Christoph Blumhardt über das Reich Gottes: „Das Reich Gottes kommt wie ein Blitz in Recht und Wahrheit. Ich meine, manchmal zucke es schon am Himmel, es zucke auch ein Beben durch viele Herzen, die früher sehr sicher gewesen sind. Man braucht wahrlich nicht da- und dorthin sich zu werfen, sondern nur ruhig zu warten, bis dieser Tag Gottes mehr und mehr kommt.“

Gottes Reich unter uns

Von Christoph Blumhardt

Noch ist allerwärts der Mensch immer nur darauf gerich­tet, alles ins Jenseits zu verlegen, den lieben Gott auf Erden für den schwächsten Mann zu halten und … für Schwärmerei zu erklä­ren, daß wir hier auf dieser Erde Licht des lebendigen Gottes erfahren … und schließlich auch den Tod aufgehoben sehen. Noch ist alles in dem Wahn befangen, Gott bleibe ewiglich im Himmel, und wir seien eben auf dem kleinen Erdbällchen eine Zeitlang zur Qual verurteilt, um dann entweder verdammt oder selig zu werden durch irgendwelche Religionsübungen. Und so geht’s in alle Ewigkeit fort, und damit sind wir zufrieden. … Reißt euch los von die­sem Unglauben! Denn es ist das eigentlich ein Tribut, welchen wir der Sünde und dem Tod zahlen Tag für Tag, wenn wir nichts anderes wollen als nur aus dieser Welt hinaus, um end­lich drüben frei zu sein von Sünde und Tod. Es ist die größte Schmach, die wir … Gott antun können, wenn wir sagen; »Hier auf dieser Erde wird ewig nichts, da haben wir nichts zu erwarten.« Und es ist die größte Mißachtung aller Worte Gottes in der Schrift, wenn wir diese freudigste Hoffnung der Apostel in der Weise ab­weisen, daß wir uns einfach ergeben in das Schicksal dieser Erde und alles laufenlassen wie es läuft. … Weil die Menschen in ihrem Religionswesen zuschanden wer­den, meint man, Gott werde auch zuschanden und könne nichts ausrichten auf Erden.

Aber allen diesen Leuten muß man sagen: hört ihr nicht das Wort …: »Das Reich Gottes kommt nicht mit Ge­pränge«? Es kommt, wie (Jesus) gekommen ist. Da kommt ein armer Mann daher, in einem Bauernkittel oder in ei­nem Handwerkerkittel, ein Schreinersgehilfe, der in kei­nem schönen Hause wohnt, ein schlichter, einfacher Mann. Man sieht ihn, man hört ihn, man erfährt etwas von ihm, man kann von weitem erschauen, was wahr ist an ihm, was recht ist an ihm, was gut ist an ihm; das kann man alles sehen, und alles das kommt doch von Gott. Auch sieht man, wie dieses Wahre, … dieses Rechte ohne Gepränge eine Macht hat auf Erden, wie es die Herzen zerschlägt, wie es Zöllner und Sünder beugt, wie es stärker ist als die ganze römische und jüdische Herrlich­keit, stärker als der Tempel in Jerusalem, wie es Macht hat über die Geister. Alles sieht man, es kommt also nicht unsichtbar, nicht so, daß man sagen könnte, es sei­en nur geistige Wahrheiten, philosophische Gedanken und tiefsinnige Erklä­rungen der Welt. Gar nichts von dem, sondern einfach im schlichtesten Gewände wird das Leben wahr um Jesus…. Und mit äußerster Konsequenz geht das so seinen Gang: recht muß es sein, wahr muß es sein, gut muß es sein! Und wenn die Welt sich auf­bäumt und man dar­über stirbt, so stirbt man und stirbt doch nicht, denn man steht wieder auf. Denn recht muß doch recht bleiben, und wahr muß doch wahr heißen, Leben muß dem Recht werden….

So kommt das Reich Gottes, und da kann man nicht sagen: In Rom ist’s! Oder bei Luther ist’s! Oder bei Cal­vin ist’s! Sondern es ist unter euch in der einfachen, na­türlichen, überall klaren Erscheinung Jesu … Wenn er unter uns lebt, dann ist es überall, dann kann man nicht sagen: Ich hab’s! Oder der dort hat’s! Und ich muß nicht herumspringen in der ganzen Welt von einer Kirche in die andere und denken: vielleicht ist er da, vielleicht ist er dort! So ist (Jesus) nicht aufgetreten. Er hat keinen Winkel für seine Sache gestiftet und gesagt: Da hinein müssen alle Leute, die zu mir kommen wollen! Sondern auf der Breite der Erde steht er wie eine Sonne, allen Menschen jetzt leuchtend und allen Menschen sein kla­res, wahres Bild … und … die Tatsachen zeigend, in denen sie hoffen sollen, daß Gott auf Erden nun sein Regi­ment beginne. … Da, wo du bist, da erwarte (Je­sus)! Suche nicht etwas Besonderes; auch nicht in be­sonderen Sitten, in besonderen Gewohnheiten!… (Prah­le nicht mit Gebet, … nicht mit allerlei Andächteleien, … nicht mit Lesen und Studieren, prunke nicht, o Mensch! … In deinen Prunk geht das Reich Gottes nicht hinein….

Nun kommen die Leute daher und sagen: Also – ist das Reich Gottes ja schon da, was brau­chen wir dann wei­ter? Erstens haben wir es doch in unsern Kirchen, es ist mitten unter uns, und zweitens haben wir den Glauben: »Es ist mitten unter uns.« Zu dieser Auffassung hilft eben die unrichtige Übersetzung…: das Reich Gottes kommt nicht »mit äußerlichen Gebär­den«. Und da meint man dann: Es komme überhaupt nicht sichtbar. Das, was Regiment Got­tes ist, kann nicht sichtbar kommen, das ist erst im Himmel, denn auf Erden ist ja Sünde, die kann man doch nicht ausrotten; auf Erden ist ja Tod, den kann man doch nicht abschaffen; es ist eben im Geist gemeint … Er (aber) sagt zu … den Pharisäern …: »Paßt auf, das Reich Got­tes ist unter euch.« Warum? Weil ich da bin und man mich sieht. … Setzt das Wort »jetzt« hinein; die Pharisäer könnten es wohl merken: Jetzt ist’s da!…

Der Geist, der (Jesus) … auf Erden tötet und nicht leiden will, der muß erst überwunden wer­den, der herrscht heute noch so stark wie zur Zeit der Pharisäer. … Freilich wird (das Evange­lium) verkündigt, aber wie und wo sind die Gerechtigkeitsfrüchte, die Wahrheits­früchte, die Friedensfrüchte, die Heilsfrüchte? Hat sich denn der Jammer der Menschen unter der Predigt des Evangeliums gewendet? Sterben sie weniger? Sind sie vernünftiger als andere Leute? Trinken sie weniger? Sind sie ehrlicher? Sind sie redlicher, aufrichtiger, klarer geworden? Sehen sie besser in die Welt hinein? Sind sie vorsichtiger im Getriebe der Welt, im politischen und sozialen Treiben? Sind sie weniger geizig, weniger zor­nig, weniger neidisch? Man weiß ja, wie es zugeht, aber fragt man so, dann heißt’s: »Ja, weißt du, das kann ja nicht sein! Der Mensch ist ein Sünder und bleibt’s, aber das Reich Gottes ist darum doch da!« … Wir bleiben bei dem, was uns der Meister gesagt hat: Das Reich Gottes kommt wie ein Blitz in Recht und Wahrheit…. Ich meine, manchmal zucke es schon am Himmel, es zucke auch ein Beben durch viele Herzen, die früher sehr sicher gewesen sind. Man braucht wahrlich nicht da- und dorthin sich zu werfen, sondern nur ruhig zu warten, bis dieser Tag Gottes mehr und mehr kommt: … Es muß in allen Himmelsgegenden … ein Blitz zuckend hineinfah­ren, in unsere evangelische Kirche geradesogut wie in die katholische – wir sind kein Haar besser. Es muß auch in die Winkel hinein, die da glauben, frommer zu sein, als man es in den großen Kirchen ist, es muß in dein Herz … ein Blitz fahren, daß wir aufwachen und unsere Ungerechtigkeit sehen.

Quelle: Worte des evangelischen Pfarrers und Landtagsabgeordneten Christoph Blumhardt, hrsg. v. Johann Harder, Wuppertal: Jugenddienstverlag, 1972, S. 26-29.

Hier Blumhardts Text als pdf.

2 Kommentare

  1. Zu diesem Reich Gottes können wir beitragen durch Gemeinschaftsbildung auf allen Ebenen.Offizielle Träger sind zB BRK AWO Caritas Diakonie Innere Mission und Stiftungen.Bestimmte evangelikale Gruppierungen .Wenn falsche Autoritäten fehlen,kann liebevolle Tätigkeit aufblühen—Liedtext: ubi caritas et amor,ibi deus est.

  2. falsche autoritäten entstehen aus falschen Sozialisierungen,mit aufklärung und demokratischen Grundgesetz hat der früher bestimmende Patriarch ausgedient.Religionen dagegen fragen und suchen nach etwas/jemandem der mehr ist als man selbst,“höher steht als alle Vernunft“,also der Frieden…..Wo gibt es Gnade vor Recht (in dubio pro reo)—7 mal 70 mal verzeihen? Wenn dieses Prinzip fehlt,leben wir unter Haß Neid Eifersucht Ehrabschneiden und Verleumdungen,also einer diesseitigen Hölle.

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