„Können wir denn überhaupt anders als diese entsetz­liche Schuld unseres Volkes gemeinsam vor Gott tragen und gemeinsam bekennen?“ Elisabeth Schmitz im Brief an Helmut Gollwitzer 1938

Gedenktafel_Elisabeth_Schmitz_Hanau_01

Als Helmut Gollwitzer nach den Novemberpogromen am Buß- und Bettag, 16. November 1938 in Berlin-Dahlem die Geschehnisse indirekt in seine Predigt über Lukas 3,3-14 einfließen ließ, hatte er Tags zuvor von Elisabeth Schmitz einen Brief erhalten. Sie hatte ihn wohl unmittelbar nach der „Reichskristallnacht“ persönlich aufgesucht und ihn zu einer kirchlichen Stellungnahme gedrängt. Im Brief vom 14./15. November führt sie die verbrecherischen Taten im Einzelnen aus und fordert konkrete Maßnahmen seitens der Bekennenden Kirche:

„1) Es ist einfach ganz unmöglich, daß ein Volk oder viel­mehr die Kirche eines Volkes, in dem diese Dinge geschehen sind, in der Woche danach einen Landes-Buß- und Bettag feiert, und von dem allen soll keine Rede sein.

2) Es muß irgend jemand Maßgebliches – es braucht ja nicht unbedingt jemand aus der Vorläufigen Kirchen-] L[eitung der Bekennenden Kirche] zu sein – ein persönliches Schreiben an Baeck [Rabbiner Leo Baeck galt als führender Repräsentant der religiösen Judenheit in Deutschland] oder an die jüdische Gemeinde richten.

3) Wir müssen auch mit Geld helfen. Zunächst unsern betroffenen Gemeindegliedern, danach auch den andern. […]

Freiheitsbewegungen kann man aufschieben und den besten Zeitpunkt abwarten. Die Verkündigung der Gebote – und zwar die konkrete Verkündigung hic et nunc – kann man nicht aufschieben. Hier hört alle Taktik auf. […] Niemand kann ja wissen, ob Gott auf den ruhigen Gemeindeaufbau, oder ob er nicht gerade auf das Leiden seinen Segen legen will. […]

Eine evangelische Kirche, noch dazu eine, die sich den Namen „Bekennende Kirche“ gegeben hat, in einem Land, in dem ge­schehen ist, was in Deutschland geschieht, müßte sofort in allen Ge­meinden Bußgottesdienste einsetzen. Und nun ist Bußtag – und die Kir­che sollte schweigen? Können wir denn überhaupt anders als diese entsetz­liche Schuld unseres Volkes gemeinsam vor Gott tragen und gemeinsam bekennen? … Es handelt sich um die Sache der Kirche, um ihren Ge­horsam, um ihren Auftrag, um ihre Ehre vor Gott und der Christenheit (und der Judenheit), aber nicht vor der Welt.“

Quelle: Andreas Pangritz, Nun ist Bußtag – und die Kirche soll schweigen? Die Reaktion von Elisabeth Schmitz auf die Novemberpogrome 1938, in: Manfred Gailus (Hrsg.), Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenver­folgung. Konturen einer vergessenen Biografie (1893-1977), Berlin: Wichern 2008, S. 166-168.

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