Martin Luther über die zu beherzigende Sanftmut in seiner Auslegung zum 5. Gebot im Großen Katechismus: „Wir sollen also jene in ihrer Feindschaft toben und zürnen lassen; mögen sie tun, was sie können! So lerne ein Mensch, den Zorn zu stillen und ein geduldiges, sanftmütiges Herz in der Brust zu tragen – besonders denen gegenüber, die ihm Ursache zum Zornigwerden geben, d. h. gegenüber den Feinden.“

Über die zu beherzigende Sanftmut (Auslegung zum 5. Gebot im Großen Katechismus, 1529)

Von Martin Luther

So läuft nun dieses [5.] Gebot darauf hinaus, dass man niemandem ein Leid antun soll um irgendeiner bösen Tat willen, auch wenn er es reichlich verdient. Denn wo das Totschlagen verboten ist, da sind auch alle Ursachen verboten, aus denen Totschlag entspringen kann. Manch einer tötet zwar nicht, aber flucht doch und stößt eine Verwünschung aus, mit der der andere nicht mehr weit laufen würde, wenn er sie auf den Hals bekommen müsste.

Weil nun dies jedermann von Natur anhängt und es allgemein Brauch ist, dass keiner vom andern sich etwas gefallen lassen will, will Gott die Wurzel und den Ursprung davon wegräumen, durch welche das Herz gegen den Nächsten erbittert wird. Er will uns daran gewöhnen, dieses Gebot allzeit vor Augen zu haben und uns darin zu spiegeln, Gottes Willen anzusehen und ihm das Unrecht, das wir leiden, anzubefehlen – mit herzlichem Vertrauen und unter Anrufung seines Namens.

Wir sollen also jene in ihrer Feindschaft toben und zürnen lassen; mögen sie tun, was sie können! So lerne ein Mensch, den Zorn zu stillen und ein geduldiges, sanftmütiges Herz in der Brust zu tragen – besonders denen gegenüber, die ihm Ursache zum Zornigwerden geben, d. h. gegenüber den Feinden.

Will man darum den einfachen Menschen so deutlich wie möglich einprägen, was „Nicht töten“ heißt, so ist der zusammenfassende Inhalt dieses Gebotes folgender: Erstens soll man niemandem ein Leid antun – zunächst einmal nicht mit der Hand oder Tat; sodann soll man auch die Zunge nicht dazu gebrauchen oder gebrauchen lassen, um zu solchem Tun zu reden oder zu raten. Außerdem soll man keinerlei Mittel oder Weise gebrauchen oder bewilligen, wodurch jemand beleidigt werden könnte. Und schließlich soll das Herz niemandem feind sein oder aus Zorn und Hass jemandem etwas Böses gönnen.

So soll also Leib und Seele jedermann gegenüber ohne Schuld bleiben – besonders aber dem gegenüber, der dir Böses wünscht oder zufügt. Denn wenn du dem, der dir Gutes gönnt und tut, etwas Böses antust, so ist das nicht menschlich, sondern teuflisch.

Hier der Text als pdf.

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