Hans G. Ulrich über die Freiheit im evangelischen Verständnis: „Freiheit gründet nicht im Menschen selbst, sondern verdankt sich immer neu der im Glau­ben geschenkten Befrei­ung von den Ge­setzen der Selbstbehauptung und der Selbstbefangen­heit.“

Wolfgang Lettl, „Die große Freiheit“, 1985, www.lettl.de
Wolfgang Lettl, „Die große Freiheit“, 1985, www.lettl.de

Wie im evangelischen Verständnis von Freiheit die Rede sein kann, hat Hans G. Ulrich in seinem „Freiheit“-Artikel für das Evangelische Soziallexikon (2001) gezeigt. So schreibt er:

Im Thema Freiheit sind die Grundelemente christliche Ethik enthalten: die Beziehung menschliche Han­delns zur Erfahrung des Handelns Gottes, der Zusammenhang von Handeln, Schuld und der Befreiung von Schuld, die Reichweite der Beauftragung des Menschen und seiner Verantwor­tung für den Nächsten und die Welt. In diesen Grundelementen treffen die Kontroversen zum Freiheitsverständnis aufeinander. Es zeichnen sich aber auch Alternativen ab, an denen sich das ethische Urteil aus­richten kann: so die Alternative zwischen einer Frei­heit, die den Menschen als isolier­ten Einzelnen begreift und einer Freiheit, die in sozialer Verbindlich­keit gelebt wird; ebenso die Al­ter­native zwischen einer Freiheit, die den Men­schen auf ihn selbst zurückbezogen sein lässt, und einer Freiheit von den Zwän­gen der Selbst­behauptung oder der Selbstrechtfertigung, die in der im Glauben und in der Hoff­nung erfahrenen Befreiung besteht.

1. Wie die im Evangelium zugesprochene Freiheit gewon­nen und in den gesellschaftlichen Prozessen der Freisetzung und Unterwerfung humaner Lebensformen gelebt wird, bleibt die zentrale Frage evangelischer Ethik. Freiheit gründet nach evangelischemVerständnis nicht im Menschen selbst, in seinem Wil­len oder seiner Vernunft, sondern verdankt sich immer neu der im Glau­ben geschenkten Befrei­ung von den Ge­setzen der Selbstbehauptung und der Selbstbefangen­heit. Auch die Vernunft, das Denken und die Wahrneh­mung bedürfen der Befreiung. In dieser Befreiung grün­det auch die sozialpolitische Form christlicher Freiheit, die in der frei­en Zu­wen­dung zum Nächsten und im ausdrück­lichen politischen Handeln des Christen ihren Angel­punkt hat.

2. Soziale Verbindlichkeit steht nicht im Gegensatz zur Freiheit. Freiheit ist im evangelischen Verständnis nicht allein als die Freiheit zur Selbst­entfaltung und einer entsprechenden Selbst­beschrän­kung zu verstehen, sondern Freiheit besteht darin, dass der Mensch nicht auf seine Bedürfnisse oder Entscheidun­gen fixiert bleibt. Freiheit ist zu gewinnen durch die Ausrich­tung an der Erfahrung dessen, was Gott für die Men­schen will, was sie von ihm als seine Ge­schöpfe emp­fangen und was ihnen im Glau­ben und in der Hoffnung widerfährt. Darauf ge­meinsam antworten zu können, ist Kennzei­chen der Freiheit. Diese Antwort besteht darin, dass Menschen in allen Lebensverhältnissen erpro­ben, was es heißt, in der Befreiung aus der Selbstverschlossen­heit in der Aufmerksamkeit auf den Anderen und in der Verantwortung für den Anderen zu leben.

3. Es kommt für eine Ethik der Freiheit darauf an, wie sich die christliche verstandene Frei­heit mit den ver­schiedenen, auch im Recht verankerten, Konzeptionen von Freiheit auseinan­der setzt und verstän­digt. Die moderne Gesellschaft wird davon bestimmt sein, wie verschie­dene Lebens­formen nicht nur in gegenseitiger Toleranz existie­ren, sondern auf ein gemein­sames Handeln aus­gerich­tet bleiben, also eine politische Form der Freiheit hervorbringen, die eine freiheitliche Gesell­schaft ebenso kennzeichnet wie die friedliche Koexistenz. In diesem Sinne ist die christliche Ethik auf eine demokratische Form der Freiheit ausgerichtet. Von die­ser politischen Form wird die Bewah­rung der Freiheit auch im Blick auf die technolo­gische Weltveränderung abhängen.

Hier der vollständige Artikel als pdf.

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