Karl Barths Predigt über Johannes 16,33 an Heiligabend 1963 aus der Strafanstalt Basel: „Ich habe die Welt überwunden. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Ich! Das Kind in der Krippe zu Bethlehem sagt uns das — in größter Demut, aber auch in größter Macht und Bestimmt­heit.“

Albrecht Altdorfer - Heilige Nacht
Albrecht Altdorfer – Heilige Nacht (1511)

Die letzte Predigt Karl Barths zu Weihnachten (die im Rundfunk live übertragen wurde) hatte dieser über Johannes 16,33 an Heiligabend 1963 in der Strafanstalt Basel gehalten. Da wird die „Welt“ und das ereignisreiche Jahr 1963 mit dem Christuswort konfrontiert:

Aber seid getrost! Predigt über Johannes 16,33

Von Karl Barth

Großer und heiliger Gott! In deinem lieben Sohn, unserem Herrn Jesus Christus, bist du selbst als Einer wie wir in unsere Mitte getreten, ganz der Unsrige geworden, damit wir ganz die Deinigen sein dürften. So hast du uns Erlaubnis, Gebot und Macht gegeben, dich zu erkennen, dich zu lieben und zu loben.

Um Solches gemeinsam zu tun, sind wir in dieser Abendstunde vor dem Fest deiner Geburt zusammengekommen. Wir möchten dir danken für das Werk deiner allmächtigen Barmher­zigkeit. Wir müssen freilich auch sofort bekennen, daß wir, unsere Gedanken, unsere Worte, unser Leben hinter dem, was du für uns bist und tust, immer wieder schwer und schmählich zurückbleiben. Und so können wir dich nur bitten, deine starke und gütige Hand dennoch nicht von uns abzuziehen, uns fernerhin Vater und Bruder, Heiland und Herr zu sein.

Schenke uns auch in dieser Stunde etwas von der unbegreiflichen und unverdienten Gnade deiner Gegenwart! Laß es im Licht deines Wortes und in der Kraft deines Geistes geschehen, daß wir dich und daß wir uns untereinander und ein Jeder sich selbst ein wenig besser verste­hen lernen und so neuen Trost, neuen Mut, neue Geduld, neue Hoffnung gewinnen! Laß das |108| heute und morgen überall geschehen, wo Menschen — ob sie es wissen oder nicht — darauf warten, daß ihnen das Geheimnis der Weihnacht als ihr Heil und ihr Leben offenbar werde! Unser Vater …! Amen.

In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost! Ich habe die Welt überwunden.

Meine lieben Brüder!

Wir sind an diesem Heiligen Abend beieinander, um uns gemeinsam darauf vorzubereiten, morgen die Weihnachtsbotschaft zu vernehmen. Ihr wißt, daß diesmal unsichtbar auch viele andere Menschen am Radio zuhören, wie wir hier beten, singen und Gottes Wort zu uns reden lassen: draußen in der Stadt, in der übrigen Schweiz, auch in großen Teilen von Deutschland. Das soll uns hier nicht stören, sondern freuen. «Alle Luft jauchzt und ruft: Christus ist geboren», haben wir ja eben gesungen. So grüßen wir auch diese mit uns Hörenden.

Ich habe die Welt überwunden. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Ich! Das Kind in der Krippe zu Bethlehem sagt uns das — in größter Demut, aber auch in größter Macht und Bestimmt­heit. Ich, der Sohn Gottes, des allmächtigen Vaters, des Schöpfers des Himmels und der Erde! Ich, den er euch Menschen als Menschensohn wie ihr selbst gegeben hat, damit er euer Gott sei und ihr sein Volk seid — damit das Heil, der Friede, die Freude dieses Bundes über euch komme! Ich habe die Welt überwunden. Nicht ihr bösen und auch nicht ihr guten Men- |109| schen, ihr Dummen nicht und ihr Gescheiten auch nicht, ihr Gläubigen nicht und auch nicht ihr Ungläubigen! Kein Papst und kein Konzil, keine Regierung und keine Universität hat das getan, keine Wissenschaft und keine Technik — und wenn es euch gelänge, übermorgen auf der Milchstraße Schlitten zu fahren. Ich habe das getan.

Ich habe die Welt überwunden. Es geht um die Welt in der Weihnachtsbotschaft. Die Welt: das ist unser großes Wohnhaus, als Gottes Schöpfung so gut und herrlich gebaut und geordnet — und nun doch so voll Finsternis, eine Stätte von so viel Übeltat und Traurigkeit. Die Welt: das sind wir selber, wir Menschen, auch wir von Gott gut geschaffen und von Anfang an dazu bestimmt, seine Kinder zu sein — und nun doch von ihm abgefallen, seine Feinde, darum auch Feinde untereinander, darum ein jeder sein eigener Feind. Eben diese Welt hat Gott so sehr und in der Weise geliebt, daß er ihr mich, seinen Sohn — so spricht das Kind von Bethlehem — schenken wollte und geschenkt hat [vgl. Joh. 3, 16].

Ich habe die Welt überwunden, sagt dieses Kind. Es brauchte wohl einen großen Herrn dazu, um das zu tun! Ja, aber da ist er. Ein wunderlicher Herr freilich, ganz anders als die anderen großen Herren, die wenigstens diesen oder jenen Weltteil überwinden, unterwerfen, durch Schlauheit und Gewalt sich zu Füßen bringen zu können meinen. Ein Herr, der als armer Leute Kind in der Fremde, in einem Stall geboren, in der Nähe von Ochs und Esel in eine Krippe gelegt wurde — und wer weiß, ob das Holz dieser Krippe nicht aus dem gleichen Wald genommen war, in welchem später wieder Holz geschlagen wurde, um ein Kreuz zu zimmern? Denn damit und so hat dieses Kind die Welt überwunden, daß es sich für ihre Sünde und Schuld dem Tod der Schande ausliefern ließ. So hat es sie dem Verderben entris­sen. So hat es sie mit Gott |110| versöhnt. So hat es sie für Gott gewonnen. So hat es sie wie­derhergestellt. So hat es uns Menschen uns selbst herrlicher als zuvor wiedergegeben.

Ich habe die Welt überwunden, hören wir. Nicht: ich werde das irgendeinmal tun! Sondern: Es ist vollbracht [Joh. 19, 30], es ist geschehen, ich habe es getan. Euch bleibt nur übrig, zu bemerken und euch darauf einzustellen und einzurichten, daß ihr in der von mir überwunde­nen Welt lebt — von mir überwundene Menschen schon seid!

Das ist die Weihnachtsbotschaft. Das zu vernehmen, gelten zu lassen, in uns aufzunehmen, damit zu leben — dafür wollen wir uns an diesem Heiligen Abend alle miteinander bereit machen: Ich habe die Welt überwunden.

Doch halt! Das könnte nun, wenn Er, Jesus Christus, es uns nicht sagte, allzu schön sein, um wahr zu sein. Und eben Er sagt uns ja, wie wir hörten — und das sogar zuerst — noch etwas sehr Anderes: In der Welt habt ihr Angst.

«Angst» hat viel zu tun mit Enge. Angst ist Beengung, Beklemmung, Bedrängnis durch eine uns bedrohende Gefahr. Und nun sagt uns der Herr zwar nicht, daß wir Angst haben dürften oder gar sollten und müßten. Wiederum macht er es uns auch nicht zum Vorwurf, daß wir Angst haben. Er stellt es aber ganz nüchtern fest: In der Welt habt ihr Angst.

Möchten wir davon vielleicht lieber nichts hören? Denken wir vielleicht: das passe nun doch zu schlecht in die Weihnachtszeit, zu unseren Weihnachtsliedern, Weihnachtslichtern, Weih­nachtsgeschenken? Sehen wir wohl zu, liebe Brüder: unser ganzes Weihnachtswesen könnte unehrlich, könnte eine große Einbildung sein, wenn wir das nicht auch hören wollten: In der Welt habt ihr Angst. Eben das Kind in der Krippe zu Bethlehem, eben der auf Golgatha ans Kreuz Geschlagene sagt |111| uns ja Beides: Ich habe die Welt überwunden — und: In der Welt habt ihr Angst. Wollten wir uns vor Diesem die Ohren zuhalten, dann würden wir wohl auch Jenes nicht hören und verstehen. Wir wollen uns darum auch das aufrichtig, wie es uns gesagt ist, sagen lassen: Wir haben Angst — auch die Starken unter uns, auch jetzt, auch an diesem Heiligen Abend.

Es gibt eine Angst schon vieler junger Menschen: vor sich selbst, vor dem ihnen bevorstehen­den Leben mit seinen unheimlichen Schwierigkeiten, die sie vielleicht erst ahnen, vielleicht aber auch schon nur zu gut kennen.

Es gibt eine Angst der alten Leute: vor dem Überhandnehmen ihrer leiblichen und geistigen Schwächen und Beschwerden — vor dem Gedanken, sie könnten nun ihre ganze Zukunft nur noch hinter sich haben, zu nichts Rechtem mehr zu brauchen sein.

Es gibt auf allen Altersstufen das, was man wohl «Platzangst» nennt: die Angst vor den Leu­ten, gerade vor den Nächsten vielleicht, die immer etwas von einem wollen, einem immer zu nahe treten — die Angst vor dem Gedränge der Vielen, in deren Mitte man sich kurioser Wei­se gerade ganz einsam und verloren fühlt.

Es gibt eine wohlbegründete Angst vor den schweren Verantwortlichkeiten, in die wir gestellt sein können: ich brauche euch nicht zu verhehlen, daß ich, solange ich denken kann, immer, und so auch gestern und heute, Angst gehabt habe, wenn ich predigen sollte.

Es gibt — auch das eine sehr ernsthafte Sache — die Angst angesichts des beständigen Ver­rinnens der Zeit, der Tage, Wochen und Jahre dieses unseres einzigen kurzen Lebens. Bringen wir sie nicht zu wie ein Geschwätz? Ist es nicht, als flögen wir davon [vgl. Ps. 90, 9f.]? |112|

Und dann die Angst vor gewissen gefährlich und verderblich auf uns zukommenden Ereignis­sen: vor einer verdächtig heranschleichenden tödlichen Krankheit etwa. Unvorstellbare Angst jener achtzig Menschen in dem bei Dürrenäsch abstürzenden Flugzeug in den Minuten und Sekunden, da sie merken mußten, was ihnen jetzt unvermeidlich bevorstand — und so der Menschen in Skoplje, als die Erdstöße kamen, einer nach dem anderen — und so der Men­schen im Piavetal, als der Damm brach und die Fluten hereinbrachen, um ganze Dörfer zu ertränken!

Und war es nicht auch eine große Angst, die uns vor Monatsfrist an jenem Abend erfaßte, als die erschütternde Nachricht von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten durchging — und tags darauf die widerwärtige Nachricht von der Ermordung seines Mörders: Angst vor dem, was nun werden solle, und schlicht die Angst vor den grausigen Möglichkeiten, die im Leben der menschlichen Gesellschaft offenbar jeden Augenblick wirklich werden können?

Ist es nicht auch Angst erregend, zu sehen, wie gewisse Irrtümer und Lügen, die man für über­wunden, vielleicht für seit Jahrhunderten überwunden hielt, in der Geschichte der Menschheit, auch der christlichen Menschheit, immer neu aufbrechen und Kraft gewinnen? Drängt sich der Gedanke nicht manchmal auf, wir möchten uns in einem einzigen großen Irrenhaus befinden — und ist das nicht ein Angst erregender Gedanke?

Und da sind wir ja schon bei der Angst vor der Atombombe, von der heute so viele Menschen offen oder heimlich bewegt sind und von der man ja ernstlich wünschen möchte, daß viel mehr Menschen gründlich von ihr bewegt wären. Es ist ja schön und gut, daß nun eine Abrede besteht, laut derer mit diesem Teufelszeug in Zukunft nur noch unter der Erde experimentiert werden soll. Und es ist schön und gut, daß nach |113| den Beschlüssen der letzten Woche auch unsere liebe Schweiz sich dieser Abrede angeschlossen hat. Aber sind nur zu große Vorräte von diesem Teufelszeug nicht schon da und dort vorhanden: um ein Vielfaches genügend, um alles Leben auf unserer Erde auszurotten? Und erinnert die ganze Sache nicht peinlich an die bei Jeremias Gotthelf nachzulesende Geschichte von der schwarzen, der todbringenden Spin­ne, die man zwar vorsorglich in ein mit einem Pfropfen verschlossenes Loch in der Wand ver­sorgt hatte, bis eines Tages eben doch ein Narr kam, den Pfropfen herausriß und dem Verder­ben freien Lauf gab? Daß wir heute nun eben «mit der Bombe leben» müßten, hat man uns sehr weise belehrt. Schon gut, aber das heißt doch wohl, daß wir heute gerade in dieser Angst leben müssen.

Noch etwas: Sollte nicht der Eine oder Andere auch von euch die Angst — gerade vor der Weihnacht kennen: die Angst vor der schmerzlichen Erinnerung an frühere bessere Weih­nachtstage — die Angst vor der Verlassenheit, die sie gerade jetzt zu fühlen bekommen möch­ten — die Angst vor der Einladung, heute fröhlich zu sein, wo sie gar nicht fröhlich sein kön­nen — die Angst vor Gott, mit dem wir es ja an der Weihnacht so besonders intim und deut­lich zu tun bekommen und mit dem wir doch so gar nicht im Reinen sind?

Kurzum, es ist schon so: in der Welt habt ihr Angst. Es braucht allerdings das Wort des Herrn dazu, daß wir das ernstlich zugeben und gelten lassen. Aber es ist schon so, und wir können Alles, was ich jetzt nur angedeutet habe, auf einen Namen bringen: wir haben Lebensangst, die man ebensogut auch Todesangst nennen kann, weil sie die große Angst vor der Bedrohung ist, von der wir unser Leben durch den Tod, durch sein von allen Seiten sich anzeigendes gänzliches Ende, durch seine rettungslose Auslieferung an das Nichts umfangen finden. |114| Wir haben Angst vor der Nacht, da niemand wirken kann [vgl. Joh. 9, 4]. Sicher gibt es auch allerlei kleine, unnötige, vorübergehende Ängste, aber genau genommen sind auch sie Anzei­chen, gewissermaßen Symptome der großen Lebens- und Todesangst, die wir alle haben: tief verborgen vielleicht, aber wir alle!

Liebe Brüder, zum Heiligen Abend, zur Vorbereitung auf das Hören der Weihnachtsbotschaft gehört unweigerlich, daß wir auch das annehmen und uns eingestehen: In der Welt haben wir Angst.

Doch nun genug auch von diesem Kapitel! Wieder Derselbe, der uns auf den Kopf zu sagt, daß wir in der Welt Angst haben, wieder das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz fährt ja fort, ruft es ja unüberhörbar hinein in das ganze unruhige Meer unserer Angst: Aber seid getrost!

Da haben wir es wieder: das gewaltige, das herrliche Aber!, das uns auch an so vielen anderen Stellen der Bibel begegnet. Irgend etwas unleugbar und unerschütterlich Wahres wird uns da jeweils zu bedenken gegeben, etwa: «Bei den Menschen ist es unmöglich» [Mt. 19, 26]. Oder: «Es sollen Berge weichen und Hügel hinfallen» [Jes. 54, 10]. Oder: «Himmel und Erde wer­den vergehen» [Mt. 24, 35]. Oder: «Der Herr züchtigt mich» [Ps. 118, 18]. Dann aber wird dem ein Zweites gegenübergestellt, das jenes Erste zwar nicht leugnet und darum nicht ein­fach durchstreicht und auslöscht, dafür auf einmal als klein erscheinen läßt und gänzlich in den Schatten stellt, etwa so: «Aber bei Gott sind alle Dinge möglich!» [Mt. 19, 26]. Oder: «Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen!» [Jes. 54, 10]. Oder: «Aber meine Worte werden nicht vergehen!» [Mt. 24, 35]. Oder: «Aber er gibt mich dem Tod nicht preis!» [Ps. 118, 18]. So nun auch hier: «In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost!»

Seid getrost! heißt nicht: Denkt eben an etwas Anderes! Springt |115| über das, was euch Angst macht, hinweg! Flieht vor eurer Angst — etwa in irgend eine Zerstreuung oder in irgend eine eifrige Beschäftigung oder in irgend ein wildes Unternehmen! Ihr könnt und werdet ihr doch nicht entfliehen: so wenig ihr euch selbst entfliehen könnt. Und seht wohl zu: gerade das ganz undurchführbare und also unnütze Fliehenwollen vor der Angst pflegt irgendwie die Ursache alles Bösen und alles neuen Leides zu sein.

Seid getrost! heißt: tut die Augen auf und seht empor: zu den Bergen, von denen euch Hilfe kommt [vgl. Ps. 121, 1] — und seht vorwärts: auf die paar nächsten offenen Stufen eures Weges! Und dann tretet fest auf eure Füße: dann faßt Mut! Dann seid sogar ein bißchen fröh­lich — das alles genau da, wo ihr seid, und also mitten in der Angst, der großen Lebens- und Todesangst, die ihr zweifellos habt!

Ja, kann man denn das? Ist das mehr als der gute Rat- und Zuspruch eines wohlmeinenden Mannes, den man doch praktisch nicht brauchen, mit dem man nichts anfangen kann? Ant­wort: Sicher kann niemand von sich aus aus eigener Erfindung, Einsicht und Entschließung getrost sein wollen, geschweige denn getrost sein. Ausnahmslos Jeder kann das aber, indem er sich von Dem sagen läßt, daß er es darf und soll, der als wahrer Gottes- und Menschensohn selber in die Welt, in der wir Angst haben, hineingegangen ist, in ihrer Mitte selber die größte Angst gehabt hat — «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» [Mk. 15, 34] — der eben damit diese Welt überwunden, sie mit Gott versöhnt und damit der Angst, die wir haben, eine Grenze gesteckt hat. Von dieser von ihm gesteckten Grenze her leuchtet uns, dem Volk, das im Finstern wandert, ein großes Licht [vgl. Jes. 9, 1]. Indem wir dieses Licht sehen, diesem Licht folgen — indem wir auf Ihn, der es uns leuchten läßt, blicken, an Ihn uns halten, an Ihn, wie man das nennt, glauben — auf sein |116| Wort werden wir frei dazu, getrost zu sein: frei für eine große Ruhe nicht vor dem Sturm, auch nicht nach dem Sturm, sondern mitten im Sturm unserer Angst, gerade «wenn wir in höchsten Nöten sein und wissen nicht wo aus und ein»!

Auf jene Frage: ob man denn, wie der Herr uns heißt, getrost sein könne? ist nun freilich noch eine zweite Antwort zu geben. Wie niemand von sich aus getrost sein kann, so auch niemand für sich allein. Wohl aber ohne Ausnahme Jeder, indem er sich zu dem Volk versammeln läßt, dem — nicht privatim zu Diesem oder Jenem, sondern in der Zusammengehörigkeit aller sei­ner Glieder — gesagt ist, daß es getrost sein darf und soll: zu dem Volk, dem in der Finsternis seiner Lebens- und Todesangst das große Licht leuchtet. Ob du wirklich mitten in der Angst die Engel singen und sagen hören kannst: Ehre sei Gott in der Höhe? Mach die Probe darauf: du kannst es, indem du auch das Andere hörst, was sie gesungen und gesagt haben: Friede auf Erden! [Lk. 2, 14]. Friede auch in diesem Hause! Friede zwischen dir und dem, der da neben oder hinter dir auf der Bank sitzt! Friede zwischen dem Mann in dieser und dem in jener Zel­le! Friede zwischen den Gefangenen und den Angestellten! Und Friede zwischen einem Jeden hier und seinen Angehörigen daheim! Ob du wirklich nach oben und nach vorwärts zu blicken vermagst? Du vermagst es, indem du es nicht versäumst, auch nach links und rechts zu bli­cken auf die Nächsten, die auch gern nach oben und nach vorwärts blicken würden und die dazu vielleicht gerade deines Beistandes bedürfen. Ob du dich wirklich an Jesus Christus als an deinen Heiland halten, an ihn glauben könntest? Du wirst das tun, indem du in denen, die da angenehm oder unangenehm um dich her sind, nicht einen Haufen von irgendwelchen «Leuten» findest, sondern die von Jesus Christus, der ihrer aller Heiland ist, geliebte und berufene Gemeinde. Ob es ganz sicher ist, |117| daß gerade du ein Kind Gottes heißen und sein darfst [vgl. 1. Joh. 3, 1] mitten in der Welt und also mitten in der Angst? Du darfst und sollst das ganz sicher heißen und sein, indem du mit den Anderen umgehst als mit deinen Brüdern, weil auch sie Brüder Jesu Christi und also Kinder Gottes sind. Das ist allemal und für uns alle die Probe aufs Exempel. Aber warum sollten wir diese Probe nicht bestehen?

Darauf also wollen wir uns an diesem Heiligen Abend vorbereiten: zu vernehmen, daß wir mitten in der Angst, die wir haben, getrost sein dürfen, sollen und auch können. Und darauf, uns sagen zu lassen, daß wir das eben in der Gemeinschaft mit all denen zu hören bekommen, denen derselbe Herr und Heiland das auch zugesagt hat und wieder zusagen will.

Alle Jahre wieder feiern wir den Heiligen Abend. Wir feiern ihn heute, wie wir ihn letztes Jahr gefeiert haben und wie wir ihn, wenn wir das Leben noch haben, auch nächstes Jahr feiern werden — und jedes Mal am Tag darauf das Weihnachtsfest. Laßt mich dazu noch ein Letztes sagen: Es ist doch wohl so, daß eigentlich unser ganzes Leben in dieser Zeit ein ein­ziger Heiliger Abend sein darf und muß zu unserer Vorbereitung auf das eine, große und endgültige, das ewige Weihnachtsfest, das das Ziel aller Wege Gottes mit dem Menschenge­schlecht und aller seiner Wege auch mit jedem Einzelnen von uns ist. So lese ich jetzt noch einige Verse aus dem Ende des letzten Buches der Bibel, die von diesem ewigen Weihnachts­fest handeln: «Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet als eine ge­schmückte Braut ihrem Mann. Und ich hörte eine große Stimme vom Thron, die sprach: Siehe |118| da, die Hütte Gottes bei den Menschen — und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein! denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache Alles neu!» [Apk. 21, 1-5]. Amen.

Herr Jesus Christus, wenn nicht Alles umsonst sein soll, dann mußt du selbst jetzt zu uns kommen und zu uns reden von der Herrlichkeit dessen, was du für uns warst und tatest, noch bist und tust und wieder sein und tun willst — auch von der nüchternen Wahrheit, daß wir in der Welt Angst haben — vor allem aber von der fröhlichen Hoffnung, in der wir uns jetzt und für immer an dich halten dürfen. Wir sind so arme, taubstumme Leute, Öffne du unsere Oh­ren, damit wir dich hören — und unseren Mund, damit wir uns gegenseitig deine Zeugen werden können!

Sag dein Wort uns allen, so daß wir, von dir zusammengerufen, ganz dein Volk, ganz deine Gemeinde werden! Sag es jedem Einzelnen von uns, damit er ein Christ nicht nur heiße, son­dern immer neu werden möge! Sag es auch allen unseren Angehörigen zu Hause! Sag es allen Gefangenen in allen Gefängnissen aller Erdteile! Sag es den Kranken, den Leidenden, den Sterbenden drüben in den Kliniken! Sag es den vielen in dieser Weihnachtszeit Aufgeregten, Gehetzten und Ermüdeten! Sag es den Traurigen und den Trotzigen, den allzu Oberfläch- |119| lichen und den allzu Tiefsinnigen, den allzu Gläubigen und den allzu Ungläubigen! Sag es den Eltern und den Kindern, den Lehrern, den Schriftstellern und den Zeitungsschreibern, den Mitgliedern unserer Behörden und Gerichte, den Pfarrern und ihren Gemeinden, den Großen und Starken und den Kleinen und Schwachen in allen Völkern! Wir alle haben es nötig, daß du es uns sagst, so wie nur du es uns sagen kannst. Und so schenke uns allen eine gute Weihnacht: morgen und am Ziel und Ende unserer und aller Tage!

Christus, du Lamm Gottes, der du die Sünden der Welt trägst, erbarm dich unser, gib uns deinen Frieden! Amen.

Lieder:
Nr. 119: «Fröhlich soll mein Herze springen» von P. Gerhardt, Strophen 1-4 (= EKG 27, Str. 1-3, 5)
Nr. 113: «Lobt Gott, ihr Christen, allzugleich» von N. Herman, Strophen 1-4 (= EKG 21, Str. 1-3, 6)
Nr. 104: «Wie soll ich dich empfangen» von P. Gerhardt, Strophe 3

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

Dave Jäggi hat dankenswerterweise die Tonaufnahme dieses Gottesdienstes „Aber seid getrost“  auf seinem Blog online gestellt.

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