Helmut Gollwitzer, Brief an „nichtarische“ Gemeindeglieder angesichts der bevorstehenden Deportationen (1941): „Werdet Ihr unsere Worte noch aufnehmen und annehmen können? Viele werden so eingeschlossen sein in den Bannkreis ihrer Angst, dass kein Wort sie mehr zu erreichen scheint. Und wie soll Euch nicht die Bitterkeit übermannen, wenn die zu Euch spre­chen, die ja zurückbleiben im Genuss all der Güter, deren Ihr nun be­raubt seid? Und werden Euch fromme Worte nicht als leere Worte erschei­nen, da Ihr doch Euch selbst ein Beispiel gänzlicher Gottverlassenheit scheinen mögt? ‚Sie sind allzumal verstrickt in Höhlen und versteckt in Kerkern; sie sind zum Raube geworden, und ist kein Erretten da.‘ Aber ließen wir Euch schweigend ziehen, so wäre es noch schlim­mer und eine Verleugnung der Kraft des Heiligen Geistes, der auch über große Trennungen hinweg und in bösesten Stunden ein in seinem Namen gesprochenes Wort vernehmbar ma­chen kann.“

Brief an „nichtarische“ Gemeindeglieder angesichts der bevorstehenden Deportationen (1941)

Von Helmut Gollwitzer

Im Jahr 1941 lebten noch etwa 66.000 jüdischstämmige Menschen in Berlin. Davon waren schätzungsweise 12.000 bis 15.000 getaufte Christen. Am 18. Oktober 1941 begann deren systematischen Deportationen: Der erste Zug fuhr mit über 1.000 Menschen vom Bahnhof Grunewald in das Ghetto nach Łódź (Litzmannstadt) im besetzten Polen, von wo aus der Großteil in die Vernichtungslager verbracht und ermordet wurden. Angesichts der bevorstehenden Deportationen wendet sich Helmut Gollwitzer – seit Januar 1941 selbst mit einer „Halbjüdin“, Eva Bildt verlobt – im November 1941 in einem seelsorgerlichen Brief an die ihm vertrauten „nichtarischen“ Gemeindeglieder in Berlin-Dahlem:

Im November 1941

Liebe Freunde!

Was sollen wir Euch zum Abschied sagen? Werdet Ihr unsere Worte noch aufnehmen und annehmen können? Viele werden so eingeschlossen sein in den Bannkreis ihrer Angst, daß kein Wort sie mehr zu erreichen scheint. Und wie soll Euch nicht die Bitterkeit übermannen, wenn die zu Euch spre­chen, die ja zurückbleiben im Genuß all der Güter, deren Ihr nun be­raubt seid? Und werden Euch fromme Worte nicht als leere Worte erschei­nen, da Ihr doch Euch selbst ein Beispiel gänzlicher Gottverlassenheit scheinen mögt? „Sie sind allzumal verstrickt in Höhlen und versteckt in Kerkern; sie sind zum Raube geworden, und ist kein Erretten da“. (Jes. 42,22). Aber ließen wir Euch schweigend ziehen, so wäre es noch schlim­mer und eine Verleugnung der Kraft des Heiligen Geistes, der auch über große Trennungen hinweg und in bösesten Stunden ein in seinem Namen gesprochenes Wort vernehmbar ma­chen kann.

Unsere Gebete bitten Christus jetzt vornehmlich für die einzutreten, die sich und anderen nun keinen anderen Rat mehr wissen als den von Hiobs Frau: „Sage Gott ab und stirb!“ Er weiß alles, was sie fühlen, und will auch dann ihr Heiland und Erlöser sein, wenn sie selbst in dem Übermaß von Leid und Sorge meinen, auch von ihm preisgegeben zu sein, und nichts mehr sehen als Verzweiflung.

Hiobs Frau hat unrecht; ihr Rat ist schlecht und unwahr. Wir müs­sen uns auch an den finstersten Tagen hüten ihn anzunehmen und zu meinen, er nenne uns die einzige Möglichkeit, die es noch gebe. Weil Gott ist, weil Gott in Christus sich mit unserem Leben verbunden und Ihm eine Ver­heißung gegeben hat, weil keine Macht und keine Finsternis und kein Elend diese Verheißung zunichte machen kann, darum gibt es noch eine andere Möglichkeit:

Den Glauben an Gottes Gegenwart und Liebe festzuhalten oder, da wir sichtlich zu schwach sind, ihn aus eigener Kraft festzuhalten, das Gebet zum lebendigen Gott: „Laß uns nicht entfallen aus des rechten Glaubens Trost!“ Laßt Euch nicht von Eurer Angst einreden, dieser Glaube sei eine immer schwerer und zuletzt ganz unmöglich werdende Pflicht. In Wirklich­keit ist er die große Möglichkeit, die Euch noch geblieben ist. Wer in dem Glaubenstrost steht, dem ist auch im Elend des östlichen Ghettos die Sorge um das Reich Gottes der Mittelpunkt seines Tuns und Denkens. Er weiß sich auch dort als ein unverlierbares Glied dieses Reiches, und er will von ihm gerade den Armen und Hoffnungslosen, die um ihn sind, ein Zeugnis ge­ben. Sein Dasein kann dadurch zu einer lebendigen Verkündigung und zur größten Hilfe für die anderen werden. Überraschende Errettungen und un­erwartete Freude wird er selbst immer wieder erfahren dürfen, wenn er nur selbst seinen Blick immer neu auf das Reich Gottes richten und sein Herz vom Wort Gottes stärken läßt. Diese Möglichkeit kann Euch nicht genommen werden. Diese Aufgabe ist zugleich die große bleibende Hilfe für Euch.

Manchem von Euch wäre alles leichter, wenn das Leiden, in dem er steht, ein Leiden um Christi willen wäre, das ihn um seines Bekenntnis­ses und nicht um seiner Geburt willen träfe. Aber bedenkt, daß auch das „Israel nach dem Fleisch“ in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit Jesus Christus steht und eine Erwartung hat, die der Apostel deutlich verkün­digt. (Römer 11). Und bedenkt weiter, daß das Leiden der Märtyrer des Glaubens nicht nur einen Sinn für sich selbst hat, sondern eine Verkündigung des Glaubenstrostes ist, der für alles Leid gilt und Verhei­ßung hat. Zudem kann es ja wohl manchem von Euch geschehen, daß erlit­ten der Anhänger der Synagoge auch deutlich um Christi willen wird dies und jenes leiden müssen. Darum laßt getrost für alles Leiden alle Ver­heißungen gelten, die Apostel und Propheten den Leidenden geben: „Welche da leiden nach Gottes Willen, die sollen ihm ihre Seelen befehlen als dem treuen Schöpfer in guten Werken“ (1. Petr. 4, 19).

So befehlen wir Euch Gott, der wohl weiß, was Euch not ist, wo die Grenzen Eurer Kraft liegen und was er Euch geben muß, damit Ihr am Ende der Tage mit einstimmen könnt in das Lob der himmlischen Gemeinde, Da­rum sprecht getrost auch beim Eingang in die neuen Verhältnisse, wie dunkel sie auch sein mögen: „In Gottes Namen!“

Euer H.G.

Quelle: Evangelisches Zentralarchiv in Berlin | Signatur: EZA 686 / 987.

Hier der Text als pdf.

Hier die ursprüngliche maschinenschriftliche Fassung.

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