Ein Rückblick auf die Diskussion um die Entmythologisierung (1960)
Von Rudolf Bultmann
Die Post, die in den letzten Jahren täglich bei mir einlief, zerfiel – von rein persönlicher Korrespondenz abgesehen – in vier Gruppen: 1. Bücherkataloge, 2. Wein- und Zigarren-Offerten, 3. Ost-Propaganda, 4. Briefe zum Thema der Entmythologisierung. Während die ersten drei Gruppen sich im Laufe der Jahre nicht vermindert haben, ist der Strom der dritten zwar nicht versiegt, aber doch erheblich schmaler geworden. So lohnt es sich wohl, einen Rückblick auf die Entmythologisierungs-Korrespondenz zu werfen. Es handelt sich dabei nur um persönliche Zuschriften, nicht um wissenschaftliche Arbeiten, Zeitschriftenartikel oder Bücher.
Die Äußerungen zum Thema der Entmythologisierung sind sehr verschiedener Art. Sie bewegen sich zwischen Extremen. Während einige Briefschreiber meinen, daß meine Arbeit vom Heiligen Geist inspiriert sei, urteilen andere, daß ich vom Teufel besessen sei. Nicht über alle zustimmenden Äußerungen kann ich mich freuen. Manche veranlassen zu dem Ruf: „Gott schütze mich vor meinen Freunden!“ Viele freilich bedeuten eine Bestätigung meiner Arbeit, und zwar sowohl solche, die von Männern oder Frauen stammen, welche in der verantwortlichen Arbeit als Pfarrer oder Lehrer stehen, wie auch solche von schlichten Menschen, die Christen sein möchten, die aber unter dem Druck der Unwahrhaftigkeit leiden und meine Arbeit als eine Befreiung empfinden, ja bekennen, durch sie wieder zum Glauben und zur Kirche zurückgeführt worden zu sein.
Über diese Äußerungen will ich hier nicht berichten. Dagegen scheint es mir notwendig zu sein, ein ernstes Wort über diejenigen zu sagen, die nicht etwa kritisch, sondern einfach verurteilend, ja schmähend sind. Natürlich glaube ich nicht, daß solche Personen, denen ja vermutlich das, was ich hier sage, gar nicht zu Gesicht kommen wird, überzeugt werden könnten, wenn auch nicht von Ergebnissen meiner Arbeit, so wenigstens vom Recht meiner Fragestellung und von dem Sinn der Problematik, um die es bei der Entmythologisierung geht. Aber ich meine auf einen Übelstand des kirchlichen Lebens aufmerksam machen zu müssen und denen, die dafür Verantwortung tragen – und das sind wir doch schließlich alle –, die Sorge für Sachlichkeit und Sauberkeit im geistigen Streit zur Gewissenssache machen zu müssen.
Es ist unglaublich, wie viele Menschen sich ein Urteil über meine Arbeit anmaßen, die nie ein Wort von mir gelesen haben. Ich konnte unmöglich auf alle Zuschriften antworten. In manchen Fällen habe ich es getan, und zwar besonders dann, wenn der Angriff auf meine Person besonders heftig war, wenn mir z. B. geweissagt wurde, daß ich so schrecklich enden werde wie Voltaire oder Nietzsche. Ich habe dann gefragt, worauf sich das Urteil des Schreibers gründe, und was er von meinen Schriften gelesen habe. Die Antwort lautete regelmäßig, ohne Ausnahme: nichts gelesen von meinen Schriften! Aber aus einem Sonntags- oder Gemeindeblatt erfahren, daß ich ein Irrlehrer sei.
Ich halte es für unverantwortlich, daß Sonntags- und Gemeindeblätter das Thema – sollte wohl sagen: das Schlagwort – der Entmythologisierung vor Laien bringen, ein Thema, von dem sie nichts verstehen oder das sie notwendig mißverstehen, weil das Verstehen theologische Bildung voraussetzt. Natürlich gibt es unter den Sonntags- und Gemeindeblättern rühmliche Ausnahmen, und es finden sich ausgezeichnete Bemühungen, die Laien, die irgendwoher das Schlagwort gehört und dadurch in Aufregung gebracht worden sind, zu beruhigen und ihnen verständlich zu machen, worum es sich handelt. Aber es ist traurig, in anderen Blättern Artikel zu lesen, die nur dazu dienen können, die Laien zu beunruhigen und sie zu einem Verdammungsurteil zu veranlassen über eine Sache, von der sie nichts verstehen.
Was besonders erschütternd ist, ist dieses, daß solche Artikelschreiber und die durch sie verführten Briefschreiber völlig unfähig sind, sich selbst einmal zu fragen. In unerschütterlichem Pharisäismus verdammen sie eine andere Meinung als die ihre ohne weiteres als Irrlehre in der festen Überzeugung, daß ihre Meinung allein die rechte Lehre sei. Ihnen ist das Bewußtsein verloren gegangen, daß auch sie sich irren können. Sie können auf eine andere Meinung überhaupt nicht mehr hören und sich zur Selbstprüfung veranlaßt fühlen. Sie wissen nicht, daß christliche Erkenntnis im inneren Kampf und in brüderlicher Diskussion gewonnen werden und von Stufe zu Stufe fortschreiten muß. Sie bezeugen damit auch, daß sie taub sind für Fragen, wie sie heute viele Menschen in der Kirche – junge und alte Menschen – bewegen, und daß sie, indem sie sich der Möglichkeit berauben, auf solche Fragen zu hören, sich zugleich der Möglichkeit berauben, den Fragenden zu helfen, und werden dadurch mitschuldig daran, daß viele Menschen der Kirche den Rücken kehren. Sie gleichen den Schriftgelehrten und Pharisäern, die das Himmelreich vor den Menschen zuschließen (Matth. 23,13; Luk. 11,52).
Manche Briefschreiber wollen mich in einer Weise belehren, die ich nur als eine hochmütige bezeichnen kann. Sie weisen mich auf Bibelstellen hin, ohne zu bedenken, daß mir diese längst vertraut sind, und ohne mir zuzutrauen, daß ich schon von Berufs wegen über ihren Sinn nachgedacht habe. Sie trauen mir also keine Gewissenhaftigkeit zu, sondern werfen mir unverantwortlichen Leichtsinn vor. Ich halte das für ebenso unverschämt wie hochmütig. Und wenn es auch als rührend erscheinen mag, daß manche Briefschreiber mir versichern, daß sie für meine Bekehrung beten, so verbirgt sich dahinter der gleiche Hochmut.
Daß mich das alles nicht berührt, soweit es meine Person betrifft, brauche ich wohl kaum zu versichern. Aber es bewegt mich, weil es symptomatisch ist für eine bestimmte Atmosphäre der Kirchlichkeit, und in das Mitleid mit den durch blinde Blindenführer Irregeleiteten mischt sich der Zorn über die Verdorbenheit dieser Atmosphäre.
Marburg/Lahn, Frühjahr 1960 Prof. D. Rudolf Bultmann DD.
Quelle: Hans-Werner Bartsch (Hrsg.), Kerygma und Mythos. Ein theologisches Gespräch, Hamburg-Bergstedt: Herbert Reich, 41960, S. 7f.