„Es gilt ein frei Geständnis in dieser unsrer Zeit“. Über die evangelische Parrhesia

parrhesia

„Es gilt ein frei Geständnis / in dieser unsrer Zeit, / ein offenes Bekenntnis / bei allem Wider­streit“ – so dichtete Philipp Spitta in seinem Pfingstlied „O komm, du Geist der Wahrheit“ (EG 136,4). In der gegenwärtigen Diskussion um die Meinungsfreiheit bzw. Meinungsent­hemmung ist es für Christen gut, sich auf eine Tugend zu besinnen, die eine biblische Grund­lage hat, nämlich die Parrhesia – wörtlich „Allsäglichkeit“, was im Deutschen mit „Freimut“ bzw. „Zuversicht“ wiedergegeben wird. Wie Erik Peterson seinerzeit in seinem Aufsatz „Zur Be­deutungsgeschichte von parrhesía[1] herausgestellt hat, ist die Parrhesia in der griechi­schen Polis verortet. So hatte in der attischen Demokratie der (männliche) Vollbürger – im Unterschied zum Fremden bzw. zum Sklaven – das Recht, öffentlich in der Volksversammlung (ekklēsía) alles frei an- bzw. auszusprechen (vgl. z.B. Polybius 2,38,6).

Wird in der Polis das Recht eigener „All­säglichkeit“ von jedermann praktiziert, hat dies jedoch Auswirkungen auf die Zukunft des Gemein­wesens. So haben in Athen Redner wie Isokrates und Demosthenes bzw. der Philosoph Platon die Parrhesia problematisiert: Resultiert nicht aus persönlichen „Allsäglichkeiten“ gesell­schaftlich eine unverbindliche „Vielsäglichkeit“, wo niemand mehr Verantwortung für das von ihm Gesagte übernimmt, so dass am Ende die kollektive Unverantwortlichkeit steht? So jedenfalls schreibt Peterson: „Wenn alle Menschen parrhesía haben, hebt sich der Begriff der parrhesía auf.“[2]

Was in der griechischen Philosophie im Diskurs um die Demokratie in Sachen Parrhesia hinterfragt wurde, ist auch für unsere Gegenwart relevant. Die narzisstische bzw. populis­tische Meinungsenthemmung in den sozialen Netzwerken des Internets lässt fragen, wie Rede- bzw. Meinungsfreiheit gesellschaftlich gut gehen können. Dazu hat Michel Foucault in seinen Berkeley-Vorlesungen 1983 wie auch in seinen letzten Vorlesungen am Collège de France 1983/84 die Parrhesia als Tugend des verantworteten Wahrsprechens neu zur Geltung gebracht:

„Parrhesia ist eine verbale Tätigkeit, bei der der Sprecher seine persönliche Beziehung zur Wahrheit ausdrückt und sein Leben aufs Spiel setzt, weil er das Wahrsprechen als eine Pflicht erkennt, um anderen Menschen (so wie sich selber) zu helfen oder sie zu verbessern. Bei Parrhesia gebraucht der Sprecher seine Freiheit und wählt Offenheit anstelle von Überredung, die Wahrheit anstelle von Falschheit oder Schweigen, das Risiko des Todes anstelle von Leben und Sicherheit, die Kritik anstelle von Schmei­chelei, und die moralische Pflicht anstelle von Eigennutz und moralischer Gleich­gültigkeit.“[3]

Die Parrhesia im Sinne Foucaults ist gesellschaftlich verantwortete Wahrrede, die sich dikato­rischer Verstummung, ideologischer Bevormundung, narzisstischer Selbstgerechtigkeit, popu­listischer Verdummung, suprematischer Hassrede wie auch fatalistischer Untergangsbe­schwö­rung widersetzt. Und doch lässt sich fragen, welches Vertrauen die martyrische Wahrrede trägt. Wenn Parr­hesia im Neuen Testament mit „Freimut“ bzw. „Zuversicht“ wiedergegeben wird, hat dies eine escha­tologische Ausrichtung. Dies kommt insbesondere im ersten Brief des Johan­nes zum Aus­druck, wenn es dort im vierten Kapitel heißt:

„Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollendet, auf dass wir die Freiheit haben, zu reden (parrhesían échōmen) am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkom­mene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.“ (1Johannes 4,16-18)

Das freimütige Reden gründet sich in der eschatologischen Christusgemeinschaft, zu der Johannes einlädt: „Und nun, Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er offenbart wird, freimü­tig reden (schṓmen parrhesían) und nicht zuschanden werden vor ihm, wenn er kommt.“ (1Johannes 2,28) So lässt der „Geist der Wahrheit“ (1Johannes 4,6) die evangelische Parr­hesia vollmundig besingen:

„Es gilt ein frei Geständnis
in dieser unsrer Zeit,
ein offenes Bekenntnis
bei allem Widerstreit,
trotz aller Feinde Toben,
trotz allem Heidentum
zu preisen und zu loben
das Evangelium.“ (EG 136,4)

[1] Reinhold-Seeberg-Festschrift I. Zur Theorie des Christentums, hg. v. Wilhelm Koepp, Leipzig 1929, 283-297; wiederabgedruckt in Rüdiger Campe/Malte Wessels (Hg.), Bella Parrhesia. Begriff und Figur der freien Rede in der Frühen Neuzeit, Freiburg i.Br.-Berlin-Wien 2018, S. 347-364.
[2] Peterson, a.a.O., 285.
[3] Michel Foucault, Diskurs und Wahrheit. Berkeley-Vorlesungen 1983, aus dem Englischen übersetzt von Mira Köller, Berlin: Merve Verlag 1996, S. 19.

Hier mein Text als pdf.

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