Eberhard Jüngels Nachruf auf Karl Barth vom Dezember 1968: „Oder dachte er von dem sich erniedrigenden Gott so hoch, redete er des­halb so assertorisch, handelte er deshalb so kompromißlos, weil ihn die Anfechtung nicht nur beten, sondern eben auch denken, reden und handeln lehrte?“

Karl_Barth Grabstein
Karl Barths Grab auf dem Friedhof Hörnli in Basel (Foto: EinDao/Wikipedia)

Einen Tag nach Karl Barths Tod hielt Eberhard Jüngel am 11. Dezember 1968 nach seiner Vorlesung im Rahmen des Dogmatik-Kollegs einen Nachruf, der es immer noch in sich hat:

Karl Barth

Von Eberhard Jüngel

I.

Karl Barth hat intensiv gelebt. Er hat bis zuletzt sozusagen mit allen Fasern seines starken Geistes und seines geschwächten Leibes gelebt. Die Kraft, präsent zu sein, erfüllte seine Existenz mit einer ihm eigentümlichen seltenen Geistes-Gegenwart, die der Gegenwart des Leibes keineswegs feind war. Die paulinische Lust, abzuscheiden, war ihm fremd. Als ihn schwere Erkrankungen dazu nötigten, dem eigenen Tod ins Auge zu sehen, tat er es mit jenem kurzen schrägen Seitenblick, den er auch theologisch den dunklen Mächten gegenüber für angemessen hielt. Das Licht in der Finsternis interessierte ihn mehr als die Finsternis. Dem ewigreichen Gott nachzudenken, hielt er für notwendiger, als der traurigen Herrlichkeit des Todes nachzusinnen. Karl Barth hat gern gelebt.

Die höchst persönliche Lebendigkeit dieses Mannes, seine in Wort und Tat unvergleichlich lebendige Persönlichkeit wird vielen fehlen. Sie wird den Freunden und den Gegnern fehlen. Die Leerstelle ist unübersehbar. Wer war der Mann, dessen Tod die Welt, noch ein­ mal, auf merken läßt? Warum hat sein Leben Aufmerksamkeit verdient?

War er der letzte zünftige Theologe? Hat er der Theologie neue Wege gewiesen? Geht mit ihm eine theologiegeschichtliche Epoche zu Ende? Fing mit ihm der Anfang einer nur zö­gernd sich einstellenden Zukunft theologischer Existenz an? Hat er denkend, redend und handelnd zu hoch gegriffen, um einer aus der – tiefer als je empfundenen – Tiefe nach Gott schreienden oder schon nicht mehr nach Gott schreienden, sondern nur noch sich selbst bekla­genden und sich selbst beruhigenden Menschheit mit seinem Riesenwerk wirklich hilfreich werden zu können? Oder dachte er von dem sich erniedrigenden Gott so hoch, redete er des­halb so assertorisch, handelte [622] er deshalb so kompromißlos, weil ihn die Anfechtung nicht nur beten, sondern eben auch denken, reden und handeln lehrte? In dem kleinen Seufzer, mit dem wir zu Gott sagen: Ach, ja!, steckt alles, und alles muß auch immer wieder zu diesem kleinen Seufzer werden – behauptete Barth, als er an einem 1011 Seiten zählenden Teilband seiner Kirchlichen Dogmatik arbeitete. Hat ihn dieses „Ach, ja“ empor gebracht? Wer war Karl Barth?

II.

Zweifellos ein großer Mensch. Größe ist allerdings keine theologische Kategorie. Die Evange­lien reden nicht ohne Ironie von denen, die angesichts des Himmelreichs groß sein wollen. Und in der Tat bleibt alle menschliche Größe zweideutig und von ironischer Ambivalenz, so­lange sie ursprungslos aus sich selber verstanden zu werden beansprucht. Eindeutig wird die Größe eines Großen erst dann, wenn wir erkennen, daß eine große Sache ihn groß gemacht hat. Man muß in einem solchen – und sei es noch so aktiven – Leben ein Passiv erkennen können, eine sachliche Leidenschaft. Nach ihr ist gefragt, wenn wir fragen, was Karl Barth zu dem großen Mann gemacht hat, der er zweifellos war.

Zu etwas gemacht werden heißt: eine Geschichte haben. Man müßte vom zeitlichen Ende ei­ner Lebensgeschichte in diese zurück blicken können, man müßte mit den Augen des alten Karl Barth in sein Wirken und vor allem in seine Widerfahrnisse Einblick zu gewinnen ver­mögen, um sagen zu können, wer er war. Doch „die eigentümliche Weise, wie der einzelne sein vergangenes Leben betrachtet, kann niemand mit ihm teilen“. Goethe hat das behauptet. Ein Großer also, der mit diesem Satz der Vermessenheit wehrt. Auch der Glaube, der vor Gott alle gleich sein läßt, hebt die Wahrheit dieser Behauptung nicht auf. Wir haben sie als Vorbe­halt zu respektieren, wenn wir eines ungewöhnlich reichen Lebens gedenken. Es steht auch den Christen wohl an, einen Großen unter ihnen groß sein – und das heißt: ihn selbst sein – zu lassen.

III.

Karl Barth hat im hohen Alter dankbar auf sein langes Leben zurück geschaut. Dankbarkeit war für ihn jedoch identisch mit äußerster Selbstkritik. Nicht einerseits kritisch und anderer­seits dankbar, sondern beides zugleich und beides ganz und gar – das war die ihm eigentüm­liche Weise, sein vergangenes Leben zu betrachten, die niemand mit ihm teilen kann. Bis in die letzten theologischen Gespräche hinein stellte er sich und anderen die Frage, wo er seiner Aufgabe nicht gerecht geworden sei, wo er Entscheidendes versäumt habe. Und das nicht in unverbindlicher Allgemeinheit, sondern in Form höchst konkreter Anfragen an das eigene Werk. [623]

In solcher Selbstkritik verrät sich nicht etwa eine übermäßige Bescheidenheit. Barth war kei­neswegs nur selbstkritisch, sondern ein polemischer Kritiker von erheblicher und mitunter sogar verletzender Schärfe. Er haßte falsche Bescheidenheit. Und zuviel echte Bescheidenheit liebte er jedenfalls nicht. Nur die Lumpen sind bescheiden, konnte er zuweilen mit einem Basler Unterton sagen.

In seiner Selbstkritik sprach sich vielmehr Barths sachliches Verhältnis zur Sache der Theolo­gie aus. Es bestand darin, mit dieser Sache stets noch einmal anzufangen. Das hat ihn groß gemacht. Wenige Theologen waren am Ende so wenig fertig wie Karl Barth. In der Theologie fortfahren bedeutete für ihn niemals etwas anderes als: von neuem anfangen. Nicht zufällig ist seine Kirchliche Dogmatik so dick.

IV.

Mit dem Anfangen nicht aufzuhören – war es das, was diesen Gelehrten menschlich so uner­hört erfrischend wirken ließ? War es die zeitliche Freude am ewigen Anfang, die den Besu­cher in seiner Gegenwart so etwas wie ein – man verzeihe den heidnischen Ausdruck –Dai­monion spüren ließ? Lag da der Ursprung seines hintergründigen, männlichen Charmes? Konnte er deshalb wie nur wenige über sich selber lachen? War das die Wurzel seiner immer wieder Ärgernis erregenden Entschlossenheit zum Bruch mit der opinio communis? Hat er darum der sehr wohl erfahrenen Anfechtung nur implicite gedacht? Und Mozart geliebt und immer wieder nur Mozart?

Auf jeden Fall ist Barths stets praktizierte Bereitschaft zum Anfangen das Geheimnis seiner theologischen Sachlichkeit. „Theologische Arbeit unterscheidet sich von anderer dadurch – sie könnte aber auch für alle geistige Arbeit darin exemplarisch sein –, daß, wer sie tun will …, darauf angewiesen ist, jeden Tag, ja zu jeder Stunde neu mit dem Anfang anzufangen.“ In diesem Sinn hat Barth, von einem unbändigen Vergnügen an der Sache der Theologie erfüllt, hart gearbeitet. Sein Genie war auch Fleiß. Er war ein königlicher Arbeiter. Er blieb ein an­fänglicher Mensch.

Barth meinte einen bestimmten, einen konkreten Anfang, mit dem stets neu anzufangen auch dem Denken bekömmlich sein sollte. Die allgemeine Frage nach der arché bewegte ihn we­nig. „Latet periculum in generalibus!“ Barths Theologie ist eine entschlossene Wendung zum Besonderen, Bestimmten, Konkreten, um von daher auch das Allgemeine noch als konkrete Bestimmtheit zur Geltung zu bringen. Seine geschichtliche Neugierde schreibt sich daher und wohl auch die selten gewordene Gabe, gesammelt zuzuhören. Im Anfang war das Wort. Wor­te muß man hören können. Konkret nannte Barth den Anfang, weil der Anfang einen Namen hat: Jesus Christus. Mit Jesus Christus stets neu anfangen – das hieß für Barth dann aller-[623]dings sich weiterführen und durch Fortschritte auch überraschen lassen. Diesem einen konkreten Anfang hat er bis zum Ende kompromißlos nachgedacht.

V.

Eine ordentliche Theologie macht keine Kompromisse. Das unterscheidet sie von der Kir­chenleitung und nicht nur von ihr. Barths Theologie ist kompromißlos – Theologie. War sie deshalb dem Zeitgeist ferner als andere zeitgenössische Versuche, der Wahrheit Raum zu geben? Schon die Vielfalt seiner sprachlichen Möglichkeiten sollte davor warnen, das – para­doxerweise fast nur von Theologen präparierte – gängige Urteil gedankenlos nachzusprechen. Dieser Mann hat tief in die Welt geblickt. Man hätte das merken können. Man müßte ihn dann freilich lesen.

Kompromißlosigkeit läßt sich auch mit Konzentration übersetzen. Wer sich auf Eines konzen­triert, ist deshalb noch lange nicht einseitig, es sei denn, man wolle ihn einen einseitigen Feind der Zerstreutheit nennen. Gegen theologische Zerstreutheit ist Barths Kompromißlosigkeit ge­richtet.

„Theologie kennt und übt nur eine Treue.“ Angriffe und Selbstkorrekturen dienten diesem Ziel. Die verschiedenen Wendungen der Barthschen Theologie, die Donnerschläge gegen den sogenannten Kulturprotestantismus linker und rechter Prägung, der Widerruf des ersten Dog­matikbandes, der Bruch mit den Kampfgenossen, die einst „Zwischen den Zeiten“ angetreten waren, das zornige Nein gegen den Zürcher Freund Emil Brunner, die vehemente Abneigung gegen das von Otto Dibelius proklamierte „Jahrhundert der Kirche“ und – keineswegs eine metabasis eis allo genos, sondern in strenger theologischer Stringenz – der entschiedene poli­tische Kampf für die Autorität der Freiheit: alles das erklärt sich aus der Bewegung eines sich unverkrampft konzentrierenden Denkens. Die Konzentration galt dem Evangelium, von dem her auch das Gesetz zu verstehen sei, dem Jawort Gottes, das nur, indem es bejaht, auch Nein sagt.

VI.

Barth hat Kirche und Welt mit dem Evangelium angegriffen. Dieser Angriff hat ihn nicht nur von der liberalen Theologie (wie man wohl weiß), sondern ebenso von jeder positivistischen Orthodoxie (was man gern übersieht oder verschweigt) fundamental unterschieden. Daß zu guter Letzt noch die traditionelle Tauflehre und Taufpraxis Objekt seines energischen An­griffs wurde, wird den schon als „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“ akkreditierten Theolo­gen nicht nur bei lutherischen Kirchenleitungen in Mißkredit bringen. Als ihn ein um die Einheit der Christenheit besorgter deutscher Dogmatikpro-[625]fessor beschwor, von der Veröffentlichung dieser Tauflehre abzusehen, hat er mit Verachtung reagiert. „Die Theologie kann und darf sich kein Dogma, keinen Bekenntnissatz der kirchlichen Vorzeit ungeprüft … zu eigen machen …: keine schlimmere Häresie als solche Orthodoxie.“

Lapidar formulierte sich der evangelische Angriff auf Kirche und Welt in der theologischen Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen. Jede ökumenische Berufung auf Karl Barth wird ihre Legitimität an diesem Prüfstein zu erweisen haben: dem kompromißlosen Ja zu Jesus Christus.

VII.

Den Grundakt seiner theologischen Existenz hat Barth selbst mit einer augustinischen Formu­lierung angegeben: credo ut intelligam. Er hat beide Teile des Satzes nacheinander pointiert. Credo – das bedeutete Freiheit von jedem Diktat eines sachfremden intelligere; ut intelligam – das bedeutete Freiheit zum sachgemäßen Verstehen. Und Barth wollte verstehen. Sein Glaube suchte die Erkenntnis. „Fides quaerens intellectum“ überschrieb er sein ihm liebstes Buch. Barths Theologie ist –intelligent. Den Heiligen Geist hielt er für den intimsten Freund des gesunden Menschenver­standes. Man spürt in vielen Veröffentlichungen Barths eine tiefe Abneigung gegen mensch­liche Dummheit. Und die Behauptung, „daß wir nichts wissen kön­nen“, war ihm ebenso an­stößig wie die Meinung, daß der Mensch alles zu wissen vermö­ge. Der Verzicht auf Verste­hen und die Anmaßung, alles zu verstehen, waren für ihn zwei Seiten derselben Dummheit. Intelligent ist die Theologie Barths eben darin, daß sie ihre Gren­zen kennt und in ihren Gren­zen fröhliche Wissenschaft ist. An ihren Grenzen hat diese Theo­logie ihre Freiheit gewonnen.

VIII.

Als freie Theologie eines freien Mannes ist das Lebenswerk Barths zu würdigen, weil es auch inhaltlich letztlich nichts anderes ist als der Versuch einer Theologie der Freiheit: Rede von der souveränen Freiheit des gnädigen Gottes und von der verantwortungsvollen Freiheit des begnadeten Menschen. Zu dieser Freiheit Gottes sowohl als des Menschen hat Barth denkend Ja gesagt. Um ihretwillen hat er Nein gesagt. Den Feinden der Freiheit war er feind. Freunde der Freiheit zu werben, hat er sich nicht geniert. Noch im letzten Lebensjahr hat er die Freundschaft eines Schriftstellers gesucht und gefunden, dessen Freiheit zur Ehrlichkeit ihm Eindruck gemacht hat. Und seine Studenten zu Freunden der Freiheit zu erziehen, war das erklärte Ziel seiner akademischen Lehrtätigkeit.

Es spricht für die Kraft dieses Unternehmens, daß Barth nicht nur in der evangelischen Chri­stenheit, sondern in allen christlichen Kon-[626]fessionen, aber auch extra muros ecclesiae Freunde der Freiheit gefunden hat. Es mußten durchaus nicht Barthianer sein.

Freiheit Gottes – das hieß für Barth: Gott selbst. Die eindeutige Größe seines Lebenswerkes besteht in dem strengen Versuch, Gott selbst zu denken. Die Polemik seiner Theologie gilt den Surrogaten. Keine Idee, keine Ideologie, kein frommes Postulat, aber auch kein theologi­scher Begriff sollte an die Stelle Gottes treten dürfen. Gott läßt sich nicht vertreten. Er tritt für sich selber ein. Er offenbart sich.

Wo es aber um Gott selber geht, da kann nur der Mensch selbst Gott entsprechen. Keine Vor­stellung vom Menschen, kein Menschenbild, kein theoretischer oder praktischer Ersatz, son­dern der freie, nämlich der befreite Mensch selbst. Der Mensch ist gerade als das seinem Gott entsprechende, als respondierendes Wesen unverwechselbar er selbst – lehrte Karl Barth.

Karl Barth war eine respondierende Existenz. Er war er selbst. Sein Denken und sein Leben war der gesammelte Versuch anzuzeigen, daß „Gott“ ein erfreuliches Wort ist.

Es war nichts weiter als diese Anzeige, mit der Karl Barth, die Gemeinde Jesu Christi erbau­end, ein Jahrhundert hat bauen helfen. Das Lebenswerk Barths ist zumindest dies: eine nicht nur den Theologen geltende gewaltige Provokation, auf eigene Weise weiterzubauen.

Nach einer Vorlesung im Rahmen des Dogmatik-Kollegs an der Universität Zürich vom 11. Dezember 1968, mit freundlicher Zustimmung der Neuen Zürcher Zeitung, die diese Vorle­sung in Nr. 133 vom 2. 3. 1969 veröffentlicht hat.

Quelle: Evangelische Theologie, Band 29 (1969), Heft 12, Seiten 621-626.

Hier der Text als pdf.

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