Martin Buber über „Gott“ als das beladenste aller Menschenworte (Gottesfinsternis, 1953): „Nähme ich den reinsten, funkelndsten Begriff aus der inner­sten Schatzkammer der Philosophen, ich könnte darin doch nur ein un­verbindliches Gedankenbild einfangen, nicht aber die Gegenwart dessen, den ich meine, dessen, den die Geschlechter der Menschen mit ihrem ungeheuren Leben und Sterben verehrt und erniedrigt haben. Ihn meine ich ja, ihn, den die höllengepeinigten, himmelstürmenden Geschlechter der Menschen meinen. Gewiß, sie zeichnen Fratzen und schreiben ›Gott‹ darunter; sie morden einander und sagen ›in Gottes Namen‹. Aber wenn aller Wahn und Trug zerfällt, wenn sie ihm gegenüberstehn im einsam­sten Dunkel und nicht mehr ›Er, er‹ sagen, sondern ›Du, Du‹ seufzen, ›Du‹ schreien, sie alle das Eine, und wenn sie dann hinzufügen ›Gott‹, ist es nicht der wirkliche Gott, den sie alle anrufen, der Eine Lebendige, der Gott der Menschenkinder?! Ist nicht er es, der sie hört? Der sie – erhört?“

Über „Gott“ als das beladenste aller Menschenworte (Gottesfinsternis, 1953) Von Martin Buber An einem Morgen stand ich früh auf, um … Mehr

Lesslie Newbigin, Das Evangelium als öffentliche Wahrheit (The Gospel as Public Truth, 1992): „Wir können nicht in den Garten Eden zurückkehren. Wir können uns nicht damit zufrieden geben, so zu bleiben, wie wir sind. Es ist möglich, und es wird von uns verlangt, was wir immer noch eine zweite Naivität nennen könnten, in der wir bewusst und verantwortungsbewusst die Geschichte von Gottes schöpferischem und erlösendem Wirken als Grundlage für all unser Denken und Handeln anerkennen. Wir können diese Geschichte erzählen, ohne uns zu schämen, dass man uns für eine Art primitive Analphabeten halten könnte. Naiv im ursprünglichen Sinne sind diejenigen, die sich der ungeprüften Dogmen, die unsere Gesellschaft beherrschen, nicht bewusst sind. Und wenn man uns, wie es einige Theologen tun, der Häresie des Fideismus bezichtigt, werden wir ganz einfach antworten: ‚Zeigt uns irgendeine Art von Wissen, das nicht einen Glaubensakt als Ausgangspunkt hat‘.“

Das Evangelium als öffentliche Wahrheit (The Gospel as Public Truth, 1992) Von J.E. Lesslie Newbigin In dem Abschnitt, den wir … Mehr

Werner Heisenberg, Quantenmechanik (1926): „Es ist nicht möglich, einer Korpuskel einen bestimmten Ort als Funktion der Zeit zuzuordnen, doch kann ihr eine Gesamtheit von Strahlungs­größen, die die Fourrierreihe der klassischen Theorie ersetzen, zugeordnet werden. Es ist ferner unter einer Reihe gleichartiger Korpuskeln prinzipiell nicht möglich, eine bestimmte Korpuskel immer wieder zu identifizieren. Es besteht in unserer anschaulichen Inter­pretation des physikalischen Geschehens und der mathematischen Formeln ein Dualismus zwischen Wellentheorie und Korpuskulartheorie derart, daß viele Phänomene am natürlichsten durch eine Wellentheorie sowohl des Lichtes wie der Materie beschrieben werden, insbesondere Interferenz- und Beugungsphänomene, während andere Phänomene wieder nur auf Grund der Korpuskulartheorie ge­deutet werden können.“

Quantenmechanik Von Werner Heisenberg, Kopenhagen.(Aus dem Institut für theoretische Physik der Universität.) Nach unserer gewöhnlichen „Anschauung“, d. h. bei Anwendung … Mehr

Martin Buber, Dom und Friedhof (1934): „Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofgewirr zu der herrlichen Harmonie empor und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf.“

Dom und Friedhof Von Martin Buber Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich auch eine Tradition … Mehr

Ernst Cassirer über das Wiederkehr des Mythus in der Gesellschaftskrise (Vom Mythus des Staates, 1945): „Der Mythus ist nicht wirklich besiegt und unterdrückt worden. Er ist immer da, versteckt im Dunkel und auf seine Stunde und Gelegenheit wartend. Diese Stunde kommt, sobald die anderen bindenden Kräfte im sozialen Leben des Menschen aus dem einen oder anderen Grunde ihre Kraft verlieren und nicht länger imstande sind, die dämonischen mythischen Kräfte zu bekämpfen.“

Über das Wiederkehr des Mythus in der Gesellschaftskrise Von Ernst Cassirer Die mythische Organisation der Gesellschaft scheint von einer vernünftigen … Mehr

Richard Sennett, Liebesmühen. Über den Handwerker (craftsman): „Die meisten Menschen haben das Potenzial, gute Handwerker zu werden. Sie verfügen über die Fähigkeiten, sich zu verbessern und sich mehr mit ihrer Arbeit zu identifizieren – über die Fähigkeit zu lokalisieren, zu hinterfragen und Probleme zu öffnen, was schließlich zu guter Arbeit führen kann. Auch wenn die Gesellschaft diesen Einsatz nicht ausreichend belohnt – am Ende können sie Selbstachtung gewinnen. Und das ist Lohn genug.“

Liebesmühen. Über den Handwerker (craftsman) Von Richard Sennett Das Wort Handwerker ruft sofort ein Bild hervor. Man blickt durch ein … Mehr

Hayden White, Das Problem der Erzählung in der modernen Geschichtstheorie: „Die Tatsache, dass die Erzählung eine »historischen« wie »nichthi­storischen« Kulturen gemeinsame Diskursform ist und im mythi­schen wie im fiktionalen Diskurs überwiegt, macht sie als Form des Sprechens über »reale« Ereignisse verdächtig. Die nichtnarrative Sprechweise, wie sie in der Physik üblich ist, scheint der Darstel­lung »realer« Ereignisse angemessener. Dabei aber ist die Vorstellung von dem, was ein »reales« Ereignis ist, nicht von der Unter­scheidung zwischen »wahr« und »falsch« abhängig (denn dies ist eine Unterscheidung, die zur Ordnung der Diskurse und nicht zur Ordnung der Ereignisse gehört), sondern eher von der Differenzie­rung zwischen »real« und »imaginär« (die sowohl zur Ordnung der Ereignisse als auch zur Ordnung der Diskurse gehört). Man kann einen imaginären Diskurs über reales Geschehen schaffen, der, weil er »imaginär« ist, deshalb nicht weniger »wahr« zu sein braucht. Alles hängt davon ab, wie man das Wirken der menschlichen Imagi­nationsfähigkeit interpretiert.“

Das Problem der Erzählung in der modernen Geschichtstheorie Von Hayden White In der neueren Geschichtstheorie ist die Erzählung Gegenstand außerordentlich … Mehr

Karl Barth, Philosophie und Theologie (1960): „Ob der Philosoph fähig und geneigt sein wird, in der vom Theologen angegebenen und beschriebenen Be­ziehung von «Schöpfer» und «Geschöpf» von «Gott» und «Mensch» seine eigenen Gegenüber- und Zusammenstellungen wiederzuerkennen? Und ob der Theologe seinerseits in den Begriffspaaren des Philosophen das wiederfinden wird, was er unter «Schöpfer» und «Geschöpf», «Gott» und «Mensch» versteht? Ob man sich hiervon beiden Seiten mit gutem Ge­wissen darüber verständigen könnte, dass man ja «im Grunde dasselbe» meine und sagen wolle? Ob es also gelegentlich oder gar durchgängig tun­lich sein möchte, dass der Philosoph in der Sprache des Theologen, der The­ologe in der des Philosophen redet?“

Philosophie und Theologie Von Karl Barth Die Gegenüberstellung von «Philosophie» und «Theologie» ist eine (leicht mythologisierende) Abstraktion. Das Wirkliche, das … Mehr

Hayden White, An den Grenzen des Begriffs (At the Limits of the Concept, 2016): „Die kontinentale Tradition neigt dazu, der Rhetorik sehr viel mehr Sympathie entgegenzubringen, die sie weniger als ‚Überzeugungskunst‘ versteht, sondern vielmehr als eine Theorie des Verhältnisses zwischen wörtlich-begrifflichem Denken einerseits und figurativ-tropologischem Bewusstsein andererseits. Sie sympathisiert eher mit einer narrativistischen Ausdrucksweise als mit einer syllogistischen Argumentationsweise. Sie erkennt sogar an, dass ‚Fiktion‘ weniger das Gegenteil von ‚Tatsache‘ sein kann als eine andere Art der Vermittlung zwischen Sinn und Vorstellung. Sie lässt sogar zu, dass die der poetischen Sprache innewohnende Variation und Differenzierung, wie bei Wallace Stevens, Yves Bonnefoy, Ann Carson, W. H. Auden, T. S. Eliot und Paul Celan, Affekte und Einsichten hervorbringen kann, für die andere Ausdrucksformen blind bleiben.“

An den Grenzen des Begriffs (At the Limits of the Concept, 2016) Von Hayden V. White Es wird oft vergessen, … Mehr