Helmut Gollwitzers Bußtagspredigt 1938 über Lukas 3,3-14 : „Wer soll denn heute noch Buße predigen? Ist uns nicht allen der Mund gestopft an diesem Tage?“

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Die brennende Synagoge an der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg Foto: © Bayerische Staatsbibliothek München

Nach den Novemberpogromen 1938 hatte Helmut Gollwitzer an Buß- und Bettag, 16. November in Berlin-Dahlem die Geschehnisse indirekt in seine Predigt über Lukas 3,3-14 einfließen lassen (während Julius von Jan noch deutlicher wurde):

Liebe Gemeinde!

Wer soll denn heute noch predigen? Wer soll denn heute noch Buße predigen? Ist uns nicht allen der Mund gestopft an diesem Tage? Können wir heute noch etwas anderes, als nur schweigen? Was hat nun uns und unserem Volk und unserer Kirche all das Predigen und Predigthören genützt, die ganzen Jahre und Jahrhunderte lang, als dass wir nun da angelangt sind, wo wir heute stehen, als dass wir heute haben so hereinkommen müssen, wie wir hereingekommen sind? Was hat es genützt, dass Gott unserem Volk so viel hat gelingen lassen? Was hat die große, freudig empfangene Gabe des Friedens [gemeint ist die britisch-deutsche Friedenserklärung] vor noch nicht zwei Monaten genützt, als dass jetzt jedes der Zehn Gebote, die wir soeben gehört haben, wie ein Hammer uns traf und uns niederschlug? Welch ein kurzer Augenblick liegt zwischen jener Friedensnachricht und diesem Bußtag? …
Was muten wir Gott zu, wenn wir jetzt zu ihm kommen und singen und die Bibel lesen, beten, predigen, unsere Sünden bekennen, so, als sei damit zu rechnen, dass Er noch da ist und nicht nur ein leerer Religionsbetrieb abläuft! Ekeln muss es ihn doch vor unserer Dreistigkeit und Vermessenheit. Warum schweigen wir nicht wenigstens? Ja, es wäre vielleicht das Richtigste, wir säßen heute hier nur schweigend eine Stunde lang zusammen, wir würden nicht singen, nicht beten, nicht reden, nur uns schweigend darauf vorbereiten, dass wir dann, wenn die Strafen Gottes, in denen wir ja schon mitten drin stecken, offenbar und sichtbar werden, nicht schreiend und hadernd herumlaufen: wie kann Gott so etwas zulassen? – ach wie viele von uns werden’s dann ja tun und in ihrer Blindheit keinen Zusammenhang sehen zwischen dem, was Gott zulässt, und dem, was wir getan und zugelassen haben. Wir sollten uns vorbereiten darauf, dass wir dann ja sagen zu dem, was kommt: „Ach Herr, unsere Missetaten haben’s ja verdient.“ (Jer 14,7) …
Das Wort Buße macht die Tür zur engen Pforte, das verachtetste und das wichtigste Wort in dieser unserer Zeit. Denn es ist eine unbußfertige Zeit und ihre Unbußfertigkeit ist das Ge­heimnis ihres Elends. Weil sie dies Wort nicht hören kann, darum zerbricht ihr immer mehr auch das, was zwischen den einzelnen Menschen das Nötigste ist: dass einer dem anderen sein Recht geben kann, dass jeder seinen eigenen Irrtum und seine eigene Schuld eingestehen kann, dass er die Schuld nicht beim anderen, sondern bei sich selbst sucht, gegen den anderen milde und gegen sich selbst streng ist. … Wer Gott gegenüber seine Schuld nicht mehr einge­stehen kann, der kann sie bald auch den Menschen gegenüber nicht mehr eingestehen. Da beginnt dann der Wahnsinn, der Verfolgungswahn, der den anderen verteufeln muss, um sich selbst zu vergöttern. Wo die Buße aufhört, ist es auch mit der Humanität zu Ende, da muss die Gemeinschaft zerbrechen …

Ihr Otterngezücht!“ – so wird hier ein ganzes Volk angeredet. Ein Volk, das nach allen, was wir von ihm wissen, unter keinen Umständen schlechter war als das unsere heute. Ein Volk, das in einem gerechten Selbstbehauptungskampf gegen fremde Unterdrücker stand und sich eifrig befleißigte, die göttlichen Gesetze zu vernehmen und zu befolgen. Würde der Täufer Johannes heute den gleichen Ruf erheben, so würde er wahrscheinlich als Landesverräter ver­schrien werden und sicher würde sich in der evangelischen Kirche eine Einheitsfront fin­den, die ihn als Volksschädling und als Schädling der Kirche verurteilt und die Bezie­hun­gen zu ihm abbricht …

Genug Anzeichen sagen es uns, dass die Fronten sich nicht gegenüberstehen, wie schuldig und unschuldig, wie schwarz und weiß, sondern dass wir mit verhaftet sind in die große Schuld, dass wir mit schamrot werden müssen und mit gemeinsamer Schande behaftet sind. Es steckt ja in uns allen; dass man erleben kann, wie biedere Menschen sich auf einmal in grausame Bestien verwandeln, ist ein Hinweis auf das, was mehr oder weniger verborgen in uns allen steckt. Wir sind auch alle daran beteiligt, der eine durch die Feigheit, der andere durch die Bequemlichkeit, die allem aus dem Wege geht, durch das Vorübergehen, das Schweigen, das Augenzumachen, durch die Trägheit des Herzens, die auf die Not erst dann aufmerksam wird, wenn sie offen zu sehen ist, durch die verfluchte Vorsicht, die sich durch jeden schiefen Blick und jeden drohenden Nachteil von jedem guten Werk abbringen lässt, durch die törichte Hoffnung, es werde sich schließlich doch alles noch von selbst zum guten entwickeln, ohne dass man sich mutig dafür einsetzt. In alle dem werden wir als mitschuldig offenbar, als Menschen, die ihr eigenes Leben und sich selbst lieb haben und die für Gott und den Nächsten gerade noch so viel Liebe übrig haben, als man ohne Mühe und Belästigung abgeben kann …

Was sollen wir denn tun? Zur Antwort rückt dir der Täufer Johannes im Augenblick der Vergebung deinen Nächsten vor die Augen. Die Unbußfertigkeit zerbricht die Brücke von dir zum Nächsten. Die Buße baut diese Brücke wieder neu. Dieser Nächste zeichnet sich durch nichts aus, was man sonst auf Erden braucht, um Hilfe zu bekommen; es ist nicht gesagt, dass er ihrer würdig ist; es ist nicht gesagt, dass zwischen ihm und dir sonst noch eine Verbindung besteht, eine Gemeinschaft der Rasse, des Volkes, der Interessen, des Standes, der Sympathie. Er kann nur das Eine aufweisen, und das eben macht ihn zum Nächsten: er hat nicht, was du hast. Du hast zwei Röcke, er hat keinen, – du hast etwas zu essen, er hat nichts mehr, – du hast Schutz, er ist schutzlos, – du hast Ehre, ihm ist sie genommen, – du hast Familie und Freundschaft, er ist vereinsamt, – du hast noch etwas Geld, er hat keins mehr, – du hast ein Dach überm Kopf, er ist obdachlos. Außerdem ist er dir noch ganz preisgegeben, deiner eigennützigen Gewinnsucht (erkenne dich im Beispiel der Zöllner!) und deinem Machtgefühl (erkenne dich heute im Beispiel des Soldaten!). …

Nun wartet draußen unser Nächster, notleidend, schutzlos, ehrlos, hungernd, gejagt, und umgetrieben von der Angst um seine nackte Existenz, er wartet darauf, ob heute die christ­liche Gemeinde wirklich einen Bußtag begangen hat. Jesus Christus wartet darauf!
Amen.

Quelle: Helmut Gollwitzer, Zuspruch und Anspruch. Predigten. Chr. Kaiser Verlag: München 1954, S. 36ff.

Hier der Text als pdf.

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