Iwand in seiner Karfreitagspredigt über 2.Korinther 5,19-21 von 1950: „Weil wir Gott immer als den gebenden Gott im Auge haben, können wir den vergebenden Gott nicht fassen.“

Wilhelm Groß - Der segnende Christus (Refektorium der Predigerkirche Erfurt, 1951)
Wilhelm Groß – Der segnende Christus (Refektorium der Predigerkirche Erfurt, 1951)

Wie kaum ein anderer konnte Hans Joachim Iwand die Tiefe des Versöhnungsschehens in Jesus Christus zur Rechtfertigung des selbstgerechten Sünders zur Sprache bringen, ohne dabei selbst in einer unparteiischen Gerechtigkeitslogik gefangen zu sein. Hier seine Predigt zu 2. Korinther 5,19-20 von 1950 (zusätzlich zu der von 1957):

Predigt über 2. Korinther 5,19-21 (Karfreitag 1950)

Von Hans Joachim Iwand

Denn Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

Der Karfreitag gehört mitten hinein in die Welt, denn es geht ja hier nicht um die Erlösung der Erlösten oder um die Versöhnung der Versöhnten, es geht auch nicht etwa darum, daß den Menschen nur bewußt werden soll, daß sie immer schon als Geschöpfe Gottes in der Hand ihres Vaters sind, so daß es vielleicht darauf ankäme, daß wir nur begreifen müßten, daß die Welt und wir alle in ihr immer schon in Gottes Hand gewesen wären. Nein, es handelt sich wirklich um eine Tat Gottes, nicht bloß darum, daß wir etwas begreifen, sondern darum, daß wir etwas glauben. Es geht darum, daß Gott gerade da, wo wir gemeinhin den Glauben an ihn verlieren, in der Welt, das Zeichen seiner Gegenwart, seiner Barmherzigkeit, seiner richtenden und rettenden Überlegenheit aufrichtet. Wir alle müssen uns schon zu dieser verlorenen, gott­feindlichen, im Aufstand gegen Gott lebenden Welt rechnen, wenn uns der Karfreitag etwas bedeuten soll. Gerade als Glieder dieser Welt, wie sie heute ist, wie wir alle sie kennengelernt haben in kurzen oder langen Abläufen unseres Lebens, sollen wir es hören und glauben, daß heute der große Versöhnungstag ist, der Versöhnungstag Gottes mit dieser Welt. Hören wir es so, dann werden die Türen der Kirchen heute ganz weit aufgehen, dann darf alles hineinfluten, was draußen vor sich geht, dieses dunkle und schreckliche, dieses grausame Menschen- und Weltenlos, dann dürfen wir hinschauen auf die Brandstellen des eben vergangenen Krieges, dürfen etwas riechen von der geistigen Atmosphäre des Hasses, der Verhetzung, der Propa­ganda, in der sich schon wieder neues Unheil zusammenbraut, werden sie verstehen, die erbarmungsvolle Oberflächlichkeit der Menschen, die nicht mehr wagen, in die Tiefe zu gehen, weil sie ganz genau wissen, was dort auf die wartet, die nun wohl oder übel leben müssen ohne Vergangenheit und Zukunft in dem flüchtigen Moment des Genusses oder der Arbeit, oder des eben wieder modern gewordenen Tanzes um das goldene Kalb. Dies alles müßte heute zu spüren sein, wenn wir die Botschaft von der Versöhnungstat Gottes in Chri­stus Jesus hören. Diese Welt hat sich eingezeichnet in die Gestalt des Gekreuzigten. Sie hat hier ihren letzten, ungeheuerlichen Versuch gemacht, Gott, als er mitten unter uns trat, zu beseitigen. Als sich auf einmal alles verwandelte, als verschlossene Quellen neu aufbrachen, als sich die Augen der Blinden öffneten, als die Aussätzigen rein wurden und die Armen aufhörten, Gott zu fluchen und anfingen, Gott, den Gott, der in Jesus zu ihnen trat, zu lieben, da hat diese Welt ihren letzten Versuch gemacht, Gott los zu werden, und das Kreuz ist das Denkmal dieses letzten, aber gerade darin endgültig gescheiterten Versuchs. Um des Kreuzes willen darf es nun wirklich heißen: »Aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.«

Es sind zwei Worte, die sich am Anfang unseres Textes besonders auffällig und deutlich herausheben: Gott und Welt. Im Griechischen ist es fast noch schärfer ausgedrückt als in dem verlesenen Text, da heißt es: dementsprechend, daß es Gott war, der in Christus die Welt mit sich versöhnte. Gott ist also nicht etwas hinter dem Ganzen, das Geschehen, um das es geht, wenn wir die Karfreitagsgeschichte hören, ist nicht ein Drama, das sich vor unseren Augen abspielt und hinter dem dann irgendein Gott als Regisseur steht oder von uns dazu zu denken wäre, so wie man sonst das Drama eines Lebens auf die Bühne bringt. Da ist kein Vorhang zwischen dem Kreuz und Gott. Der Vorhang ist zerrissen, Gott ist herausgetreten aus seiner unendlichen Verborgenheit und Tiefe und hat mitten in dieser Welt, in der wir alle leben, und für diese Welt, die so verloren ist und so seufzt und stöhnt und ächzt unter ihrer eigenen Got­tesfeme, gehandelt und er hat das Tor zu sich wieder aufgetan und den großen Versöhnungs­tag heraufgeführt, auf den sie alle so sehnsüchtig warteten, die Propheten und die Frommen des Alten Testaments, genau so wie wir. Alle warteten darauf und müssen warten, wenn anders uns je einmal deutlich wurde, was Sünde und Schuld und Verfehlung bedeutet. Gott muß mitten unter uns treten. Gott ist es, der in Christus handelt. Gott gehört zu Christus und Christus gehört zu Gott, und es ist eben nicht so, als ob sich in Christus eine besondere Tiefe von Welt offenbarte, die Welt in ihrer edelsten und besten Möglichkeit, die Welt als die Welt des Menschen und seiner Größe, als ob wir also hier nur etwas sehen und hören könnten, was aus der Welt und ihren eigenen Möglichkeiten heraus denkbar ist. Nein, nicht unsere, sondern Gottes Möglichkeiten werden hier greifbar. Gott greift in Jesus Christus selber ein, er will uns überzeugen, daß er Gedanken des Friedens mit uns hat und nicht des Leides, daß er uns sucht, auch wenn wir nichts mehr von ihm wissen wollen, daß er den Weg weiß, auch wenn wir ihn längst verloren, schon längst alle Hoffnung begraben haben, je wieder zurück­zufinden. Und ebenso gilt das nach der anderen Seite hin, nach der Seite der Welt hin, man könnte ja meinen, diese Tat Gottes in Jesus Christus habe mit der Welt nichts mehr zu tun, die gelte nur für den Frommen, den Guten und Gerechten, man könnte meinen, und viele glauben das ja, daß nur religiös angelegte Naturen verstehen, worum es in Jesus Christus geht. Aber auch diesen Gedanken müssen wir fahren lassen, wenn wir hören und verstehen wollen, was unser Text uns sagt. Heute geschieht nämlich wirklich, was Jesus Christus in seinen Gleich­nissen immer wieder angedeutet hatte: daß die Türen des königlichen Saales weit offen sind und die Boten ausgesandt werden, alle zu holen, Gute und Böse, die Krüppel und die Lahmen, die Ausgestoßenen und die Entfremdeten, nicht bloß die Idealisten, sondern auch die Materia­listen, nicht bloß den Sohn, der im Hause blieb, nein, gerade auch den verlorenen Sohn, der sein Vermögen vertan und sein Leben verwüstet hat, heute sind alle gerufen ohne Unter­schied, heute sind alle geladen zu hören, was hier kundgemacht wird. Das ist Jesus Christus, die offene Tür, durch die wir alle wieder einen Zugang haben von hier nach dort, weil Gott durch diese Tür eingetreten ist, von dort nach hier. Gott und Welt, diese beiden abgrundtiefen Gegensätze begegnen sich hier und sie begegnen sich so, daß die Welt mit Gott versöhnt ist. Das ist das Große, was der Karfreitag bezeugt, und wir alle sind immer wieder neu gefragt, ob wir das glauben. Denn es ist so leicht, an Gott zu glauben, wenn man die Augen schließt und die Welt nicht sehen will, die Welt um uns und die Welt in uns, und darum geschieht es dann so oft, daß wir den Glauben verlieren, wenn wir irgendwie genötigt werden, die Augen aufzu­tun und zu sehen, was Welt heißt und bedeutet. Aber dieser weltabgewandte Glaube ist in Wahrheit nicht der Glaube an den Gott in Christus, es ist nur der Glaube an einen gedach­ten, eingebildeten, selbst gemachten Menschengott, der Glaube an den Gott der Guten, der Ge­rechten, der Frommen, aber nicht der Glaube, der erst hier geboren wird, hier, wo Gott in Christus mitten unter uns steht, um uns zu vergeben.

Denn das ist nun das Zweite und wieder so Wunderbare an diesem Versöhnungstage Gottes, daß wir gar nichts Positives über die Art sagen können, wie Gott und Welt in Jesus Christus versöhnt sind. Denn das Einzige, was wir sagen können und das Einzige, was hier und überall in der ganzen Bibel gesagt wird, wenn die Rede auf das Kreuz Christi kommt, ist etwas Nega­tives: er rechnet ihnen die Sünden nicht an! Mehr ist es nicht. Weil wir [300] aber alle immer wieder darauf aus sind, wissen zu wollen, was Gott uns gibt, weil wir Gott immer als den gebenden Gott im Auge haben, können wir den vergebenden Gott nicht fassen. Das wird in dem Augenblick anders, wenn wir einmal begriffen haben, was Verfehlungen bedeuten. Ich meine, gerade wir könnten etwas darum wissen: Wir können etwas darum wissen, daß es Zei­ten und Situationen im Leben gibt, in denen ein Mensch sich wundstößt an der Tatsache, daß er das Geschehene nicht ungeschehen machen kann, in denen er alles dafür geben würde, wenn das möglich wäre. »Ewig still steht die Vergangenheit«, sagt der Dichter, und er hat, menschlich gesehen, abgesehen von der großen, wunderbaren Karfreitagsbotschaft wohl recht damit. Das Vergangene ist wie ein Felsblock, den wir nicht wegwälzen können, es sieht uns an und klagt uns an, denn in dem, was wir Vergangenheit nennen, sind ja unsere Taten irgendwie versteinert, irreparabel fixiert, sie stehen da als etwas Unabänderliches, das uns im Wege liegt und uns den Weg nach vorn versperrt. Es gibt Ereignisse in der Welt, die so schwer sind, daß sie uns alle mit sich selbst in die Tiefe ziehen, daß aller Mut zum Leben erlischt, alle Freude, alle Zuversicht, daß wir uns immer umdrehen müssen, immer wieder hinschauen auf dieses versunkene Sodom und Gomorra, über das der Aschenregen herun­ter­gegangen ist. Es nützt uns dann gar nichts, daß wir übrig geblieben und mit dem Leben davongekommen sind, denn wir sind gebannt an die Vergangenheit, die uns nicht losläßt, uns zerquält und zerfrißt mit der einen großen Frage: Warum? Warum? Wir hören die heimlichen Anklagen aus dem Abgrund emporsteigen. Wir merken die Gewichte, die sich an uns hängen, die unabänderlichen Taten und Ereignisse, die wir selbst heraufbeschworen haben und die schwerer und schwerer werden. Dann erst, wenn man das Leben einmal von dieser Seite aus sieht, wenn man von dieser Seite aus begreift, warum die Menschen so gleichgültig, so freud- und hoffnungslos sich dahinschleppen, kann man verstehen, was für eine große Sache es ist um dieses Nicht-Anrechnen. Dann erst, wenn wir einmal einen Blick darauf werfen, wie ge­nau unter den Menschen selbst gerechnet wird, wie jeder bei dem andern seine Schuld ein­treibt, nicht nur die Einzelnen, auch die Völker, dann erst, wenn man dieses grausame Spiel begriffen, den Menschen einmal gesehen hat, wie er über andere Menschen zu Gericht sitzt und ihm anrechnet, was anzurechnen ist, kann man ermessen, was es heißt: Gott rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu. Dann kann man wirklich begreifen, daß Gottes Gnade mitten unter uns ist, wo alles Rechnen aufhört, wo uns nichts anderes begegnet, nichts anderes gesagt wird, als dies eine Wort: Er rechnet nicht!

Das ist es eben, was wir nicht glauben können. Darum suchen wir immer [301] wieder nach einem Dahinter, nach einem nach Menschenart rechnenden, vergeltenden, die Schuld eintrei­benden Gott. Dieser Wahn müßte heute endgültig fallen, wenn es auch für uns Karfreitag werden sollte, heute müßten wir begreifen, warum Gott uns in Jesus nahe ist, warum das, dieses Sein Gottes in Christo, das allernächste und vertrauteste ist in unserem Leben, näher als alles Gewesene und Kommende, näher als alle Höhen und als alle Tiefen, näher als die Dämo­nen, und zwar die guten wie die bösen, so daß wir einmal nichts anderes sehen und nichts anderes hören, als eben das eine, was hier gesehen und hier vernommen werden kann: er rech­net ihre Vergehen nicht zu! Das heißt also: daß alle Seile zerrissen werden, mit denen die Last der Vergangenheit unser Schiff in die Tiefe ziehen möchte, daß ein Schlußstrich gesetzt wird unter alle Verschuldung, damit wir neu anfangen können, so neu, als finge unser Leben erst mit dem heutigen Tage an. Aber auch das ist noch viel zu wenig, denn wahrscheinlich würden wir ja wieder die alten Fehler machen, und wenn nicht die gleichen, dann andere, die ebenso schwer sind, und es bliebe immer noch die Angst vor den Abgründen, das Wissen um die Schwächen, die nun einmal dem Menschen angeboren sind. Da ist schon wieder das Schielen nach dem Positiven, und alles Positive ist in diesem Falle weniger als das Negative, alles Sein ist weniger als das Nicht-Sein, alles Haben weniger als das Nicht-Haben, denn der Karfreitag sagt nun in der Tat nicht mehr, und weil er nicht mehr sagt, ist er so einzigartig, ist er wirklich Gottes Tag. Er sagt nur dies Eine: Gott rechnet nicht an. Und dann mag einer einsetzen, was er will, dann mag unter das Kapitel Vergebung zu stehen kommen, was jeden drückt, es mö­gen Berge von Schuld oder Abgründe von Versuchungen sein, es mag all das sein, was die vom Zweifel Angefochtenen immer wieder aufzählen, die Ungerechtigkeiten in der Welt, wie sie sich uns darstellen in den Leiden der Kinder oder der Frauen, der Opfer dieses Krieges, der Hartherzigkeit der Geldmenschen, alles das wird hier gestrichen. Wenn wir Menschen das täten, wo kämen wir dann hin, wo bliebe das Recht und die Gesellschaft, wo bliebe der Staat und wo bliebe die Polizei? Hin und wieder möchten wir es ja so haben, hin und wieder ver­su­chen wir es und machen Ansätze dazu, aber wir scheitern, wir müssen erkennen, daß wir die Ordnung untergraben, von der wir alle leben, denn die Welt lebt davon, daß die Rechnung beglichen wird, aber Gott ist eben darum Gott, und der Himmel ist eben darum nicht die Erde, und der Karfreitag ist eben darum nicht ein Tag wie alle Tage, weil hier nichts anderes gilt als Gnade, freie, bedingungslose Gnade. Und darum, weil das Geheimnis des Karfreitags so un­begreiflich tief ist, weil es das Geheimnis Gottes selber ist, darum muß Gott jemand haben, der das offenbar macht, der das [302] sagt. Er braucht einen Dienst, der nun diese neue Linie, diese himmlische, göttliche, gnadenvolle Linie vertritt und unbeirrbar verfolgt in der und für die verlorene Welt.

Daraus ergibt sich das Dritte, was unser Text uns sagt, daß Gott nicht nur nicht anrechnet, sondern daß er einen Botendienst einrichtet von dieser Stätte des großen Versöhnungstages her, der in alle Welt hinausgeht und überall hin die Freudenbotschaft bringt. Ein alter Meister unter den Theologen hat ein eindrückliches Bild für dies Geschehen geprägt. Er vergleicht Gott mit einem König und die Welt vergleicht er mit einem Volk, das sich gegen diesen König empört hat. Durch diese Empörung, so sagt er, seien alle Glieder des Volkes schuldig geworden, denn sie haben sich aufgelehnt gegen ihren angestammten Herrn; aber dieser König setzt einen Gerichtstag fest in seinem Palast und unterzeichnet eine Urkunde, durch die ihnen alles vergeben wird, was sie getan haben. Damit aber jedermann in diesem ganzen Reiche wissen kann, daß er nun unter der Vergebung lebt, sendet er Boten aus bis in die fern­sten Winkel und Enden seines Landes, die jedermann die Botschaft überbringen sollen, daß der König einen Versöhnungstag gemacht hat. Und wenn wir uns die ersten Christen ansehen und wissen wollen, was eigentlich ein Apostel ist, wie hier der Apostel Paulus, der zu uns redet, dann werden wir bemerken, daß dieser Apostel sich nicht anders fühlt als solch ein Bote, und die ersten Christen sich nicht anders verstehen als solche Menschen, denen diese Botschaft gebracht worden ist. Als Botschafter an Christi Statt möchte der Apostel angesehen werden, und so sollten sich alle ansehen, die zu den Menschen von Gott reden, denn alles andere Reden von Gott ist nutzlos und leer geworden. Sie sollen die Botschaft Gottes hinaus­tragen bis in die letzten Hütten und Dörfer, bis in die Winkel seines großen, weiten Königrei­ches, zu allen, die sich fürchten, die Angst haben, die zusammenschrecken, wenn der Name des Königs genannt wird. Eigentlich müßte, wenn wir den Apostel recht verstehen, der Kar­freitag der große Freudentag der Welt sein, wir dürften uns gar nicht versammeln hinter ver­schlossenen Türen, sondern müßten selbst hinausgehen und alle hereinholen, damit sie es auch hören und vernehmen, daß heute Friede ist, Friede in Gottes großem, weitem König­reich. Friede auf der ganzen Erde. Friede gerade im Zeichen und Angesicht des einen Men­schen, des Menschen Jesus Christus, der da am Kreuz hängt. Überall sonst ist der Tod etwas Schreckliches und überall, wo das Leben auf den Tod stößt, flieht es, denn es merkt, daß es selbst bedroht ist. Es riecht nach Sterben, nach Untergang und Ende. Aber der Tod von Jesus von Nazareth riecht nach Leben und er hat gar nichts Abstoßendes und gar nichts Schreckli­ches. Denn jeder Mensch, der sein Auge dahin erhebt und der [303] diese Botschaft annimmt, hört hier, daß alle gerettet sind. Der Tod ist hier zu einem Mittel geworden in der Hand Got­tes, um uns alle froh und gewiß zu machen. Es ist schon so wie damals, als sie in der Wüste die eherne Schlange errichteten. Jedermann, der seine Augen dahin erhob, war gerettet, das Gift der Schlange schadete ihm nicht mehr, der Tod konnte ihm nichts mehr anhaben.

Aber eines muß man freilich bei dieser Sache beachten, und darauf legt der Apostel größten Wert: diese Boten dürfen, weil sie Boten Gottes sind, nicht befehlen, sie dürfen nur bitten, so, als ob Jesus Christus, der hingeopferte Königssohn, selbst bäte: sonst wären sie nicht Boten des Gnadenreiches, und sonst könnten die Menschen nicht glauben, und sie könnten sich nicht aus der Kraft eines neuen Geistes für die Gnadenbotschaft entscheiden. Laßt mich hier noch etwas Besonderes sagen: Es war kurz nach Ende dieses letzten Krieges. Zum erstenmal waren wir in einer zerstörten, mitteldeutschen Stadt wieder zusammen, viele Freunde und Brüder der Bekennenden Kirche, viele von ihnen, die nicht mehr geglaubt hatten, daß sie sich jemals wie­dersehen würden. Da war Martin Niemöller, der solange im KZ von uns getrennt war, da wa­ren Brüder, die aus den Gefängnissen Berlins kamen, in denen sie hart am Tode vorbeigingen, da war auch der Mann unter uns, der durch die Absperrung Deutschlands solange von uns getrennt war, Karl Barth, dessen Wort uns in den Jahren der Entscheidung viel bedeutet hatte. Und als wir dann zum Abendmahl gingen, zum ersten Abendmahl nach all den Jahren der Trennung und des Grauens, stand dieses Wort aus dem 2. Korinther-Brief über uns, und wir haben uns gelobt, unser Dienst soll von nun an nichts anderes sein, als dieses Bitten: So bitten wir euch nun an Christi Statt, lasset euch versöhnen mit Gott! Es ist nämlich schrecklich, wenn die Kirche mehr sein möchte, wenn sie glaubt, die Menschen zum Glauben zwingen zu können, wenn sie meint, mit Institutionen und Gesetzen den Menschen zu dem Letzen und Höchsten helfen zu können. Mit solchen Mitteln, die die Staaten und vielleicht auch die Gesellschaft und vielleicht auch die Parteien brauchen, um ihre Untertanen und Anhänger zusammenzuhalten, gewinnt man nur die Leiber, aber niemals die Herzen. Die Herzen gewin­nen überhaupt nie wir, sondern die Herzen gewinnt nur Christus selbst. Wir müssen abneh­men und er muß wachsen. Er, der für uns Dahingegebene, muß mitten unter unserem Bitten so groß werden, daß durch ihn geschieht, was an diesem Tage geschehen soll und kann. Sonst wäre ja dieser Versöhnungstag Gottes eben doch nicht der Tag aller Tage, sonst wäre er nicht der Tag der großen Freiheit, sonst würden die Menschen sich ja doch wieder nur auf Men­schen verlassen. Bitten heißt ja, darauf angewiesen sein, daß der, den wir [304] bitten, es tut. Haben wir es nicht erfahren in den Zeiten, da unsere ganze kirchliche und geistige Herrlich­keit zusammenbrach, daß viele Menschen, die sich Christen nannten, eben doch nicht Christus gehörten, daß sie sich noch niemals freiwillig, noch niemals aus freien Stücken Gott ganz übergeben hatten. Es gehört Glaube dazu, Glaube an Gott und Glaube an das, was er an den Menschen tun kann, wenn man diese Grenze innehält. Ein Glaube, der viel mehr verlangt als etwa nur, daß wir an das Gute im Menschen glauben sollen, nein, wir können und dürfen und sollen glauben, daß der Mensch sich bekehrt, wenn Gott ihn bittet, daß er sich in innerer Frei­heit versöhnen läßt, einfach darum, weil es ihm von Gott her aufgeht, daß die Feindschaft zu Ende ist, daß Gott gut ist. Nicht an das Gute im Menschen müssen wir glauben, wenn wir der Botschaft des Apostels glauben, sondern an das Gute in Gott, an seine Versöhnungstat in Jesus Christus.

Und damit kommen wir auf das Letzte zu sprechen, was unser Text uns sagt. Was heißt denn das, daß Gott gut ist? Eben diese seine göttliche Güte hat Gott niedergelegt in dem Gesetz, in dem Grundgesetz des Versöhnungstages, in der magna charta des Christentums: Was hier steht, ist der Inbegriff alles dessen, was wir Gnade nennen. Wir wollen dieses Grundgesetz noch einmal hören, damit wir es uns einprägen: Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Das ist ein schwerer Satz, aber auch ein inhaltsreicher Satz und immer wieder aufs neue haben sich die Theologen darüber den Kopf zerbrochen, was mit diesem Satz gemeint sein könnte. Es muß ja wohl auch bei einer magna charta so sein, das kann nichts Landläufiges, nichts Einfaches und Banales sein, was Menschen erdenken und begreifen können. Das muß doch wohl das Grundgesetz des himmlischen Reiches sein, das sich unterscheidet von allem, was wir sonst als Menschen denken, tun und urteilen. Gott hat Jesus Christus, den Menschen, der von keiner Sünde wußte, so behandelt, als wäre er die Sünde selbst! Nicht, als ob er auch ein Sünder wäre, wie wir Sünder sind, denn Sünder können sich bekehren und gerettet wer­den, aber dieser eine ist von Gott gerichtet nach den Maßstäben und Gesetzen, unter die die Sünde selbst fällt, ist der einzige Verdammte unter allen Menschen geworden. Weil er die Verdammnis selbst auf sich genommen hat, darum kann man nun von keinem anderen Men­schen sagen, daß er verdammt ist. Darum gibt es von dieser Mitte her gesehen keine Gottlosen mehr, keinen, der ohne Hoffnung wäre, keinen, dem die Bitte nicht gelten könnte: Laß dich versöhnen mit Gott.

Denn wir gehören ja nun auf die andere Seite. Auf ihm, auf diesem einen [305] Jesus Chri­stus, liegt die ganze Nacht – und auf uns, auf alle, die nicht Jesus Christus sind, fällt ein neues, wunderbares, bis dahin in der Welt nicht gekanntes Licht. »Durch seine Wunden sind wir geheilt.« Wir sind – oder wir könnten jedenfalls sein – Gottes Gerechtigkeit! Also gerade das, was wir bisher nie sein konnten. Denn bisher konnten wir ja nur unsere eigene, fatale, abstoßende, Heuchler und Pharisäer zeitigende Gerechtigkeit sein. Bisher waren wir im besten Falle so gerecht, daß immer wieder ein fataler Geruch von dieser Gerechtigkeit ausging, der jene Grenzen und Gräben schuf, die uns alle gegeneinander mit dem tiefen Mißtrauen erfüllen. Gottes Gerechtigkeit ist eben diese uns unsere Sünden nicht anrechnende Gerechtigkeit, ist jene souveräne Tat – durch die aus dem größten Elend die größte Freude, aus dem, was etwas Unabänderliches zu sein scheint, ein Nichts wird. Das große, göttliche Nichts – das nun auch uns zugemutet wird, das Geheimnis der himmlischen Gerechtigkeit, die zunichte macht, was etwas ist, um das zu wählen, zu lieben und zu rechtfertigen, was nichts ist.

Wenn nicht alles täuscht, scheint diese neue, himmlische Gerechtigkeit, die am großen Versöhnungstage in aller Welt proklamiert werden sollte, ganz ins Hintertreffen geraten zu sein vor unseren so bedenklichen Eigengerechtigkeiten, mit denen wir nun doch nicht bestehen können – denn sie sind ja gerade in Jesus Christus gerichtet.

Gebe Gott, daß wir uns seiner großen Barmherzigkeit nicht schämen, damit er sich nicht auch unserer schäme und jener Gerechtigkeit ausliefere, die die Schuldigen zu finden weiß.

Gehalten am 7. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode.

Hier die Predigt als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s