Johannes Evangelista Goßner, Brief an die Gemeinde Sarata (1823): „Im Himmel möchte ich meine Feder eintauchen können, in die ewige Trost- und Kraftquelle Gottes, des unendlich Freundlichen und Liebevollen, um euch wahrhaft trösten, stärken und beruhigen zu können. Balsam aus Gottes Fülle möchte ich holen können, um eure Wunden zu heilen, euren Schmerz zu lindern, um eure Seele aus dem Jammer zu reißen, in den ihr durch den Verlust eures teuren Hirten und Freundes versetzt werdet. Ach, ihr Herzgeliebten! Wie wunderbar ist der Rat des Herrn! Aber glaubet, glaubet fest und gewiss, Er führt es herrlich hinaus, es sehe noch so bunt und wunderlich aus! – Das Unerwartetste muss man erwarten in den Tagen der Trübsal; – das sehet ihr jetzt. Aber ebenso unerwartet wie die großen Leiden kommen, sind auch die großen Freuden, die der Herr dadurch bereitet. – Der die Wunde schlägt, der muss sie auch wieder heilen, und Er wird es tun. Der da tötet, der macht auch wieder lebendig; – der in die Grube führt, geht mit in die Grube und führt auch wieder heraus.“

Brief an die Gemeinde Sarata

Von Johannes Evangelista Goßner

Nachdem Ignaz Lindl 1823 aus dem Zarenreich ausgewiesen wurde, schrieb Johannes Evangelista Goßner von St. Petersburg aus folgenden Brief an die verwaiste Gemeinde Sarata in Bessarabien:

St. Petersburg, den 28. November 1823.

An die Gemeinde Sarata.

Geliebte in Christo! Teure und hochgeachtete Brüder und Schwestern! Gnade und Friede von Gott dem Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, und von Jesu Christo, unserem gekreuzigten Heilande!

Im Himmel möchte ich meine Feder eintauchen können, in die ewige Trost- und Kraftquelle Gottes, des unendlich Freundlichen und Liebevollen, um euch wahrhaft trösten, stärken und beruhigen zu können. Balsam aus Gottes Fülle möchte ich holen können, um eure Wunden zu heilen, euren Schmerz zu lindern, um eure Seele aus dem Jammer zu reißen, in den ihr durch den Verlust eures teuren Hirten und Freundes versetzt werdet.

Ach, ihr Herzgeliebten! Wie wunderbar ist der Rat des Herrn! Aber glaubet, glaubet fest und gewiss, Er führt es herrlich hinaus, es sehe noch so bunt und wunderlich aus! – Das Unerwartetste muss man erwarten in den Tagen der Trübsal; – das sehet ihr jetzt. Aber ebenso unerwartet wie die großen Leiden kommen, sind auch die großen Freuden, die der Herr dadurch bereitet. – Der die Wunde schlägt, der muss sie auch wieder heilen, und Er wird es tun. Der da tötet, der macht auch wieder lebendig; – der in die Grube führt, geht mit in die Grube und führt auch wieder heraus. –

Wahrlich eine recht ungewöhnliche Schule und Prüfung, in der ihr versucht werdet! Was hat er im Sinn? – Böses gewiss nicht, – das könnt ihr ihm doch glauben? – Also lauter Gutes, ja das Beste muss aus dem Schlimmsten kommen. – Je größer das Feuer der Trübsal, je reiner und köstlicher wird das Gold eures Glaubens und eurer Liebe hervorwachsen. Lieb hat er euch gewiss, der Allliebende, darum prüft – und züchtigt er euch also. Das sei euch ausgemacht, – denn es ist sein Wort!

Fraget nicht: warum also? – Warum nimmt er unseren Lehrer und Freund, der uns zu ihm gewiesen hat? – Er hat tausend Ursachen dazu, die er euch jetzt nicht sagen kann, die ihr nicht erratet, die ihr einmal anbetet, wenn ihr den Zusammenhang aller Dinge durchschauen tüchtig gemacht sein werdet.

Durchwandert die Bibel und schauet die Wunderwege Gottes mit seinen Auserwählten. Warum lässt Gott den frommen Abel totschlagen und den Brudermörder leben?! – Warum nimmt er den göttlich wandernden Henoch hinweg – und die bösen Buben lässt er ihren Willen üben?! – Warum muss der sanfte Jakob fliehen und der raue Esau in des Vaters Schoß sitzen?! – Warum wurde der fromme Joseph gequält, verkauft und in den Kerker geworfen, und die gottlosen Brüder lebten sicher? – Warum muss Mose, da er seinen Brüdern helfen wollte, fliehen – seines Lebens nicht sicher? – und 40 Jahre ein Schafhirte sein?! – Warum muss der von Gott erwählte und gesalbte David vor dem verworfenen Saul, vor seinem Sohne Absalom fliehen und mit Steinen und Kot geworfen werden von Simei?! – Warum muss Elia auswandern und die Baalspfaffen herrschen im Lande?! – Warum das Kind Jesus nach Ägypten fliehen und Herodes blieb Herr im Lande?!

Warum werden die Apostel von Stadt zu Stadt, von Land zu Land verfolgt, gesteinigt etc., und die gottlosen Pfaffen und Heiden und Juden sind unangefochten und in Ehren und Würden?!!! – !! – Ach sehet, eure Trübsal wird euch die Bibel nochmal so klar und verständlich machen und besser erklären, als sie euch der beste Lehrer und Prediger erklären kann. Trübsal lehrt aufs Wort merken.

Aber ich weiß, ihr werdet dennoch leiden, seufzen, klagen. Hiob klagte auch, David auch, und welcher Tiefleidende nicht? Jesus selbst am Ölberge und am Kreuze. Ja sehet nur auf den, gehet nur zu ihm in die Schule! Da sehet ihr den Hirten geschlagen und die Schafe zerstreut! – Da sehet ihr das unschuldige, unbefleckte Lamm, den Lehrer und Prediger, der von Gott gekommen, Blut schwitzen und am Kreuze hängen. Verweilt dabei in eurem Schmerz und lernt von ihm das rechte Kreuzgebetlein, das er am Ölberge betete, und der Engel, der euch Trost und Kraft bringen muss, wird nicht ausbleiben. Dann werdet ihr auch sagen können: Sollten wir den Kelch nicht trinken, den uns der Vater darreicht? – da werdet ihr das Schwert der Selbstverteidigung, des Klagens und Murrens in die Scheide stecken und den Weg nach Golgatha ergeben wandeln, den der Vater des Gekreuzigten euch führt; werdet Karwoche haben, aber auch einen Ostertag erleben. –

Es ist wahr, euer Leiden ist außerordentlich. Ich fühle es mit euch mehr, als ich es beschreiben kann. Es empört meine ganze Natur, – aber nur die Natur, – der Geist kann nicht murren. Im Geist finde ich Salbung, Anbetung, so oft ich für euch zum Heilande aufblicke. Es muss gut sein, es kann nicht gefehlt sein, wenn wir es von der rechten Seite betrachten. Von oben herab ist alles gut gemacht, gerecht und selig; von unten – von Menschen – müsst ihr ja nichts anderes erwarten. Gott will seine Auserwählten nicht in einem Himmel zum Himmel bereiten, sondern in einer Welt, die im Argen liegt, und recht dazu gemacht ist, uns zu läutern und vorzubereiten zu der Herrlichkeit, die wir nur erlangen, wenn wir mit leiden und mit sterben. –

Greifet nur das Messer nicht bei der Schneide, bei der Spitze an, sondern bei der Handhabe, so werdet ihr euch nicht verwunden, d.h. sehet nicht auf die Menschen, sondern auf den Heiland und gerechten Gott; nehmet das Leiden nicht von Menschen, nicht aus der Hand der Menschen, sondern von Gott, von des Vaters Hand an, die uns hier züchtigt, damit wir dort herrlich werden, der euch in Trübsal, im schwersten Leiden übet, damit ihr Christen – Anbeter des Gekreuzigten – seid, die von ihm Geduld und Ergebung gelernt haben. Denn im Glück, in Freuden kann die gottlose Welt auch fromm sein; aber die Hitze der Trübsal bewährt und zeigt das rechte Gold der Frömmigkeit, aber auch die Schlacken der Heuchelei. –

Vergesset nicht des Trostes, den ihr euch aus den ersten Jahrhunderten des Christentums holen könnt, wo die Gemeinden fast allezeit ihrer Lehrer und Apostel, ihrer Hirten und Ältesten beraubt und die Christen selbst in Kerker und Bande geworfen wurden oder auswandern und in Höhlen, Wäldern und Klüften sich verbergen mussten; wo kein Lehrer und kein Christ seines Lebens – Vermögens – und seiner Ruhe sicher war; wo jeder immer alles in der Hand tragen und herzugeben bereit sein musste! – Gewiss, gewiss, Herzgeliebte, wird euch dieser schmerzliche Verlust der größte Gewinn sein – durch die Gnade und Güte des Herrn. Gewiss wird es euch Gott zum Segen werden lassen. Zweifelt nur nicht, sondern glaubet an die verborgene Weisheit und die wunderbaren Wege Gottes, die, so dunkel sie sein mögen, dennoch zum seligsten Ziele führen! –

Aber ihr seid 2000 Werst[1] weit hergekommen, um bloß die Predigt des Evangeliums zu hören, und nun, da ihr angekommen seid, wird die Kirchentür versperrt und euch die Predigt samt dem Prediger genommen! – Es ist unbegreiflich – aber doch gewiss eben der beste Teil der Predigt, der am kräftigsten wirkt und die tiefsten Eindrücke macht, weil der Nachdruck von oben kommt und die Schläge den Nagel des Worts tiefer in die Wand eures Herzens treiben.

Ihr habt alles verlassen, Freunde und Verwandte, Vaterland, Haus und Hof, tausend Vorteile etc., um das Wort Gottes und um euren Lehrer wieder zu gewinnen, und nun seht ihr euch auf einmal dessen beraubt, was ihr so teuer, so mühsam erkauft habt. Es ist unbegreiflich – aber doch gewiss – wie alle Werke Gottes – je unbegreiflicher, desto gesegneter und heilsamer. – Das lebendige Wort, Christus und sein Geist, muss euch doch bleiben, und um so mehr zu Teil und zu eigen werden, je weniger ihr von außen habt, – ja auch das wird der, welcher Rat, Wunderbar und ewiger Vater heißt, wieder geben und mit großem Segen geben. Zweifelt nicht an der allmächtigen Liebe! –

Ihr steht nun in fremdem Lande, auf einer Heide, in einer Wüste, als Schafe ohne Hirten, ohne Weide da, wo ihr gerade die beste Weide suchtet und mit Aufopferung alles anderen suchtet. – Das ist unbegreiflich, aber dennoch Weisheit, Liebe, Gnade und Barmherzigkeit, weil es die ewige Weisheit, Liebe und Barmherzigkeit so geordnet hat. Er, er allein will euer Hirt, Bischof, Pfarrer und Prediger, eure Weide, euer Tempel und euer Alles sein. An ihm, an ihm allein sollt ihr hängen, auf ihn all euer Vertrauen setzen, – von ihm und seinem Geiste euch leiten lassen. Das Kind muss doch endlich von der Mutterbrust entwöhnt und abgenommen werden. Ihr werdet schon wieder Nahrung erhalten, dafür muss der Vater sorgen. „Ich lasse euch nicht Waisen, ich komme zu euch,“ sagt Jesus Joh. 14, 18. Nehmet das Wort, als wäre es gerade für euch allein vom Himmel herab geredet.

Es ist unmöglich, ja unmöglich ist es, dass sich der gute Hirte und Bischof eurer Seelen in eurer verlassenen Lage und in eurem Waisenstande nicht sollte annehmen. Es ist unmöglich, ja undenkbar ist es, dass er euch ungespeist, ungenährt in der Wüste, in die ihr jetzt versetzt seid um seinetwillen, in die ihr um des Wortes Gottes willen nachgelaufen seid, verschmachten lassen sollte. Mich jammert des Volks, sie sind so weit hergekommen, 2000 Werst weit, und harren so lange bei mir aus – und haben nichts zu essen – so höre ich ihn sagen. So denkt und spricht er gewiss; – glaubet, und ihr werdet die Herrlichkeit Gottes sehen. Er wird euch nicht vergessen noch versäumen. –

Betet an, betet an, er macht alles wohl! Am Ende kommt das Beste! Der Herr hat Trost genug in seinem unermesslichen Vorrat; ein Tröpflein aus seiner Fülle ist für alle genug. Möge er ein solches Tröpflein seines Trostes in diese Zeilen legen, die nur die Liebe und Teilnahme an euch eingab. – Klaget nicht euren Kaiser an. Er ist es nicht, der euch schlug. Der Feind, der Fürst der Finsternis, der in den Kindern des Unglaubens herrscht, der hat es durch seine Werkzeuge erkünstelt, die unglücklich genug sind, weil sie seine Werkzeuge sind. Euch aber können sie nicht schaden, sondern müssen euch zum wahren Schatze, zur Verleugnung aller Dinge und zum Anhangen an das eine höchste Gut behilflich sein. Das wissen sie nicht und glauben es nicht, – sonst würden sie es nicht tun. Ihr werdet einst dafür mehr danken als für vieles andere, was ihr für großes Glück haltet.

Betet für den Kaiser und seine Umgebungen, wie Paulus und Christus, wie der Geist der Liebe und des Gehorsams uns befiehlt. Gott kann alles wenden, wird und muss, gemäß der Verheißung in seinem Testamente, alles zum Besten werden lassen denen, die ihn lieben. Liebet ihr ihn nur, so habt ihr dieses große Privilegium, dass euch alles – auch das größte Leiden – zum Segen und Heil gereicht. –

Ihr sehet mir wohl an, dass ich nicht Worte genug finden kann, euch zu trösten, weil mir euer Verlust gar so sehr nahe geht und ich mich selbst dabei tröste. Vielleicht bedürfet ihr aber meines Trostes gar nicht; vielleicht gibt euch der Herr selbst so viel Kraft, Mut und Trost, dass ihr keines menschlichen Trostes bedürfet. Das wird mich freuen; aber ich konnte doch nicht anders und musste mein Herz in das eure ausschütten. Darum nehmet in Liebe auf, was ich in meiner Schwachheit euch brüderlich darreiche, und gedenket meiner vor dem Herrn.

Ich bin eurer Fürbitte sehr bedürftig; denn ihr müsst nicht glauben, dass wir hier ohne Leiden sind. Der Satan ist überall schwarz und geschäftig, das Werk des Herrn zu zerstören. Darum gedenket auch unserer dort – wie wir eurer hier gedenken. – Gnade sei mit euch und Liebe und Gemeinschaft des Geistes! Erweiset euch als wahre Christen, als Nachfolger des Lammes Jesu Christi. Der unter den goldenen Leuchtern wandelt und die Sterne in seiner Hand hält, wandle unter euch und halte euren scheidenden Lehrer in seiner Hand, wie er gewiss tut, weil er sich unter diesem schönen Bilde in seinem Worte uns darstellt, Offenb. 1, 20.

Vergesset nur nicht des unter euch wandernden Heilandes, aus dessen Hand uns niemand reißen kann. Gehabt euch wohl! Alle, die den Herrn Jesum hier lieben, grüßen euch herzlich.

Euer Freund und Bruder
Johannes Goßner

Nachschrift: Wenn ich nicht irre, so sind es heute gerade 4 Jahre, als Freund Lindl hier ankam. So viel Jahre und nicht mehr waren vom Herrn bestimmt und zugelassen zu seinem Aufenthalt in diesem Lande. – Was wollen wir dazu sagen? – Nichts anderes, als was die Christen Apostelgesch. 21, 14. taten und sagten, da Paulus von ihnen schied und Kerker und Tod entgegenging. Sie schwiegen stille und sagten: …“

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