Reinhold Schneider, Tröstliche Kindheit (1946): „Daß uns einmal ein ganz reines Bild des Göttlichen im Menschen geschenkt werde, ist alles: es geschieht so oft unter Um­ständen, die wie Träume sind. Ward es uns aber geschenkt, so müs­sen wir es festhalten; wir sind ihm verpflichtet und haben kein Recht mehr, zu glauben, daß der Mensch verloren sei – selbst wenn das Weihnachtszimmer der Kindheit uns so weit entrückt wäre vom Grauen der Erde, daß es mit dem Einladenden uns heute erschiene wie die Schwelle des ewigen Lebens.“

Tröstliche Kindheit

Von Reinhold Schneider

Wunderbares Dunkel dieser Tage! Wenn der Nebel die Fenster umdüstert, die Bäume wie Schatten in ihm stehen und die Sonne unsichtbar bleibt und die Vögel draußen sich nur noch ganz leise melden wie aus einem anderen Reich – dann muß es doch gelingen, an den entsetzlich­sten Schmerzen, den furchtbarsten Bildern vorüber einen Weg in die Kindheit zu finden. Die Erinnerung soll keine Flucht sein, kein Unter­gehen in der Trauer um Unwiederbringliches; aber wir bedürfen des Besten und Reinsten aus unserem Leben, wenn wir der Zeit nicht er­liegen sollen. Wir müssen in die Tiefe der Vergangenheit hinab, wo wir einmal reines Wasser schöpfen durften; es wird uns wieder erquicken. Wahrscheinlich ist die Zeit der Kindheit in Wahrheit das nicht gewesen, als was sie uns heute erscheint; aber etwas ist unbezweifelbar geblieben als das Licht vom Lichte, der Strahl aus einer anderen Welt: es ist das Licht des Weihnachtstages; könnten wir es wieder emp­fangen, so würden wir auch erfahren, daß es dieselbe Kraft hat wie einst, wenn es nur in uns zu leben beginnt, vielleicht als das beste, was uns in Menschen begegnet ist.

Das Haus lag einsam im Winter; unter dem nahen Ruf der Käuze, dem fernen des Uhus schliefen wir ein. Wenn wir am Morgen erwachten, kniete Joseph vor dem Ofen. Die aufflackernden Scheite warfen einen seidigen Glanz über seinen blonden Doppelbart, sein schönes, fremdes Gesicht. Wir dachten nicht daran, daß es dasselbe Gesicht war, das uns, unter einem alten, pelzbesetzten Fußsack hervor, der als Mütze diente, furchtbar bedroht hatte, wenn Nikolaus unter Kettengerassel die Treppen zum Vorraum heraufgestampft war; es war ganz unmög­lich, Joseph und den heiligen Nikolaus zueinander in Beziehung zu setzen. Und auch was sich Joseph nun sonst im Hause zu schaffen machte, rührt nicht an das Geheimnis dieser Tage, mochten wir ihn hämmern hören in dem verschlossenen Eckzimmer oder auf der Treppe mit unförmigen Paketen überraschen.

Um diese Zeit wurden alle Räume des Hauses wunderbarer, nament­lich die vielen unbewohnten, die mit lange nicht mehr benutzten Mö­beln und Bildern angefüllt waren, und vor allem ein großer, völlig fensterloser Raum in der Mitte des Erdgeschosses. Es war, als webte sich in diesen Gelassen, ihrem Dunkel und ihrer Stille das Geheimnis, das langsam das ganze Haus durchdringen sollte. Draußen, in dem bereiften Garten, trug der Gärtner, ein kleiner, emsiger Mann, die edelsten Tannenzweige zusammen; vom Lande kamen die Frauen und Kinder; drei- oder viermal des Tages stieg der Briefträger in unsäg­licher Geduld durch den Garten herauf. Jetzt kamen auch die leichten, aus Bambus gefertigten Körbe aus Nizza oder anderen südlichen Städ­ten. Eine Wolke reinen, fremden Blumenduftes entwallte ihnen, wenn sie geöffnet wurden, und noch immer sehe ich die Mimosenbüsche im Vorfenster stehen. Die Sonne fiel durch die Eisblumen auf den Schei­ben, daß sie blühten und tauten und vergingen, noch flüchtiger als die strahlenden Gewächse des Südens. Oder der Schnee sank über Nacht auf den Garten und beugte und breitete die dunklen Nadelbäume zu den wunderlichsten Formen auseinander. Wir wußten, daß Schnee ge­fallen war, noch ehe wir die Fenster öffneten, denn der Gärtner klopfte das Bahnholz an der Haustreppe ab; die Glocken klangen ferner, und bald bewegte sich auch das Klingeln des mit zwei Pferden bespannten Schneepflugs die Straße herauf. Jetzt waren Garten und Haus noch mehr auf sich selbst verwiesen; wir suchten im unberührten Schnee und meinten, bedeutungsvolle Spuren finden zu müssen. Litten wir es vor Ungeduld nicht im Hause, so flüchteten wir in den Pferdestall im Erdgeschoß des Gärtnerhauses. Dort pflegte der Gärtner empfindliche Pflanzen für den Winter zu verwahren; der »Kanonenofen« glühte; wir warfen uns in die Krippen aufs Heu und verzehrten die Gaben des heiligen Nikolaus, umschmeichelt von der feuchten Wärme der at­menden Pflanzen, vom Zauber des kleinen, aus mächtigen grünen Kübeln aufgesprossenen Palmenhains, während die Flocken die Fen­ster verhüllten und die Eintretenden sich den dicken Schnee von den Schuhen klopften. Dort, am Gärtnerhause, stand die Silberpappel, von der nachts der Uhu rief; ich hatte ihn nie gesehen, nur immer schaudernd im Bett gehört und stellte ihn mir als einen majestätischen Vogel vor mit mächtig glühenden Augen.

Die Mutter fehlte an den Nachmittagen und auch an den Abenden und blieb schließlich fast den ganzen Tag in dem verschlossenen Eckzim­mer. Der Vater hielt auch jetzt an seinem sorgsamen Tagesplan fest. Nur am späten Abend, wenn er von der Stadt zurückkam, wurde er für eine weihnachtliche Überraschung in Anspruch genommen, die ihm freilich nie glücken wollte; er sollte, während er an unsere Betten trat, irgendein Vorgeschenk des Christkindes, ein Zuckerhäuschen oder einen Engel, ins Zimmer schmuggeln. Er tat es umständlich. Es war ihm nicht gegeben, irgend etwas zu verbergen oder heimlich zu tun. Aber sobald er das Zimmer verlassen hatte, bemächtigten wir uns der Überraschung und nahmen sie für ein Wunder. In dieser Zeit des Wartens und der Vorbereitung, da die Hausordnung doch ein wenig in Gefahr kam, übernahmen die alten treuen Anverwandten ein wichti­ges Amt; mit unendlicher Geduld ertrug eine alte Tante unser Unge­stüm, schälte sie Äpfel und Nüsse mit uns, oder sie half uns den Baum­schmuck bereiten für ein Bäumchen, das wir selber schmücken und in unser eigenes Zimmer stellen durften.

Am Weihnachtsabend gingen wir alle mit dem Vater in unsere Kirche; der Weg durch den Garten hinab – auf dem wir hinter uns noch die unberührten Herrlichkeiten bereit wußten – und dann der Heimweg dem schweigenden, dunklen Haus entgegen wurden in beseligter Un­geduld bestanden. Dann warteten wir jenseits des Vorraums, bis die hohe Tür des Eckzimmers sich auftat und der Vater in ihr stand im feierlichen schwarzen Anzuge und hinter ihm die von der Mutter ge­baute oder vielmehr gedichtete Krippe aufstrahlte im Schimmer ihrer Lampen und des noch nicht sichtbaren Weihnachtsbaumes. Und die­ser Anblick des Vaters ist eigentlich das unvergängliche des Festes ge­wesen für die ganze Lebenszeit; denn in diesem Augenblick war er ganz von Liebe umleuchtet, wie niemals in seinem Leben. Etwas Ern­stes muß ihn bewegt haben. Aber er sprach nicht von heiligen Dingen. Und doch stand er in einem Glanze, den Menschen nicht auf die Erde gebracht haben.

Und vielleicht ist dies sein Bild, das am Weihnachtsabend aufstrahlte, sein eigentliches Wort an mich, das mich über die vielen Jahrzehnte erreicht. Haus und Garten sind verloren – oft träume ich mich zu­rück, daß ich noch einmal als Knabe die Treppe hinaufschritte, ein Gast aus einem fremden, völlig untergegangenen Reich -; die Men­schen, die das Haus betreut haben, sind entschwunden, und die For­men alle, auf denen unser Leben sicher zu ruhen schien, sind zerfal­len; nur die Wälder stehen über der Heimat wie zuvor, und viele der Bäume im Garten könnte ich noch als Bekannte grüßen. Näher aber als alles Glück der Kindheit, dessen Fülle mich immer beschämen wird als einen Undankbaren, bleibt mir der Vater, dessen fürsorg­liche Güte sich wortlos aussagte zwischen den geöffneten Türen, nun, da wir ihnen zuschritten mit den Verwandten und den Men­schen allen aus dem Hause, während die Mutter sichtbar wurde ne­ben dem Weihnachtsbaum. Mein Vater hatte nur dieses Wort seines Wesens: einzuladen in die Freude, die seine treue Arbeit bereitete, die er als redlicher Verwalter errungen hatte. Und dieses Wort möchte ich mitnehmen und immer weitertragen, heute und morgen; es ging aus einem großen Ernste hervor und wagte nur einmal im Jahre die Liebe unmittelbar mitzuteilen, die Gott in diese furchtbare Welt ge­tragen hat. Daß uns einmal ein ganz reines Bild des Göttlichen im Menschen geschenkt werde, ist alles: es geschieht so oft unter Um­ständen, die wie Träume sind. Ward es uns aber geschenkt, so müs­sen wir es festhalten; wir sind ihm verpflichtet und haben kein Recht mehr, zu glauben, daß der Mensch verloren sei – selbst wenn das Weihnachtszimmer der Kindheit uns so weit entrückt wäre vom Grauen der Erde, daß es mit dem Einladenden uns heute erschiene wie die Schwelle des ewigen Lebens.

Zuerst 1946 veröffentlicht in Reinhold Schneider, Das Erbe im Feuer.

Hier der Text als pdf.

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