Hans G. Ulrich, Nicht nur über den Tod hinaus – auch für morgen und übermorgen. Christliche Hoffnungsperspektiven zwischen Schöpfung und Erlösung: „Die Frage wird immer auch präsent sein: warum überhaupt Leiden. Und jeder einzelne wird dies um so mehr tun: Warum ich? Wo bist Du Gott jetzt? Hiob lässt sich auf eine allgemeine Antwort auf das „Warum?“ nicht ein. Hiob will, dass Gott ihm direkt begegnet, dass er ihm hilft, ihm Rede und Antwort steht. Und Hiob besteht darauf, von Gott selbst – und nicht von irgendwelchen Sinndeutern – zu erfahren, dass seine Geschichte mit ihm gemeint ist, Hiob insistiert darauf, dass Gott sich meldet und ein Zeichen gibt, dass er nicht vergessen ist. Es geht mit der Hoffnung immer neu um die Frage: was ist für Dich jetzt das, worauf es ankommt? Und zuallererst kommt es darauf an, dass da einer ist, dem ich vertrauen kann – ein Vis-a-Vis, ein Mensch, auf den ich setzen kann. Das ist einer, der mich meint, einer der sich mir zuwendet.“

Nicht nur über den Tod hinaus – auch für morgen und übermorgen. Christliche Hoffnungsperspektiven zwischen Schöpfung und Erlösung

Von Hans G. Ulrich

Nicht nur über den Tod hin aus … so ist mir das Thema von Christoph Meier (Akademie Tutzing) gestellt worden – und dies ist ein sehr wichtiger Anstoß zum Nachdenken. Er lenkt den Blick auf eine Seite der christlichen Hoffnung, die widersprüchlich scheint: soll Hoffnung nicht wegschauen lassen von hier? Und doch ist dies entscheidend für die christliche Hoff­nung. Sie richtet sich auf das, was hier, heute und morgen, ankommt von dem, was unser Le­ben trägt. Um so mehr ist diese Hoffnung von besonderer Bedeutung, wenn Krankheit und Leiden das Hoffen schwer machen. Dass Hoffen hier seinen Ort hat – das gehört zur christli­chen Hoffnung. Davon soll die Rede sein.

1. Konturen der Hoffnung in der biblischen Tradition

1.1 Warten auf Gottes Begegnung — die adventliche Hoffnung

Nicht nur über den Tod hinaus – Hoffnung ist in der christlichen Tradition – gewiss – die Hoffnung auf das Leben nach dem Tod, die Hoffnung über den Tod hinaus, die Hoffnung auf Auferstehung, die Hoffnung, Gott zu begegnen. Aber die christliche Tradition hat, der biblischen Tradition folgend, umgreifender von der Hoffnung gesprochen. Es geht um die Hoffnung auch für das gegenwärtige Leben. Die neuere christliche Theologie hat erst wieder lernen müssen, von Hoffnung zu reden und dies neu zu entdecken. Ein Anstoß dazu ist Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ gewesen. Im Gespräch mit ihm sind eine Reihe von theologischen Stimmen laut geworden, die neu artikuliert haben, was Hoffnung heißt – wie Jürgen Moltmann (Theologie der Hoffnung), Gerhard Sauter (Zukunft und Verheißung), Walter Kreck (Die Zukunft des Gekommenen). Auch Bibelexegeten haben sich daran beteiligt wie vor allem Walther Zimmerli (Der Mensch und seine Hoffnung im Alten Testament). Die biblische Theologie der Hoffnung ist uns so neu in den Blick gerückt worden. Dabei ist eines besonders deutlich geworden: die biblische Rede von der Hoffnung ist nicht ausgerichtet auf das, was „in Zukunft“ oder „zukünftig“ (im Futur) kommt, sondern auf das, was hier bei uns ankommt (advent). Es ist entscheidend für unsere Wahrnehmung der Hoffnung, diese Unterscheidung kennenzulernen: die Hoffnung auf das, was uns entgegenkommt, uns begegnet – das heißt die Hoffnung auf den Gott, der zu uns kommt – im Unterschied zu einer Hoffnung auf etwas, das in der Zukunft kommt. Das ist die Unterscheidung zwischen dem „Advent“ – der Ankunft Gottes bei uns – und dem „Futur“, dem, was künftig sein wird. Die biblische Hoffnung hat sich immer danach ausgestreckt, dass Gott kommt, dass er hervortritt, sich zeigt, uns begegnet. Das ist vor allem auch die Hoffnung Hiobs: Hiob hat in seinem Leiden darauf gesetzt, unbe­irrt, darauf gesetzt, dass Gott ihm begegnet, dass Gott ihm vis-a-vis entgegentritt, dass er ihm gar Rede und Antwort steht. Das war seine Hoffnung. Auf nichts anderes wollte er sie richten und auf nichts anderes wollte er setzen. So wollte Hiob auch nicht darauf setzten, dass sein Leiden in einen Sinn- oder Bedeutungszusammenhang gehört, wie ihn ihm seine Freunde vor Augen gestellt haben. Nicht irgendeine Deutung, auch keine Sinndeutung wollte Hiob gelten lassen, sondern er setzte darauf, dass Gott ihm begegnet, dass er erfährt, dass Gott ihn nicht vergessen hat, und dass er erfährt, was Gott mit ihm vorhat. Die Hoffnung ist von der Frage getragen: Was hast Du, Gott, mit mir vor? Und diese Frage betrifft die Gegenwart. So betet der Beter in Psalm 130: „Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.“ Gottes Kommen wird herbeigesehnt. Und eben diese Hoffnung auf Gottes Kom­men ist die adventliche Hoffnung, die Hoffnung auf den Advent. Dieser hat sich dann in besonde­rer Weise erfüllt durch das Kommen Jesu, das Kommen des Sohnes Gottes, den er uns Menschen schickt zum Trost.

So ist von der biblischen Tradition zu lernen, was hoffen heißt – und wir werden noch mehr davon zu zeigen haben. Dazu gehört auch, dass es zugleich mit der Hoffnung um das geht, was zentral in die „Ethik“ gehört. „Ethik“ bezieht sich auf das, was in der Philosophie „Ethos“ ge­nannt wird: Ethik erschließt das Ethos, Ethik beschreibt das Ethos. „Ethos“ lässt sich (aus dem Griechischen) zweifach übersetzen – zum einen heißt „Ethos“, das, was für alle Menschen un­bedingt gilt. Es meint eine allgemeine „Moral“, wie sie uns vielleicht in allgemeinen Imperati­ven bekannt ist (Handle immer so, dass …). Zum anderen lässt sich „Ethos“ übersetzen als die umgrenzte Wirklichkeit, in der wir „wohnen“, das worin wir wohnen und uns zu Hause wis­sen können. [1] „Ethos“ meint nicht einfach das Gewohnte, sondern das worin wir Menschen im Guten wohnen können, es meint die Form eines guten Lebens, die Lebensform – nicht irgendeine Lebensform, sondern diejenige, die zu uns Menschen gehört, in der wir uns als Menschen finden. Das Nachsinnen darüber ist auch biblisch zu finden. So hören wir in Psalm 4 (ein Psalm, der immer wieder das ethische Nachdenken beschäftigt hat): Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?« HERR, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes! Du erfreust mein Herz, ob jene auch viel Wein und Korn haben. Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ Darauf richtet sich die Bit­te – wo wir wohnen können, in Frieden und Sicherheit. Auf diese Gegenwart ist die Erwar­tung gerichtet, die sich mit der Hoffnung verbinden, dass Gott sein Licht leuchten lässt, uns begegnet. So hören wir es auch in Psalm 23, der von vielen Menschen vielleicht am meisten als Hoffnungspsalm gebetet wird:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“

Er erquicket meint Seele: das heißt wörtlich (nach der Übersetzung von Martin Buber) „Die Seele mir bringt er zurück“. Gott bringt die „Seele“ zurück, dorthin wo sie leben und gedeihen kann. Hier ist beides miteinander verbunden – der gute Ort des Wohnens, die grüne Aue, und die „Seele“, die Gott zurückbringt. Die „Seele“, das ist die Lebenskraft, die den ganzen Men­schen meint, „Leib und Seele“ zusammen.

Hoffnung in der biblischen Tradition ist auf die Gegenwart gerichtet – sie ist darauf gerichtet, dass Gott Menschen begegnet – sie ist auf Gottes Treue gerichtet und auf seinen Trost. Das Wort „Trost“ verdanken wir nicht zuletzt der Bibel-Übersetzung von Martin Luther. In dem Wort „Trost“ ist das „trauen auf“, „Vertrauen“ enthalten, so wie es die Übersetzung heraushö­ren läßt. So richtet sich die Hoffnung auf diesen Trost, der in der Treue Gottes besteht. So wird auch das Kommen des Geistes Gottes als „Komm, Schöpfer Geist, komm Tröster Geist“ erbeten. Es ist ein Advent, der erbeten wird. Der Trost ist das Feste, Beständige, auf das Men­schen hoffen. So betet der Beter in Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts man­geln … sein Stecken und Stab trösten mich.“ Der Stecken und Stab, dieser sichere Schutz ist der Trost, das Widerständige, das Gott uns bietet. Dass Gott diesen Halt bietet – darauf rich­tet sich die Hoffnung.

1.1 Hoffnung lernen

In all diesen Momenten erscheint die Hoffnung in der biblischen Tradition. Wir werden eini­gen dieser Momente nachgehen – auch im Hören auf die biblische Sprache und das biblische Reden von der Hoffnung. Es ist immer wieder einmal gefragt worden, ob man Hoffen lernen kann. Was kann man lernen – was kann helfen? Es hat Menschen geholfen, wenn sie sich festmachen konnten an Gebeten, an Liedern, die von der Hoffnung sprechen: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …“ Es hat Menschen geholfen, wenn sie ihre Hoffnungs­losigkeit teilen können mit anderen, die gebetet haben: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr zu Dir …“ (Psalm 130). Solche Gebete, solche Momente der Hoffnung mit anderen zu teilen, darin be­steht eine Hoffnung, die niemand von sich aus aufbringen muss, die ihm mitgeteilt wird und die er mit anderen teilen kann. Dies heißt Hoffen lernen – auch mit den biblischen Geschich­ten und Gestalten, mit Noah und Abraham, mit Hiob und mit Jesus. Darin besteht eine „un­terrichtete Hoffnung“, von der auch Philosophen gesprochen haben (Ernst Bloch: Prinzip Hoffnung): unterrichtete Hoffnung (docta spes), weiß, worauf sie sich richten darf, sie muss nicht ins Leere laufen. Sie kann sagen: „Du, Gott, bist doch der, der uns seine Treue zugesagt hat …“. So hat Hiob gebetet. Er hat nicht versucht, sich selbst Hoffnung zu „machen“, aber er hat sich auch nicht in Verzweiflung zurückgezogen, sondern er hat darauf insistiert, dass er nicht verlassen ist. Dies sind Momente der Hoffnung, die unsere Gedanken zum Hoffen, auch unsere Alternativen verändern können.

1.3 Hoffnung auf das Bestimmte

Gehen wir einigen dieser Momente nun noch weiter nach uns sehen zu, was an weiteren Kennzeichen und Konturen der Hoffnung hinzukommt.

Es geht um feste Konturen des Hoffens –

Hoffen – das ist in der christlichen Tradition von der Bibel her ein wesentliches Kennzeichen der Menschen, die uns da begegnen.

Wie viel und welche Hoffnung spricht aus den Gebeten und Geschichten:

Psalm 26
Ich hoffe auf den HERRN, darum werde ich nicht fallen.
2 Prüfe mich, HERR, und erprobe mich, erforsche meine Nieren und mein Herz!
3 Denn deine Güte ist mir vor Augen, und ich wandle in deiner Wahrheit.

Psalm 40
2 Ich harrte des HERRN, und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien.
3 Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Fels, daß ich sicher treten kann;
4 er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott. Das werden viele se­hen und sich fürchten und auf den HERRN hoffen.

Menschen sind hoffende, und Gott selbst ist ein Gott, der Hoffnung schenkt. Das ist das we­sentliche Kennzeichen dieses Gottes. Es ist ein Gott, auf den Menschen ihre Hoffnung setzen. Es ist nicht ein Gott, der irgendwie im Himmel regiert, es ist ein Gott, auf den Menschen jetzt und hier vertrauen.

Wir werden noch sehen, warum Gott bei dieser Hoffnung im Spiel ist. Zunächst ist das Ent­scheidende an dieser Hoffnung: Hoffen heißt, auf etwas setzen, Hoffnung heißt auch auf jemanden setzen. Und Gott steht erst einmal dafür ein.

Diese Hoffnung ist nicht leer, sondern ist immer auf etwas Bestimmtes gerichtet – auf etwas Konkretes, das für die Hoffnung steht, eine konkrete Hilfe oder zumindest ein Hoffnungszei­chen, auf etwas, an dem sich die Hoffnung jetzt festmacht. In allem geht es mit der Hoffnung zuerst darum, dass Menschen sich nicht alleine wissen: Hoffen heißt, darauf setzen dürfen, dass da einer ist, der mich/dich nicht vergessen hat – und der treu ist. Nur wo diese Treue ist, ist auch Vertrauen. In der biblischen Sprache hängt das zusammen.

Psalm 86
15 Du aber, Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue. 16 Wende dich zu mir und sei mir gnädig; stärke deinen Knecht mit deiner Kraft und hilf dem Sohn deiner Magd! 17 Tu ein Zeichen an mir, daß du’s gut mit mir meinst, daß es sehen, die mich hassen, und sich schämen, weil du mir beistehst, HERR, und mich tröstest.

Von diesem anderen, auf den das Vertrauen sich stützt, muss denn auch ein sichtbares Zei­chen kommen. So wie ein Mensch sagt: ich denke an Dich – und wenigstens ein sichtbares, vielleicht auch handfestes Zeichen, wie Stecken und Stab, uns schenkt.

In biblischen Erzählungen finden wir diese Hoffnung.

1.4 Hoffnung auf einen helfenden Menschen

Johannes 5
1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;
3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.*(4)
Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.

5 Als Jesus den liegen sah und vernahm, daß er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
6 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
7 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
8 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber an dem Tag Sabbat.

38 Jahre sitzt ein Mensch und wartet darauf, dass ihm einer hilft. Er wartet und wartet, hat keinen Menschen, der ihm hilft. 38 Jahre.

Und dann, nach 38 Jahren, kommt einer vorbei – und fragt ihn, ob er gesund werden will. Der Kranke antwortet:

„Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein

Tag für Tag muss er dies versucht haben, immer zu spät. Aber er antwortet nicht resigniert – sondern immer noch wie einer, der hofft, dass es gelingt, zum Wasser zu kommen.

Unglaublich klingt diese Geschichte – nicht wegen des Wunders, dass er plötzlich gehen kann, sondern, dass einer so lange ausharrt in der Hoffnung auf Heilung. Er bleibt – sieht auf das Wasser, sieht auf das, was jetzt dran ist, wenn es denn möglich wäre. Das ist schon das Wun­der – das Wunder der Hoffnung.

Die Hoffnung sucht diesen Haltepunkt – das ist ein Mensch. Und eben dieser Hoffnung begegnet Jesus, sie zu erfüllen ist er da, darin bündelt sich die christliche Hoffnung: nicht diese Welt zu verlassen, sondern: dass er kommt, der Mensch, der hilft. „Ich habe keinen Men­schen …- ich hoffe auf einen Menschen, der mir hilft.“

So erzählt die Bibel von der Hoffnung.

Auch in vielen anderen Geschichten von Menschen und in der großen Geschichte des Volkes Gottes.

Dieser Hoffnung antwortend, ihr begegnend – so lautet die große Erzählung der Bibel – schickt Gott Jesus, den Messias – das greifbare, fassbare Zeichen der Hoffnung: hier ist einer, der für euch Menschen da ist, der um euretwillen da ist, einer, dem es um dich geht. Der Blinde am Teich Betesda hat dies erfahren: da ist einer, den er anrufen kann, da ist einer, der jetzt für mich da ist. Das ist wohl das erste und wichtigste an der Hoffnung.

Die ganze christliche Botschaft davon, dass Gott seinen Sohn gesandt hat – hat die Erfüllung dieser Hoffnung zum Inhalt. Sie lautet: Gott lässt euch nicht allein – er kommt zu euch, er nimmt an eurem Leben teil. Gott lässt sich blicken – er hat sich nicht zurückgezogen und überlässt uns dem Leiden. Er lässt sich – wie in der Geschichte von dem Blinden – anhauen, dabei behaften, dass es keinen geben muss, der keinen Menschen hat. (Mat 28,28 : ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende – hier klingt das noch einmal nach).

Psalm 22
24 Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehret ihn, ihr alle vom Hause Jakob, und vor ihm scheuet euch, ihr alle vom Hause Israel!
25 Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.
26 Dich will ich preisen in der großen Gemeinde, ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.
27 Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden; und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben.
(vgl. auch Psalm 89,47-51)

1.5 Hoffnung auf Zuwendung

Das ist – wie schon erwähnt – die Geschichte von Hiob. Als ihn Krankheit und Leid überfal­len haben – fangen seine Freunde an, ihm zu sagen, er solle das akzeptieren und sich in Gott ergeben, das alles hätte seinen (theologischen) Sinn.

Hiob 5,17: Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist; darum widersetze dich der Zucht des Allmächtigen nicht.

Warum überhaupt Leiden?

Die Frage wird immer auch präsent sein: warum überhaupt Leiden. Und jeder einzelne wird dies um so mehr tun: Warum ich? Wo bist Du Gott jetzt? Hiob lässt sich auf eine allgemeine Antwort auf das „Warum?“ nicht ein. Hiob will, dass Gott ihm direkt begegnet, dass er ihm hilft, ihm Rede und Antwort steht. Und Hiob besteht darauf, von Gott selbst – und nicht von irgendwelchen Sinndeutern – zu erfahren, dass seine Geschichte mit ihm gemeint ist, Hiob insistiert darauf, dass Gott sich meldet und ein Zeichen gibt, dass er nicht vergessen ist.

Es geht mit der Hoffnung immer neu um die Frage: was ist für Dich jetzt das, worauf es an­kommt? Und zuallererst kommt es darauf an, dass da einer ist, dem ich vertrauen kann – ein Vis-a-Vis, ein Mensch, auf den ich setzen kann. Das ist einer, der mich meint, einer der sich mir zuwendet.

An genau dieser Stelle – wo es um diese Zuwendung, um diese Präsenz geht – genau an dieser Stelle spricht die biblische Tradition von Gott. Und – diese Begegnung findet immer dort statt, wo es Menschen gibt, die sich dem anderen zuwenden, so dass dieser weiß: jetzt bist Du ge­meint.

Das ist die Bedeutung des Kommens Jesu: in ihm tritt Gott den Menschen, einzelnen Men­schen vis-a-vis gegenüber: „er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen“ (Psalm 22,25). Gott wird ansprechbar („hilf mir!“).

Auf dieses vertrauensvolle „Hilf mir!“ kommt alles an. Und umgekehrt: dass dem anderen vermittelt wird, er kann dies aussprechen: „Hilf mir“, und dass er/sie weiß, dass er/sie gehört wird. Jemanden zu haben, dem man dies sagen kann. So spricht die christliche Tradition von einer sehr menschlichen Hoffnung.

In den Gebeten der Bibel geht es immer – wie bei HIOB – darum, diese Zuwendung Gottes zu gewinnen: „Höre Gott, meine Stimme, neige Deine Ohren …“ (Ps 130; Ps 86). Und so geht es auch um die Zuwendung von Menschen, um ihre Nähe, dass sie ansprechbar sind. Dass sie den Anderen wahrnehmen und erkennen. (Psalm 82). Darauf richtet sich die ganze Hoffnung und Sehnsucht. Das ist auch die Gerechtigkeit, auf die zu hoffen ist. Das nicht einer ist, der sagen muss: „ich habe keinen Menschen …“

So wird die Geschichte von Jesus erzählt – auf ihn fixieren sich die Hoffnungen: da ist einer, der für uns da ist: von allen Seiten wird Jesus bedrängt, hilf, Sohn Davids hilf uns.

1.6 Hoffen auf— Hoffnung festgemacht

Dieser Blick auf einen Menschen ist dann zugleich auf das gerichtet, was zu tun ist. So fragt Jesus die Blinden: was ist es, was ich euch tun soll?

Markus 10
Und als er aus Jericho wegging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder Bett­ler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
47 Und als er hörte, daß es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
48 Und viele fuhren ihn an, er solle stillschweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Da­vids, erbarme dich meiner!
49 Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!
50 Da warf er seinen Mantel von sich, sprang auf und kam zu Jesus.
51 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was willst du, daß ich für dich tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, daß ich sehend werde.
52 Jesus aber sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

Der Blinde insistiert darauf, dass ihm der Davids-Sohn, dieser neue Hoffnungsträger ihm hilft. Er will das völlig Naheliegende: dass er wieder sehend wird. Naheliegend: weil er hier den vor sich weiß, der gekommen ist, um die Blinden sehend, und die Lahmen gehend zu machen. Es ist – hier nach dieser Geschichte – keine illusionäre Erwartung: er hat es ja mit dem Mes­sias zu tun. Den spricht er auf das an, was er von ihm glaubt, bitten zu können. Der Blinde hat seine Hoffnung gelernt – er hat jene „unterrichtete Hoffnung“ (docta spes), er weiß, wenn der Mes­sias kommt, werden die Blinden sehen und die Lahmen gehen. (Mt 11,1-6; Luk 4,16-21) Die Hoffnung richtet sich auf Heilung, auf das Wohl der Menschen, und was dafür zu tun ist. Diese Hoffnung will alles, was zu erwarten ist. Warum nicht – warum sollte der Blinde nicht vom Messias erwarten, dass er ihn von der Blindheit heilt? Dies ist die Hoffnung, die er gelernt hat. Und wie viele haben sich auf den Messias gestürzt, dass er ihnen Blinde und Lah­me heilt.

1.7 Realismus? Der Realismus des Guten

Diese Hoffnung wird in der biblischen Überlieferung nicht als unrealistisch zurückgewiesen. Im Gegenteil: es wird den Elenden bestätigt, dass sie zu Recht hoffen. Dazu ist der Messias gekommen. Das ist ihr Realismus – ein „utopischer Realismus“, wie man das genannt hat. Menschen werden darin bestärkt.

Doch was heißt das für uns – oder gar unsere gegenwärtige Medizin? Wer zum Arzt geht hat den gleichen Grund – zu erwarten, dass er das Bestmögliche erfährt. Genau hier kommt dar­auf an, wie das zu verstehen ist. Worauf richtet sich die Hoffnung?

Das eine ist die Erwartung – die vertrauensvolle Erwartung, dass nicht einfach nur alles getan wird, was medizinisch möglich ist, sondern dass eben das getan wird, was für diesen Menschen nach ärztlichem Urteil „gut“ ist. Es geht ganz entscheidend darum, die Hoffnung darauf zu richten – was ist gut. Was ist das zu erwartende Gute? Was ist gut für Dich/mich?

Hier in der Medizin geht es um die Frage: was kann Dir jetzt zum Guten geschehen. Es geht um das Gute, das jetzt möglich ist. Und dieses Gute besteht nicht einfach darin, dass alles ge­tan wird was möglich ist – sondern darin, dass Menschen herausfinden, der Arzt wie der Pati­ent, was „gut“ ist.

Es ist entscheidend, dass die Hoffnung sich auf das Gute richten darf, dass sie darin nicht ent­täuscht wird, dass einem Menschen Gutes getan wird und Gutes widerfährt.

In der biblischen Tradition wird – wie in den Wundergeschichten – von eben diesem Guten gesprochen: „Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; der HERR gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.“ (Ps 84,12). Wenn vom Willen Gottes die Rede ist, dann ist nicht nur gemeint, was Gott von uns will, sondern auch, was Gott Gutes für uns will. Dieses Gute erinnert an Gottes Urteil über die Schöpfung, dass sie „gut“ ist (1. Mose 1,31).

Genau hier hat sich das Nachdenken darüber eingestellt, wie wir – in der Öffentlichkeit, in den Krankenhäusern und für uns selbst – dies unterscheiden lernen: die Erwartungen auf das Gute zu richten. Das Gute kann einschließen, anderes zu tun als nur einfach alles medizinisch Mögliche anzuwenden. Das Gute gilt es herauszufinden.

Daher gibt es Überlegungen dazu, in das ärztliche Handeln auch die Frage einzuschließen, die Therapie- oder Behandlungsziele entsprechend auszurichten.[2] Das nennt man dann manch­mal „Therapiebegrenzung“, was fälschlicherweise nur anzeigt, dass etwas nicht gemacht wird – ist aber als die Veränderung der Zielrichtung ärztlicher Hilfe zu verstehen. Und diese wird sich auf das Gute richten, auf das Wohl des Patienten. Alle, die Öffentlichkeit, Ärzte, Patien­ten sind dabei, sich darin einzuüben. Da muss noch viel gelernt werden.

Um so mehr ist die Unterscheidung zwischen den unabsehbaren Möglichkeiten und dem Gu­ten grundlegend als der medizinische Fortschritt verständlicherweise immer weitere Erwar­tungen hervorruft. Es gehört dazu, diesen Erwartungen nachzugehen, gewiss, aber doch zugleich auch hier zu unterscheiden zwischen dem, was in er Perspektive von wirklich thera­peutischen oder palliativ-medizinischen Möglichkeiten liegt – und dem, was Illusionen hervor­ruft, fragwürdige Versprechen.

In einer Vorlesung mit einem medizinischen Kollegen[3] sind wir gerade dabei, dies im Blick auf die Entwicklungen in der Molekularbiologie zu diskutieren. Hier ist auch von Seiten der me­dizinischen Wissenschaft zu erfahren, was es heißt über die Grenzen nachzudenken, die gerade auch die Wissenschaft zeigen kann – um dann um so mehr über das Gute nachzudenken, was innerhalb der gegebenen Grenzen zu tun ist. Also statt auf solche Versprechen der genetischen Diagnostik zu setzen, die jenseits dessen liegen, was man wirklich sagen kann, eben mit den diagnostischen Mitteln zu arbeiten, die eine genetische Beratung für den einzelnen sinnvoll erscheinen lassen.

Das Problem des Erwartungshorizonts, das Problem, woran sich unsere Hoffnung ausrichtet – ist dann gewiss auch ein gesellschaftliches Problem: wie sehr sind die Erwartungen darauf ge­richtet, dass wir schließlich doch alles in den Griff bekommen und dies nach Vorstellungen von Perfektion, – im Unterschied zur Einübung in das Gute, das zu tun ist und getan werden kann? Hans Jonas hat hierzu formuliert: „Der menschliche Zustand ruft dauernd nach Verbes­serung. Versuchen wir zu helfen. Versuchen wir zu verhüten, zu lindern und zu heilen. Aber versuchen wir nicht, an der Wurzel unseres Daseins, am Ursitz seines Geheimnisses Schöpfer zu sein.“[4] Und entsprechen kann man sagen: Versuchen wir zu lindern und zu heilen, und versprechen nicht die Rettung aus Leid und Schmerz. Solche Versprechen verstellen die Hoff­nung.

Dies schließt durchaus ein, dass dieses Gute verbessert werden kann.[5] Aber es bleibt dabei, dass dieses Gute nicht das von uns konstruierte Vollkommene oder auch nur Perfekte sein muss. In dieser Unterscheidung zu bleiben, heißt in der Hoffnung zu bleiben, und dann durchaus sich zu konzentrieren auf die Frage: Was ist jetzt gut – zu tun. Dann heftet sich der Blick auf das Nächste, was zu tun ist, was getan werden kann, wenn der Arzt kein Wundertä­ter ist, auf die nächste Stunde, den kommenden Abend, die kommende Nacht …

„Was ist es, dass ich Dir tun soll?“ Es ist gerade die Hoffnung, die den Blick auf das „Jetzt“ lenkt. Hoffen heißt überhaupt: sich nicht auf irgendetwas jenseits zu fixieren, auf ein Ziel viel­leicht, sondern auf das vertrauensvoll zu setzen, was jetzt dran ist. Vielleicht können wir „hof­fen“ ohnehin so verstehen, dass es heißt: auf etwas setzen, wie auf einen Einsatz, eine Karte. Wir sprechen manchmal vom Strohhalm. Ja es geht um den Strohhalm, an den sich ein Mensch klammert. Dieser Strohhalm ist entscheidend dafür – dass ich / Du nicht aufgegeben bin. Hier kommt um so mehr alles darauf an, dass dieser Strohhalm wirklich ist, dass dieser für das Gute steht – und eben hier ein Mensch in dieser Hoffnung nicht getäuscht wird. Alles kommt darauf an, dass die Hoffnung bleibt – dass meine Geschichte noch offen ist – dass noch immer die Frage im Raum ist: Was hast Du – Gott – mit mir vor?“

Es ist derzeit eine eifrige Arbeit daran im Gang, die sich auf die Intensivierung auch des ärztli­chen Gesprächs bezieht. Es geht auch darum, wie „schlechte Nachrichten“ – bad news – nicht nur so weitergegeben werden, dass sie in das Leben eines anderen einbrechen – „breaking bad news“ – sondern dass sie „gebrochen“ werden dadurch, dass mit ihnen Zuspruch verbunden ist, dass sie nicht stehen bleiben ohne dass mitgeteilt wird: was jetzt im Guten weiter zu tun ist. Dies nimmt auf, was mit der Hoffnung verbunden ist, die auf das gerichtet bleibt, was jetzt gut ist. Vielleicht sollte man nicht davon sprechen „schlechte Nachrichten“ zu „brechen“, son­dern davon, den Blick auf das zu lenken, was gut ist – den Blick freizubekommen für das Gu­te, für das Wohl des Patienten.

Das Gute, das zu tun ist und das immer zu tun bleibt, steht für die Hoffnung ein. Es ist das utopische Moment der Hoffnung. In diesem Guten findet die Hoffnung ihren Ort (ihren To­pos).

1.8 Zwischen Schöpfung und Erlösung

Das Gute gehört zur Schöpfung – zu der Schöpfung, in der es Krankheit und Leid gibt, zu der Schöpfung, die sich nach Erlösung sehnt. Beides gehört zusammen. Das Gute widerspricht der Krankheit und dem Leid und gewährt einen Ort für die Hoffnung. Sie schließt auch die Bitte um Erlösung ein.

Römer 8
16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind.
17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben wer­den.
18 Denn ich bin überzeugt, daß dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, daß die Kinder Gottes offenbar werden.
20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung;
21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
22 Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.
23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.
24 Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?
25 Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.
26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechli­chem Seufzen.

„Gerettet – auf Hoffnung“: und diese Hoffnung ist für die Gegenwart gegeben. Diese Hoff­nung auf die künftige Erlösung gehört in diese Schöpfung. Wenn ärztliches Tun wie seelsorgerlicher Beistand helfen können, in dieser Hoffnung zu bleiben, dann haben sie ihre Aufgabe erfüllt. Nicht die Rettung zu versprechen, sondern Menschen in dieser Hoffnung zu bewah­ren, ist die Aufgabe.

2. Freiheit zur Hoffnung – die begründete Hoffnung

Es geht um die Freiheit zu einer Hoffnung für heute und morgen. Dies ist die Hoffnung, die mit der Realität verbunden bleibt – und für diese Realität das Gute findet.

Denn so können wir es auch hören …

2.1 „Sorgt nicht …“

Matthäust 6
25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nah­rung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
29 Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trin­ken? Womit werden wir uns kleiden?
32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft.
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage hat.

Hoffnung hat damit zu tun, dass wir uns nicht abgründig sorgen müssen – uns keine Sorgen machen müssen, was letztendlich mit uns geschieht … für das „letzte“ ist gesorgt. Dass Gott abwischen wird alle Tränen …

Für das Letzte ist gesorgt: So hat Dietrich BONHOEFFER das Letzte vom Vorletzten unter- schieden.[6] Dies ist durchaus auch dem Lied (von D. Bonhoeffer) entsprechend, das viele Men­schen als Trost-Lied beten:

„Von guten Mächten“[7]
Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Von guten Mächten treu und still umgeben
behütet und getröstet wunderbar, –

so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr;

noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das Du uns geschaffen hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll’n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

2.2 Begründete Hoffnung — die in der Hoffnung begründete Hoffnung

In der Unterscheidung von Letztem und Vorletztem hat BONHOEFFER gemeint, dass wir um das Letzte uns keine Sorgen machen müssen: dieses Letzte das ist so etwas wie der letzte Sinn unseres Lebens, vielleicht die Rechtfertigung dessen, was unser Leben ausmacht. Hoffen kann nur, wer mit Gott und mit sich „im reinen ist“, wen nicht die Unruhe befällt, dass sein Leben wegen dieser Krankheit abgerissen ist oder er/sie etwas mit sich nehmen muss, was nicht in Gottes Vergebung aufgehoben ist.

Das gibt die Freiheit für die Hoffnung, die sich auf das Nächste richtet. Es gibt die Gelas­senheit zu fragen: was wird heute Abend, was wird morgen früh sein, was hilft mir jetzt – dass meine Geschichte aufgehoben ist, dessen bin ich mir gewiss.

2.3 Was geschieht Gutes?

Dass diese Frage – was ist jetzt gut für mich? – bleibt, macht die Hoffnung aus. Dass ein Mench nicht in der Sorge versinken muss: sondern wahrnimmt, was jetzt Gutes kommt, und sich darauf auch noch einlassen kann. Freiheit aus der Hoffnung für diese Wahrnehmung, nicht in Sorge abzusinken. Dass Menschen noch wahrnehmen, dass eben diese ärztliche Maßnahme ihnen hilft, Menschen ihnen zugewandt sind, dass die Sonne scheint, und dass Menschen viel­leicht ein gutes Wort noch zu hören, noch sich zu freuen.

Man spricht oft im Zusammenhang der Frage von Therapiemaßnahmen, die noch zu machen sind, von „Lebensqualität“, und dies kann etwas sehr Verschiedenes bedeuten:

für den einen erst einmal vor allem schmerzfrei zu sein und für den anderen vielleicht, noch einmal sprechen und hören zu können. Aber immer geht es darum, eben dieses nächste Gute wahrzunehmen aufzunehmen, als etwas „Gutes“ zu erfahren. Das macht die Lebensqualität aus: noch etwas als „Gutes“ erfahren zu können. Wenn es denn nicht überlagert ist wie von Schmerzen, so von abgründigen Sorgen.

2.4 Hoffnung – Menschenwürde

In diesem Sinne macht die Hoffnung nicht nur Lebensqualität, sondern unsere Menschen­würde aus – dass wir Menschen nicht in abgründiger Sorge versinken müssen – (Röm 8). Dass wir dabei bleiben zu fragen, was hast Du Gott mit mir vor?

Vielleicht kennen Sie solche Menschen, die genau diese Frage lebendig halten.

Es ist die Geschichte von Hiob, der sich nicht zufrieden gibt mit dem Versuch seiner Freunde, ihm zu erklären, dass er sich mit seinem Leiden abfinden soll. Hiob insistiert darauf – zu er­fahren, was Gott mit ihm vorhat. Er bleibt wach, aufmerksam auf diese Frage.

Zwischen den Menschen und Gott ging es immer wieder um diese Hoffnung – diese Hoff­nungsbeziehung.

Von Abraham sagt Paulus: „Er hat geglaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war, daß er der Vater vieler Völker werde, wie zu ihm gesagt ist: ‚So zahlreich sollen deine Nachkommen sein.‘“ (Röm 4,18)

Wir sehen hier schon – es geht um eine Hoffnung, die an etwas Irdischem festgemacht ist – hier sind es die Nachkommen. Aber genauer: Das ist das Hoffnungszeichen dafür, dass die Geschichte weitergeht, die Gott angefangen hat. Es geht um das Hoffnungszeichen der Treue Gottes. Das ist, woran sich diese Hoffnung festmacht. Sie macht sich daran fest, dass meine, diese Geschichte nicht zu Ende ist.

3. Für morgen und übermorgen – Konturen der Hoffnung

3.1 Geteilte Hoffnung

Gerade mit der Hoffnung geht es um etwas, auf das Menschen vertrauen können. Gerade die Hoffnung hat mit Vertrauen zu tun – weil sie ja auf etwas setzt, das nicht einfach „greifbar“ oder „verfügbar“ ist, sondern eben auf dieses „Gute“, das verloren gehen kann – in Illusionen oder falschen Erwartungen.

Es geht mit der Hoffnung darum, dass Vertrauen tief greifen kann – nicht an dieser oder jener Vertröstung, sondern dass wir auf etwas setzen können, was sich nicht verflüchtigt und nicht erschöpft – und das Dir, mir gilt.

Es geht darum, dass dieses Vertrauen deshalb sich an diesem oder jenem Tun, an diesem oder jenem guten Wort festmachen kann: weil dieses selbst eine tiefere Hoffnung trägt.

Hoffnung und Trost (das worauf wir trauen können) sind eng beisammen. Nicht diese oder jene Realität, sondern, das Vertrauen, dass – auch durch die Hilfe von Menschen – mein Le­ben nicht verloren ist. Dass ich nicht verloren bin.
– dass deutlich ist, dass dieser Mensch, der mir da hilft, selbst nicht für alles einstehen muss – sondern einer ist, der selbst für die Hoffnung offen ist.

Der also diese Hoffnung teilt, der selbst Hoffnung mit sich trägt. Dass da einer ist, der die Hoffnung teilt. Dass einer ist, der das was er tut in dieser Hoffnung tut – und aus der Erfah­rung solcher Hoffnung. Der so also das Vertrauen nicht auf sich zieht.

So werden Wundergeschichten von Jesus erzählt. Er war einer mit einem tiefgründigen Ver­trauen. Nicht er hat die Wunder getan und insofern war er auch kein Wundertäter, sondern er hat darauf vertraut, dass Gott Wunder tut.

Matthäus14
Aber Jesus sprach zu ihnen: Es ist nicht nötig, daß sie fortgehen; gebt ihr ihnen zu essen.
17 Sie sprachen zu ihm: Wir haben hier nichts als fünf Brote und zwei Fische.
18 Und er sprach: Bringt sie mir her!
19 Und er ließ das Volk sich auf das Gras lagern und nahm die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf zum Himmel, dankte und brach’s und gab die Brote den Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk.
20 Und sie aßen alle und wurden satt und sammelten auf, was an Brocken übrigblieb, zwölf Kör­be voll.

Der Helfende erscheint selbst – als ein hoffender. Nicht als einer der sagen muss, jetzt bin ich am Ende: jetzt muss ein anderer helfen. Er teilt mit den Hilfsbedürftigen die Hoffnung, dass er selbst vertrauensvoll handelt und tut, was in dieser Hoffnung – menschlich – getan werden kann. Für das ärztliche Handeln und für alles Handeln, ist dies entscheidend: dass im guten Sinne auf das vertraut wird, was Menschen nicht garantieren können.

3.2 Konturen der Hoffnung

Worum geht es in der ganzen Thematik – es geht um eine Hoffnung, die feste Konturen hat. Es geht um eine Hoffnung, die auf das Gute sich richtet. Es ist die Hoffnung im Vorletzten, getragen von der Hoffnung im Letzten, sie ist aber auch befreit dazu.

Es ist ein hoffender Realismus, der offen bleibt für das, was Menschen uns mitteilen, der offen bleibt für das, was Gott mit uns vorhat, der offen bleibt auch für das, was Menschen tun können.

Es ist eine Hoffnung, die den Blick nicht einengt, sondern aufmerksam bleiben läßt – wie der Beter in Psalm 130: „ich hoffe auf Gott wie ein Wächter am Morgen …“

Was Gott mit uns vorhat ist nicht begrenzt auf das, was wir tun können. Was wir tun, kann selbst in der Hoffnung geschehen – und steht dann nicht unter dem Zwang eines Entweder- Oder – entweder es gelingt, oder es ist zu Ende.

Aufs Ganze gesehen: es geht um die Freiheit zu dieser Hoffnung. Es geht um eine Hoffnung, die aus dem „Sorget nicht …“ entspringt. Dies hat nichts mit Schicksals-Ergebenheit zu tun, sondern mit dem Freiraum, den dieses Vertrauen schafft – den Freiraum für das Gute im Vor­letzten. In dieser Freiheit hat dann eine Medizin auch ihren Platz, die immens viel tun kann, um an diesem Ort der Hoffnung eben das Gute zu tun, das für die Hoffnung einsteht.

Der Ort der Hoffnung – das ist der Ort, an dem Menschen sich – im Guten – aufhalten kön­nen, dort wo sie „wohnen“ dürfen (Psalm 4).[8]

Das sind Konturen einer christlichen Hoffnung, die in der Erwartung der Ankunft Gottes, auch für morgen und übermorgen gilt.

Vortrag gehalten in der Evangelischen Akademie Tutzing 1999.


[1] Diese Übersetzung hat Martin Heidegger zu erwägen gegeben in seinem „Brief über den Humanismus“.

[2] Siehe z.B. Richtlinien dazu, wie sie in Kliniken erarbeitet worden sind. So im Klinikum der Universität Erlan­gen-Nürnberg.

[3] Prof. Dr. Walter Doerfler, Medizinische Fakultät, Universität Köln und Erlangen-Nürnberg.

[4] Hans Jonas, Technik, Medizin und Ethik. Praxis des Prinzips Verantwortung, Frankfurt/M. 1987, 218.

[5] Einen großen Horizont – und zugleich eine andere Logik führt Jürgen Moltmann ein: Jürgen Moltmann hat in seiner Theologie der Hoffnung (in der Berufung auf Ernst Bloch: Prinzip Hoffnung) festgehalten: „’Zur Hoff­nung gehört das Wissen, dass draußen das Leben so wenig fertig ist, wie im Ich, das an diesem draußen arbeitet.‘ (Bloch I, 285) So hat die Hoffnung nur dann eine Chance zum sinnvollen Dasein, wenn die Wirklichkeit selber geschichtlich im Fluss ist und die geschichtliche Wirklichkeit einen offenen Vorraum des Möglichen aufweist. Die christliche Hoffnung ist nur dann sinnvoll, wenn die Welt für den verändert sich, auf den diese Hoffnung hofft und also für das offen ist, worauf diese Hoffnung hofft …“ (Theologie der Hoffnung, 81f.).

[6] Bonhoeffer, Dietrich: Ethik, Gütersloh 1992.

[7] Evangelisches Gesangbuch, Nr. 65.

[8] Christoph Meier hat darauf aufmerksam gemacht, dass Ernst Bloch am Ende seines „Prinzips Hoffnung“ mit dem Hinweis auf die „Heimat“ schließt, die in die Kindheit scheint, aber in der noch niemand war. Für diese Heimat steht der Ort der Hoffnung – so können wir es biblisch lesen.

Hier der Text als pdf.

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