Joseph Wittig, Das Buch der radikalen Wirklichkeit von 1939: „Wenn wir die Bibel revidieren, müssen wir uns auch von der Bibel revidieren lassen.“

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Als Kurt Ihlenfeld 1939 im Hinblick auf eine Revision der Luther-Bibel von 1912 den Band „Das Buch der Christenheit. Betrachtungen zur Bibel“ herausgab, verfasste Joseph Wittig dazu den Beitrag „Das Buch der radikalen Wirklichkeit“.

Das Buch der radikalen Wirklichkeit

Von Joseph Wittig

Seit Monaten suche ich nach einem gemeinsamen Nenner für die vielen Begegnungen meines Lebens mit der Bibel, deren Erinnerungen mich von neuem bestürmten, als die erste Probe ei­ner von den deutschen evangelischen Bibelgesellschaften veranlaßten Revision der Lutherbi­bel vor meine Augen kam. Zu­erst war der Sturm immer wie ein Gesang. Er entführte mich in ein Kirchlein an der Landecker Biele, und ich hörte die Intona­tion des Priesters: »Brot vom Himmel hast du uns gegeben, o Herr, das alle Süßigkeit in sich enthält.«

»Brot vom Himmel«, sagte ich mir, »das ist recht«, das war mir die Bibel damals, als ich noch ein Kind war und bei dem Pfarrer den ersten lateinischen Unterricht erhielt. Wir trieben da­mals schon Bibelrevision. Am Sonnabend kam der Pfarrer mit seinen Evangelienbüchern und suchte den Sonntagstext. Wenn er ihn gefunden hatte, horchte er ihn ab, welche Übersetzung wohl seiner Gemeinde am lieblichsten und tiefsten ins Herz ge­hen könnte; und oft fragte er mich, ließ mich auch einzelne Übersetzungen vorlesen und mit dem Grundtext vergleichen. Wir waren nicht prüde katholisch und gaben nicht selten unsere [293] Stimme für die von der evan­gelischen Kirche bevorzugte Über­setzung ab. Brot vom Himmel, Gesang vom Himmel! Das gan­ze Dörflein mit seinem Pfarrhof und seinem Pfarrer war mir da­mals der Himmel, ein ganzes Vierteljahr hindurch, von Advent bis Ostern. Wir lasen nicht nur die Bibel, sondern lebten wie in der Bibel, lebten gewissermaßen ihre Fortsetzung und glaubten, das sei ihre beste Revision.

Als ich dann in die Großstadt kam zum Studium auf Gymna­sium und Universität, wurde das alles anders. Zwar galt die Bibel noch in den Gemäuern und Gärten des kleinen Frauenklo­sters, in dem ich Herberge fand. Aber draußen in der Großstadt galt das Bürgerliche Gesetz­buch und Knigges »Umgang mit Menschen«. Es war eine derartig andere Wirklichkeit, und die Leute waren doch alle so gebildet und ordentlich, daß ich mich in die neue Welt recht gut einlebte und den Umgang mit der Bi­bel mehr und mehr nur zu Berufszwecken aufrechterhielt. Ich wollte doch Theologe werden und sah ein, daß die Leute des kleinen Pfarrdörfleins, das ich mir als zukünftiges Arbeitsgebiet vorstellte, nicht vom Bürgerlichen Gesetzbuch und Knigges Umgang leben könnten. Denn sie brauchten Regen und Son­nenschein vom Herrgott und auch manches für ihr Sterbestünd­lein, was von diesen beiden Büchern nur ungenügend behandelt wird. Freilich meinte ich, daß die alte Bibel wohl etwas mehr den modernen An­schauungen angepaßt werden müßte, beson­ders als ich einsah, daß die [294] Welt unmöglich in sechs Tagen ge­schaffen sein könnte und daß bei den vielen Verlockungen der Großstadt für den Großstädter ein noch so hübscher Apfel an ei­nem Baum gar keine besondere Versuchung sein könnte, eher ein Glas Bier in Scheitnig oder eine Kahnpartie in Morgenau. Und warum sollten wir denn die Gottesführung von den Juden lernen, da unser eigenes Volk viel besser von Gott geführt wor­den ist. Wir hatten doch unseren Bismarck, gegen den Samuel gar nichts war.

Jahrelang trieb ich also Bibelrevision, für die Maßstab und Blickpunkt freilich nicht der Ur­text, auch nicht der Text einer berühmten Übersetzung, etwa der Septuaginta oder der Vulgata oder der Lutherbibel, nicht einmal mehr Wohlklang und Urkraft der deutschen Sprache waren, sondern irgendwelche Anliegen der damaligen Breslauer Wirklichkeit, die mir mehr und mehr die einzige Wirklichkeit wurde, alles andere nur Legende, Traum, Heimatsehnsucht und Glau­benswahrheit, von der wir nur nicht zugestehen wollten, daß wir sie für die unsicherste aller Wahrhei­ten hielten. Ich empfing mit der Zeit die niederen und die höhe­ren Weihen, die ja oft in Gefahr sind, für nichts anderes als ein­zelne Stationen der beruflichen Karriere gehalten zu werden. Ich bemühte mich aufrichtig, diese mechanistische Auffassung loszuwerden, wobei mir die regelmäßigen Lesungen und Betrachtungen aus der Bibel eine beträchtliche Hilfe leisteten.

Ich lächle jetzt über diese meine Bemühungen. [295] Wenn man davon erzählt, könnte es so aussehen, als ob man sich sein Priestertum aus diese Weise selber machte. Tatsächlich wurden jene Weihen Stationen, auf denen die Pferde gewechselt werden und der Ritt in ein neues Land beginnt, Stationen auf dem Wege zu einer neuen Wirklichkeit. Ich habe davon in mei­nem ersten religiösen Buche, meinem »Herrgottswissen«, erzählen müssen. Dabei liefen mir folgende Worte in die Feder:

»Die Bibel ist ein Buch, an dem man das Bestehen der beiden Wirklichkeiten sehr gut erken­nen kann. Soweit sie der sichtbaren Wirklichkeit angehört, ist sie ein Produkt der literarischen Betätigung des israelitischen Volkes und steht unter den Gesetzen der quellen­kritischen Me­thode. Sie erlebt alle Schicksale, die eben Bücher zu erleben pflegen. Ein ganzes Heu­schre­ckenheer von menschlichen Irrtümern drang in ihre Blätter ein und verunstaltete den Text, hier und da bis zur Unkenntlichkeit. Und nach diesem Heuschreckenheer kam, als sollte eine Weissagung Joels an ihr erfüllt werden, ein Heer von Gelehrten und übte an ihren Bü­chern die sogenannte Quellenscheidung, die nicht nur die einzelnen Sätze, sondern oft sogar die Be­standteile eines einzelnen Satzes voneinander löste. Das war wissenschaftliche Arbeit, der die ›wirkliche‹ Welt sehr hohen Wert beimaß. Sind doch sind die biblischen Bücher eine wunder­bare Ein­heit. Sie sind »das vom Heiligen Geiste inspirierte Gottesbuch; sie sind die Funda­men­te des Gottesreiches, die keine menschliche Hand ohne [296] Frevel antasten darf; sie sind die gesammelten Urkunden der höheren Wirklichkeit

Es ist ungefähr 35 Jahre her, seit ich dies gedacht, und 22 Jahre, seit ich es niedergeschrieben, und ich habe noch nichts daran zu ändern brauchen. Auch hat mir noch niemand diese Worte weggeschrieben, daß die Bibel das Buch der höheren Wirklichkeit sei. Aber als ich diese Worte über meine neue Abhandlung schreiben wollte, erschienen sie mir auf einmal als zu unverbindlich, zu sehr für Leute geformt, die nur schöne Worte suchen und dann denken, sie seien religiös. Es fehlte mir Salz und Pfeffer in dieser Suppe.

Da geriet ich nach einer Pfingstreise durch das Sachsenland, wo ich auf der Augustusburg und in anderen Orten ein wenig vom Rauschen des Pfingstwindes hören wollte, und nachdem ich wirklich etwas davon gespürt hatte, in die Schlußaussprache des Evangelischen Sozialen Kon­gresses in Görlitz und hörte da auf einmal, ohne daß ich den Zusammenhang recht erfassen konnte, von meinen Wirklichkeiten reden, von der ernsten Forderung, die Wirklichkeiten zu unterscheiden. Und da fiel der Ausdruck: »Die radikale Wirklichkeit.« Soviel verstand ich noch, daß es ein Terminus technicus einer modernen Wirklichkeitsphilosophie sei, die ihren Weg noch nicht in mein abgelegenes Neusorge gefunden hatte. Aber ich habe mir immer gern meine Bildung zuwehen lassen. Es gab ja eine Zeit, in der ich nach jedem Stücklein bedruck­ten Papiers haschte, das der [297] Wind über die Felder trieb. Denn die paar Bücher, die wir daheim hatten, waren schon alle viele Male gelesen, und der Geist sehnte sich nach immer neuen Erkenntnissen. Da waren auch nur immer einige abgerissene Sätze oder einzelne Worte ohne Zusammenhang, aber sie weckten eine unsagbar selige Lust, sie zu ganzen Geschichten und Philosophien zu ergänzen.

Unterdessen hat sich ja die Zahl meiner Bücher vermehrt, und mein Lesestoff ist schier uner­schöpflich, aber ich lebe immer noch viel von zugewehten Worten. »Die radikale Wirklich­keit«, das war das Wort, das mir immer noch fehlte. Ich spüre stark die Schande, die aus Goethes Wort über mich kommt: »denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rech­ten Zeit sich ein.« Man möge aber bedenken, daß dieses Wort aus dem Munde Mephistos kommt, also keine Goethe-Wahrheit, sondern teuflischer Hohn ist. Begriff und Wort haben ein ganz anderes Verhältnis zueinander. »Im Anfange war das Wort«, und dann kam noch lange nicht der Begriff, sondern erst die Schöpfung, die Wirklichkeit, und erst sehr spät kamen die Begriffe. Ich bin froh, daß ich nicht weiß, welchen Begriff die Philosophen mit dem Wort von der radikalen Wirklichkeit verbinden. Für mich ist es eine noch ungefreite Braut, und ich verbinde es mit dem Begriff, für den ich früher das Wort von der höheren Wirklich­keit gewählt habe. »Höher«, das möchte ein je­der Geck; »Radikal«, das fordert schon in seinem Klang ein star­kes [298] und ehrliches Herz.

»Höhere Wirklichkeit« hat noch etwas Verlo­ckendes, beinahe Süßes in sich; »Radikale Wirk­lichkeit« da­gegen etwas Forderndes und Strenges; man hat die Empfin­dung, als sei sie nur etwas für radikale Kerle, und es ist ja auch so. Dabei will das Wort nur sagen, daß es eine Wirklichkeit im Wurzelbereich des Lebens gibt, denn Radix heißt nichts anderes als Wurzel. Das Getreidefeld hat, wenn die Herbstsaat gesät ist und die Samenkörnlein die ersten Würzel­chen in den Acker­boden senken, eine ganz andere Wirklichkeit als im Frühjahr, wenn die Saat in wucherndes Grün emporwächst, als im Som­mer, wenn sie in Halm, Ähre und Blüte steht, als zur Erntezeit, wenn die neuen Körner reif sind und alles golden ist. Viele Wirk­lichkeiten, aber alle gehen zurück auf die erste. Die Wurzel hält bis zuletzt aus. Selbst wenn sie der rei­fenden Ähre keine Nahrung mehr aus dem Erdboden zu übermitteln braucht, hält sie den Halm noch fest, damit sich die Ähre vollende in der Sonnenglut.

Radikale Wirklichkeit ist eine unsichtbare Wirklichkeit. Wur­zeln scheuen die Sicht; es gibt nur wenig Dinge, deren Wurzeln aus dem Erdreich an das Tageslicht emporragen. Aber darum ist die ra­dikale Wirklichkeit keine ideale, nur dem Denken zugängliche Wirklichkeit. Man braucht ja nur zu graben, da kann man sie sogar greifen, sogar sehen. Aber sie ist nicht zum Gesehenwerden da; sie hat keine eigentliche Schönheit; nur zufällig und ausnahmsweise hat das [299] Wurzelnetz manchmal schöne Linien. Jedenfalls kein Ver­gleich mit den manch­mal geradezu betörenden Schönheiten der nachfolgenden Wirklichkeiten, zum Beispiel der einer blühenden Wiese oder eines wogenden Kornfeldes. Sie läßt sich darum auch gar nicht malen und nicht als Theaterkulisse gebrauchen, während alle anderen Wirklichkeiten dazu sehr geeignet sind und wirklich auch manchmal reine Vorspiegelungen sind. Es ist nun son­derbar, daß die radikale Wirklichkeit den Menschen ganz und gar aus dem Gedächtnis kommt und daß sogar der kluge, verständige Mensch geneigt ist, nur an die Wirklichkeit zu glauben, in der er gerade lebt, und daß er sogar meint, daß sie in sich selber wurzele, sich sel­ber trage und ihren Sinn ganz in sich habe oder, weil selber sinnlos, alles als sinnlos erweise; daß er immer nach anderen Gründen sucht für die allgemeine manisch-depressive Erkrankung des Menschen­geschlechtes.

Mich selber weckte das Wort von der radikalen Wirklichkeit wie aus einem bösen Traum. Ich fand mich endlich wieder in meinem Bette, in meiner Heimat, auf festem Grund und Boden. Wem wäre die gegenwärtige Wirklichkeit nicht oft wie ein böser Traum, wie eine verwirrende Vorspiegelung, wie ein abrollender Film, nach dessen Schlußbild er Mühe hat, die Menschen auf der Straße, die dahersausenden Autos für wesentlich andere Wirk­lichkeiten zu halten als die im Film, obwohl sie im Verhältnis zu den Wirklichkeiten im Film die radikale [300] Wirk­lich­keit sind. Nach allem, was ich bisher mit der Bibel erlebt, was ich aus ihr wußte von der Er­schaffung, Erlösung und Heiligung der Welt, was sie an mir getan, indem sie mich auf eine solide, ihrer Herkunft nach bekannte und vertrauenswürdige Erde setzte, mein Verhält­nis zu dieser Erde regelte, das Kreuz vor mich hinstellte als Grundfigur meines menschlichen Le­bens, einen Platz in der Ge­meinde der Heiligen mir zuwies, war es mir nun klar, daß sie das Buch der radikalen Wirklichkeit ist, nicht das Buch einer höhe­ren Wirklichkeit, nach der ich etwa streben mußte, sondern einer Wirklichkeit, in der ich wurzelte, mein ganzes körperliches und geistiges Dasein, und nicht nur meines, sondern auch das mei­ner Familie und meines Volkes.

Demzufolge muß mir die Bibel als das Buch erscheinen, ohne das niemand sich selbst verste­hen kann. Nun ist es freilich gar nicht so sicher, wie man insgeheim annimmt; daß es dem Menschen gegeben ist, sich selbst zu verstehen. Wir kommen gewöhnlich mit einer Anzahl von Vorstellungen und Einbildun­gen aus, die wir uns selbst machen und die uns auch der Wirk­lichkeit zu entsprechen scheinen, in der wir gerade leben. Die Abgründe von Rätsel­haftigkeiten und Geheimnissen, aus denen wir kommen, in denen wir schreiten, in die wir versinken, sind uns meist so verdeckt, daß wir uns wenig um sie kümmern, zum Beispiel das unendlich Schreckhafte oder Beseligende, daß wir es mit Gott zu tun haben!

Ich bitte, diese sieben Worte noch einmal zu lesen und noch einmal, leise, laut, lauter! Ich bitte, sie aller Phrasenhaftigkeit zu entkleiden, auch aller Frömmelei, bis sie in ganz nackter Schreckhaftigkeit oder Seligkeit dastehen. Trifft es uns nicht wie ein Schlag, wie der Tod, was wir da erfahren? Wir sollen aber noch leben, darum verhüllt es sich selber wieder. Wir spüren aber, daß wir einen Augenblick lang in den Bereich der radikalen Wirklichkeit gekommen sind. Wir haben uns einen Augenblick lang selbst erkannt. Leben und Tod, nicht das eine für sich und nicht das andere für sich, sondern beide in ihrer Zu­sammengehörigkeit, gehören zu der radikalen Wirklichkeit.

In der Bibel spricht uns Gott an. Darum ist sie ein Buch auf Leben und Tod. Da sie Gottes Wort enthält, darf sie nur aus Gottes Händen entgegengenommen werden. Da man sie jetzt in jedem Buchladen zu kaufen kriegt, muß ihr der Giftzahn, der Mitgiftzahn ausgebrochen sein; es muß möglich geworden sein, sie ohne Gefahr zu haben und zu lesen; sie enthält Gottes Wort noch buchstabengemäß, aber nicht als Blitz und Schlag, Leben und Tod. Ich kann es verstehen, daß die mittelalterliche Kirche die Bibel, gefahrvoll, wie sie ohne kirchliche Erklä­rung ist, dem Volke vorenthielt und nur die Lesung kirchlich erklärter Bibel­texte gestattete. Diese Haltung sicherte der Bibel die Gefährlich­keit und den Charakter eines Buches der radikalen Wirklichkeit. Vielleicht tut [302] der Bibel eine Revision in dem Sinne am nötig­sten, daß sie nicht mehr als leicht käufliches, gefahrlos lesbares Buch gilt, daß sie nicht wie jedes andere Buch gekauft und gele­sen werden darf, sondern daß dazu eine besondere innere Er­laubnis und Gewährung Gottes notwendig ist.

Die Bibel steht nämlich in der Spannung zwischen Gesetz und Freiheit, genau in dem Punkt der Sehne, an dem der Pfeil angesetzt wird. Sie ist wohl das einzige Buch der Weltliteratur, in dem diese menschheitsgeschichtliche Spannung originär und nicht bloß doktrinär zum vollen Ausdruck kommt. Sie schreibt nicht bloß über das Pulver, sondern ist selbst Explosivstoff. In ihr schreitet die Menschheit den historischen Weg vom Gesetz zur Freiheit der Kinder Gottes, und mehr noch, wer sie angreift und liest, ist selber bald hineingerissen in diesen lebensge­fährli­chen Prozeß. Sie führt unbedingt zu dem Kreuz, an dem der Menschensohn gekreuzigt wird zum Tode; der Menschensohn, das ist nicht Jesus allein, sondern gerade du, der du nach der Bi­bel greifst und in ihr Mensch wirst. Als die deutschen Reforma­toren die Bibel einem jeden aus dem Volke anvertrauten, muß eine Stunde gewesen sein wie jene, in der Jesus zu seinen Gesel­len sagte: »Wer einen Beutel hat, nehme ihn, desgleichen auch die Tasche, und wer es nicht hat, der verkaufe seinen Rock und kaufe ein Schwert!« Nachher mußte er das von dem Schwert sei­nes Petrus abgehauene Ohr des hohenpriesterlichen [303] Knechtes Malchus heilen. Er kann ja allen Schaden wieder gut machen, auch den mit der Bibel.

Der Punkt, an dem die Bibel gekauft und gelesen werden kann, liegt wie beim Schwerte genau zwischen Verbot und Er­laubnis. Im Verbot muß man sich der Erlaubnis erinnern, in der Er­laubnis des Verbotes. Weder das Verbot ist absolut, noch die Erlaubnis; das Herz muß dazwi­schen zittern.

Genau an diesem Punkte, also auch mit zitterndem Herzen, hat sich mein Großvater, der Zim­mermann, Kleinbauer und We­ber Johann Nepomuk Wittig, die Bibel gekauft, die ich jetzt als köstlichstes Erbe bewahre und die ich unter all den anderen in­zwischen erworbenen Bibeln »meine Bibel« nenne. Als katholi­scher Christ kannte er die Bestimmungen seiner Kirche über Be­sitz und Lesung der Bibel, und er war groß geworden und leib­lich und seelisch gediehen unter der mündlichen Verkündigung des Gotteswortes auf Schulkatheder und Kirchenkanzel. Ob­wohl weit draußen auf den Neusorger Hinterfeldern wohnend, war er doch wohleingefugt in die Kirchengemeinde des Dorfes, und wenn er sonntags den weiten Weg in die Kirche ging und seinen Kirchenstand einnahm, tat er es nicht viel weniger selbstbewußt als die evangeli­schen Männer drunten in Schlesien, die wohl wissen, daß sie die Kirche sind und nicht der Pfarrer. Ja, so breitete er die Schöße seines dunkelblauen Sonntagsrockes, um sie nicht zu zerdrücken, freilich auch von wegen der Groß-[304]mutter und links von dem unterwegs von ihnen bedeckten oder bependelten Körperteil; so setzte er sich würdig und bedachtsam nieder, schier wie wenn ohne seine Anwe­senheit weder Predigt noch Gottesdienst möglich wäre. Und wenn der Küster mit dem Klingelsäcklein kam und es mit langem Stecken an den Nasen der wahrhaft schon in Gott ruhen­den, weil von der Wochenar­beit sehr müden Männer vorbei­führte, manchmal auffallend stark klingelnd, dann griff er in die Westentasche und holte sein Zweipfennigstück heraus mit einer Miene der Befriedigung, daß er damit die Existenz von Pfarrer und Pfarrkirche sicherstellte. Nur zum Scherz freilich sagte er, wenn er gerade hoch oben auf einem Kirchdach stand oder gar auf dem Gerüst um die Kirch­turmspitze, um neues Gebälk einzuziehen oder das Schindel­dach auszubessern: »Jetzt habe ich eine bedeutend höhere Stel­lung als der Herr Pfarrer!«

Aber mitten in der goldenen Flüssigkeit des Scherzes schwamm doch das ernste Pünktlein, daß er sich um sein Ver­hältnis zum Pfarrer, um seine geistige Abhängigkeit oder Unab­hängigkeit doch irgendwelche Gedanken zu machen schien und daß sich in ihm irgendwie die Mündigkeit des christlichen Man­nes zu regen begann. Es war zunächst alles eine gottergebene und kirchenfromme Entwicklung. Als er aber in die fünfziger Jahre kam, da war es schon nicht mehr eine Entwicklung, da war es schon wie ein Ausbruch. Es ist ja bekannt, daß in den [305] fünfzi­ger Jahren, wenn die frühere Entwicklung normal verlief und nicht durch irgend­welche ungünstige Verhältnisse ins Stocken geriet, etwas ausbricht. Da werden die Männer, auch wenn sie schon immer ganz gläubig und fromm waren, erstmalig eigent­lich von der Religion berührt. Viele unserer großen Komponi­sten und Dichter griffen in diesen Jahren erstmalig und ernstlich nach einem religiösen Thema. Dem Großvater kam am Anfang dieser Jahre bei der mündlichen Verkündigung des Wortes Got­tes auf einmal eine Sehnsucht, dieses Wort Gottes schriftlich in seinem Hause zu haben, nicht nur einzelne Sätze und Abschnit­te davon, wie sich deren eine große Anzahl in seinen Gebet- und Erbauungsbüchern vorfand, sondern die ganze Fülle, den gan­zen Dom. Bei der mündlichen Verkündigung auf der Kanzel und in den Büchern kam ihm immer zu schnell das Ende. Auch verdroß es ihn, sich sein Leben lang die Kost seiner Seele von anderen auswählen und beschneiden zu lassen, wie ihn auch manchmal das Gelüst befiel, wenn er von der Zimmerarbeit heimkam, in Großmutters Speisekammer, in das »Gewölbe«, zu gehen und sich selber das Abendbrot zusammenzustel­len. Aber da war ja die Großmutter unerbittlich; sie mußte einteilen, denn die Vorräte in der Kammer waren karg. Diese Unerbittlichkeit der Großmutter verstand der Großvater. Aber in Sachen des Gotteswortes, meinte er, wäre es doch ganz anders, und er konn­te sich die Kirche auch nicht so unerbittlich vor-[306]stellen wie seine kleine, sehr liebliche, aber eben sehr unerbittliche Frau. Er wußte ja auch, eine Bibel mit Anmerkungen und kirchlicher Appro­bation (Genehmigung) zu kaufen war erlaubt, obwohl der Pfar­rer auch das nicht eben gern sah. Aber wie teuer war eine solche katholische Bibel! Da stand der Kaufpreis wie ein Cherub mit flammendem Schwert vor dem ersehnten Paradies. Ja Paradies! Das Wort Gottes im Hau­se haben, das hieße doch immerwäh­renden unmittelbaren Umgang mit Gott haben, und das dünkte dem Großvater als das Allerschönste am Paradiese, an dem er sonst immer nur einen Fehler auszusetzen hatte, nämlich daß es dort das ganze Jahr über keine Zimmerarbeit gab, während die ihm sehr viel weniger liebe Weberei dort offenbar ihren Anfang genommen hatte.

So trug denn der Großvater seine Sehnsucht nach einer Bibel jahrelang in sich auf den weiten Wegen zu den Zimmerplätzen und Neubauten im Sommer, und im Winter webte er sie in das ganze Dutzend Ketten, wenn es soviel zu weben gab; er schnitz­te sie in die Figuren seiner großen »Geburt Christi«, er säte sie im Frühjahr in seinen kleinen Acker. Dabei wurde ihm die Bibel immer köstlicher von Jahr zu Jahr; alle Weisheit und alles Wissen und allen Trost dachte er sich in ihr. Und das war keine bloße Einbildung und Phantasterei, denn tatsächlich bereichert sich die Bibel, die man noch nicht hat, aus solcher Sehnsucht, und sie wird eigent­lich erst Bibel aus solcher Sehnsucht, wie ja Gott sel­ber einem [307] Manne im Alten Bund sagen läßt, er spreche mit ihm, weil er ein Mann der Sehnsüchte sei. Wenn die neue Bibel­revision diese Sehnsucht mit hineinrevidieren könnte, was würde da für ein herrliches Buch werden!

Einige Male wagte der Großvater von seiner Sehnsucht mit der Großmutter zu sprechen. Aber die Großmutter machte gleich ein böses Gesicht und sagte: »Was du dir schon wieder einbil­dest! Du brauchst schon so viel für Farben und Gold für deine Geburt!« Sie meinte damit die »Geburt Christi« oder die Weihnachtskrippe. Sie sparte aber nun mit jedem halben Pfen­nig. Nur kam, wenn ein paar Silbergroschen beisammen waren, immer wieder eine neue Not und fraß das ersparte Geld auf. Zu der Sehnsucht des Großvaters kam also die heimlich-listige Fürsorge der Großmutter und muß gleichfalls auf den Preis der Bi­bel aufgeschlagen werden. Ich glaube wohl, daß die beiden manchmal sogar auf ein notwendiges Nahrungsmittel ver­zichte­ten. Es gibt auch kein wahres Wort Gottes ohne den Preis des Hungerns, und glaubt mir, daß da der körperliche Hunger nicht viel weniger gilt als der geistige Hunger.

Ich will nun auch nicht verschweigen, daß nicht nur der hohe Kaufpreis den Großvater ab­schreckte, eine katholische Bibel zu kaufen, sondern auch die Tatsache der erklärenden An­merkun­gen. Wohl vertraute er seiner Kirche blindlings. Über allem Zweifel stand ihm, daß der Text der katholischen Bibel menschenmöglichst richtig und [308] lückenlos sei und daß auch die erklä­renden Anmerkungen den richtigen Sinn des Gotteswortes zu treffen versuch­ten. Aber wenn Gott ihm die Gnade antäte, mit ihm aus der Bibel heraus zu reden, dann wollte er wirklich mit Gon allein sein und niemand anders sollte dazwischenreden, selbst wenn er noch so richtig dazwischenredete. Wenn er etwas nicht verstände, könnte er ja immer noch den Pfarrer fragen. Freilich, er könnte auch die Anmerkungen zudecken, so daß der Text des Gotteswortes allein vor seinen Augen stände, allein es schien ihm doch unanständig gegen Gott, beim Gespräch mit ihm einen Dritten gewissermaßen zu verstecken.

Eines späten Abends, als die Großmutter schon lange auf die Heimkehr des Großvaters ge­wartet hatte – der Großvater war immer pünktlich und ging auch nie ins Wirtshaus –, klopfte es an die Haustür und ein Murmeln von Männerstimmen war hör­bar. Draußen standen vier Männer um eine Bahre, die aus Zim­merhölzern zusammengeschlagen war. Darauf lag der Großva­ter. Bewußtlos? Tot? Nein, als die Großmutter vor Schreck auf­schrie, kam eine leise Stimme von der Bahre: »Therese, ängstige dich nicht!« Der Großvater war von einem Kirch­turm gefallen; der Zimmerpolier hatte ein Brett des Gerüstes nicht genügend befestigt.

Als der Großvater soweit hergestellt war, daß der Großmut­ter wieder ein scherzhaftes Wort vom Munde konnte, sagte die Großmutter: »Du hast sicher wieder zu-[309]viel an deine Bibel ge­dacht und dabei nicht genug aufgepaßt, wohin du trittst!«

Da antwortete der Großvater: »Ich werde wohl jetzt die Bi­bel nicht mehr brauchen, denn es war eine sehr lange Zeit, in der ich da hinunterstürzte, und da hat Gott wirklich zu mir ge­re­det. Das werde ich nie vergessen; das steht alles fester in mei­nem Herzen eingedruckt als das Gotteswort in der Bibel – und (so fügte er lächelnd hinzu) es standen keine Anmerkungen dar­unter!«

Die Großmutter, die inzwischen wieder eine ganz erkleck­liche Anzahl Silbergroschen heim­lich zusammengespart hatte, sagte jetzt in ihrer ganzen lieblichen Listigkeit: »Wahrscheinlich schenkt er dir nun doch noch die Bibel, wo du jetzt auf deinen Herzenswunsch verzichtest! Wenn man etwas so sehr wünscht, kann es Gott nicht geben, denn er gibt nichts auf Befehl und nichts auf Wunsch, er will wenigstens manches rein aus Gnade schenken!«

»Es ist schon möglich«, antwortete der Großvater, »denk dir, der Zimmerpolier hat mir zwei ganze Taler geschenkt, damit ich ja niemandem etwas sage von dem Brett – doch ich will es auch dir nicht sagen!«

Selbst wenn Gott etwas ganz sicher versprochen hat, hören die Schwierigkeiten nicht auf; der Mensch muß weiter kämpfen, als ob ihm nichts versprochen wäre. Als der Großvater wieder ganz gesund war, verhielt sich die Großmutter besonders lieb­reich zu ihm, ließ ihn auch manchmal, wenn er besonderen Hunger hatte, in das Gewölbe gehen. Desto mehr verwunderte es den Groß-[310]vater, daß die Großmutter eines Abends nach seiner Heimkehr ganz verstört war und kaum den »Guda-Obend«-Gruß beantwortete. Erst nach Tagen kam heraus, daß ein Bibel­händler dagewesen war, daß ihn aber die Großmutter sofort vor die Tür gesetzt hatte, als sie eine seiner Bibeln aufschlug und kei­ne erklärenden Anmerkungen unter dem Text sah. »Scheren Sie sich mit Ihren Lutherbibeln!« hatte sie ihm noch nachgerufen.

»Das hättest du nicht gebraucht!« sagte ihr mit sanftem Tadel der Großvater, denn es war in unserer Gegend nicht üblich, auf Luther zu schimpfen:

Der Bibelhändler hatte für seinen Besuch auch nur irrtümlich eine Zeit gewählt, in der die, Großmutter allein daheim war. Da Sankt Paulus geschrieben, daß das Weib in der Kirche schweigen solle, meinte er, sie solle auch beim Einkauf einer Bibel nicht mitre­den. Damm hatte er sich auch mit der Großmutter nicht weiter eingelassen, sondern hatte in der Nachbar­schaft herumgefragt, auf welchem Platz der Großvater zur Zeit arbeite. Es war auf einem Neubau im Biehals. Er muß ein guter Psychologe gewesen sein, denn er vermutete mit Recht, daß die hitzige Stellungnahme der Großmutter irgendwie auf den Großvater gewirkt habe und daß diese Wirkung erst abklingen müsse. Er war auch kein eigentlicher Händler, sondern nur Beauftragter einer englischen Bibelgesell­schaft und war in unser katholisches Land gekom­men, nicht um den Leuten wahllos die Bibel aufzuschwätzen, [311] sondern nur um zu spüren, wohin der Herrgott vielleicht eine Bibel haben wolle. Und unser Häuslein hatte ihm eben danach ausgesehen. »Seid einfältig wie die Tauben und klug wie die Schlangen«, sagte er, wartete bis auf den Tag, an dem die Zimmerarbeit in Biehals beendigt und der Lohn aus­gezahlt wurde. Da setzte er sich gegen Feierabend an den Rand des Biehalser Waldes, nahm eine Bibel aus dem Sack, drehte sie recht nach dem Schein der Abendsonne, und begann, darin zu lesen. Er verlas sich aber derart in den heiligen Text, daß er gar nicht mehr auf den herbeiwandemden Zimmermann achtete. Auf sei­nem Antlitz war ein Leuchten, von dem man kaum sagen konnte, daß es nur von der Abendsonne sei. So kam es, daß der Großvater, den Zimmerkasten auf dem Buckel und Beil und Säge in der Hand, unbemerkt vor ihm stehen blieb und lange Zeit das Spiel der Abendsonne und des inneren Lichtes auf dem Antlitz des Fremden beobachten konnte, bis er endlich seinen »Guten Abend« über den Graben zum Buschrande hinüberrief. Der Lesende fuhr erschreckt auf, strahlte aber gleich in Freude und rief: »Bruder Johann Ne­pomuk!« Das war nun meinem Großvater reichlich ungewöhnlich, denn es war ja leider soweit gekommen, daß sich nur die Sektierer, keinesfalls die Katholiken mit dem Brudernamen anriefen. Denn was die Sektierer taten, das taten eben gerade deshalb die Katholi­ken nicht, so daß der katholischen Kirche viel Schönes verlorenge­gangen war. [312] Darum sagte der Großvater: »Ich bin vielleicht nicht Ihr Bruder; so wie Sie es meinen und wünschen müssen, aber ich darf mich wohl eine kleine Weile zu Ihnen setzen. Woher kennen Sie denn meinen Namen?«

»Eben weil Sie mir doch vielleicht Bruder sind! Kennen Sie dieses Buch?«

»Das wird wohl eine Bibel sein«, antwortete der Großvater; »ja da steht es ja auch: Heilige Schrift / Van Eß!« Und da hatte der Großvater das Buch in der Hand, und die Hand bebte. »Das wird wohl ein sehr teures Buch sein? Ledereinband! So schöner Zierat eingepreßt! Gold­schrift auf dem Rücken! Die ganze Hei­lige Schrift? Ach, ich spare schon lange auf eine Bibel und habe durch einen glücklichen Zufall auch schon zwei Taler dafür be­reitliegen und auch noch einige Silbergroschen darüber, aber das langt halt noch lange nicht!«

Der Bibelmann lächelte. »Diese Bibel kostet nur einen halben Taler, und wenn ich Ihnen noch meinen Handelsverdienst davon schenke, sogar noch einige Silbergroschen weniger!«

Jetzt wollte der Großvater schnell zugreifen, denn er wußte, wenn er nicht schnell mache, daß dann die ganze Gewalt der kirchlichen Bibelbestimmungen über ihn kommen würde. Aber er gab das Buch noch einmal zurück und sagte: »Schenken möchte ich mir nichts lassen! Schen­ken tut auf der Welt nur der Teufel! Sie sehen freilich nicht danach aus! Wer ist dieser Van Eß? Sie wissen, [313] daß wir Katholiken die Bibel von Luther nicht lesen dürfen, weil da einige Worte hinzugesetzt sind, die den hei­ligen Sinn des Textes verändern oder wenigstens verschärfen, so daß sie zwar Luthers Glauben bezeugen, nicht aber den Glauben der Apostel und Evangelisten!«

Der Bibelmann nahm das Buch zurück. Es sei nicht die Lutherbibel, sondern die Übersetzung eines katholischen Pfar­rers, und der neutestamentliche Teil sei ausdrücklich von katho­lischen Bischöfen und Generalvikariaten genehmigt, der alttestamentliche noch nicht, weil er nach dem Urtext und nicht nach dem lateinischen Text übersetzt ist. Aber wenn dem Großvater nicht alles klar sei, so solle er das Buch nicht mitnehmen, denn der Wille Gottes sei immer klar. Da griff der Großvater wieder nach dem Buch, zog das Leinensäcklein mit dem Zimmer­lohn aus der Tasche und bezahlte den halben Taler. Der Wille Gottes muß ihm klar gewesen sein, denn er tat niemals etwas gegen den Willen Gottes. Nachträgliche Verdunklungen dieser Klarheit be­achtete er nicht, denn er war ein mündiger Christ.

So ist die Bibel in unser Haus gekommen, ganz gewiß nicht wie ein gewöhnliches Buch, und ich wünschte, sie käme nirgendhin an­ders, nirgendhin ohne jahrelange Sehnsucht, nirgendhin ohne ei­nen Schicksalsschlag, nirgendhin ohne vorausgehenden Verzicht auf den eigenen Willen. Der Großvater hielt das Buch zunächst streng verborgen, selbst vor der Großmutter, bis diese einmal [314] äu­ßerte, es wäre doch schön, die Bibel als Gotteswort im Hause zu haben; da lag am nächsten Christabend die Bibel als Weihnachtsge­schenk für die Großmutter unter dem Christbaum.

Inzwischen hatte sie unserem Hause ein geheimnisvolles Leuchten verliehen, so daß es sich von allen Nachbarhäusern un­terschied. Ein Bettler, der vielleicht der göttliche Heiland selber war, sagte, es käme ihm vor, als ob unser Haus ein geistliches Haus sei. Tatsächlich zog es die Geistlichen an. Der alte Pfarrer Nave war zwar rückenmarkleidend und lag in den letzten Jah­ren seines Lebens gelähmt zu Bett, aber er sagte oft, daß er ums Le­ben gern einmal in unser Haus käme, und der neue holte sich gleich eine Tochter des Großvaters zur Bewirtschaftung des Pfarrhofes, besuchte auch den Großvater sehr oft, besonders wenn drinnen im Dorf Tanz­musik war, deren Klänge er vor lau­ter Angst um das Seelenheil der Dorfjugend nicht vertra­gen konnte, und im weiteren Zuge der Ursachen und Folgen lag es schließlich, daß sich eine Tochter des Großvaters dem klösterli­chen Leben, ein Enkel dem geistlichen Stande weihte.

Jener neue Pfarrer erriet natürlich bald aus den Reden des Großvaters, daß eine Bibel im Hau­se war. Er ließ sich das Buch zei­gen und sagte, daß es eine kirchlich verbotene Bibel sei, da ihr die erklärenden Anmerkungen fehlen und da die Approbation des Neuen Testaments nicht die Gesamtapprobation ersetzen könne. Er kam aber mit dem Großvater überein, daß er statt der Anmer-[315]kungen bei schwierigen Stellen um Rat gefragt und daß das Buch unter Ver­schluß gehalten werde. Er tat klug daran, daß er das Buch nicht dem Großvater zu entziehen versuchte, denn ich glaube nicht, daß es der Großvater in Frieden hergegeben hätte. Außer­dem war er selbst ein Mensch göttlicher Führungen und Gefähr­dungen und achtete Führung wie Gefährdung des Großvaters.

Als der Großvater starb, stand ich inmitten meines vierten Lebensjahres, als die Großmutter starb, inmitten des dreizehn­ten. Nach einem bekannten Vererbungsgesetz übersprang die besondere Veranlagung meines Großvater den Vater und ging in ihrer ganzen Fülle auf mich über. Wohl betrachtete auch der Va­ter die schwarze Bibel als kostbaren Besitz unseres Hau­ses, und manchmal nach dem Sonntagsgottesdienst nahm er mich bei der Hand und sagte: »Wir wollen uns jetzt einmal in unserer Bibel suchen, was der Pfarrer vorgelesen und gepre­digt hat, ob alles so stimmt!« Auch er fühlte sich also als mündiger Christ, ohne sich freilich bewußt zu werden, wie sehr seine innerste Haltung mehr »protestantisch« als »katholisch« war (ein Protestantismus, der in jedem echten Katholizismus steckt und der schon vor der deutschen Reformation tausendfältig nachweisbar ist). Aber er hätte sich nicht das Feuer vom Himmel geholt wie der Groß­vater. Anders ich. Ich stahl mir den Schlüssel zu dem Wand­schränkchen, in dem die Bibel verschlossen war.

Ich will nicht schon Erzähltes noch einmal erzählen. [316] Ich habe mir an dem Feuer vom Himmel die Finger verbrannt. Und nicht nur die Finger; mein ganzes Anwesen, das ich bis zur Mitte mei­nes Lebens zusammengebracht, ich meine meinen akademi­schen Beruf, ging in diesem Feuer auf. Ich war rechtzeitig ge­warnt. Als ich in das Priesterseminar eintrat, mußte ich, wie es dort immer üblich war, in der Form eines Lebenslaufes und ei­ner Meditation über den priesterlichen Beruf eine Art schriftli­che Beichte oder Rechenschaft ablegen, die dann die Grundlage eines ernstlichen Kolloquiums im Zimmer des Pater Rektors wurde. Obwohl ich damals keineswegs alle Zusammenhänge überschauen und alle Tiefen erkennen konnte, floß mir doch ei­niges über das Verhältnis meines Großvaters zur Bibel in die Fe­der, mehr aus Lust am Erzählen als darum, daß ich nichts Wich­tiges verschweigen wollte. Der Pater Rektor, ein Menschenken­ner sondergleichen und wohlerfahren im geistlichen Leben, be­handelte mich mit außerordentlicher Höflichkeit und Güte. Ich hatte früher, als es sonst in der Breslauer Diözese üblich und zu­fällig war, den theologischen Doktor gemacht, und da lag es nahe, irgendwel­chen geistigen Stolz bei mir anzunehmen. Der Pater Rektor ließ mich derartigen Argwohn gar nicht spüren. Er sprach ganz priesterlich zu mir. Lebenslauf und Meditation hät­ten ihm aus­gezeichnet gefallen, sie läsen sich wie eine meisterli­che Dichtung; ich würde mich ein wenig in acht nehmen müs­sen, daß mir die künstlerische Form nicht die Hauptsache wür­de, [317] was sie in den vorgelegten Schriftstücken freilich keineswegs sei. Ein ernstliches Bedenken habe er freilich wegen der Sache mit dem Großvater und der Bibel. Ob da nicht etwa eine ererbte Neigung zu Sektiererei zum Ausdruck käme? Ich antwortete ihm, daß ich mir solcher Neigung noch nicht bewußt geworden sei und daß ich wohl darauf acht haben wolle. Der Pater Rektor darauf: »Ich freue mich, daß Sie die Gefahr nicht von vornherein abzustreiten versuchen, denn sie ist in uns allen, auch in mir!« Darauf entließ er mich freundlich. Ich hatte Großvaters Bibel bei mir im Priesterseminar; ich ging zu ihr und umfing sie mit den Händen. Es war eine Spannung über ihr wie die der Saiten einer Laute, die auf eine Berührung warten, um zu klingen. Unheim­lich ist das Warten der Bibel.

Wohl vor jeder literarischen Arbeit nehme ich die Bibel zur Hand, nicht etwa nur vor der Niederschrift einer Predigt oder einer religiösen Abhandlung, sondern auch, wenn ich etwas rein Weltliches schreiben oder erzählen will, manchmal sogar vor der Niederschrift eines Briefes. Wenn ich den Grund dafür angeben sollte, könnte ich vielleicht nur sagen, daß ich dann besser in den zu schreibenden Text hineinkomme. Ich liebe es nämlich gar nicht, meine Schriften und Bücher mit Bibelzitaten zu spicken. Der tiefste Grund aber ist wohl der, daß ich das mütterliche Ver­hältnis der Bibel zu der gesamten echten Literatur spüre. Haben wir nicht wenigstens das Erzäh-[318]len alle von der Bibel gelernt? Als ich Ernst Wiecherts Hirtenle­gende und seine Geschichte von der Magd des Jürgen Doscozil las, glaubte ich auf einmal, das ganz klar zu sehen. Wie mütterlich klingt der Name »Die Bibel«! Wer hat den Schriften des Alten und des Neuen Testaments diesen mütterlichen Namen gegeben? Er tauchte als Eigenname, als Singularis femini generis, erst im 9. Jahrhundert nach Christus auf, und zwar, wie die Philologen meinen, als Lesefehler oder als Folge mangelnder Sprachkenntnis, da die Bücher des Alten und Neuen Testaments in ihrer Gesamtheit seit der Wende des 5. Jahrhun­derts Ta biblia, »Die Bücher«, also mit einem Pluralis neutrius generis, genannt wurden. Man kann natürlich auch an eine Anlehnung an den älteren Namen »Die Heilige Schrift« den­ken. Aber man darf die irrationale Seite der Namengebung nicht übersehen. Für die Namengebung haben die Menschen doch schon in der Genesis ein besonderes Charisma bekommen, des­sen Nachwirkungen noch heute zu spüren sind. Mochten sich auch die Philologen ärgern, die Kir­che nahm den neuen Namen an und bewahrte ihn. Gern denke ich im Stillen – laut habe ich es wohl noch nie gesagt –: Die Bibel ist die Mutter aller meiner Bü­cher. Vielleicht ist dies keine große Ehre für sie, denn manche hal­ten meine Bücher für mißraten. Aber das ist Mutter­schicksal.

Weil ich das Wort Gottes immer zunächst so hören will, wie es zu meinem Großvater gespro­chen worden ist, [319] nehme ich im­mer zuerst die Bibel meines Großvaters zur Hand, dann erst den Urtext und die anderen Übersetzungen, vor allem, um meiner evangelischen Leser­schaft willen, die Lutherbibel. Als ich einmal den Weg in jene Wirklichkeit finden wollte, in der die Engels­botschaft an die bethlehemitischen Hirten wie auch der Stern der Weisen aus dem Morgenlande wahr gewesen ist, stieß ich auf den Vers der Lutherbibel: »Und es waren Hirten in derselbigen Gegend.« In der Großvaterbibel stand nur: »In derselben Ge­gend.« Luthers Wort »Derselbige« gilt jetzt als veralteter Aus­druck, als Archaismus, aber es schlug mich wie ein Blitz; ich er­kannte auf einmal »in derselbigen Gegend« jene »radikale Wirk­lichkeit«, deren Geschehnisse vor der Wirklichkeit unseres Jahr­hunderts nur noch als Legen­den, Sagen, Mythen gelten. Der Schriftleiter, der sich meine Arbeit erbeten hatte, war verstän­dig genug, den Archaismus sogar in meiner Überschrift zu dulden, und selten ist ein Aufsatz von mir so oft begehrt worden wie der über die »Hirten in derselbigen Gegend«.

Als ich ein wenig später unter den acht Grundsätzen der Revi­sion der Lutherbibel den sech­sten las, daß nämlich »veraltete Wörter, Wortformen, Wendungen und Satzgebilde sowie son­sti­ge schwere Archaismen« beseitigt werden sollen, hatte ich schwe­ren Kummer um meine »Hirten in derselbigen Gegend«, und als der erste Probedruck der neuen Bibelrevision in mei­ne Hände kam, war ich töricht genug, zuallererst nach »derselbigen Ge­gend« zu sehen. Wel­che [320] Freude, als ich sie wohlerhalten in dem neuen Druck fand! Als ob davon der Wert der ganzen Revisions­arbeit abhinge! Manche werden mitleidig lächeln und meinen, daß man eben beim Eintritt in das sechzigste Lebensjahr leicht skurril wird. Aber auch sie werden mir die Freude gern gönnen.

An meiner großen Liebe zur Bibel wird man längst erkannt haben, daß ich kein Bibelwissen­schaftler bin. Diese Liebe würde mich stets davor zurückhalten, sie rein wissenschaftlich zu be­handeln. Ich beschäftige mich mit ihr nur als Liebender. Immer­hin weiß ich, daß sie zu Luther an manchen Stellen anders ge­sprochen hat als zu den alten Vätern der Kirche und auch anders als zu meinem Großvater und zu mir. Durch Luthers Überset­zung ist sie ein Luther­buch geworden und gehört zunächst ganz strenggenommen zu den Werken Luthers und zu den literarischen Denkmälern der deutschen Reformation, verdiente aber als solches in seinem ursprünglichen Wortlaut erhalten und be­kannt zu werden, um immerdar Antwort zu geben auf die Fra­ge: Wie hat die Bibel zu Luther gesprochen? Um immerdar Zeuge zu sein von der Wirklichkeit Luthers. Nun begehrt aber die evangelische Kirche die Bibel als Buch der radi­kalen Wirk­lichkeit, als eine gute Übersetzung der Urtexte, soweit sie wis­senschaftlich erfaßt werden können, und will nur das Prinzip der freien Umdeutschung als ein unveräußerliches Luthererbe be­wahren. In der Arbeit der Revisionskommission macht [321] sich aber eine Gegenbewegung bemerkbar. Es ist bekannt, daß Luther in seiner Sprache gegen das »Gesetz« viel schärfer ist als Paulus. Diese Verschärfung ist zum Teil schon bei früheren Revisionen abgemildert worden, wohl in Erinnerung daran, wie die From­men die Gebote Gottes liebten, wie sie ihnen Weg und Licht wa­ren; man braucht ja nur die Psalmen zu lesen, um zu erken­nen, daß schon Paulus viel zu scharf war. Ein Rest hat auch die neue Revision passiert: Römer 4,15, »Das Gesetz richtet nur (?) Zorn an«. Auch die beiden bedenklichen »Allein« Luthers sind in der neuen Revision stehengeblieben, obwohl sie im Urtext nicht ste­hen: Römer 3,25, »Auf daß Gott allein gerecht sei« (wir uns da­gegen mit einer angerechneten Gerechtigkeit begnügen müs­sen), und Römer 3,28, »Daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben«. Dieses zweite »Allein« hat Luther allerdings noch beson­ders verteidigt und ge­schützt durch seinen »Sendbrief vom Dolmetschen«, in dem er sagt: »Darumb solls in meinem Neuen Testament bleiben; und sollten alle Papstesel toll und thö­richt werden, sie sollen mirs nicht eraus bringen.« Ich kann es verstehen, daß die Theologen ihre liebe Not haben mit solchen Stellen, besonders wenn sie ein philologisches Gewissen haben. Vielleicht sind auch deshalb die Dichter aufgerufen. Der Dichter wird selbstverständ­lich das Wort »Fromm« schöner finden als das Wort »Gerecht«, für das es von Luther einge­setzt wird; aber der Theologe weiß, wie sehr es bei [322] Luther um den Begriff des Gerech­ten und der Gerechtigkeit geht. Wenn Gottes Wort selber einen Mann »gerecht« nennt, so darf ihn Luther nicht bloß »fromm« nennen, es sei denn in einer Schrift, die nur auf seinen Namen, nicht auf den Namen Gottes geht. Strenggenommen! Unsere Seligkeit hängt heute kaum mehr von solchen Meinungsverschiedenheiten ab. Von ganz an­derer Seite kommt heute die Parole »Allein durch Leistungen«.

Ich freue mich, daß die Bibel meines Großvaters eine sehr ge­treue Revision der Bibel ist, denn an all diesen Stellen sagt sie kein Wort mehr oder anders als der heilige Urtext und übersetzt sogar richtig: »Der Sünde Sold ist Tod« und nicht: »Der Tod ist der Sünde Sold«, was auch mir ein wichtiger Unterschied ist (vgl. H. Kruse in »Christliche Welt« 52, 12, Sp. 461 ff.). Sie ist ih­rer radikalen Wirklichkeit näher als die neue Revision. Und an­dererseits darf ich hier gewiß etwas wiederholen, was ich von meinem Michel Gottschlich erzählt habe:

»Michel hatte unterdes auch erfahren, daß Luther keineswegs die guten Werke davonjagen wollte; daß er nur jene Werke da­vonjagen wollte, die nicht aus dem Glauben hervorwachsen, sondern aus der spitzbübischen Berechnung, wie man dem Herrgott um ein paar Gulden den Himmel abkaufen könne. In manchem lutherischen Häuslein hatte er Nachtquartier und auch meistens ein Frühstück bekommen, mehr geschenkt als be­zahlt, und im Lauf der Zeit war er zu der Meinung gekommen, das [323] stimme schon mit dem ›Glauben allein‹ überein. Es müsse eben heißen: Der Glaube allein macht die Werke gut und die Menschen selig. Und er hatte immer tüchtig geglaubt.«

»Manchmal freilich hatte er beobachtet, daß sich ein Lutheri­scher mit dem Glauben ebenso vor dem Herrgott und den Men­schen brüste wie mancher Katholische mit den guten Werken, und er war ein wenig argwöhnisch gegen den Glauben gewor­den. Da wurde in ihm unbemerkt das groß, was in der Kirche von Johannisbad plötzlich zum Ausbruch kam: ›Ich habe mir den Glauben selbst gemacht, und es ist ebenso wenig wert wie die guten Werke, die man sich sel­ber macht.‹ Er sehnte sich nach einem Leben ohne den Glauben und ohne die guten Werke, ohne alles, um das sich die Menschen stritten und mit dem sie sich gegeneinander brüsteten. Auf seinen Handelsfahrten hatte er viele Menschen kennengelernt, die niemals von Glauben und guten Werken sprachen und ganz offensichtlich nicht einmal daran dachten. Sie arbeiteten und lebten und sorgten sich von Tag zu Tag, nahmen auch manchmal ein kleines oder großes Ver­gnügen mit, waren in der Jugend flink und lustig und rotbäckig, im Alter langsam und ernst und sehr gefältelt, und wenn der Tod kam, ließen sie sich von ihm fortfuhren. Sie hatten nichts, womit sie sich gegen einen anderen rühmen könnten, und vor dem Herrgott nichts, worauf sie ihm gegenüber vertrauen könnten, nicht einmal den Glauben. Und wenn sie tot im Sarg lagen, da hatten sie ein Gesicht, als sprächen [324] sie zu dem ewigen Richter: ›Ich bin gebo­ren und aufgewachsen, habe mich gefreut und ge­sorgt, wie es eben kam, war krank, wenn ich krank war, und ge­sund, wenn ich gesund war; ich war Kind und dann Jüngling und dann Mann und dann Greis, und dann bin ich gestorben. Sonst nichts, lieber Herrgott, sonst nichts!‹«

»Michel hatte nie gehört, was etwa der Herrgott dazu gesagt hat. Er dachte nur, wenn er selber der Herrgott wäre, würde er einem solchen Menschen sagen: ›Was brauchst du denn vor mir oder für mich? Ich habe ja selber alles! Siehe, die da gute Werke mitbringen, die lasse ich im Gewände ihrer guten Werke durch die Ewigkeit pilgern, und die da ihren Glauben bringen, lasse ich im Gewand des Glaubens bei mir wohnen. Dir aber, der du gar nichts hast, schenke ich mein Gewand!«

Jedes Christenherz, das nicht theologisch oder kirchenamt­lich voreingenommen ist, wird gewiß mit einer heimlichen Freu­de der Meinung meines guten Michel Gottschlich beistim­men, der sich auch viel mit der Bibel herumgeschlagen und sogar in einem Wirtshaus genäch­tigt hatte, auf dessen Schild geschrieben stand: »Logierhaus Sola Fide«, d. h. Wirtshaus »Al­lein durch den Glauben«. Das Schild soll aber jetzt schon seit vielen Jahren ver­schwunden sein. Niemand in Johannisbad erinnert sich seiner mehr. So könnte auch trotz Luthers Testa­ment das »Allein durch den Glauben« aus der Bibel wieder verschwinden, weil sowohl das Christenherz als auch die [325] Bibel von einer Rechtfertigung rein aus dem Garnichts weiß. Die Barmherzigkeit Gottes ist ja auch nach Luthers Glauben unbeschränkt. Es könnte auch wie­der gut »Kirche« dastehen, wo Luther »Gemeinde« hinsetzt. Denn die Kirche reicht in die radika­le Wirklichkeit der Bibel zu­rück, und wir wissen heute besser denn je, daß Christus sie ge­meint hat.

Luthers Bibel, ursprünglich eine Vorlesebibel oder hörbar zu lesende Bibel und darum in gebrochenen Versen, nach dem Atemvorrat des Vorlesenden, gedruckt, ist durch die neue Revi­sion eine einfache Lesebibel geworden, nur in Sinnabschnitte gebrochen. Anläßlich der Verdeutschung der »Schrift« (hier im Sinne der alttestamentlichen Bibel) durch Martin Buber ist viel gesagt und geschrieben worden über die kolometrische Wieder­gabe der heiligen Texte (die Bibel als Buch heiliger Rufe; jeder Ruf eine besondere Zeile). Das Alte Testament zum mindesten scheint sie zu fordern.[1] Denn laut gele­sen oder gerufen ist es wirklich ein ganz anderes Buch als still ge­lesen oder ohne Nachbildung der Worte nur zur Kenntnis ge­nommen. Ob nun die Lutherische Versbrechung oder die Bubersche Kolometrie, das Buch der radikalen Wirklichkeit, aus dem wirklich gesprochenen, laut verkündeten Wort entstanden, muß nach Möglich-[326]keit die bloß geistige Kenntnisnahme verhin­dern und zum Aussprechen seiner Worte einladen, sonst gerät es aus der radikalen Wirklichkeit heraus. Die Zungenwurzel ist auch der Bibel Wurzel. Freilich hat die Lutherbibel gar keine Zwangsmittel. Die römische Kirche be­stimmt, daß das Brevier, das ja zum größten Teil aus Bibellesungen besteht, unter körper­licher Nachbildung und Formung der Worte gelesen wird (wie ja überhaupt die litur­gischen Texte). Das Breviergebet wird kirchlich »ungültig«, wenn diese Bestimmung nicht befolgt wird. Sie wird, wenigstens wieder seit einem Jahrhundert, merk­würdig treu befolgt. Auch ich habe sie in den Jahrzehnten mei­nes Breviergebetes treu befolgt, und das hat sich mir immer als ein Dienst am Wort bewährt.

Darf ich auch noch das eine sagen, was mir recht schwer wird? Es gibt kaum mehr eine Bibel­ausgabe, bei deren Lesung man nicht von Zahlen umwimmelt wird. Seitenzahlen, Kapitel­zahlen, Verszahlen, Verweiszahlen! Viel Technik hat sich mit der Wiedergabe des Wortes Gottes im Druck verbunden. Das rührt daher, daß die Bibel ein ungeheures Zitatenreservoir und Be­weisinstrument geworden ist. Notwendigerweise, aber auch be­dauerlicherweise. Martin Buber hat in seiner Verdeutschung das Zahlenwerk auf das Allernotwendigste be­schränkt: Im Text kei­ne einzige Ziffer; zu Füßen des Textes, schier in anbetender Hal­tung, nur [327] die Seitenzahl, die Kapitelzahl und die begrenzenden Verszahlen, das allernotwendigste Entgegenkommen gegen die Brauchbarkeit, aber ein feiner Hauch geistiger und religiöser Kultur. Gewiß kann es auch ein Zeichen religiöser Ehrfurcht sein, daß man beim Gotteswort immer zugleich den Standort angibt, und es ist uns so zur Gewohnheit geworden, daß wir fast beunruhigt sind, wenn wir ein heiliges Wort ohne genaue Anga­be seines Standortes finden oder hören. Aber oft nennt man auch nur den Standort, in der gar nicht immer berechtigten Vor­aussetzung, daß der Zuhörende gleich weiß, welches Wort ge­meint sei. Spricht dann wenigstens der Zuhörer das Wort? Nein, er begnügt sich mit einem Schimmer.

Ich bekomme oft Briefe und Grüße, bei denen ich immer die Bibel zur Hand nehmen muß, um zu verstehen, was mir eigent­lich gesagt werden will. Da ist mir natürlich eine Ausgabe mit gutem Zahlenwerk sehr lieb. Aber wenn ich bedenke, daß es Gotteswort ist, was da wie ein Telegrammwort oder ein steno­graphisches Siegel übermittelt wird, ist es mir irgendwie unbe­haglich ums Herz. Nicht immer, denn ich habe mich an den Be­trieb schon gewöhnt. Die Bibel ist da ein Nachschlagewerk ge­worden, was sicherlich nicht ihre ursprüngliche Bestimmung ist. Es fragt sich eben, ob bei der Bibel die praktische Brauchbarkeit der Ausgabe wirklich oberstes Gesetz ist. [328] Beim Bürgerlichen Ge­setzbuch oder beim Codex juris canonici ist sie es sicher.

Wer sich viel auf die Bibel berufen muß, braucht in seiner Ausgabe ein gutes Zahlenwerk. In dem Probeausdruck der neu­en Revision ist es schön angeordnet. Da heißt es nicht mehr um­ständlich »Das 5. Kapitel«, sondern es steht am Rande eine große schöne 5, die sich eigentlich über der Kopfleiste nicht zu wie­derholen brauchte, denn sie beherrscht den ganzen Satz­spiegel. Über die Kopfleiste wünschte ich mir den vollen Titel des bibli­schen Buches oder Briefes, z. B. nicht »Römer«, sondern »Der Römerbrief« oder »Paulus an die Römer«. Das Unwesen der modernen Sprachverkürzung sollte nicht in das Buch der radika­len Wirklichkeit eingelassen werden. Aber wie steht es über­haupt mit der vielen Berufung auf die Bibel? Sie ist eine gehei­ligte Tradition und gehört gewissermaßen zur Melodie und zum Tonfall der Predigt und der religiösen Rede. In meinen Kinder­tagen, in denen ich die Lesungen von der Kanzel noch wenig verstehen konnte, hatte ich ein wonniges Wohlgefallen, wenn der Prediger nach der Vorlesung des Sonntagsevangeliums das Buch küßte und sagte: »So lesen wir im Evangelium des heiligen Johannes, im sechsten Kapitel, vom ersten bis zum fünfzehnten Vers.« Das klang mir wie ein Lied und war mir sehr beherzigens­wert. Ich würde es auch jetzt noch ungern vermissen. Es wirkt ungeheuer beruhigend. Aber wenn [329] sich ein Prediger schier für jegliche Aussage auf einen Apostel oder Evangelisten beruft, habe ich immer das Verlangen, daß er doch auch etwas auf eige­ne Verantwortung sage und auch einmal seine eigene Glaubwür­digkeit in die Schanze schlage. Ich habe schon einmal großes Är­gernis hervorgerufen, als ich mich für das Wort: »Siehe, ich ver­kündige euch eine große Freude«, nicht auf Lukas 2,10 berufen, sondern es von mir aus sagen wollte, mit der Begründung, daß manche Menschen mir mehr glauben als dem Lukas, was nun doch tatsächlich der Fall ist.

Die Bibel darf uns nicht die Sorge um die eigene Glaubwür­digkeit und nicht den Einsatz der eigenen Glaubwürdigkeit ab­nehmen oder abgewöhnen, besonders wenn wir das Evangelium der Welt zu verkündigen haben und nicht bloß einem Kreis frommer Bibelchristen, die aber auch froh und erquickt sind, wenn der Prediger einmal etwas auf Grund eigener Glaubwür­dig­keit sagt. Das darf natürlich keine rein zeitungsartige Mittei­lung und keine rein autobiographi­sche Anekdote sein, sondern muß in jener radikalen Wirklichkeit wurzeln, in der alles mit dem biblischen Geschehen verwandt ist. Wir haben das Recht, uns auf die Bibel zu berufen, aber auch die Bibel hat das Recht, sich auf uns zu berufen. Wir müssen wahrnehmen und wahrma­chen, was sie sagt. Wir sind für unsere Zeit ihre Zeugen. Was von dem, was sie sagt, können wir unter Eid nehmen? Wenn wir die Bibel [330] revidieren, müssen wir uns auch von der Bibel revidieren lassen. Da wird es sich nicht nur um ein paar Varianten, Überset­zungs­fehler, Unverständlichkeiten und Archaismen handeln!

Die Bibel ist das Buch von den Urgründen unseres Daseins in Ewigkeit und Einzeltag und darf nur als solches und muß als solches herausgegeben, umhegt und geschützt werden. Das Buch von den Urgründen, von dem, was wir nicht mehr sehen, nicht mehr erfahren, in dem wir aber doch wurzeln, aus dem es sich allein lohnt zu leben. In der Bibel spricht Gott zu den Men­schen. Wenn Gott nicht zu uns spricht, so ist unser Leben sinn­los. Aber in unserer Wirk­lichkeit spricht Gott nicht zu uns; in unserer Wirklichkeit sendet er uns keine Boten. Unsere Wirk­lichkeit hat ein Gesicht, als ob überhaupt kein Gott da sei. Wenn wir diese Wirklichkeit nicht durchdringen und eine andere, wahrere Wirklichkeit sehen können, dann sind wir wahr­haftig ein trostlos armseliges Geschlecht. Wenigstens manchmal muß der Nebel unserer Wirk­lichkeit zerreißen und das Himmelsblau dahinter sichtbar werden. Das Himmelsblau dahinter ist die ewige, unendliche Bibel, die sich uns in die Hände legt als ein abgeschlossenes Buch. Himmelsblau über uns wird uns oft ge­zeigt und gepredigt; wir heben unsere Augen und Hän­de em­por. Aber wir brauchen Himmelsblau unter uns und rings um uns, damit wir unsere wandernden Füße darauf setzen, damit [331] wir darin handeln und leben können. Ist unsere Lebenssphäre wirklich eine andere als die der biblischen Personen? Haben wir wirklich keine Begegnung mit Gott, keine Begleitung seiner Engel? Vor dem Tun und mitten im Tun sieht es durchaus so aus. Aber hinter dem Tun, hinterher, zerreißt da nicht manch­mal die Nebeldecke und wir sagen unwillkürlich: Das war ja wie in der Bibel? Wir können es ganz rationalistisch schildern, aber wir haben dabei die Empfindung, daß wir die Sprache der Bibel gebrauchen müßten, wenn wir es in seiner vollen Wahr­heit schildern wollten. Vor der Wanderung und während der Wanderung nach der Mederstadt Rages war es Azarias, des gro­ßen Ananias’ Sohn, der den jungen Tobias begleitete, und er war es wirklich und leibhaftig, eben in der Wirklichkeit und Leibhaftigkeit, in der unser menschliches Zeugnis gilt; nach der Reise, hin­terher, sagte er in der Wahrhaftigkeit der radikalen Wirklichkeit: »Ich bin der Engel Raphael, einer von den Sieben, die vor dem Herrn stehen.« Auf meiner ersten Reise nach Rom, in Bozen, vor meinem Eintritt in das welsche Land, war es Pro­fessor Hetzenauer, der damals führende Vertreter der konserva­tiven Bibelkritik, der mich in viertägiger Fahrt nach Rom be­gleiten wollte, und wirklich wie ein Engel begleitet, sogar von einem schlimmen Fieberanfall errettet hat. Nachher suchte ich den Professor Hetzenauer in Rom. Der, den ich fand, behan­del­te [332] mich wie einen ganz Fremden, als ob wir nicht vier Tage lang wie Vater und Sohn in innigstem Vertrauen zueinander durch die Städte und Heiligtümer Italiens gewandert wären. Ich weiß, daß mich ein Engel Gottes geleitet hat. Hinterher weiß ich es, ob­wohl ich schon mitten auf der Fahrt sehr überrascht war, als ich erfuhr, daß mein Begleiter den Engel­namen Michael trage.

Dreieinhalb Jahrzehnte sind seitdem vergangen, aber kaum ein Tag, an dem ich nicht die Dankbarkeit für den Dienst des Engels erneuert hätte, zumal sich in dieser Zeit noch manches ereignet hat, was ich am besten verstehen und erzählen kann in der Sprache der Bibel und aus der Wirklichkeit der Bibel heraus. Mir würde das Buch Tobias in der neuen Ausgabe der Lutherbi­bel sehr fehlen, zumal es mir schon leid tut, daß es von Luther nicht der Heiligen Schrift gleichgehalten worden ist. Denn gera­de in diesem Buch kommt das Geheimnis der Bibel ganz offen zum Ausdruck, diese Verbindung der beiden Wirklichkeiten, des Urgrundes unseres Lebens und der zeitlichen Leibhaftigkeit un­seres Lebens, dieses Verwobensein des göttlichen Geheimnisses, der göttlichen Offenbarung und unseres alltäglichen Lebens, das wir sonst immer, wenn überhaupt, erst »hinterher« erkennen. »Denn gut ist es, das königliche Geheimnis zu verbergen und doch ehrenvoll, das geschehene Werk Gottes zu offenbaren und zu loben.« Man weiß [333] wohl, daß ich dereinst das »Leben Jesu in Palästina, Schlesien und anderswo« geschrieben habe. Da haben sich mir schon die Nebelschwaden der leibhaftigen Wirklichkeit zerteilt und das Himmelsblau ist sichtbar geworden. Es freuten sich viele daran, und noch jetzt klingt manchmal, aus weitester Ferne, ein Jubelruf zu mir über dieses Stücklein Himmelsblau. Unterdessen hat mir der Herrgott in meinem einsamen Neusorge zwölf Jahre Zeit gegeben, den Zusammenklang der biblischen Wirklichkeit und der leibhaftigen Wirklich­keit zu vernehmen.

Nicht nur das Leben Jesu haben wir zu leben, sondern das Leben der ganzen Bibel. Ich werde kein Buch mehr darüber schreiben können, denn ein jeder Gottesmann hat nur be­schränkten Dienst. Aber ich freue mich über jede alte und jede neue Bibel; sie ist wieder Boden für die Füße derer, die nach uns kommen, Gottessprache für die tiefsten Geheimnisse, Quel­le voll­kommener Selbsterkenntnis – denn ich sage es noch ein­mal: Ohne die Bibel kann kein Mensch sich selbst verstehen sie ist das Stücklein blauer Himmel, von dem mein alter Freund Robert Karger in seiner Bauernsprache sein hübschestes Ge­dicht gemacht hat:

A Steckla blooer Himmel,
Doas ees, ihr kennt merch gloin,
Wenns toachelang geraint hoot,
A rechtig Deng zum froin. [334]

A Steckla blooer Himmel,
Glei werd äm weeder wohl,
Wenn äm aa schon schier’s Hatze
Vier Kommer plotza sool.

A Steckla blooer Himmel
Ees wie a Aache Goots,
Woas roaguckt ei dei Seele
Onfreecht: »Mei Kend, woas hoot’s?«

[Übers.: Ein Stückchen blauer Himmel,
Das ist, ihr könnt mir’s glauben,
Wenn’s tagelang geregnet hat,
Ein richtig’s Ding zum Freuen.

Ein Stückchen blauer Himmel
Gleich wird einem wieder wohl,
Wenn einem auch schier das Herze
Vor Kummer platzen soll.

Ein Stückchen blauer Himmel
Ist wie ein Auge Gottes,
Das hineinschaut in deine Seele
Und fragt: »Mein Kind, was hast du denn?«]

Quelle: Kurt Ihlenfeld (Hrsg.), Das Buch der Christenheit. Betrachtungen zur Bibel, Berlin-Steglitz: Eckart-Verlag 1939, S. 292-334.


[1] Vgl. M. Buber, die Schrift und ihre Verdeutschung, Berlin 1936, S. 80 ff., auch 88 ff.

Hier der Text als pdf.

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