»Frei nämlich ist die Zunge der Freien!« Erik Petersons „Zur Bedeutungsgeschichte von Parrhesia“ von 1929

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Jacques-Louis David – Der Tod des Sokrates (1787)

Erik Peterson war der erste, der mit seinem Beitrag „Zur Bedeutungsgeschichte von Parrhesia“ für die Festschrift Reinhold Seeberg [Bd. 1: Zur Theorie des Christentums, hg. von Wilhelm Koepp (Leipzig 1929), S. 283-297] die politische bzw. religiöse Dimension des Parrhesia-Begriffs beschrieben hatte. Heinrich Schliers Artikel zur parrhesia aus dem ThWNT (Bd. 5, 1954, S. 869-884) baut darauf auf. Michel Foucaults Wiederentdeckung des Parrhesia-Begriffs 1983/84 wiederum bezieht sich auf beide. In dem schönen und lesenswerten Buch Bella Parrhesia: Begriff und Figur der freien Rede in der Frühen Neuzeit, hrsg v. Rüdiger Campe und Malte Wesels (Rombach Verlag, 2018), ist Petersons Text wiederabgedruckt worden. 

Zur Bedeutungsgeschichte von Parrhesia

Von Erik Peterson

Das Wort parrhesia wird man bei Homer, Pindar, Hesiod oder Herodot vergeblich suchen. Es ist kein »poetisches Wort« und fehlt darum auch bei Theokrit, Kallimachos usw. Auch die Tragiker und Komiker der älteren Zeit gebrauchen das Wort nur selten. Bei Aischylos und Sophokles fehlt es ganz, bei Aristophanes kommt es nur ein einziges Mal vor, bei Euripides im Ganzen viermal. Die Tragiker verwenden statt parrhesia lieber das Wort eleutherostomia (Redefreiheit). In der Bildung des Substantives parrhesia (= pan – rhesia), kommt – im Unterschied von eleutherostomia – ein polemischer Klang zum Ausdruck, der aus dem politischen Leben stammt. Es ist die politische »Redefreiheit« der attischen Demokratie, die sich das Recht (die exousia) nimmt, »alles zu sagen«. Die Tendenz zu einer absoluten Forderung bestimmt die Bedeutungsgeschichte von parrhesiaim der Geschichte. Auf der einen Seite weckt das parrhesiaIdeal die Vorstellung, dass ein jeder das Recht auf parrhesia hat, und auf der anderen Seite wird der Begriff doch sinnlos, wenn er von einem jeden in Anspruch genommen wird. Echte parrhesia gab es in der attischen Demokratie nur so lange, als die Sklaven, die Metöken und die nicht-epitimen Bürger von der parrhesia ausgeschlossen waren; denn die parrhesia ist ein Vorrecht »der Freien«: »Frei nämlich ist die Zunge der Freien!« Der Sklave dagegen ist vom »Freien« gerade darin unterschie­den, dass ihm nach Euripides die parrhesia fehlt.

Es ist nach dem allen nicht zu verwundern, dass die Belege für das Vorkom­men des Wortes parrhesia in der älteren Zeit sich in der Hauptsache bei den politischen Autoren, d.h. bei den attischen Rednern finden. Natürlich vor allem bei Demosthenes, der einer späteren Zeit ebenso als das griechische Vorbild der parrhesia galt, wie etwa Cato für Plutarch das Vorbild römischer parrhesia ist.

»Nichts wäre für die Freien ein größeres Unglück, als der parrhesia beraubt zu werden«, sagt ein Demosthenes-Fragment, und in der Grabrede (die man dem Demosthenes nicht mehr abspricht) heißt es: »Die Demokratien jedoch haben viele andere schöne und gerechte Dinge, an denen ein wohlgesinnter Mann festhalten muss, auch die an der Wahrheit hängende parrhesia. welche von der Offenbarung des Wahren abzubringen nicht statthaft ist« Man sieht aus beiden Sätzen: Die parrhesia ist ein Ideal der demokratia. Als solche wendet sie sich gegen den tyrannos, ja gegen jeden hyperechon (Vorrang), auch gegen den demos (das Wahlvolk), wenn er tyrannisch wird. Da der Begriff der parrhesia an der Rede, am logos, haftet, ist es nicht verwunderlich, dass die parrhesia schon früh, wie Demosthenes beweist, eine Beziehung zur aletheia (Wahrheit) gewinnt. Die Verbindung von parrhesia und eleutheria (Freiheit) und parrhesia und aletheia ist dann in der weiteren Geschichte des Wortes parrhesia immer wieder sichtbar geworden.

In der dritten Philippischen Rede des Demosthenes wird deutlich, dass mit der Demokratie auch die parrhesia bedroht ist. Demosthenes beklagt, dass selbst die Fremden (xénoi) und die Sklaven (doúloi) an der parrhesia Anteil bekommen haben und »mit größerer exousia das, was sie wollen«, reden, als die Bürger selber. Demosthenes umschreibt an der zuletzt ge­nannten Stelle den Begriff der parrhesia durch: »Macht zu reden, was man will«. Das ist wohl zu beachten. Im Begriff der parrhesia ist für den Griechen immer die exousia: »Das Recht auf etwas« enthalten. Der exousia-Charakter im Begriff der parrhesia ist so stark emp­funden worden, dass z.B. in byzantinischer Zeit, in den Novellen Justinians, das Wort parrhesia direkt für exousia gebraucht worden ist, und wenn es etwa bei dem Astrologen Vettius Valens heißt: »Sie wurden mit königlichen Eigenschaften begabt und wurden Mächtige, denn sie hatten parrhesia über Leben und Tod«, so liegt hier die gleiche Bedeutung von parrhesia = exousia zugrunde.

Der Missbrauch der parrhesia durch die Sklaven hat dann dazu geführt, dass der Begriff der parrhesia zur Unverschämtheit, zur anaischyntia wird. In Menanders Schiedsgericht bedeutet z.B. der Ausruf: tés parrhesias ungefähr so viel wie: »Was für eine Unverschämtheit!« (sc. des Sklaven Onesimus). parrhesia kann es eben nur zwischen Gleichen geben, aber nicht zwischen dem Sklaven und seinem Herrn. …

Hier der vollständige Artikel von Peterson als pdf.

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