Helmut Gollwitzer, Brief an Amtsbruder wegen Ausschluss von ‚Nichtariern‘ von der Buckower Freizeit 1939: „Es dürfte doch ausgeschlossen sein, dass die nicht arischen Glieder der Kirche sozusagen als Opfer dargebracht werden, damit die übrigen Glieder der Kirche in Ruhe Gemeinschaft und Erbauung genießen können. Soll 1. Kor. 12,26 wirklich gelten, so wird niemand sich damit abfinden können, dass es eben polizeiliche Notwendigkeit gewesen sei. Ich möchte wegen des Entschlusses, lieber einige Teilnehmer auszuschließen, als die ganze Freizeit zu opfern, keinen Vorwurf erheben; ich weiß, wie schwer solche Entschlüsse sind, und dass man da einander nichts verschreiben kann. Es scheint mir aber dennoch nicht verständlich, dass dieser Entschluss gefasst wurde. Es hätte auch ein gutes Zeichen sein können, wenn die übrigen Teilnehmer der Freizeit nicht Mitleid, sondern Mitleiden darin gezeigt hätten, dass auch sie auf die Freizeit in der geplanten Form verzichtet hätten.“

Brief an Amtsbruder wegen Ausschluss von ‚Nichtariern‘ von der Buckower Freizeit 1939

Von Helmut Gollwitzer

Pastor Gollwitzer, Berlin-Dahlem, den 22. Mai 1939.
Cecilienallee 61.

Herrn Pfarrer Arne Ehrhardt, Gollma,
Krs. Landsberg, bei Halle.

Sehr verehrter Herr Amtsbruder!

Durch eine Teilnehmerin an Ihrer Freizeit in Buckow vor einigen Wochen hörte ich, dass dort zwei nicht arische Glieder meiner Gemeinde von der Teilnahme ausgeschlossen wurden. Ich habe mich bei den Beiden erkundigt und weiß, dass Sie den Vorfall ebenso bedauern wie ich. Es lässt mir aber doch keine Ruhe, was denn nun eigentlich die Folge solcher Entschlüsse sein wird, und deshalb drängt es mich, an Sie zu schreiben. Es dürfte doch ausgeschlossen sein, dass die nicht arischen Glieder der Kirche sozusagen als Opfer dargebracht werden, damit die übrigen Glieder der Kirche in Ruhe Gemeinschaft und Erbauung genießen können. Soll 1. Kor. 12,26 wirklich gelten, so wird niemand sich damit abfinden können, dass es eben polizeiliche Notwendigkeit gewesen sei. Ich möchte wegen des Entschlusses, lieber einige Teilnehmer auszuschließen, als die ganze Freizeit zu opfern, keinen Vorwurf erheben; ich weiß, wie schwer solche Entschlüsse sind, und dass man da einander nichts verschreiben kann. Es scheint mir aber dennoch nicht verständlich, dass dieser Entschluss gefasst wurde. Es hätte auch ein gutes Zeichen sein können, wenn die übrigen Teilnehmer der Freizeit nicht Mitleid, sondern Mitleiden darin gezeigt hätten, dass auch sie auf die Freizeit in der geplanten Form verzichtet hätten und nur in einer solchen Weise zusammengekommen wären, dass auch die betroffenen Nichtarier hätten teilnehmen können – oder, wenn dies nicht möglich gewesen sein sollte, zum Zeichen der Gemeinschaft ebenfalls auseinander gegangen wären.

Doch, wie gesagt, dies steht im Entschluss jedes Einzelnen, und ein Außenstehender kann hier nur Erwägungen vorschlagen. Dagegen eines lässt sich mit Bestimmtheit sagen: Die Frage, wie man nun diesen ausgeschlossenen Gliedern Jesu Christi gegenüber die Gemeinschaft des Leibes Christi bewährt, wie man gerade ihnen die Stärkung eines solchen Zusammenkommens, die gerade sie so besonders nötig brauchen, verschaffen kann, wie man ihnen durch vermehrte Bezeugung der Gemeinschaft auf andere Weise einen Ersatz schaffen kann für das, was sie jetzt nicht miterleben können – diese Frage scheint mir jetzt gerade auch der Leitung der Buckower Freizeit unausweichlich gestellt zu sein. Weil ich aus den Berichten nicht den Eindruck hatte, dass man über das große Bedauern hinaus diese Fragen in Buckow energisch und gemeinschaftlich überlegt hat, hielt ich mich für verpflichtet, Ihnen davon zu schreiben. Nach dem, was mir erzählt wurde, war für Sie der Vorfall außerordentlich schmerzlich, und ich bin deshalb gewiss, dass Sie auch meine Besorgnis, es könnte beim Bedauern bleiben, und unsere Liebe könnte nicht erfinderisch genug sein, hier neue Wege zu suchen und zu finden, gut verstehen werden.

In amtsbrüderlicher Verbundenheit
Ihr ergebener

gez. Helmut Gollwitzer

Quelle: Evangelisches Zentralarchiv in Berlin | Signatur: EZA 686 / 987

Hier der Text als pdf.

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