„Christus gehörte zum Volk Israel. Dieses Volkes Blut war in seinen Adern das Blut des Sohnes Gottes“ – Karl Barths Adventspredigt über Römer 15,5-13 von 1933

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In der neuen Perikopenordnung ist in der ersten Predigtreihe für den 3. Advent Römer 15,4-13 vorgesehen. Karl Barth, dessen 50. Todestag ja am 10. Dezember ansteht, hatte über diese Perikope genau 35 Jahre vor seinem Tod, also am 10. Dezember 1933 im Universitätsgottesdienst in Bonn gepredigt und dabei sein Augenmerk auf die Juden und das Volk Israel gerichtet:

Wir haben in dieser Adventszeit Anlaß zu bedenken: daß es ein Wort Gottes für uns und also eine Kirche Jesu Christi gibt als Stätte des Trostes, der Geduld und der Hoffnung, die von Gott kommen, das versteht sich nicht von selbst. Das ist nicht wie die Luft immer und überall wirklich. Das ist uns weder durch die Natur noch durch die Geschichte in die Hand gegeben, so daß wir damit umgehen könnten wie mit etwas, das uns gehört. Daß es Wort Gottes in der Kirche gibt, das ist weder im menschlichen Seelenleben begründet, noch ist es eine Kultur­errungenschaft, noch gehört es zum Wesen und zur Art irgend eines Volkes oder einer Rasse, noch ist es begründet im notwendigen Lauf der Weltgeschichte. Es ist vielmehr ein Geheim­nis, mit dem unsere Existenz — nicht etwa von innen her ausgestattet, sondern von außen her umkleidet ist, das in keinem Sinn in uns, sondern ganz und gar in einer fremden Kraft und Gewalt über uns begründet ist. Daß es Kirche gibt und Wort Gottes, das ist darum und nur darum wahr, weil, wie unser Text sagt, «Christus uns aufgenommen hat», aufgenommen wie einen Bettler von der Straße, aufgenommen als Leute, die gar nicht daran dachten noch den­ken konnten, ihn aufzunehmen, sondern die wirklich nur aufgenommen werden konnten. Wir können auch sagen: angenommen, wie ein Waisenkind angenommen wird an Kindesstatt, angenommen zu etwas, das wir von Hause aus gar nicht sind, nämlich zu seinen Brü­dern und zu Kindern seines Vaters. Wir können auch sagen: mitgenommen oder hineinge­nommen in den Bezirk, wo er, der Sohn Gottes, führt, regiert, die Verantwortung trägt und schafft, so daß außer ihm niemand Kummer und Sorge haben darf. Wir wären von uns aus nie mitgekommen und hineingekommen in diesen Bezirk. Er aber hat uns hineingenommen. Das ist die Botschaft der Weihnacht, die wir jetzt bald wieder feiern dürfen: Christus hat uns aufgenommen! Und zwar aufgenommen «zum Lobe Gottes»: nicht als ob es so hätte sein müssen, nicht nach irgend einem Naturgesetz oder weil Gott unser bedurft hätte, und auch nicht um unserer Bedürfnisse und Wünsche willen, sondern weil es ihm in seiner Freiheit recht war, darin groß und herrlich zu sein, daß wir von seinem Sohn aufgenommen, angenom­men, mitgenommen und hineingenommen würden. Darum haben die Engel in der Christnacht gesungen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen des Wohlge­fallens [Lk. 2, 14] — seines, des göttlichen Wohlgefallens! Aber das alles ist nun gerade nach unserem Text in einem wohl zu beachtenden doppelten Sinne wahr:

Es bedeutet einmal gewiß auch das alles Umfassende: Er hat Menschsein angenommen, näm­lich angenommen, um als Gott unser Nächster und zugleich als Mensch Gottes Nächster zu sein. So daß in ihm Gottes Reich zu uns, die wir Menschen sind, nahe herbeigekommen ist [Mt. 4, 17] und wiederum in ihm wir, die wir Menschen sind, als Gott wohlgefällig vor Gottes Thron stehen dürfen. Weil Gott selber in Jesus Christus sich mit Menschsein umkleidet hat, darum sind wir vom Geheimnis des Wortes und der Kirche umkleidet.

Aber darüber hinaus wird uns hier etwas Besonderes zu bedenken gegeben. Es ist nicht selbst­verständlich, daß wir zu Jesus Christus gehören und er zu uns. «Christus ist gewesen ein Die­ner der Beschneidung um der Wahrheit Gottes willen, zu bestätigen die Verheißungen, den Vätern geschehen.» Das will sagen: Christus gehörte zum Volk Israel. Dieses Volkes Blut war in seinen Adern das Blut des Sohnes Gottes. Dieses Volkes Art hat er angenommen, indem er das Menschsein annahm, nicht um dieses Volkes, nicht um des Vorzugs seines Blutes und seiner Rasse willen, sondern um der Wahrheit, d.h. um des Erweises der Wahrhaftigkeit, der Treue Gottes willen. Um deswillen, weil Gott mit diesem und nur diesem Volk, einem hals­starrigen und bösen Volk [vgl. Ex. 32, 9 u. ö.], aber ausgerechnet mit diesem Volk, einen Bund geschlossen, seine Gegenwart ihm [300] geschenkt, die Verheißung einer Erlösung sondergleichen ihm gegeben hatte — nicht um die Juden zu belohnen und auszuzeichnen, sondern um diese freie, gnädige Verheißung Gottes, «den Vätern gegeben», zu bestätigen, zu erfüllen, ist Jesus Christus ein Jude gewesen. Er hat einmal selber von sich gesagt: Zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israels und nur zu ihnen sei er gesandt (Mt. 15, 24; vgl. 10, 5f.). Das bedeutet für uns, die wir nicht Israel sind, eine verschlossene Türe. Wenn sie nun dennoch offen ist, wenn Christus nun dennoch auch zu uns gehört wie wir zu ihm, dann muß es wohl noch einmal in besonderem Sinne heißen: «Christus hat uns aufgenommen zum Lobe Gottes.» Daß dem so ist, daran erinnert uns die Existenz des jüdischen Volkes bis auf diesen Tag. Friedrich der Große soll seinen Leibarzt Zimmermann einmal gefragt haben, ob er ihm einen einzigen ganz sicheren Beweis für das Dasein Gottes nennen könne, und soll die lakoni­sche Antwort bekommen haben: «Eure Majestät, die Juden!» Der Mann hatte recht. Der Jude erinnert uns mit seiner Existenz daran, daß wir keine Juden sind und also eigentlich «ohne Christus, fremd und außer der Bürgerschaft Israels und fremd den Testamenten der Ver­heißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt» (Eph. 2, 12). Der Jude erinnert uns daran, daß es etwas Besonderes, Neues und Wunderbares ist, wenn wir nun dennoch «nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen» sind (Eph. 2, 19). Wir sind das nicht von Hause aus. Der Jude ist in seiner so rätselhaft fremdarti­gen und ebenso rätselhaft unzerstörbaren Existenz mitten unter allen anderen Völkern der lebendige Beweis dafür, daß Gott frei ist zu erwählen, wen er will, daß er es uns keineswegs schuldig ist, uns auch zu erwählen, daß es Gnade ist, wenn er uns auch erwählt. Es könnte wohl sein, daß man sich gegen diesen allerdings strengen Gottesbeweis, gegen den Gott der freien Gnade wehrt, wenn man sich allzu leidenschaftlich gegen die Juden wehrt.

Hier die vollständige Predigt als pdf.

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