Wolfdietrich Schnurre, Brief eines Taxichauffeurs an einen Generalsuperintendenten (1947): „Werden Sie nicht das ungeheuerliche Geständnis ablegen müssen, statt in der Sprache Christi in der Sprache des Versuchers, in der Sprache des Teufels gesprochen zu haben? Werden Sie nicht auf die Knie stürzen und noch den Unscheinbarsten Ihrer Gemeinde inständig bitten müssen, Ihnen zu vergeben, Ihnen ein Recht auf Sühne zuzuerkennen?“

Brief eines Taxichauffeurs an einen Generalsuperintendenten

Von Wolfdietrich Schnurre

Sehr geehrter Herr Divisionspfarrer, ich denke, Sie wer­den mir nicht gram sein, wenn ich Sie in Ihrem alten Dienstgrad anrede, in dem Sie uns so oft Mut zu machen versucht haben, wenn wir, wieder einmal einen ratlosen Urlaub hinter uns, erledigt und wahrhaftig nicht das, was man so Deutschlands Heldensöhne nannte, in Dreierreihe angetreten, Marschrichtung Front, vor Ihrer aus alten Munitionskisten gezimmerten Behelfskanzel standen. Der Satz ist ein biß­chen lang und unübersicht­lich geworden; aber es mußte, um mich Ihnen gleich auf Anhieb verständlich zu machen, die ganze Vergangen­heit mit rein.

Ich habe Sie gestern gefahren, Herr Pfarrer. Sie hatten eben Ihr Referat Der Christ in der Entscheidung im Rahmen der öffentlichen Diskussion im Evangelischen Konsisto­rium gehalten. Ich mache das immer so, wenn wo was los ist, das mich interessiert und das nicht allzuviel kostet oder umsonst ist; daß ich hinfahre und mit reingehe, mein ich. Man muß dann nur rechtzeitig wieder im Wagen sitzen, wenn die ersten rauskommen.

Ich habe Sie also gestern gefahren. Vom Konsistorium zum Schlesischen Bahnhof. Quer durch Berlin. Sie rauchten und lasen in einer Zeitung. Ich habe Sie nicht gleich wiedererkannt, erst nach und nach; im Rückspiegel und in der Windschutzscheibe, wo ich Ihr Ge­sicht, ohne daß Sie es merkten, dauernd vor mir hatte; wo das kaputte Berlin quer durch Ihr Gesicht zog, Herr Pfarrer. Und während dieser Fahrt war es auch, daß ich hier diesen Brief an Sie schrieb, in Gedanken natürlich nur, und mitten rein in Ihr Gesicht in der Windschutzscheibe. Nein, Sie brauchen nicht nachzudenken, Herr Pfarrer; Meyer oder Schulze, Schmidt oder Lehmann – ist egal, wie ich heiße. Könnte auch ebensogut Smith, Dubois oder Iwanow heißen. Oder nur X, Schütze X, das ist gleich. Ist ja nicht Ihre Schuld, daß Sie uns da­mals nur haufenweis haben segnen können. Immerhin war es so leichter für Sie. Ist immer leichter, Tausenden statt einem in die Augen zu sehen. Denn Tausende – haben Sie das schon mal bemerkt? – Tausende haben überhaupt keine Augen, Tausende haben nicht mal Ge­sichter, haben bloß Scheiben, ovale, blaßgraue, abgegriffene, staubige Emaillescheiben. Oft nicht mal das. Oft haben sie nur Mützen, Helme, Käppis, Krätzchen, Hüte – mit Schatten, mit erfreulich, mit wohltuend viel Schatten darunter. Einer ist anders. Einer ist gefähr­licher. Einer hat Augen, Stirn, Mund, Wangen, Ohren. Einer kann fragen. Einer kann halt sagen. Aber Tau­sende können nie halt sagen. Tausende können stillstehn, schweigen, marschieren, singen, rennen, schwen­ken, schießen, sich hinwerfen; aber halt sagen können sie nicht. Halt sagen kann immer nur einer.

Doch zum Thema; entschuldigen Sie. Sie haben eine scharfe Klinge geschlagen, gestern in der Diskussion, ich bewundere Sie. Wie Sie diesen Neunmalklugen das entwickelt haben, also wirklich, alle Hochachtung: ein­fach so aus dem Stegreif drei verschiedene Auslegungen ein- und desselben Gebots erklären, das will bestimmt was heißen. Wahrhaftig, Sie wissen, wie Sie Ihre Zu­hörer anpacken müssen. Wissen, daß mit den pastoralen Orgeltönen nichts mehr zu machen ist. Sprechen die Sprache des Menschen von heute; des Menschen der zer­trümmerten Städte, des Menschen der flötengegangenen Illusionen; des Menschen – des Menschen? Mein Gott, ich sage hier dauernd »des Menschen«; und dabei wollte ich schon zu Anfang meines Briefes, Herr Pfarrer, dabei wollte ich schon zu Anfang fragen: Sprechen Sie eigent­lich die Sprache des Menschen?

Natürlich nicht, werden Sie sagen. Wenn ich die Lehre Christi verkünde, werden Sie sagen, spreche ich nicht die Sprache des Menschen; denn die Sprache des Men­schen ist: Blut, Sünde, Verworfenheit, Greuel. Aber die Sprache Christi ist Liebe, Anbetung, Vergebung und Heil. – Herr Divisionspfarrer, Ihre Dialektik in Ehren. Aber lassen Sie sie jetzt bitte einmal beiseite, seien Sie fair. Sehen Sie mich an: Ich habe nichts, kein Dogma, keine Dialektik, nicht mal ein weltanschauliches Hemd. Nackt, wie der mich gemacht hat, in dessen Auftrag Sie vorgeben zu reden, nackt wie Adam am Anfang, wie Kain am Ende, stehe ich vor Ihnen. Und frage. Frage, Herr Pfarrer: Sprechen Sie nicht vielmehr die Sprache des Teufels?

Lassen Sie das erschrocken erhobene Kreuz aus dem Spiel; legen Sie die Bibel nur wieder beiseite; kommen Sie mit, ich zeige Ihnen andre Kreuze als das aus Elfen­bein da an Ihrer Kette, andre als das in Golddruck gepreßte auf Ihrer Bibel. Kreuze aus Birkenholz, Kreuze aus Kiefernholz, Kreuze aus zerbrochenen Gewehren; schief, niedrig, morsch, unkenntlich die Inschrift, mit Helmen drauf, rostenden Helmen, in deren Schweiß­löchern der Wind singt. Afrikawind. Rußlandwind. Polenwind. Norwegenwind. Frankreichwind. Hollandwind. Ukrainewind. Deutschlandwind. Wind, Wind, Herr Pfarrer, nichts als Wind. Wind, der die Fragen ver­wischt. Wind, der die Klagen verwischt. Wind, der die Wahrheit verwischt, jetzt und für immer.

Für immer, Herr Divisionspfarrer, wirklich für immer? Zwei Jahre sind noch nicht immer, nein. Und zwanzig auch noch nicht, und dreißig auch noch nicht. Bestimmt, geben Sie acht: Einmal ist Immer vorbei; einmal werden sie zu reden anfangen, all die Tausend, die Sie gesegnet haben und die nun unter den Holzkreuzen liegen. Alle, alle werden sie zu reden beginnen, die damals vor Ihnen standen; die Züge, die Kompanien, Bataillone, Regi­menter, Divisionen, Armeen. Und ihr Reden wird heran­rollen. Heranrollen wie eine Brandung, heranbrausen wie ein Sturm, hochjagen wie eine Springflut, Herr Pfarrer. Und wird die Kirchentüren eindrücken. Und wird die Herzenskammern eindrücken. Und wird Ihre Predigt verschlucken und Ihren Trost wie eine wirbelnde Schaumblase mitführen. Und Ihre Kanzel wird wanken unter dem Reden, und die Blätter Ihrer Bibel werden wie Butterbrotpapierschiflehen durch die Bankreihen der Kirche segeln, und Ihre Gemeinde, Herr Divisions­pfarrer: Mütter, Väter, Kinder, Geschwister, Frauen derer, deren Stimmen da jetzt herankommen – Ihre Ge­meinde wird aufstehn und Ihre Gemeinde wird rufen: »Herr Pfarrer, was ist das?«

Herr Divisionspfarrer. Sie, der Sie erst gestern öffent­lich erklärten, daß das Fünfte Gebot, daß das Gebot Du sollst nicht töten auf dreierlei Art ausgelegt werden könne; Sie, der Sie nicht einen von uns damals zurückgehalten haben, als wir in den großen Totentanz zogen; Sie, der. Sie Gott stolz eines deutschen Nationalismus bezichtig­ten [wie ja auch auf unsern Koppelschlössern stand, er sei mit uns]; Sie, der Sie heute wie damals ohne Beklem­mung die Kanzel besteigen – Herr Divisionspfarrer: Was werden Sic Ihrer Gemeinde dann antworten?

Werden Sie nicht sagen müssen, daß Sie falsches Zeugnis abgelegt haben? Daß Sie nicht wußten, welcher furcht­baren Mittel sich Gott bedient, um seine Diener zu prüfen? Werden Sie nicht das ungeheuerliche Geständnis ablegen müssen, statt in der Sprache Christi in der Sprache des Versuchers, in der Sprache des Teufels ge­sprochen zu haben? Werden Sie nicht auf die Knie stürzen und noch den Unscheinbarsten Ihrer Gemeinde inständig bitten müssen, Ihnen zu vergeben, Ihnen ein Recht auf Sühne zuzuerkennen?

Sie werden es müssen, Herr Divisionspfarrer. Es sei denn, daß Sie noch einmal, jetzt aber unsühnbar, sündig werden wollen. Es sei denn, daß Sie die Existenz Gottes fortan nicht mehr wahrhaben wollen. Sonst werden Sie es müssen. Sie werden nichts müssen als das; als: sühnen. Aber Sie werden es ganz müssen; ganz. Nackt, Herr Pfarrer. Ohne Dogma. Ohne Dialektik.

Darum: Legen Sie Ihre fragwürdig gewordene Gewißheit, legen Sie Ihre Beredsamkeit ab. Werfen Sie Ihre unrechtmäßig erworbene Sicherheit von sich, sie ist dürftig geworden, man sieht Ihre Schwären hindurch. Kommen Sie herab von der Kanzel, Herr Divisions­pfarrer. Kommen Sie, kommen Sic; man sühnt nicht auf Thronen, auf Kanzeln, man sühnt auf der Erde, unter Menschen und Sündern und durch nichts, durch nichts von deren Sündhaftigkeit und deren Verlorensein unter­schieden.

Ich habe von Pfarrern gehört, die ins Konzentrations­lager gingen. Ich habe einen Pfarrer gekannt, der Kran­kenträger war, verzweifelte und freiwillig in ein Minen­feld lief. Ich habe von einem Pfarrer gehört, der deser­tierte und seine Leute in einem russischen Lager be­treute. Ich habe von einem Pfarrer gehört, der illegal arbeitete und hingerichtet worden ist. Ich habe einen Pfarrer gekannt, der den Gehorsam verweigerte und, um dreißig Menschenleben zu schützen, erst einen Offi­zier und dann sich selber erschoß. Fünf Möglichkeiten von tausend. Keine einzige eine Lösung. Aber jede einzelne tausendmal konsequenter und ehrlicher, als Sie sich verhielten. Denn jede dieser Möglichkeiten begann mit der Sühne, der Sühne von Grund auf; begann, statt mit der Sühne des Intellekts, mir der Sühne der Kreatur.

Bitte, glauben Sie doch nur nicht, daß Gott es gewesen wäre, der Sie des angeblichen Mittlerdienstes zwischen ihm und uns für wert befunden hätte. Ihre Vergangen­heit und die Nichtachtung, mit der Sie jetzt über das Damalige hinweggehen oder es längst in sich gerecht­fertigt haben, beweisen: Sie selbst waren es, der sich diese scheinbare Sonderstellung angemaßt hat; Sic, für den es jetzt nur eins geben kann: zu sühnen. Nein, Sie sollen nicht sterben, wie jene starben, die Sie mit Ihrem tödlichen Segen versahen. Tod ist keine Sühne; er ist auch nur ein Ausweg: Sie sollen leben. Leben als einer der Ungeborgensten und Verstoßensten, leben als einer von uns. Es ist möglich – und ehrlich gesprochen, wenn ich mich an Ihr Gesicht in der Windschutzscheibe er­innere, rechne ich fest damit –, daß Sie diesen Brief ent­weder schon nach den ersten Zeilen schulterzuckend weggelegt oder aber gleich zu Anfang alles in sich aus­geschaltet haben, was sich unter Umständen noch hätte getroffen fühlen können. Gut; dann sind diese an Sie gerichteten Zeilen also vergeblich gewesen. Immerhin: sind sie es wirklich, das heißt, erkennen Sie auch ferner­hin nicht, wie furchtbar Sie in Versuchung geführt worden und dieser Versuchung erlegen sind, ja, ihr täg­lich erneut erliegen, dann, Herr Generalsuperintendent, ist mir um die Lehre und um die Verkündigung angst. Gewiß, es ist nur die Angst eines Außenseiters und Laien. Aber wem hat Christus denn seine Lehre gebracht, wenn nicht uns: den Taxichauffeuren, den Straßenfegern, den Schaffnern und Zöllnern? Und da sollten wir nicht un­sere Angst um sie äußern dürfen? Verzeihen Sie einem Fremden, verzeihen Sie mir, einem namenlosen Taxi­chauffeur, seine Offenheit.

[1947]

Quelle: Wolfdietrich Schnurre, Man sollte dagegen sein. Geschichten, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1964, S. 29-36.

Hier der Text als pdf.

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