„Wie hoffnungslos ist eine biblische Textauslegung, bei der der Mensch in seinem Selbstverständnis sich selbst überlassen bleibt“ – Über die intratextuelle Einlegung in die Heilige Schrift

Philippus und der Kämmerer aus Äthopien (Ottheinrich-Bibel)
Matthias Gerung (1500-1570) – Philippus und der Kämmerer aus Äthopien (Ottheinrich-Bibel)

Intratextuelle Einlegung in die Heilige Schrift

Die Schlüsselszene im Neuen Testament in Sachen Bibelverständnis findet sich in der Apos­tel­geschichte im 8. Kapitel, wo Philippus den laut lesenden Eunuchen aus Äthiopien fragt: „Verstehst du auch, was du liest?“ und von diesem die Antwort erhält: „Wie könnte ich denn, wenn keiner mich anleitet?“ Gefragt ist das Verständ­nis von Jesaja 53,7-8: „Wie ein Schaf ward er zur Schlachtung getrieben. Und wie ein Lamm vor seinem Scherer ohne Laut – so tut der nicht auf seinen Mund. Durch seine Niedrigkeit wurde weggenommen sein Gericht. Sein Stamm – wer kann davon berichten? Denn wegge­nommen von der Erde wird sein Leben.“ woraufhin Philippus ihm – ausgehend von dieser Schrift, die Heilsbotschaft Jesu zuspricht und der Eunuch schließlich zum Taufbekenntnis findet: „Ich glaube, dass Jesus der Messias ist – der Sohn Gottes.“ (Apg 8,30-35)

Ein Text muss für einen Lesenden Sinn machen bzw. von Bedeutung sein, andernfalls weiß der Leser mit dem Gelesenen nichts anzufangen. Soll die gelesene Schrift sinnvoll ausgelegt (exēgéomai) bzw. verdolmetscht/übersetzt (hermēneúō) werden, vollzieht sich damit eine Bewegung weg vom gelesenen Text hin zu einem bedeutungshaltigen Verstehenskontext. Der Text wird also auf einen externen Sinn hin ausgelegt. Das Besondere des biblischen Textes scheint in Allge­meinerem oder Vordringlicherem zum richtigen Verständnis gebracht worden zu sein. Solch eine Auslegung vollzieht sich in unterschiedlichen Kontexturen bzw. Bezugsrah­men, zum einem in einem individuellen Selbstverständnis, zum anderen in einem objektiven Wirk­lichkeitsverständnis.

Demzufolge macht der biblische Text für mich individuell Sinn, wenn er mit meinen eigenen religiö­sen Erfahrungen oder Aspirationen zusammengeht. Der vermeintliche Sinngehalt eines bibli­schen Textes soll das zum Ausdruck bringen, was mich als religiöses Subjekt selbst „un­be­dingt angeht“ (Paul Tillich) bzw. meinem „Sinn für das Unendliche“ (Friedrich Schleierma­cher) ent­spricht. Alternativ dazu soll mich der biblische Text in identitären Lebensaspiratio­nen gegenüber selbstempfundenen Fremdbestimmungen kritisch bestärken bzw. ermächtigen.

In einer vermeintlich objektiven Wirklichkeit, sei sie als geschichtliche Welt, als naturwissen­schaftlich erschlossene Welt oder aber im metaphysischen Sinne als überzeitliche Vernunft- bzw. Ideenwelt (mundus intelligibilis) vorgestellt, muss der Sinn eines biblischen Textes mit deren wahrheitsdefiniten Aussagen kohärieren. Hinsichtlich einer geschichtlichen Zusammen­hang heißt dies, dass das biblische Erzählgeschehen analog zu geschichtlich verorteten Hand­lungen verstanden wird. Dementsprechend sucht man aus den Evangelien einen „histo­rischen Jesus“ herauszuarbeiten. In einem naturwissenschaftlichen Zusammenhang soll die biblische Erzählung der göttlichen Sechs-Tage-Schöpfung mit einer wissenschaftlich vertretbaren Kosmo- bzw. Biogenese in Einklang gebracht werden, indem die Schöpfung im Modus der Evolution neu interpretiert wird. Schließlich werden in einem metaphysischen Zusammen­hang biblische Handlungen als Versinnbildlichungen von überzeitlichen Ideen bzw. Gütern verstanden oder aber auf diese Ideen hin alle­gorisch ausgelegt.

In all diesen Formen von Auslegung ist jedoch das inhärente Sinn eines biblischen Textes mit seiner kanonischen Verweisung entstellt. Wer einen biblischen Text auslegt, hält sich nicht länger an das Gelesene. Oder mit Odo Marquard gesprochen: „Hermeneutik ist die Kunst, aus einem Text herauszukriegen, was nicht drinsteht.“[1]

Wider eine exegetische bzw. hermeneutische Veräußerungen der Bibel bedarf es eines Per­spektivwechsels, um diese als Heilige Schrift gelten zu lassen. An Stelle einer Auslegung tritt die Einlegung des Lesers, der vom biblischen Erzählgeschehen so eingenommen wird, dass er vom dreieinigen Gott selbst angesprochen ist. Diese Einlegung hat Fridolin Stier (1902-1981) mit folgenden Worten beschrieben:

„Ich schlage das Buch auf … Ich weiß vieles über seine Geschichte, genug, um nicht mehr in der Unschuld des schlichten Lesers, des unmittelbar das Wort vernehmenden Hörers zu stehen, genug, um nicht unangefochten zu sein. Ich weiß, es geht nicht an, Wort Gottes und Heilige Schrift ineinszusetzen, nur ins Buch hineinzugreifen, beliebig wo, und das nächstbeste Wort als das Seine zu zitieren: Plato sagt, Thomas sagt, Goe­the sagt – Gott sagt … Nein, so ist mir sein Wort nicht zum Haben und Nehmen und – Geben verfügbar gemacht. Ich weiß auch, das Ungeheure, dass er geredet zu Men­schen, all seine Worte und Werke, davon das Buch mir berichtet, es ist gewesen, es bleibt im Damals und Dort beschlossen. Und ich steh im Hier und Jetzt. Ich weiß es.

Und doch … Wenn ich das Buch öffne, betrete ich geheiligte Stätten. Sinai und Sion, der Berg, darauf der Herr geredet, der Hügel, auf dem er gelitten, die Felsenkammer, daraus er sich lebend erhoben, sie nähern sich mir. Ich erfahre wundersame Gegenwart des zeit- und räumlich Fernen … Wenn ich das Buch öffne, wandelt sich mir, durch all mein entfernendes Wissen hin, das Dort in ein wahres Da, das Damals in ein wirkli­ches Jetzt. Ich erzwinge die Gegenwart nicht; sie ist unerzwingbar. Ich erfahre sie, weil sie mir widerfährt. Erschleiche ich sie? Ich kenne den Wahn, der sich selber hört; ich fürchte die Gefahr des Selbstbetrugs … All mein Wissen – enger als ein Gewand ist es mir angelegt; ich vermag es nicht von mir zu tun; ich trage es mit in das Buch, wenn ich es öffne. Aber dann geschieht es, dass es mich nicht mehr hindert, es wird leicht; mir ist, als trüg ich es nicht. Ich bin am Ort, da er redet. Auch wenn er sehr still ist an der Stätte, auch wenn er mir schweigt in den Worten, die ich höre, so weiß ich doch: der Redende ist da.“[2]

Der buchstäbliche Sinn (sensus literalis) der Heiligen Schrift wird in der Lektionalpräsenz des Erzählgeschehens entdeckt. Wird für das Gelesene eine weitere Erklärung gesucht, kann diese nur im Kontext einer weiteren Lektüre des biblischen Kanons erfolgen, entsprechend Martin Luthers Diktum: „Die Heilige Schrift interpretiert sich selbst (sacra scriptura sui ipsius inter­pres).“[3] Oder mit Martin Buber (1878-1965) gesprochen:

„Die Bibel will als Ein Buch gelesen werden, so dass keiner ihrer Teile in sich be­schlossen bleibt, vielmehr jeder auf jeden zu offengehalten wird; sie will ihrem Leser als Ein Buch in solcher Intensität gegenwärtig werden, dass er beim Lesen oder Rezi­tieren einer gewichtigen Stelle die auf sie beziehbaren, insbesondre die ihr sprachiden­tischen, sprachnahen oder sprachverwandten erinnert und sie alle für ihn einander erleuchten und erläutern“.[4]

Prägend ist nicht das Wirklichkeits- bzw. Selbstverständnis für das Verstehen der Bibel, sondern umgekehrt prägt die kanonisch gelesene Heilige Schrift unser Selbst- und Wirk­lichkeitsverständnis. So beschreibt George A. Lindbeck (1923-2018) die typologische Interpretation im Rahmen einer intratextuellen Theologie:

„Die Typologie verwandelt den Inhalt der Schrift nicht in Metaphern außerbiblischer Realitäten, sondern geht vielmehr umgekehrt vor. Sie unterstellt nicht, wie das heutzu­tage häufig gesagt wird, dass die Glaubenden ihre Geschichte in der Bibel finden, son­dern daß sie vielmehr die Geschichte der Bibel zu ihrer eigenen Geschichte machen. Weder kann das Kreuz als bildliche Repräsenta­tion des Leidens noch das mes­sianische Königreich als Symbol für die zukünftige Hoffnung angesehen werden; viel eher sollte Leiden kreuzesförmig sein, und Hoffnung auf die Zukunft messianisch. Allgemeiner gesagt ist es die in der Schrift manifestierte Religion, die alles Sein, Wahre, Gute und Schöne definiert, und die außerbiblischen Exemplifikationen die­ser Realitä­ten müssen in ›Figuren‹ (oder Typen oder Antitypen) biblischer Realitäten transfor­miert werden. So beschreibt eine intratextuelle Theologie die gesamte Realität inner­halb eines bibli­schen Grundgerüstes neu, anstatt die Schrift in au­ßerbiblische Kategorien zu überset­zen. Der Text absorbiert sozusagen die Welt und nicht die Welt den Text.“[5]

Um eine intratextuelle Einlegung in die Heilige Schrift zu plausibilisieren, empfiehlt sich der Vergleich mit einem Spiel. Wer das Spiel verstehen will, muss selbst in das Spielgeschehen hineingenommen sein. Außerhalb des gespielten Spiels lässt sich dessen Sinn nicht er­schlie­ßen. Das jeweilige Spiel macht nur unter Verweis auf regelgebundene Spielzüge wirklich Sinn, ist es eben keine Ausformung einer allgemeinen Spielidee, oder, wie Hans-Georg Gada­mer es knapp auszudrücken weiß, „alles Spielen ist ein Gespieltwerden.“[6] Nach Gadamer ist es das gespielte Spiel selbst, das dem Be­wusstsein der Spielenden vorgeht und gleichsam über die Spielenden Herr wird. Von daher erfährt der Spieler das Spiel selbst als „eine ihn übertref­fende Wirklichkeit.“[7]

Wer sich vom göttlichen Erzählgeschehen der Heiligen Schrift vereinnahmen lässt, von dem was der Gott an Israel und in seinem Sohn Jesus Christus zu unserem Heil getan hat, dem öff­net sich der Himmel, dem sagt sich der Geist der Wahrheit zu, der liest seinen eigenen Namen im göttlichen Buch des Lebens, das mit dem Blut des Lammes signiert ist. Wie hoffnungs- und verheißungslos ist hingegen eine biblische Textauslegung, bei der der Mensch in seinem Selbstverständnis sich selbst überlassen bleibt und weltbestimmt die eigene Vergäng­lichkeit auszuleben hat.

[1] Frage nach der Frage, auf die die Hermeneutik die Antwort ist, in: Ders., Abschied vom Prinzipiellen. Philoso­phische Studien, Stuttgart 1981, S. 117.

[2] Wort Gottes oder Heilige Schrift, in: Bibel im Jahr ’77. Gott hat Zeit für uns, hg. vom Katholischen Bibelwerk eV Stuttgart, Nürnberg 1976, S. 37.

[3] Assertio omnium articulorum (1520), WA 7,97,23.

[4] Die Schrift verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig, Bd. 4, Stuttgart 1992, S. 13.

[5] Christliche Lehre als Grammatik des Glaubens. Religion und Theologie im postliberalen Zeitalter, München: Chr. Kaiser 1994, S. 171f.

[6] Wahrheit und Methode, GW 1, Tübingen 1990, S. 112.

[7] AaO., S. 115.

Hier mein Text als pdf.

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