Hans Joachim Iwands Predigt über 1 Korinther 15,12-22: „Nicht das Schweigen des Todes sondern das Wort des lebendigen Gottes bestimmt das Ende aller Dinge.“

Kassel - Altarkreuz
Helmut Kassel – Altarkreuz (St. Evergislus, Bonn-Plittersdorf)

Gott oder der Tod. Predigt über 1 Korinther 15,12-22

Von Hans Joachim Iwand

Zum erstenmal seit jener Nacht, in der nun auch die Marienkirche ein Raub der Flammen wurde[1], treten wir heute, am Totensonntag, hier zusammen als die Schar derer, die noch übrig geblieben ist, um uns zu stärken an der Gemeinschaft mit Gott und miteinander. Alles, was an äußerem Besitz unsere Gemeinde kennzeichnete, das Gotteshaus, die beiden Gemeindehäuser und die beiden Pfarrhäuser sind zerstört. Lange durften wir durch Gottes Gnade noch mitten in der Zerstörung unsere Gottesdienste halten. Nun ist auch uns die Grenze gesetzt, und wir beugen uns unter Gottes gewaltige Hand. Er wird auch die richten, die solches verschuldet haben. Aber es ist viel mehr noch geschehen, eine grausame und unbarmherzige Zerstörung hat unsere ganze Gemeinde verwüstet und das Bild unserer Stadt bis zur Unkenntlichkeit ent­stellt. Der Schmerz und die Klage um unendlich viele geliebte Menschen wird heute neu auf­brechen, Mütter und Kinder, Greise und wehrlose Frauen sind die Beute des Todes gewor­den. Wer die Nacht miterlebt hat, wird etwas zu sagen wissen, von dieser furchtbaren, satani­schen Entfesselung aller zerstörenden Kräfte und Elemente, die da über uns hereinbrachen. Und wer sie überstanden hat, wird etwas zu sagen wissen, von der Gnade Gottes, die uns noch eine neue Frist gesetzt hat, eine Frist der Umkehr zu ihm, die uns das Leben geschenkt hat, damit wir es erfüllen in Glaube und Liebe, in Standhaftigkeit und Treue zu ihm. Es gäbe viel Einzel­nes zu sagen und zu berichten, die Namen der Toten, an die wir heute besonders den­ken, wer­de ich am Schluß des Gottesdienstes verlesen, wesentlich scheint mir dies, daß wir alle begrei­fen lernen, daß Gott, wenn man uns auch die Kirchen zerschlägt, dennoch nicht heimat­los ist, denn er wohnt nicht in Tempeln von Menschenhänden erbaut, sondern Gott ist da, wo seine Gemeinde ist. Ihr seid der Tempel des lebendigen Gottes.

So aber Christus gepredigt wird, daß er sei von den Toten auferstanden, wie sagen denn etli­che unter euch, die Auferstehung der Toten sei nichts? Ist aber die Auferstehung der Toten nichts, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch unser Glaube vergeblich. Wir würden aber auch erfun­den [252] als falsche Zeugen Gottes, daß wir wider Gott gezeugt hätten, er hätte Christum auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn so die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. Ist Christus aber nicht aufer­standen, so ist euer Glaube eitel, so seid ihr noch in euren Sünden. So sind auch die, so in Christo entschlafen sind, verloren. Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christum, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten und der Erstling geworden unter denen, die da schlafen. Sintemal durch einen Menschen der Tod und durch einen Menschen die Auferstehung der Toten kommt. Denn gleichwie sie in Adam alle sterben, also werden sie in Christo alle lebendig gemacht werden.

Am Ende unseres Textes steht ein Wort, das wirkt wie ein Spiegel. Es könnte sein, daß wir von daher die ganze Not und die Schwachheit unseres Christentums von heute begriffen. Eines Christentums, das nicht mehr von der Auferstehung her lebt, eines Christentums, das darum gegenüber der furchtbaren und grausamen Macht des Todes, gegenüber seinen tausend Rätseln, mit denen er uns heute allerorten umgibt, gegenüber seinen tausend Ängsten, mit denen er heute die Menschheit sich versklavt und sie von einem Schrecken zum anderen treibt, nichts mehr zu sagen weiß. Wenn wir allein in diesem Leben unsere Hoffnung auf Chri­stus setzen, sagt Paulus, und kennzeichnet damit die Unmöglichkeit dieses Christentums, die Unmöglichkeit einer solchen christlichen Existenz. Wenn dieses Leben, das ganz und gar in den Händen des Todes ruht, bei dem der Tod wirklich das letzte Wort hat, wenn dieses Leben das ganze Leben wäre, wenn dieses Gefängnis keine offene Tür hätte, wenn diese Welt, die Welt zwischen Geburt und Tod alles wäre, wenn es kein anderes Fortleben gäbe, als das Fort­leben im eigenen Volk, im eigenen Geschlecht, dann wären die Christen wirklich fehl am Platze. Dann hätten die Leute recht, die sich ganz und gar einstellen auf diese Todeswelt, die endgültig gebrochen haben mit allen Illusionen und falschen Hoffnungen, dann wäre der kras­seste Materialismus immer noch mehr, als solch ein Christentum, das nicht Fisch noch Fleisch ist, das sich begrenzt weiß in dieser Spanne zwischen Geburt und Tod. Und vielleicht haben darum die Menschen der Welt ganz recht, wenn sie mit diesem unseren Christentum nichts anzufangen wissen, weil wir eben vor dem entscheidenden Punkt genau so kapitulieren, wie sie auch, weil wir uns genau so im Kreise, im Todeskreise drehen wie sie auch. Wenn das nämlich wahr ist, daß es keine Auferstehung gibt, daß das, was Ostern geschehen ist, nun eben doch nicht Geschichte und Geschehnis sein soll, wenn die Mitte, um die die Menschen­geschichte schwingt, immer noch [253] Adam heißt und Tod heißt und Vergänglichkeit heißt, dann ist in der Tat alles andere, was wir auch sagen mögen, von christlicher Moral und christ­licher Weltanschauung, nichts anderes, als eine jämmerliche Halbheit. Vielleicht glauben wir, daß Christus auferstanden ist, daß ihn der Tod nicht behalten konnte – aber wir glauben es nur von ihm und nicht von uns. Und darum glauben wir in Wirklichkeit doch nicht an das, was Ostern geschehen ist. Wir glauben vielleicht, daß sein Grab leer war, aber unsere Gräber, die Gräber, in die wir das Liebste, was wir haben, legen mußten, die bleiben unter der Herrschaft des Todes. Hier hält der Tod die Wache. Hier hat er den Schlüssel. Hier waltet er als Fürst der Welt, gegen den niemand ankam. Und das, sagt der Apostel, das ist die Unmöglichkeit unse­res Christentums, wenn ihr das annehmt, dann habt ihr noch niemals wirklich unter der Ver­kündigung der Auferstehung gestanden, dann hat der Blitz, der da die Finsternis zerrissen hat, noch niemals euer Leben, euer Auge, eure Welt getroffen. Erst an eurem Tod und an euren Toten wird euer Osterglaube auf seine Echtheit geprüft, der Tod, der da besiegt wurde, das war euer Tod, das war der Tod, der als eine ungeteilte, universal herrschende Macht über allen Menschen steht. Wir sind alle in dem selben Gefängnis, darum, wenn hier eine Bresche gebro­chen wird, so bedeutet diese Bresche für alle die Freiheit. Wir sind alle in derselben Finster­nis, darum, wenn von einer Stelle aus, wenn in einem Menschen hier das Licht des Lebens aufleuchtet, dann bedeutet das für alle Hoffnung und Licht und Leben.

Es geht also nicht an, daß ihr als Christen an die Auferstehung Jesu Christi glaubt und dann so weiterlebt, als bliebe nun alles in der Welt beim alten, als wäre da nicht ein Riß durch dies ganze Gemäuer gegangen, als hätte hier nicht der Tod seine Grenze, die Grenze seiner Macht von Gott her empfangen. Und darüber sollte sich jeder klar sein, daß es hier ums Ganze geht, um das Ganze unseres Glaubens, um das Ganze unserer Verkündigung, um das Ganze der Kirche, um die Sinnhaftigkeit dessen, was wir meinen, wenn wir überhaupt das Wort Gott in den Mund nehmen. Denn Totenauferstehung und Ostern und unser Predigtamt und euer Glau­be und die Gottheit Gottes, das sind alles Glieder an einer Kette, löst ihr ein Glied heraus, dann stürzt das Ganze, dann gibt’s keine Hoffnung für die Entschlafenen, dann gibt es aber auch keine Hoffnung für die noch Lebenden, denn so wie jene dann die Beute des Todes sind, so seid ihr, die Lebenden, die Beute der Sünde. Denn der Gott, den wir verkünden, ist ja der, der sich gerade hierin Christus, gerade da, als er ihn dem Tode entriß, als Gott offenbart hat. Nicht das Schweigen des Todes sondern das Wort des lebendigen Gottes bestimmt das Ende aller Dinge. Und wenn wir die Vergebung [254] der Sünden predigen, dann eben darum, weil Christus auferstanden ist und vor Gott für uns eintritt und weil auch diese unsere durch die Sünde geprägte und gezeichnete Existenz einmal der Existenz ähnlich werden soll, die uns in dem Auferstandenen erstmalig und vorbildlich vor Augen gestellt worden ist. Ja, die Tatsache überhaupt, daß gepredigt wird, daß wir als Zeugen und Boten Jesu Christi das Evangelium vom Reiche Gottes verkündigen, ist nichts anderes, als die radikale Kampfansage an die To­deswelt, in der wir leben. Die Tatsache, daß das Evangelium erklingt, ist der Protest gegen das eherne Gesetz des Todes, dem sich alles Fleisch beugen muß. Wenn ihr nun, so will der Apo­stel sagen, auf einmal an der Frage der Totenauferstehung ausbrecht, wenn ihr hier kapituliert, wenn ihr hier auf einmal den Tod größer macht als Gott, dann wird unser ganzer Glaube, un­ser ganzes Christentum sinnlos. Gott oder der Tod, das ist die Entscheidung, die mit der Auf­erstehung Jesu entschieden worden ist, und zwar entschieden worden ist einmal und ein- für allemal.

So können wir wohl spüren, daß wir heute, am Totensonntag, auf unsern Osterglauben geprüft werden. Daß heute, da unsere Gedanken zu den nahen oder fernen Gräbern wandern, der Apo­stel nicht zufällig neben uns steht und uns fragt, ob wir es wohl wagen, hier, an der Grenze aller Vernunft, hier in der tiefsten Finsternis, hier, wo alles uns sagt, es ist aus, es ist für im­mer aus, ob wir hier den Ostertag gelten lassen. Denn es kommt darauf an, ob wir ihn hier gel­ten lassen, hier, wo der Tod unser Leben berührt, wo wir an uns seine Macht spüren, wo er uns alles nehmen möchte – ob wir hier zu glauben vermögen, daß Christus Sieger ist. Der Tod und Gott und wir in der Mitte! Merken wir nicht, wie beide, Gott und der Tod, immer näher auf uns zu rücken, daß wir gar keinen Raum mehr haben, dem auszuweichen, daß dies über uns kommt, wie eine große, letzte Entscheidung. Ja, wenn die Entscheidung in uns fiele, dann würde der Tod gewinnen und Gott verlieren. Denn er ist nicht umsonst der Sünde Sold. Aber die Entscheidung fällt nicht in uns, sondern sie fällt in Christus, sie ist in ihm gefallen, sie ist da gefallen für alle Menschen, die durch diesen Engpaß gehen müssen. Und diese Entschei­dung, die hier in Christus gefallen ist, die hat den Tod weggefegt und den Weg zu Gott freige­macht. Der Tod ist ein Schlaf geworden, eine Schwelle, ein Übergang, der Tod ist der Augen­blick der großen Verwandlung, wie sollte es auch anders sein? Es muß ja doch einmal das Vergängliche abfallen und die Unvergänglichkeit an seine Stelle treten, es muß ja doch einmal das Leben wieder das werden, was es ohne den Tod war, ewig, göttlich, wahrhaftig und im­mer bleibend. Das ist der Tod, wenn wir ihn in Christus ansehen, wenn wir ihn ansehen unter der Perspektive, daß Gott Sieger ist. Nun muß der Tod uns Gott näher bringen [255] und kann uns nicht mehr von Gott trennen, so wie es im Liede heißt: Christus lebt, nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben!

Denn die Menschheit mit all ihren Schicksalen, im Großen und im Kleinen, schwingt um zwei Pole, der eine Pol heißt Adam, aber der andere heißt Christus. Wehe uns, wenn wir vergessen, daß diese Beiden nicht in einer Linie stehen, daß mit Christus etwas Neues angebrochen ist, etwas ganz Radikales, ganz Anderes. Freilich so, daß wir das ganz Andere nur faßbar machen können in der Aufhebung dessen, was ist. Diese beiden Linien, in unser aller Leben, die ada­mitische und die Christus-Linie, überschneiden sich noch, sie überdecken sich gleichsam. Und so erfahren wir die Kraft des Christus-Geistes zunächst und zumeist in der Negation alles des­sen, was mit der adamitischen Welt als scheinbar endgültig und unabänderlich gesetzt ist. Christus ist die Grenze in der Grenzenlosigkeit des Todes. Hier heißt es Halt, hier ist das Land, dem unser Nachen[2] zutreibt, hier ist der Tod des Todes Wirklichkeit geworden. Und so, wie der Tod über uns alle gekommen ist, nicht aus unserer Wahl und unserer Tat heraus, son­dern so, daß wir an ihn gebunden sind vom ersten Tage an da wir atmen, genau so ist das Le­ben über uns gekommen von Christus her, nicht aufgrund unserer Entscheidung oder unse­res Verdienstes, sondern aufgrund dessen, daß diese Entscheidung in Christus für uns gefallen ist, daß das, was da geschehen ist, für alle gilt, daß Gott die Geschichte, deren Gesamtnenner Adam heißt, nämlich Mensch, irdischer, vergänglicher, von Gott abgefallener, dem Tode preisgegebener Mensch, daß er diese Geschichte aufgehoben hat, daß er mit uns allen ein Neues begonnen hat und daß der Anfang dieses Neuen Christus heißt. So steht er da, so wird er verkündigt, so wird er geglaubt, als der Erste in der Reihe, der hindurch ist. Der erste Mensch, in dem die Auferstehung von den Toten Ereignis geworden ist. Einst kommt der Tag, da das über alle kommt, da auch wir mit hinein gerissen werden in den Prozeß jener großen Verwandlung, wenn Gott das Nichtseiende ins Dasein rufen wird.

Wissen wir nun, woraufhin wir leben sollen? Wissen wir nun, welche Hoffnung über den Grä­bern steht? Wissen wir nun, welches Lied wir dem Todeslied entgegensetzen können, das heute so allgewaltig und bezwingend über die ganze Welt geht? Es kann doch nur dies Lied sein, das von dem Sieg Gottes handelt, das Lied, das von Ostern her erklingt, die einzige, wahre, letzte Hoffnung, die uns geblieben ist. Aber eine Hoffnung, die wirklich diesen Namen verdient, das Rechnen mit der neuen Welt Gottes, die in dem Sieg Jesu Christi unter uns Wirklichkeit geworden ist.

Christ ist erstanden, von der Marter alle.

Gehalten am 26. November 1944 in Dortmund zum Totensonntag.

[1] Am 6. Oktober 1944 wurde bei einem alliierten Bombenangriff die Dortmunder Innenstadt mit der Marienkir­che völlig zerstört.
[2] kleines Boot, Kahn.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 251-255.

Hier der Text als pdf.

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