Joseph Wittig in „Hirten in derselbigen Gegend“: „Eben deshalb dürfen die Hirten an keiner Weihnachtskrip­pe fehlen, weil sie der Welt Zeugen sind, wie klar und genau und konkret man »in derselbigen Gegend« die himmlischen Wahr­heiten erfährt.“

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Hirten in derselbigen Gegend

Von Joseph Wittig

Mein Freund ist ein sehr empfindsamer, nicht bloß kunstge­schichtlich geschulter, sondern wahrhaft künstlerisch ver­anlagter Mensch, dazu ein tüchtiger Theologe und Philosoph. Er wollte auch eine Weihnachtskrippe haben, aber bitte nur Ma­ria und Joseph und das Kind in der Krippe, nicht der übrige Klimbim!

»Laß doch auch die Krippe weg!« sagte ich ihm. »Denn dir ist doch nicht in der Krippe das Heil offenbar geworden, son­dern im Buche!«

Den Hirten von Bethlehem war gesagt worden: »Dies soll euch zum Zeichen sein: ein Kind in der Krippe!« Damit war nicht gesagt, daß dies allen Menschen zum Zeichen werde. Schon den Juden im Tempel wurde ein anderes Zeichen gege­ben: »Reißet diesen Tempel nieder, und ich werde ihn in drei Ta­gen wiederaufbauen!« Und den in der Bibel bewanderten Ju­den: »Es wird euch kein anderes Zeichen gegeben als das des Jo­nas!« Die sternkundigen Weisen aus dem Morgenlande sahen »seinen Stern« und kamen, »ihn anzubeten«.

Zeichen werden immer aus »derselbigen Gegend« gegeben. Die Hirten hatten alle Tage mit Krippen zu tun; die Krippen waren ihnen etwas ganz Bekanntes; sie standen in ihrem Stall, sie standen in ihrem Pferch; selbst auf freiem Weidefeld ging es nicht ohne Krippen. Die Hirten kannten ihre Krippen wie wir die Buchstaben des Alphabets. Kein Zeichen konnte für sie deut­licher sein als das Zeichen der Krippe, und darum wurde ihnen dies zum Zeichen gege­ben, freilich mit dem Zusatz, daß sie ein Kind in dieser Krippe finden werden, also mit etwas Außerge­wöhnlichem, das die eine Krippe von allen anderen Krippen unterschied. Es muß damals schon etwas Außergewöhnliches ge­wesen sein, daß ein neugeborenes Kind in eine Krippe gelegt wurde; wenigstens in dieser Nacht muß der Fall einmalig gewe­sen sein, also etwas Außergewöhnliches mitten im Gewöhnli­chen; sonst wäre das Zeichen nicht eindeutig gewesen.

Diese Eindeutigkeit und zugleich Gewöhnlichkeit des Zei­chens ist mir immer ein großer Trost gewesen. Ich werde schon mein Heil finden. Etwas ganz Gewöhnliches in meinem Beruf, in meiner Gegend, wird das Zeichen sein, nicht eine Krippe, denn ich bin kein Hirte; auch nicht ein Stern, denn ich bin kein Astronom; mir wird wohl, da ich Schriftsteller bin, eine Schrift das Zeichen sein, oder, da ich täglich mit dem Wort zu tun habe und fast mit nichts anderem, ein Wort. Und ich bin überzeugt, daß ich, wenn ich ein richtiger Wissenschaftler wäre, mein Zei­chen in der Wissenschaft fände, wie ich auch glaube, daß dem Politiker irgendein politi­sches Ereignis zum Zeichen wird.

Aber an meiner Weihnachtskrippe will ich die Hirten haben, die Hirten und ihr Zeichen, näm­lich die Krippe, in der ein Kind liegt! Wenn ich in den Tagen vor Weihnachten in die Dach­kam­mer hinaufgehe und die Kisten herunterhole, in denen ich meine Krippenfiguren während der ganzen unweihnachtlichen Zeit aufbewahre, da freue ich mich schon immer auf den Au­genblick, in dem ich die drei Kerlchen in den Händen habe, eben die Hir­ten aus Bethlehem, einen nach dem anderen. Da habe ich wirk­lich etwas in den Händen, und es ist ungefähr so, wie wenn man ein junges Vögelein in den Händen hat. Bei einem jungen Vög­lein spürt man gleich das klopfende Herz. Das ist hier nicht der Fall; man spürt eher etwas wie eine Seele, obwohl auch dies nicht der rechte Ausdruck wäre. Es ist ja keineswegs notwendig, daß man überhaupt einen Ausdruck dafür findet. Es existieren viele Dinge, für die kein Aus­druck, kein Wort da ist, die man freilich gerade deshalb leugnet.

Von den richtigen Hirten, also von denen, die im Evangeli­um stehen, hat man auch gesagt, daß sie nicht existiert hätten. Man weiß zwar, daß Hirten in Bethlehem waren, aber eben nicht diese Hirten, nicht die Hirten, denen das Zeichen gegeben worden ist. Aber vielleicht leugnet man sie auch nur deswegen, weil man keinen Ausdruck mehr für sie hat. Sie sind durch das Zeichen etwas geworden, wofür man keinen Ausdruck hat. Sie sind übergeschichtlich gewor­den, und ihre Übergeschichtlich­keit ist so stark, daß ihre wirkliche Geschichte darunter fast ver­schwindet. Wo immer man glaubte, daß das Heil geboren wer­de, glaubte man auch diese Hirten gesehen zu haben. Als Cyrus, als Romulus, als David geboren wurde – immer sah man Hirten in der Gegend. Und jetzt, wann immer Weihnachten naht, sieht man Hirten. Man kann wirklich schlecht ein Weihnachtsbild ma­len, ohne daß sich die Hirten hineinmengen; man kann kaum ein Weihnachtslied dichten, ohne daß ihre Schalmeien hin­einklingen. Sie sind also wirklich immer »in derselbigen Ge­gend«, in der das Heil geboren ist.

Mag sein, daß die sogenannten »Kindheitsgeschichten Jesu«, die in den Evangelien Matthäus und Lukas stehen, Dichtungen sind, Dichtungen, die immer schon in der Menschheit gelebt ha­ben und erzählt wurden, aber sie mußten so gedichtet sein und konnten gar nicht anders gedichtet werden, weil eben Weihnach­ten so ist und nicht anders sein kann. Darum meine ich, daß selbst der Herrgott, als er der Menschheit das eine große und ein­zig wahre Weihnachtslied dichten wollte, auch die Hirten hin­nehmen mußte. Gottes große Dichtung ist aber die Ge­schichte, und darum werden wohl auch die Hirten von Bethlehem ge­schichtlich sein. Daneben können sie auch Sage und Legende sein, soviel sie wollen oder soviel andere von ihnen wol­len.

Daneben können sie auch Holzfigürchen sein, wie ich sie ei­nige Tage vor Weihnachten von meinem Dachboden herunter­hole. Immer sind sie Requisiten der ewigen Weihnacht. Das kommt daher, daß sie aus »derselbigen Gegend« sind, nämlich aus der Gegend, in der das Heil geboren wird. Es gibt auch an­dere Gegenden auf der Welt, Gegenden, die noch ziemlich nahe liegen, und Gegenden, die weit davon entfernt sind. Ich glaube ja von mir persönlich, daß ich in einer ziemlich nahen Gegend oder gar in »derselbigen Gegend« lebe, denn ich habe nie weit bis Weihnachten, komme oft schon in derselben Nacht hin, aber ich habe doch auch Freunde und Bekannte, bei denen es eine halbe Ewigkeit dauert, ehe sie einmal hinkommen. Darum liebe ich die Hirtenfigürchen meiner Weihnachtskrippe so sehr. Wir stammen aus der­selben Gegend. Zufällig weiß ich sogar, daß wir aus derselben Familie stammen, denn ein Vetter meines Großva­ters hat sie geschnitzt, und auch mein Urgroßvater und mein Großvater haben welche geschnitzt.

Es ist darum möglich, daß ich selber kein besonderes Zeichen bekomme. Meine Vorfahren haben es mit den Hirten gehalten und sind mit ihnen zum Stall von Bethlehem gegangen. Da brauche ich gar kein besonderes Zeichen, ich weiß den Weg. Ich brauche nur immer meinem Urgroßvater oder meinem Großva­ter und seinem frommen Vetter nachzulaufen, die es mit den Hirten gehalten haben.

Es ist ein merkwürdiger Unterschied zwischen »derselbigen Gegend« und den anderen Ge­genden. Um mir dieses Unter­schiedes recht bewußt zu werden, stelle ich auch zum Epipha­niasfest die Heiligen Drei Könige an meine Weihnachtskrippe. Die waren aus dem Morgen­land, also aus einer anderen Gegend. Sie hatten auch ein Zeichen bekommen, auch aus ihrer gewöhn­lichen Beschäftigung heraus: Sie hatten »seinen Stern« gesehen. Aber was war das für ein Sehen! Ein lebenslängliches Studium war es vielleicht. Aus alten Schriften müssen sie herausgefunden haben: »Ein Stern geht auf!« Und dann haben sie Nacht für Nacht den Him­mel beobachten müssen, die Sternenbahnen be­rechnen, die Sternzeichen deuten, bis sie end­lich sagen konnten: »Dort, das ist sein Stern!« Bücher und Sterne führten sie nach dem Land der Juden. Auch unterwegs mußten sie die Sterne be­obachten, um Richtung und Gegend zu erkennen. Sie waren al­len möglichen Deutungen ausgeliefert. Daß es sich um einen König handeln mußte, schlossen sie aus den heiligen Schriften. Da dachten sie natürlich an die Königsburg von Jerusalem. Sie verliefen sich, verloren ihr Zeichen, mußten andere um Rat fra­gen, kamen in Gefahr, sich mißbrauchen zu lassen. Sie fanden auch, Gott sei Dank! Aber was war das für ein komplizierter und gefährlicher Weg!

Ganz anders »in derselbigen Gegend«! Die Hirten brauchten nicht nach fernen Sternen zu schauen. Das Licht kam zu ihnen herunter und umflutete sie. Sie erschraken, so unmittelbar leuchtete es um sie! Und sie brauchten nicht in alte Bücher zu schauen. Unmittelbar drangen himmlische Stimmen an ihr Ohr. Und was diese Stimmen sagten, war von einer einzigartigen Klarheit, Genauigkeit und Konkretheit. Die standesamtliche An­zeige einer Geburt kann nicht viel genauer sein: »Heute« – »in der Stadt Davids« – »der Heiland, der da ist Christus der Herr« – »dies zum Zeichen: ein Kind, in Windeln gewickelt, in der Krippe liegend«.

Darum sind die Menschen, die »in derselbigen Gegend«, das heißt nahe am Geburtsort des Heils wohnen, so klar und sicher in ihrem Glauben, obwohl sie nie etwas darüber gelesen haben und ganz und gar auf die himmlischen Stimmen angewiesen sind. Eben deshalb dürfen die Hirten an keiner Weihnachtskrip­pe fehlen, weil sie der Welt Zeugen sind, wie klar und genau und konkret man »in derselbigen Gegend« die himmlischen Wahr­heiten erfährt. Ach, manchmal schiebe ich alles Suchen und For­schen, alle meine Wissenschaft beiseite und bin wieder so, wie ich als Hütejunge auf den Weidewiesen unter dem Schlegler Vorwerk oder am Habichthügel nahe der Buchauer Grenze war – ganz unmittelbar mit dem Himmel verbunden. Ich will gar nichts wissen; es brauchen auch keine Engel sichtbar zu werden; denn ich weiß ja alles, ich habe ja alles; und ein Jubel ist rings um mich, hoch über mir und tief in mir, der, in Worte gefaßt, nicht anders lauten kann als »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Men­schen auf Erden, die guten Willens sind!«

Oh, ich weiß, daß man da von primitiver Religion, von Quietismus und Fatalismus oder wenn man höflicher sein will von religiöser Mystik spricht. Ich weiß auch, daß man das an mir bewundert und doch ein tiefes Mitleid und Bedauern nicht ganz unterdrücken kann. Ich wäre ja viel brauchbarer für die großen religiösen Auseinandersetzungen der Gegenwart, wenn ich mich leichter aus dem Hirtenfelde »in derselbigen Gegend« heraus­locken ließe. Ich selbst habe ein Herz, stark der Welt zugeneigt, und spüre nicht nur dieses Bedauern, sondern teile es auch, aber es hält mich »in derselbigen Gegend« fest. Die drei, vier Punkte, die da angegeben sind, lassen sich nicht so leicht zur Kenntnis nehmen wie die Angaben einer standesamtlichen Urkunde, daß man dann gleich wieder zu anderen Geschäften übergehen könnte; sie verzehren einen, so daß man ganz darin aufgeht. Man kann dann wohl noch manches in der Welt tun, kann weiter Schafe hüten oder neue Krippen machen oder wissenschaftliche Forschungen unternehmen oder Häuser bauen oder Politik trei­ben, aber religiöse Auseinandersetzungen der Gegenwart, nein, dafür hat man dann kein Organ mehr. Man beobachtet sie noch gern, weil Menschen, die man liebt, in sie verwickelt sind und ihren Scharfsinn, ihren Mut und ihr gan­zes inneres Antlitz zei­gen, liest davon, wie man von kriegerischen Verwicklungen fer­ner Völker, etwa in Afrika oder Asien, liest, weiß sogar, daß Feu­er bis an das eigene Haus und das eigene Leben kommen kann und hat gehörigen Respekt davor, aber daß ich daran teil­nehmen soll, erschiene mir ebenso überraschend, wie wenn ich jetzt als Freiwilliger in einen dieser Kriege ziehen sollte. Ich hätte ja ei­nen Revolver und kann auch damit schießen; ich hätte auch die­ses oder jenes Wissen, das für die religiöse Auseinandersetzung der Gegenwart ganz gut verwendbar wäre. Aber was würde schon mein Revolver für jenen Krieg bedeuten? Den Frieden könnte er nicht machen, und nur um des Friedens willen ist der Krieg da.

Der Friede ist aber nur »in derselbigen Gegend«; ich muß bei ihm bleiben, um ihn nicht selber zu verlieren. Die Heiligen Drei Könige, die Weisen aus dem Morgenland, die kriegführenden Staaten, die streitenden theologischen Richtungen … müssen auch in diese Gegend kommen, denn das ist ja doch der Zweck des ganzen Streites. Darum bleibe ich und warte. Sie werden schon kommen!

In meiner Heimat ist es bei den Weihnachtskrippen so, daß die Hirten vom Heiligen Abend bis Dreikönigstag an der Krip­pe stehen bleiben. Dann aber kommen die Könige und bean­spruchen den Platz unmittelbar an der Krippe. Da tut man die Hirten entweder wieder in die Kiste oder stellt sie abseits. Sie haben die Drei Könige nicht gerufen, sie sind auch nicht als Apostel in die Welt gegangen; ihr Hirtenstab verwandelte sich niemals in einen Bischofsstab, und ich sehe, niemand in der Welt nimmt es ihnen übel. Es ist auch nie ein Antrag gestellt worden, sie aus dem Evangelium zu entfernen, etwa weil sie eine gar zu geringe Bedeutung für das Evangelium und die Heilsgeschichte hätten. Lieber würde man den Paulus aus dem Neuen Testament entfernen.

Man hat zwar die Frage noch nicht aufgeworfen, aber ich glaube, es ist allgemeine Überzeu­gung, daß die Hirten sehr hübsch im Evangelium stehen, und manchmal leuchtet mir diese Tatsache so stark ein, daß ich ganz zufrieden damit wäre, wenn ich etwa in der Heilsge­schich­te einen ähnlichen Platz hätte. Sie haben gesagt: »Lasset uns nach Bethlehem gehen und die Ge­schichte sehen, die da geschehen ist!« und haben auch wirklich nicht viel mehr getan. Auf unseren Weihnachtskrippen tragen sie ja freilich Weihnachtsstriezel oder Opferlämmlein unterm Arm. Manche haben auch Flöten, Schalmeien oder Klarinetten; einer den Brummbaß, die schnurrende Stahlfeder, die man mit der Zunge zu höheren oder tieferen Tönen stimmen kann; und sie machen dabei Gesichter als ob sie wirklich sagten: »Und schön muß auch die Musik sein!« Aber das sind nur Symbole für den Herzenswillen und die Herzensstimmung, die »in derselbigen Gegend« zu Hause sind. Nach dem Evangelium kamen sie nur und sahen eben die Geschichte. Sie knieten nicht einmal nieder und beteten auch nicht an. Das taten erst die Heiligen Drei Kö­nige, und solche Dinge gehören immer einem späteren Stadium der heilsgeschichtlichen Entwicklung an. Zuerst sieht man ein­fach und ist selig.

Ach ja, sie mußten doch erklären, warum sie auf einmal da waren! Sie konnten nicht sagen, daß sie die messianischen Weis­sagungen studiert hätten; sie konnten sich nur auf die himmli­schen Stimmen berufen und nannten einfach die Zeichen. Aber was erreichten sie damit? »Alle, die das hörten, wunderten sich.« Das ist auch immer alles, was ich erreiche, wenn ich einmal er­zähle von der Geschichte, die ich gesehen habe. Das Evangelium deutet sogar an, daß es bei diesem Verwundern blieb und daß niemand die Worte behielt und im Herzen barg. Denn das Evan­gelium erwähnt im Gegensatz zu dieser allgemeinen Wirkung eine Ausnahme: »Maria aber behielt alle diese Worte und beweg­te sie in ihrem Herzen.« Ach, da will ich wohl zufrieden sein, denn der Evangelist will damit andeuten, daß diese Worte und mit ihnen auch die Hirten auf diesem Umwege ins Evangelium kamen. Ich möchte doch auch einmal in das große Evangelium kommen, das nicht bloß bis zur Himmelfahrt Christi, sondern bis zur Him­melfahrt der ganzen Menschheit reicht und in dem niedergeschrieben sein wird, wie jeder von uns sein Heil erfah­ren hat!

Hier der Text als pdf.

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