarrative Sprechweise, wie sie in der Physik üblich ist, scheint der Darstel­lung »realer« Ereignisse angemessener. Dabei aber ist die Vorstellung von dem, was ein »reales« Ereignis ist, nicht von der Unter­scheidung zwischen »wahr« und »falsch« abhängig (denn dies ist eine Unterscheidung, die zur Ordnung der Diskurse und nicht zur Ordnung der Ereignisse gehört), sondern eher von der Differenzie­rung zwischen »real« und »imaginär« (die sowohl zur Ordnung der Ereignisse als auch zur Ordnung der Diskurse gehört). Man kann einen imaginären Diskurs über reales Geschehen schaffen, der, weil er »imaginär« ist, deshalb nicht weniger »wahr« zu sein braucht. Alles hängt davon ab, wie man das Wirken der menschlichen Imagi­nationsfähigkeit interpretiert.“

Das Problem der Erzählung in der modernen Geschichtstheorie Von Hayden White In der neueren Geschichtstheorie ist die Erzählung Gegenstand außerordentlich … Mehr

Karl Barth, Philosophie und Theologie (1960): „Ob der Philosoph fähig und geneigt sein wird, in der vom Theologen angegebenen und beschriebenen Be­ziehung von «Schöpfer» und «Geschöpf» von «Gott» und «Mensch» seine eigenen Gegenüber- und Zusammenstellungen wiederzuerkennen? Und ob der Theologe seinerseits in den Begriffspaaren des Philosophen das wiederfinden wird, was er unter «Schöpfer» und «Geschöpf», «Gott» und «Mensch» versteht? Ob man sich hiervon beiden Seiten mit gutem Ge­wissen darüber verständigen könnte, dass man ja «im Grunde dasselbe» meine und sagen wolle? Ob es also gelegentlich oder gar durchgängig tun­lich sein möchte, dass der Philosoph in der Sprache des Theologen, der The­ologe in der des Philosophen redet?“

Philosophie und Theologie Von Karl Barth Die Gegenüberstellung von «Philosophie» und «Theologie» ist eine (leicht mythologisierende) Abstraktion. Das Wirkliche, das … Mehr

Hayden White, An den Grenzen des Begriffs (At the Limits of the Concept, 2016): „Die kontinentale Tradition neigt dazu, der Rhetorik sehr viel mehr Sympathie entgegenzubringen, die sie weniger als ‚Überzeugungskunst‘ versteht, sondern vielmehr als eine Theorie des Verhältnisses zwischen wörtlich-begrifflichem Denken einerseits und figurativ-tropologischem Bewusstsein andererseits. Sie sympathisiert eher mit einer narrativistischen Ausdrucksweise als mit einer syllogistischen Argumentationsweise. Sie erkennt sogar an, dass ‚Fiktion‘ weniger das Gegenteil von ‚Tatsache‘ sein kann als eine andere Art der Vermittlung zwischen Sinn und Vorstellung. Sie lässt sogar zu, dass die der poetischen Sprache innewohnende Variation und Differenzierung, wie bei Wallace Stevens, Yves Bonnefoy, Ann Carson, W. H. Auden, T. S. Eliot und Paul Celan, Affekte und Einsichten hervorbringen kann, für die andere Ausdrucksformen blind bleiben.“

An den Grenzen des Begriffs (At the Limits of the Concept, 2016) Von Hayden V. White Es wird oft vergessen, … Mehr

Johann Baptist Metz, Theologie gegen Mythologie. Kleine Apologie des biblischen Monotheismus (1987): „Wenn die Christologie betont, Gott habe sich in Jesus Christus „endgültig“ mitgeteilt, Gott sei in Jesus Christus ‚unwiderruflich‘ bei uns angekom­men, dann impliziert sie damit eine Zeitaussage. ‚End­gültig­keit‘ nämlich, ‚Unwiderruflichkeit‘ – für alle und alles – kann nur im Horizont befristeter Zeit ausgesagt werden; im Horizont induktiv unendlicher Zeit gibt es nichts Endgültiges, nur Hypothetisches. Die Logik befri­steter Zeit aber hat anamnetische, hat narrative Tiefen­struk­turen.“

Theologie gegen Mythologie. Kleine Apologie des biblischen Monotheismus Von Johann Baptist Metz Auf dem 14. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für … Mehr

Jacques Gernet, Sprache, Mathematik, Rationalität. Kategorien oder Funktionen in Bezug auf China und unsere alten Traditionen (2007): „Das Chinesische – hier ist insbesondere die Sprache gemeint, die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zur Ausdrucksform philosophischen Denkens diente, die sich aber im Prinzip nicht von der gesprochenen Sprache unterscheidet – ist frei von jeglicher Flexion, und die ‚Wörter‘, semantische Einheiten, die jeweils durch ein eigenständiges Schriftzeichen dargestellt werden, können sehr häufig unterschiedliche grammatische Funktionen übernehmen. Im Allgemeinen bestimmt die Stellung der Wörter im Satz ihre Bedeutung und Funktion sowie ihre Beziehung zu anderen in parallelen Ausdrücken. Die Schrift in regulärer Form, das Einfügen der Zeichen in gleichmäßige Quadrate und die Isolation jedes einzelnen Zeichens sind an sich schon Ausdruck der Eigenart der Sprache. Im Chinesischen ist daher nicht von Redekategorien die Rede.

Sprache, Mathematik, Rationalität. Kategorien oder Funktionen in Bezug auf China und unsere alten Traditionen Von Jacques Gernet Alle Linguisten stimmen … Mehr

Emmanuel Lévinas, Der Name Gottes nach einigen talmudischen Texten (Le Nom de Dieu d’après quelques textes talmudiques, 1969): „Das Tetragramm – der ‚ausdrückliche‘ Name (Schem Hameforasch) – besitzt ein besonderes Vorrecht. Es besteht in der merkwürdigen Bedingung, dass er niemals ausgesprochen werden darf (außer wenn der Hohepriester am Versöhnungstag, dem sogenannten ‚Jom Kippur‘, ins Allerheiligste tritt – was im nachexilischen Judentum bedeutet: nie). Der Name Adonai – der wiederum nicht vergeblich ausgesprochen werden darf – ist der Name des Tetragramms. Der Name hat einen Namen! Der Name zeigt sich und verbirgt sich zugleich. Es ist notwendig, dass das Eintreten in den Bedeutungszusammenhang immer zugleich auch ein Rückzug (eine Anachorese) oder eine Heiligkeit ist; notwendig, dass die Stimme, die im Sprechen ertönt, auch die Stimme ist, die sich zurücknimmt oder schweigt. Der Eigenname kann diese Modalität haben. Er ist ein Name, der dem, was er bezeichnet, ‚anhaftet‘, ganz anders als der Gattungsname, der durch das Sprachsystem erhellt eine Art oder Klasse bezeichnet, aber nicht ‚haftet‘, sondern den Einzelnen in die Gleichgültigkeit des Allgemeinen einschließt, sozusagen. Der Eigenname, nahe dem Benannten, steht in keiner logischen Beziehung zu ihm und ist daher – trotz dieser Nähe – eine leere Hülle, eine permanente Zurücknahme dessen, worauf er verweist, eine Entleibung dessen, was sich durch ihn verkörpert. Durch das Verbot, ausgesprochen zu werden, bleibt er in diesem Dazwischen: ein Tetragramm, das nie so ausgesprochen wird, wie es geschrieben ist.“

Der Name Gottes nach einigen talmudischen Texten (Le Nom de Dieu d’après quelques textes talmudiques, 1969) Von Emmanuel Lévinas 1. … Mehr