Reinhold Schneider, Das Weihnachtszimmer: „Die Erinnerungen! Man schöpft sie nicht aus. Man schöpft auch eine Zeit nicht aus, gewiß eine fragwürdige und doch eine reiche Zeit, die sich, was die geistige Leistung betrifft, nicht zu schämen braucht. Auch war sie das Vorzimmer unserer Geschichte, unseres Schicksals.“

Das Weihnachtszimmer

Von Reinhold Schneider

Durch den Schneefall wehte das Läuten gedämpft vom Markte herab über das Tal. Der Gärtner, feuerroten Gesichts, unter der alten Schirmmütze, in einen dicken wollenen Schal verpackt, stemmte das Bahnbrett den Gartenweg herauf, und unten auf der Straße unter der Mau­er tauchten die Pferde auf, die den dreieckigen hölzernen Schneepflug zogen. Durch das Doppelfenster, in dem zwei Reihen roter und weißer Alpenveilchen und die am Morgen aus Nizza gekommenen Mimosen blühten, war das Läuten der Schellen an den nickenden, dampfenden Pferdeköpfen deutlich zu hören. Der Hausdiener, die Mädchen waren nicht zu sehen: sie hatten mit der Mutter seit Tagen im Weihnachtszimmer zu tun. Es trug die Nummer vierzehn, obwohl es auf die zwölf folgte, das Schlafzimmer der Eltern. Aber die Nummer dreizehn schrieb man nicht an. Wir, mein Bruder und ich, lauerten Stunde um Stunde neben dem Ofen auf dem Vorplatz, wo die Bratäpfel brodelten – oder, wenn es ihnen gar zu heiß wurde, von der Eisenplatte sprangen –, bis ein Spalt sich öffnete und wir märchenhafte Herrlichkeiten erblicken konnten. Nur im Nähzimmer unten ging die gewohnte Arbeit unter mancherlei Gesprächen noch einigermaßen fort: die alte Nähmaschine rasselte und aus der Wärmluke des Kachelofens duftete es nach Kaffee … Die Vorsteherin war eine Französin, die einen Kellner geheiratet hatte: eine freundliche, sanfte junge Frau. Sie hatte ein de vor ihrem Mädchennamen geführt, was uns Buben einen gewissen Respekt einflößte. Wir besuchten sie gern, und es ist mir, nach bald fünfzig Jahren, als ob ich noch immer das wunderliche Gemisch empfinden könnte vom Duft frischer hochgestapelter Wäsche in den Schränken, vom Talg, mit dem die Bügeleisen gefettet wurden, dem leisen Brandgeruch der Bügelbretter, von Kaffee, Äpfeln und Gänsefettbroten, die zum Frühstück, um zehn Uhr, verzehrt wurden.

Viermal des Tags, ruhelos wie Wilhelm Raabes unsterblicher Briefträger im ›Stopfkuchen‹, stieg der Briefträger Jörger den mühseligen Gartenweg herauf. Er war schon von weitem zu sehn, vor der unteren, im Winter geschlossenen Villa – im Sommer Residenz russischer Familien –, mit der umgehängten aufgeklappten Ledertasche und der steifen Mütze: sein rötlicher Schnauzbart war schon schütter, und es glückte ihm nicht mehr so recht, das Kreuz durchzudrücken. Er näherte sich der Figur eines halb geöffneten Taschenmessers. Doch merkte man ihm an, daß er Soldat gewesen war. Vielleicht hatte er es gar bis zum Unteroffizier gebracht. Heute (warum nicht jeden Tag?) bekam er ein Glas Portwein. Er leerte es feierlich im Büro, zwischen dem Schreibtisch meines Vaters und dem Billard. Dann wärmte er sich ein wenig die abgemagerten Hände an dem sprühenden Kachelofen neben der Tür: hier war der Trompeter von Säckingen zu sehn und darunter der Trostspruch: Ernst ist das Leben, heiter die Kunst. (Ich habe das damals nicht verstanden, und später schien es mir, daß die Kunst noch ernster als das Leben sei.) Immerhin: er trug die Landesfarben – ich weiß nicht mehr ob als Kokarde oder Wappen – an der Mütze, gelb-rot-gelb, und war lange Zeit für mich die einzige Erscheinung höherer Gewalt, bis eines Tages, zu meinem grenzenlosen Schrecken, ein Schutzmann in blankblauer Uniform, mit blitzenden Knöpfen, Säbel und Pickelhaube, an den erstarrten Mädchen vorüber die sogenannte Herrschaftstreppe heraufstieg und im Tone seiner Amtsgewalt meinen Vater zu sprechen wünschte. Ich weinte verzweifelt. Denn ich war überzeugt, daß ich meinen Vater niemals wiedersehen würde. Der Schutzmann hatte indessen einen Strafzettel auszuhändigen, weil auf der nach dem Landesfürsten benannten Straße, an die der untere Teil des Grundstücks grenzte, beim letzten Glatteis nicht gestreut worden war. Hoch war die Buße wahrscheinlich nicht bemessen. Vielleicht betrug sie zwei oder drei Mark. Aber mein Vater konnte sich in solche ärgerliche Ausgabe nicht finden und griff tagelang, zum Verdruß meiner Mutter, auf das leidige Thema zurück.

Doch nun trugen die Boten der Lieferanten, die uns das Jahr über betreut hatten, schön ver­packte Geschenke herauf: Schwartenmagen, Schinken, lange Blut- und Leberwürste, die mein Vater in einem ungeheizten Zimmer mit fast ehrfurchtsvoller Sorgfalt an einem Kleiderständer aufzuhängen pflegte – er behielt für sich und die Mutter den Schlüssel vor und betrat, mit Messer und Teller versehen, den geheimnisvollen Raum, morgens Schlag zehn Uhr und abends, knapp vor fünf, ehe er sich zum Stammtisch aufmachte. Die Boten brachten natürlich auch Blumenarrangements, die mit ausgestanzten, goldbedruckten Kärtchen behängt waren; die höher geschätzten Delikateßkörbe, auf denen die Ananas im Kranze der Südfrüchte über Gänseleberdosen und Fischkonserven thronten, auch Stollen, der uns eigentlich fremd war. Wir nannten ihn ›Scheidchen‹. Unter wachsendem Mißbefinden ist er mir in den letzten Jahren zu einem der Objekte meiner entschiedensten Abneigung geworden. Die Bauernkinder kamen und die Kinder des Sandmanns, der das Jahr über Sand in das Haus lieferte – ein heute wahrscheinlich abgestorbener, höchst bescheidener Erwerbszweig. Es erregte unsere Verwunderung, daß die Kinder immer denselben Elternnamen nannten. Aber die armen Leute waren wirklich in so reichem Maße gesegnet worden, und es schmerzt mich heute, daß wir nicht mehr als ein Pfund Grieß oder Reis oder Zucker in die blauen Hände gaben. Rechtzeitig am Nachmittag, mit dem zum dritten, aber noch nicht zum letzten Mal auftretenden Briefträger Jörger, brachten die Träger die Zeitschriften: ›Fürs Haus‹ und ›Mode und Haus‹ für die Mutter, die ›Lustigen Blätter‹ für uns und Scherls ›Woche‹ und Webers ›Leipziger Illustrierte‹ für den Vater: hier waren, auf besonderen Tafeln, sämtliche Bundesfürstenpaare zu sehen, in ihrer Bereitschaft, dem Volke in ein neues Jahr des Wohlstands und der Gesittung voranzuschreiten. Nie versäumte die über alles geschätzte ›Frankfurter Zeitung‹, in Ernst und Zuversicht, freiheitlich und loyal, ›auch dem Laien verständlich‹, was das höchste Lob im Munde meines so bescheidenen Vaters war, ihre Weisung zu geben. Wir Buben kümmerten uns darum noch nicht, hörten aber mit Ehrerbietung die Referate der Leitartikel, die mein Vater, häufig von der Mutter unterbrochen, zu den Mahlzeiten vorzusetzen pflegte. ›Was die Frankfurter sagt‹: das bedeutete Autorität schlechthin. Doch kamen die immer wieder begeisternden feurigen Worte Wilhelms II. keineswegs zu kurz: er eilte unermüdlich von der Jagd zum Manöver, von der Hochzeit zur Parade, von da zur Eröffnung eines gemeinnützigen Instituts und wieder aufs Schiff oder nach Rositten, jedenfalls immer vom Rhein bis an den Rhin, und gebot zu jedem Anlaß über die Trompeten von Fehrbellin.

Alles Gschwerl
bringt der Scherl,

sang damals Ludwig Thoma, als August Scherl den ›Roten Adler‹ bekam. In der ›Woche‹ waren Majestät zu sehen, lachend unter dem mit dem Jägerstutz geschmückten Hute, einen prächtigen Fuchs an der Rute emporhaltend. Ach, es hat noch keiner geherrscht, der nicht zu seiner Stunde paßte. Und es ist kläglich, daß die Völker sich der Verantwortung für ihre Regenten entziehn. Ehre aber denen, die mehr sahen und fürchteten, als Regenten und Volk, und in Wahrheit unter diesem Wissen gelitten haben!

Die Erinnerungen! Man schöpft sie nicht aus. Man schöpft auch eine Zeit nicht aus, gewiß eine fragwürdige und doch eine reiche Zeit, die sich, was die geistige Leistung betrifft, nicht zu schämen braucht. Auch war sie das Vorzimmer unserer Geschichte, unseres Schicksals. (Aber alle Menschen von Stand waren auf Gerhart Hauptmann schlecht zu sprechen, Ibsen hatte sich in verdrossenen Respekt gesetzt, Strindberg war ein Narr, Rudolf Herzog und Ar­thur Kampff, auch Knackfuß strahlten; meine Mutter sang Abend für Abend am Klavier Eulenbergs ›Rosenlieder‹, und in ›Carmen‹ und Tristan und Isolde‹ – natürlich höchst verschiedenen Rangs – lebten sich die ungestillten Wünsche deutscher Hausfrauen aus. Das Große blieb im wesentlichen sichtbarunsichtbar, wie es ihm allein gemäß ist.)

Abends – neben dem von Engelshaar verschleierten, von den Blitzen der Wunderkerzen beunruhigten Baum die guten lieben Gesichter: die alte Tante, der das Essen schon ein wenig schwer fiel; die Backen wölbten sich, der Mund zog sich zusammen, denn der heimische Zahnkünstler hatte es mit dem Gebiß nicht so recht getroffen; vielleicht hätte er es das zweite Mal besser gemacht. Ihr traditionelles Weihnachtsgeschenk war eine Flasche Bordeaux, schön aufgeputzt in besterntem Papier mit einer Schleife aus Silberband; damit glaubten wir sie wohl für das ganze Jahr versorgt. Aber im Keller lagen viele tausend Flaschen aus Großvaters Zeit, und es hätte leicht von Jahr zu Jahr zum Sonntagswein gereicht. Der letzte Bruder des Großvaters, ein auch wegen seines Vermögensstandes hochgeschätzter Mann, hatte die Einladung angenommen. Die Eltern waren in Sorge um ihn und mußten ihn suchen lassen, während mein Bruder und ich endlich am Klavier stotternd Händels ›Largo‹ und als besondere, von der ein wenig verwachsenen Klavierlehrerin erdachte Überraschung, eine Weihnachtsphantasie, unter dem beifälligen Nicken des Vaters absolvierten. Von ihm habe ich meine musikalische Talentlosigkeit geerbt. Der Onkel hatte sich ohne seinen Diener John, der ihn sonst wie sein Schatten begleitete, auf den Weg gemacht und sich im Park verirrt. Er war, einst Weltmann, ein wenig unsicher geworden in der Welt – und plötzlich ergreift mich die Dunkelheit, durch die er gegangen sein mag. Nun aber saß er da im Schein der Kerzen, in seinem gepflegten grauen Anzug, mit dem sorgfältig beschnittenen Doppelbart, von allen bewunderte Ringe an den Fingern und das Stöckchen aus Nilpferdhaut haltend; ich glaube, das war zum letzten Mal. Er war, nachdem er Frau und Kind sehr früh verloren, einsam geblieben, erfreute sich aber des Rufes schöner Abenteuer und der Freundschaft mit Franz Liszt. In Nizza oder Monaco feierte er alljährlich Karneval und Frühling; aus Konstantinopel, das damals noch das Glück des Sultanats genoß, hatte er seinen drei Nichten zierliche Pantöffelchen mitgebracht. Mit Weihnachtseinkäufen plagte er sich nicht. Er zog ein Goldstück aus der Westentasche, und ich durfte es in meine Sparbüchse stecken: sie sah aus wie eine kleine silberne Kaffeekanne, war mit einem Hängeschloß versiegelt, und der Schlitz war mit einer tückischen widerhaarigen Vorrichtung versehen, die es verhinderte, daß auch das emsigste oder geduldigste Schütteln eine Münze zurückbrachte. Hier also ist das letzte Goldstück vor meinen Augen verschwunden.

Quelle: Reinhold Schneider, Zwei Zeiten, in: Ders., Pfeiler im Strom, Wiesbaden: Insel Verlag, 1958. S. 391-395.

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