Helmut Gollwitzer über Weihnachten 1945-1948 in russischer Kriegsgefangenschaft: „Was aber ist ein Weihnachtsgeschenk? Doch ein Erinnerungs­zeichen an den schenkenden, lebendigen Gott, der uns aus dem Kerker des Todes errettet. Als wir in der Nacht ganz überraschend und ohne weitere Erklärung aus unserem Keller heraufgeholt wurden, waren wir uns selbst zum Gleichnis der Weihnacht geworden: »Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los.«“

Weihnachten 1945-1948 in russischer Kriegsgefangenschaft

Von Helmut Gollwitzer

24.12.1945

Wenn die dünne Abendsuppe ausgelöffelt war, saßen sie noch eine Zeitlang auf der Pritsche, bevor sie unter die Decke krochen. Hätte einer von Euch unsichtbar durch die Baracke gehen können, so wäre ihm dieses Bild wohl als das trübste und charakteristischste für das Gefangenenleben erschienen: im düsteren Scheine der wenigen, schwachkerzigen Lampen die mageren Gesichter, die bewegungslos, oft mit geschlossenen Augen, vor sich hinstarrten, die in sich zusam­mengesunkenen Gestalten, an den Pritschenpfosten gelehnt, wortlos, jeder einzelne wie vereinsamt von der Traurigkeit der ganzen Welt. Aber wenn Ihr ins Innere hättet sehen können, so hättet Ihr zu Eurem Erstaunen erfahren, daß dies die seligsten Minuten in jenen elenden Jahren waren: Das Äußere versank, die häßlichen, rauchgeschwärzten Barackenwände, die verdreckten Mäntel, die an der Pritsche hingen, verschwanden, und wir waren im Geiste zu Hause. Wir gingen die Straße entlang, drückten die Klingel, die wir genau vor unserem Auge sahen, die altbekannte, braungestrichene Tür ging auf, und die lieb­sten Menschen, die wir auf Erden hatten, fielen uns um den Hals; dann führten sie uns ins Zimmer, der Weihnachtsbaum stand da, genau wie damals…, und wir durften uns das Lied wählen, das wir nun mitein­ander singen wollten. Abend für Abend wiederholte sich das, und kei­ner wurde dessen müde, am wenigsten in jenen Weihnachtstagen des schlimmsten Jahres der Gefangenschaft.

Es waren Arbeitstage wie alle anderen auch. Dadurch, daß an der kar­gen Verpflegung vorher noch einiges abgespart worden war, gab es ein für unsere Begriffe festliches Essen; die Baracke hatten wir, wo es nur ging, mit Tannenzweigen geschmückt, und sogar einige Kerzen waren aufgetrieben worden für den kleinen Weihnachtsbaum, an dem auch ein paar Sterne hingen, die mit Silberpapier – es war völlig rätsel­haft, woher es auf einmal in dieser Wüste auftauchen konnte! – beklebt waren. Das alles war nicht ohne Widerspruch geschehen. Die russi­sche Lagerleitung hatte es zwar genehmigt, aber unter den Kameraden selbst regten sich heftige Stimmen dagegen, ja einer bat mich sogar auf die flehentlichste Weise, in diesen Tagen doch ja jede Erinnerung an Weihnachten zu unterlassen: »Nur nicht daran denken, nur nicht daran denken, das ist die einzige Art, wie ich es überstehen kann; wenn ihr eine Feier macht, halte ich’s nicht mehr aus und hänge mich auf…« Er hing sich nicht auf; sicher nicht nur, weil er im entscheidenden Augenblick zu feige dazu war, sondern weil er das weihnachtliche Licht, das in der Finsternis leuchtet, zu Gesicht bekommen hatte. Nicht »nicht daran denken«, sondern mit aller Kraft daran denken – das hatte uns der Heilige Abend gelehrt. Woran aber? Jenes Versinken in den Traum wäre allein keine Rettung gewesen. Zu schmerzlich schnitt die Sehnsucht gerade in diesen Tagen ins Herz. Aber als wir das Weihnachtsevangelium hörten und uns auslegten, da ging es wie ein Wunder auf:

»Gott hat derer nicht vergessen,
die im Finstern sind gesessen.«

Auf Erden war keine Macht, die uns helfen konnte oder auch nur wollte. Von Urwäldern umgeben, waren wir verschollen und preisge­geben. Daß es jemals wieder anders werden würde, wagten wir kaum zu hoffen und konnten von der Hoffnung doch nicht lassen. War es, daß Einer an uns dachte und von uns wußte, Einer, der mehr Macht hatte als Stalin und die MWD?

»Siehe, ich verkündige euch große Freude!« Auf kleine, glattgehobelte Holzbrettchen – Papier war hier eine Seltenheit – hatten wir uns Weih­nachtsgrüße geschrieben; am Kopfende meiner Pritsche stand eines, auf das ein Kamerad mir Joh 14,18 gemalt hatte, da er es oft von mir in meinen Predigten gehört hatte: »Ich lebe, und ihr sollt auch leben.« Beraubt waren wir all dessen, was das Leben lebenswert macht, und nun stand hier geschrieben, daß uns das Leben nicht endgültig versagt sein sollte. Ob uns Heimkehr bevorstand oder das Grab in der hartge­frorenen russischen Erde, in das wir in diesem Winter noch so man­chen von uns hineinlegen sollten – ins Leben hinein ging dieser harte Weg, das stand nun fest, weil Weihnachten galt; das konnte uns nicht mehr genommen werden, das ließ uns tief aufatmen.

Manchmal hatten wir früher etwas verächtlich über die üblichen Weihnachtslieder gesprochen, über ihre Süßlichkeit und Gefühlhaftigkeit. Es war nicht zu leugnen, daß die alten reformatorischen Lieder die Botschaft der Christnacht ungleich kräftiger verkündigten als jene vielgesungenen »Stille Nacht« und »O du fröhliche«. Nun aber bat ich ihnen manche Verurteilung ab und war froh, daß wenigstens sie noch unserem Volk als Gemeingut erhalten geblieben sind. Nicht nur, weil sie jetzt, als wir sie sangen, mit einem Schlage die Häßlichkeit der Baracke verwandelten und uns in die ferne Heimat verzauberten und auch die, die sich bitter dagegen gesträubt hatten, in die Stimmung des Weihnachtszimmers hereinnahmen. Wer hätte diese »Stimmung« noch verachten können, da sie so wohltätig war wie eine weiche Mutterhand für diese Männer, deren Herz hart geworden war, weil sie nichts als Härte erfuhren? Aber jene Lieder brachten doch nicht nur »Stimmung«, sondern sie enthielten auch die große Verkündigung: »Christ, der Retter, ist da!« – »Welt ging verloren, Christ ward gebo­ren« – »… da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Ge­burt«, – uns, auch uns hier in dieser Baracke, die am nächsten Morgen, als die Verzauberung der »Stimmung« gewichen war, noch genau so häßlich da stand und aus der wir in den kalten Wintermorgen hinaus­traten, um zur Sklavenarbeit zu ziehen, während sie zu Hause in den Weihnachtsgottesdienst gingen.

23.12.1946

»Er ist auf Erden kommen arm, daß er unser sich erbarm.« Das ging mir mit der Beharrlichkeit einer Melodie durch den Kopf, die ganzen Stunden, in denen wir in einem finsteren Keller eingesperrt saßen, ein ungewisses, vielleicht schreckliches Schicksal vor uns. Unser altes La­ger war soeben aufgelöst worden, und zu zwölft waren wir, von den anderen abgetrennt, in ein neues Lager transportiert worden. Warum hatte man gerade uns zwölf besonders genommen? Es waren zumeist Leute, die bei den Russen wegen der Einheit, zu der sie bei der deut­schen Wehrmacht gehört hatten, oder wegen anderer Gründe in Mißgunst standen, und man hatte uns bei der Ankunft in diesem Lager sofort angekündigt, wir kämen in den Bunker und würden nach weni­gen Wochen so aussehen, daß wir uns »an einem Grashalm festhalten« müßten. Dies war nun unser Weihnachten. Im vergangenen Jahr wa­ren wir voll Grimm am Christtag zur Arbeit ausgezogen, und viel war geflucht worden auf die Russen, die auf unseren höchsten Feiertag keine Rücksicht nahmen. Jetzt sagte in der Finsternis mein Freund Herbert neben mir: »Wenn wir morgen wie alle anderen zur Arbeit mit ausrücken dürften, wäre das unser schönstes Weihnachtsge­schenk!« So relativ ist alles im Leben, so arm kann man werden auf Erden! Was aber ist ein Weihnachtsgeschenk? Doch ein Erinnerungs­zeichen an den schenkenden, lebendigen Gott, der uns aus dem Kerker des Todes errettet. Als wir in der Nacht ganz überraschend und ohne weitere Erklärung aus unserem Keller heraufgeholt wurden, waren wir uns selbst zum Gleichnis der Weihnacht geworden: »Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los.« Wir bekamen das ersehnte Weihnachtsgeschenk: Man hatte anders über uns ent­schieden, und wir »durften« am Heiligen Abend mit zur Arbeit aus­rücken, mit Pickhacken und Eisenkeilen eine Zementmauer abtragen. Während der Arbeitspause saß ich mit den Kameraden um das Feuer und legte ihnen an dem, was wir soeben erlebt hatten, die ersten vier Verse von »Vom Himmel hoch« aus.

24.12.1947

Kein Tag im Jahr ist für den Gefangenen schwerer als der Weihnachts­tag. Mich aber bewegen die Sätze aus dem letzten Brief meiner Mut­ter, die ich, wo ich nur kann, an die Kameraden weitergebe: »An Weihnachten muß uns das Schwerste in unserem Leben nicht schwe­rer, sondern leichter werden; denn wir kennen nun den, von dem alles kommt und zu dem alles führt und der bei uns ist alle Tage. Ohne Weihnachten wäre alles unerträglich schwer; aber wer von Christus hört, dem wird an Weihnachten das Herz nicht schwerer, sondern leichter.« – Wir haben in Ermangelung von Gesangbüchern, wie wir es für jeden Gottesdienst tun, die Lieder vielmals abgeschrieben, und keines klang diesmal so triumphierend wie das von Paul Ger­hardt: »Kommt und laßt uns Christum ehren«: »…wir, die unser Heil an­nehmen, werfen allen Kummer hin.«

25.12.1948

Als ich am Heiligen Abend zu der Baracke ging, in der die Feier, die wir mit den katholischen Brüdern zusammen hielten, stattfinden sollte, lehnte ein junger Schwabe an einer Mauer, und ich hörte ihn im Vorbeigehen zu dem, der neben ihm stand, in einem Ausbruch des Stöhnens sagen: »Es ist ja alles so sinnlos, so sinnlos!« Das war es, genau das: Nicht nur unser Schicksal hier, alles, alles in der Welt war sinnlos, und alles in der Welt, auch unser Schicksal hier, wurde sinn­voll, voll von unverlierbarem Sinn durch Weihnachten, durch die »rettende Stun­de«, in der ewiges Leben sich mit unserer Armut ver­band.

Warum ging ich vorbei und ließ ihn dort in seiner Verzweiflung an der Wand lehnen, statt ihn mit zu unserer Feier zu nehmen, zu der zu ge­hen er selbst offenbar nicht den Entschluß fassen konnte? Er versprach sich wohl auch von dieser Botschaft nichts mehr, und gerade ihn hätte sie vielleicht erreicht; denn gerade ihm galt sie doch. Oft habe ich zugegriffen und das Wort sagen können, diesmal aber ging ich, selber matt und unkräftig, vorüber wie der Priester und der Levit auf der Straße nach Jericho – und wenn ich heute daran denke, weiß ich, daß hier unsere schlimmste und häufigste Schuld liegt: im Genießen des Evangeliums, statt es weiterzugeben, im Vorübergehen, wo ein Ver­zweifelter sich vom Evangelium nichts mehr erwartet, weil er es noch nicht kennt.

Quelle: Helmut Gollwitzer, … und führen, wohin du nicht willst. Bericht einer Gefangenschaft, München: Chr. Kaiser Verlag, 1952.

Hier der Text als pdf.

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