Claus Westermann, Vom Segen: „Der Segen ist ein stilles, stetiges Wirken Gottes. Er hat sich in der Entwicklung der Menschheit trotz aller Wandlungen der Technik und der Naturwissenschaften nicht geändert. Die Sonne geht noch jeden Morgen auf und jeden Abend unter, und Gott läßt seine Sonne schei­nen über Böse und Gute und läßt es regnen über Gerechte und Un­gerechte.“

Vom Segen

Von Claus Westermann

»In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde«. Dieser Segen geht weiter im Strom der Geschlechter. Und am Ende der Vätergeschichte, der Josefserzählung, ist es der völkerverbindende Segen, der vom Wirken des in Ägypten fremden Mannes Josef aus­geht, der das Volk der Ägypter vor einer Hungersnot bewahrt und die kleine Gruppe der Jakobleute aus dem drohenden Untergang rettet. Wieder kommen darin Retten und Segen zusammen. Gesegnet wird hier ein einzelner Mensch. In dieser Linie geht der Segen weiter, den Einzelne erteilen und Einzelne empfangen, der Abschiedssegen, der Reisesegen, der Segen der Eltern vor dem Sterben. Eine bewegende Szene in der Josefsgeschichte erzählt, wie Jakob dem Pharao vorge­stellt wird und darauf den Pharao segnet (1.Mose 47,7-10).

Die Geschichte des Volkes Israel beginnt mit dessen Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten. Es folgte der Weg durch die Wüste mit immer neuen Gefährdungen, bevor sie das ihnen verheißene Land erreichten. Mit dem Ansässigwerden in Kanaan begann das Leben in Häusern und Dörfern, das Leben von den Früchten des Landes, Acker­bau und Viehzucht. Jetzt wurde der Segen Gottes für sie lebenswich­tig, denn das Wort Segen bedeutet Kraft der Fruchtbarkeit. Im fünften Buch Mose ist das Wort Segen das wichtigste für das Gotteswirken:

»Er wird dich lieben und dich segnen und dich mehren. Segnen wird er die Fracht deines Leibes, die Fracht deines Ackers, dein Getreide, deinen Most und Öl, den Wurf deiner Rinder und den Zu­wachs deines Kleinviehs, in dem Land, das der Herr deinen Vätern zugeschworen hat.«

Man muß das wissen, um den Kampf des wiedererstandenen Volkes im Land Israel heute zu verstehen. Es sind die drei gleichen Grund­lagen des seßhaften Lebens, um die es dort in der Gegenwart geht. Das Volk ist davon überzeugt, daß ihnen jetzt, heute, diese alten Verheißungen gelten: die drei Segensgaben Nachkommen, Ackerbau und Vieh, wieviel auch sonst anders geworden ist.

Mit dem Seßhaftwerden war verbunden, daß es von nun an auch einen festen Ort für den Gottesdienst gab, ein Gotteshaus, von dem aus der Segen über das Land ausgesprochen wurde. Das schlägt sich in den Segenspsalmen nieder: »Gesegnet, wer eintritt im Namen des Herrn! Wir segnen euch vom Hause des Herrn!« (Ps 118,26). »Gott sei uns gnädig und segne uns, er lasse sein Angesicht über uns leuchten! Das Land gebe seinen Ertrag, es segne uns Gott, unser Gott!« (Ps 67,2 + 7f).

Damals war neben dem Opfer die Erteilung des Segens der wich­tigste Teil des Gottesdienstes. Das erste Opfer wurde mit der Segens­erteilung abgeschlossen, und diese Segenserteilung wurde dann im christlichen – dem katholischen und dem evangelischen – Gottesdienst übernommen. Am Segen haben Christen aller Konfessionen gemein­sam teil, zusammen mit dem jüdischen Gottesdienst. Es hat niemals einen theologischen Streit um den Segen gegeben.

Auch der Wortlaut des in unseren Gottesdiensten gesprochenen Segens: »Der Herr segne und behüte dich« stammt aus dieser Zeit. Es geht in ihm um die Weitergabe der das Leben, das Wachsen und Ge­deihen bewirkenden und fördernden Kraft. Sein Ort ist die Erteilung am Ende des Gottesdienstes, denn der Segen wird nicht für den Gottes­dienst, sondern für das Leben draußen erteilt, daß er mitgehe mit den Gesegneten in ihr Leben, in ihre Wirklichkeit draußen.

Zum Segen gehört, daß er in Wort und Handlung besteht, auch wenn die Handlung nur eine Geste ist. Das hat er mit dem Gruß ge­meinsam. Segen und Gruß waren einmal identisch. Wort und Hand­lung gehören zu ihm, weil er nicht nur ein geistiger, sondern ein geistig-körperlicher, ganzheitlicher Vorgang ist; er meint den ganzen Menschen und die ganze Schöpfung, wie es die alten Segenssprüche deutlich zeigen.

Im Alten Testament ist eine Sammlung von Stammessprüchen überliefert die Jakob in den Mund gelegt sind und die deshalb der »Jakobssegen« genannt werden. Dieser Segen endet:

Durch deines Vaters Gott, der dir helfe,
durch den allmächtigen Gott, der dich segne
mit Segensfülle vom Himmel droben,
mit Segensfülle aus der Flut, die drunten lagert,
mit Segensfülle aus Brüsten und Mutterschoß.
Die Segnungen deines Vaters sind mehr
als die Segensfülle der uralten Berge,
als die Lust der uralten Höhen.
Das alles komme auf das Haus Josefs,
auf den Scheitel des Geweihten unter seinen Brüdern.

Wenn wir diese Worte wie ein Gedicht hören, hat das seinen Grund: Der Segen ist im Alten Testament der Ursprung des Schönen. Es be­gegnet besonders in der Segensschilderung des verheißenen Landes:

Wie schön sind deine Zelte, Jakob,
deine Wohnungen, Israel!
wie Täler, die sich ausbreiten,
wie Gärten am Strom.
Wie Eichen, die der Herr gepflanzt,
wie Zedern am Wasser.
In jedem ragenden Baum,
in jeder aufblühenden Blume
begegnen wir dem segenden Wirken Gottes.

Nach der Eroberung durch die Babylonier wird in der Prophetie des zweiten Jesaja noch einmal deutlich, wie in der Verheißung der Rück­kehr aus dem Exil mit dem rettenden das segnende Wirken Gottes verbunden ist, Nachdem die Verheißung der Rettung aus der Gefan­genschaft und der Rückkehr in die Heimat entfaltet ist, tritt die Ver­heißung des Segens hinzu:

Denn in Freude sollt ihr ausziehen
und in Frieden geleitet werden.
Berge und Hügel sollen vor euch in Jubel ausbrechen
und alle Bäume der Ebene sollen in die Hände klatschen.
Das geschieht dem Herrn zum Ruhme,
zum ewigen, untilgbaren Zeichen.

Eine das ganze Neue Testament bestimmende Bedeutung hat der Segen nicht. Das ist in der das Neue Testament beherrschenden Be­deutung des Erlösungswerkes Christi begründet, es ist ja als ganzes eine Botschaft von der Erlösung. Dem entspricht es, daß in ihm vom Segen nur wenig und nur am Rande geredet wird. An einigen Stellen ist Jesus der Segnende, so bei der Segnung der Kinder. Sie zeigt, daß das Wirken Jesu nicht nur für Erwachsene bestimmt ist, sondern den ganzen Menschen in seinem Werden, Wachsen und Reifen umgreift; es schließt die kreatürliche Seite des Menschen ein. An die Stelle des Segnens tritt bei ihm das Heilen. Sonst gehört zum Leben der Segen gerade so wie im Allen Testament, das zeigt der bei der Mahlzeit gesprochene Segen mit dem Brauch des Brotbrechens. Die Früchte des Feldes werden mit ehrfürchtiger Dankbarkeit vom Schöpfer empfan­gen. Ebenso der Segen beim Abschied, so in Lk 24,50f: »Er führte sie hinaus in die Nähe von Betanien, erhob seine Hände und segnete sie. Und es begab sich, während er sie segnete, entschwand er vor ihnen.« Er hinterließ den auf der Erde Zurückbleibenden seinen Segen. In alledem ist das Segnen und das Verständnis des Segens das des Alten Testaments und des jüdischen Volkes zur Zeil Jesu, den Jesus teilt und an dem er teilnimmt. Oft begegnet der Segen in seinen Gleich­nissen, z. B. im Gleichnis von der selbstwachsenden Saat Mk 4,26-29.

In Jesus ist das rettende und das segnende Wirken Gottes verkör­pert.

Diese Verbindung zeigt sich besonders in seiner Abschiedsrede in Mt 10. In ihr gibt Jesus seinen Jüngern einen zweiteiligen Auftrag: »Verkündigt: Das Reich der Himmel ist genaht! Heilet Kranke … treibt Dämonen aus« (Mt 10,7).

Und bei der Ausführung heißt es dann: »Wenn ihr in ein Haus eintretet, so grüßt es! Und wenn das Haus würdig ist, soll euer Frie­densgruß über dasselbe kommen« (10,12f). In diesem Friedensgruß oder Segensgruß geht es um das gleiche kreatürliche Heilsein wie in dem Auftrag zum Helfen und Heilen. Die Apostel kommen nicht nur als Verkündiger einer Botschaft, sondern auch als Segnende, wie das dann auch die Apostelgeschichte sagt. Der Segen wird erst bedeutsam, wo das nur missionarische Verkündigen übergeht in das Wirken zur Bildung von Gemeinden in den Dörfern und Städten. Von daher sind dann auch die Grüße in den Briefen der Aposteln zu verstehen. Dem Auftrag zum Segensgruß bei der Aussendung der Jünger entsprechen die Gründe in allen Briefen, am Anfang und am Schluß.

Der Wandel, der sich hier vollzieht, wird verständlich im Vergleich mit dem Übergang von der Wüstenwanderung nach der Befreiung aus Ägypten zur seßhaften Lebensweise in Kanaan. Bei der Ankunft im fruchtbaren Land wird der Segen lebenswichtig. Was der Segen in seiner ganzen Fülle bedeutet, wird nur im Alten Testament entfaltet; es zeigt sich auch hier, daß das Neue Testament nicht ohne das Alte verstanden werden kann.

Der Segen ist ein stilles, stetiges Wirken Gottes. Er hat sich in der Entwicklung der Menschheit trotz aller Wandlungen der Technik und der Naturwissenschaften nicht geändert. Die Sonne geht noch jeden Morgen auf und jeden Abend unter, und Gott läßt seine Sonne schei­nen über Böse und Gute und läßt es regnen über Gerechte und Un­gerechte. Unsere Lieder sagen und singen davon, und wenn wir sie laut oder leise singen, dann halten wir uns an dieses Segenswirken über alle Grenzen der Zeit und des Raumes hinweg. Die verborgene Kraft, die das Saatkorn reifen und die Wüste heilen läßt, wirkt auch heute noch, wie es das Verheißungswort am Ende der Flut sagt, und an dem Rhythmus von Morgen und Abend, von Sommer und Winter hat jeder von uns teil, das spiegelt sich in den Liedern: »Abend und Morgen sind seine Sorgen …«; und unser aller Lebensbogen von der Geburt bis zum Tod, auch das Fördern und Gelingen unserer Arbeit, unserer Familie und unserer Gemeinden, hat teil an dieser Kraft des Segens. Wenn am Ende des Gottesdienstes der Segen erteilt und empfangen wird, können wir darauf vertrauen, daß das stetige, stille Wirken Gottes auch über uns wallet.

Quelle: Claus Westermann, Das mündliche Wort. Erkundungen im Alten Testament, hrsg. v. Rudolf Landau, Stuttgart: Calwer, 1996, S. 180-184.

Hier der Text als pdf.

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