„Können wir selbst nicht jubeln, so hören wir doch eine ganz andere Stimme jubeln auch über der bösen Stelle am Fründenhorn“ – Karl Barths Predigt zur Beerdigung seines Sohnes Matthias (1. Korinther 13,12)

Fründenhorn
Fründenhorn bei Kandersteg

Der  22. Juni 1941 ist als Tag des kriegsverbrecherischen Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion in die Geschichtsbücher eingegangen. Am selben Tag ist der 20jährige Matthias Barth, zweitjüngster Sohn Karl Barths, im Spital von Frutigen seinen Verletzungen erlegen, die er sich am Vortag bei einem Absturz auf einer Bergtour am Fründenhorn (bei Kandersteg) zugezogen hatte. Als die Beerdigung drei Tage später in Bubendorf stattfand, war es Karl Barth selbst, der die Predigt hielt. Da müssen die eigene Trauer und die Erinnerung an den Sohn zum Wort Gottes finden:

So sehe ich ihn noch als Neunjährigen bei einem für seine Kräfte viel zu schwierigen Gebirgs­weg, auf den er sich mit uns begeben hatte, mit leichtesten Füßen, den Boden nur eben berüh­rend, um uns Andere und um alle Gefahren unbekümmert, von einem Felsblock zum anderen springen wie eine kleine Gemse. Er war auch da, wo er sich daheim fühlte, immer ein wenig draußen, ein wenig anderswo.

Ich denke nicht, daß ihn irgend jemand so kannte, daß er jetzt sagen könnte, daß er ihn ganz verstanden habe. «Weißt du», hat er mir noch vor kurzem ein­mal in verblüffend offener Selbsterkenntnis gesagt: «Ich habe eben noch gar keine Lebens­erfahrung!» Er hatte tatsächlich bei seiner ganzen für sein Alter reichen Bildung noch gar keine Lebenserfahrung. Und das war es wohl eigentlich, was ihn für uns Andere so schwer verständlich, zu einem Spiegel und dunklen Wort gemacht hat. Wir haben erwartet, daß er durch den Militärdienst in der menschlichen Welt heimischer und dadurch auch selber ver­ständlicher und zugänglicher werden könnte, konnten uns aber auch fragen, ob diese etwas gewaltsame Kur nicht auch ganz andere Wirkungen auf ihn haben möchte.

Jene Erwartung und diese Sorge sind nun miteinander hinfällig geworden. Er durfte sein Jetzt abschließen, wie er es begonnen hatte; er durfte der Wanderer sein und bleiben, der er immer gewesen ist. Aber eben weil dieses Jetzt so abgeschlossen hinter ihm liegt, weil das große Dann aber! nun auf einmal in sein Leben getreten ist, brauchen wir uns durch alles Befremdliche seines Le­bens nicht mehr befremden zu lassen.

Wir brauchen ja bloß den auch für ihn gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus zu erkennen, um auch unseren Matthias und sein so rätselhaftes, kurzes Vorüberwandern recht zu verstehen: zu verstehen, woher und wohin die Reise ging, die uns so oft verwundert hat. Ihn und seine Verwunderlichkeit sehen wir jetzt nicht mehr, darum nicht, weil er mitten in den Glanz der Auferstehung seines und unseres Herrn hineingehend unserem Blick entschwunden ist. Diesen Glanz aber sehen wir und in ihm auch, wer und was unser Matthias gewesen ist: ein Mensch mit seinen Schranken und Fehlern, ein armer Sünder wie wir alle, aber mehr als das: ein Mensch, den der Vater im Himmel sein Kind, Jesus Christus seinen Bruder nennen wollte, ein Mensch, für den der Sohn Gottes sich selbst dahingegeben hat, damit er, der Unerfahrene, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe. Das ist es, was «dann» für ihn gilt und Wahrheit ist. Sehen wir dahin, denken wir daran, suchen wir ihn dort, dann haben wir ihn jetzt schon nachträglich so weit verstanden, als es uns nötig ist; dann kann es uns nachträglich nicht wundern, daß wir ihn schon jetzt — trotz allem — so, wie er war, von Anfang an und bis zum Ende so lieb gehabt haben. Dann kann es gar nicht anders sein, als daß wir ihn in der Erinnerung noch lieb haben und lieb behalten werden.

Und nun ist da freilich sein so plötzliches irdisches Ende: wahrlich noch einmal ein Spiegel, ein dunkles Wort von ganz besonders erschreckender und schmerzlicher Art. Nun kam seine letzte Fahrt durch das sommerliche Schweizerland und hinein in die Berge, von der er nicht mehr lebend zurückgekehrt ist, die nun in dem Grab da draußen ihren Abschluß gefunden hat. Nun kam dieser 22. Juni, der uns ja auch sonst vor so große Rätsel gestellt hat, und zuletzt die Nacht, in der unser Matthias in aller Stille von uns gegangen ist. Nun kamen für uns Andere die bitteren Stunden und Tage des inneren Abschiednehmens, des rückblickenden Fragens: ob wir ihm, da wir ihn noch hatten, nicht allzu viel schuldig geblieben seien?, die heißen Wünsche, ihn wenigstens noch einmal bei der Hand fassen zu dürfen, wie er es so gerne hatte, ihm noch einmal ein gutes Wort sagen zu dürfen.

Aber was sind wir, was können wir, was wissen wir, was soll alles unser Fragen, Nachdenken und Wünschen vor dem großen unerbittlichen Geheimnis des Todes? Ich habe in diesen Tagen immer wieder an das denken müssen, was David nach 2. Sam. 12, 23 von seinem toten Kind gesagt hat: «Kann ich es etwa zurückholen? Ich werde wohl zu ihm gehen, es aber kommt nie mehr zu mir.» Und ich habe mich mehr als je darüber verwundert, daß David mit diesen Worten ja gerade be­gründen wollte, warum er nun nicht mehr fasten und weinen wolle.

Ja, wenn es keine Aufer­stehung der Toten gäbe, eröffnet durch Jesus Christus als Erstling unter denen, die da schlafen, dann wäre David wohl ein merkwürdig herzloser Vater zu nennen. Wenn das dunkle Jetzt dem hellen Dann nicht so nahe, so unzertrennlich mit diesem verbun­den wäre, wie könnte, wie dürfte dann David gerade sein durch kein Mittel zu beseitigendes Leid den Grund nennen, weshalb er nun nicht mehr traurig sein wolle? Nun aber ist Christus ja aufer­standen von den Toten, ein Erstling unter denen, die da schlafen. Nun aber ist ja auf das Rätsel des Karfreitags — mit dessen Schrecken und Schmerz das, was wir durchmachen, in keinem Vergleiche steht — die Auflösung des Ostertages gefolgt. Nun lebt und regiert und siegt ja Jesus. Nun ist ja das Dann dem Jetzt so nahe gerückt, daß dieses auch als das Jetzt des Todes kein besonderes Reich mehr ist, in dem wir uns noch einmal besonders zu fürchten, das wir mit Fragen und Klagen, mit Weinen und Fasten zu respektieren hätten.

Daß der Tod Kraft, erschreckende und schmerzliche Kraft hat, das sehen wir. Aber daß er keinen tödlichen Stachel hat, das glauben und das wissen wir. Mehr noch: wir glauben und wissen, daß gerade der Tod — nachdem Jesus Christus ihn erlitten hat, um zu seiner Herrlichkeit einzugehen  — auch denen, für die er ihn erlitten hat, nur noch der Weg und Dienst zu derselben Herrlichkeit sein kann. David hatte wohl recht: gerade da, wo wir Alles verloren geben müssen, kann für uns, verborgen unter den Seufzern und Tränen, die uns erlaubt sind, nur der ganze Jubel derer am Platze sein, die das Leben schmecken dürfen, das jetzt schon über allen Gräbern wartet.

Eine tiefe Hilflosigkeit und Wehrlosigkeit war vielleicht etwas vom Innersten im Wesen unseres Matthias. Wie hätte er dem Starken entrinnen können, der nun sein Leben so lange vor jeder Vollendung wie im Sturme hinweggefegt hat? Es ist aber — das glauben und wissen wir schon jetzt — Einer, der diesen Starken selber längst gebunden, seine Macht zu töten ihm längst genommen, der ihn längst in seinen eigenen Dienst gezwungen hat. Das werden wir dann sehen, wenn wir sehen werden von Angesicht zu Angesicht. Aber das Dann ist dem Jetzt ganz nahe. Darum können wir heute in aller Trauer nicht nur trauern. Können wir selbst nicht jubeln, so hören wir doch eine ganz andere Stimme jubeln auch über der bösen Stelle am Fründenhorn, wo Alles geschehen ist, auch über dem Grab, von dem wir herkommen. Sie redet von der Vollen­dung auch dieses Unvollendeten, von seiner nun eben durch den Tod als Gottes Diener voll­brachten Vollendung. Sie redet von Frieden und Freude und vollem Genügen. Was könnten wir, da wir diese Stimme hören, Anderes tun, als unserem Gott — sei es dann unter Tränen — danken dürfen, daß er es mit unserem Matthias in seinem Leben und in sei­nem Sterben gut gemeint und gut gemacht hat? Und so auch mit uns! Ich bin — sagt uns Jesus —, ich bin die Auferstehung und das Leben.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

Aufschlussreich ist es, die Predigt Barths mit der Schleiermachers anlässlich der Bestattung dessen Sohnes Nathanael am 1. November 1829 zu vergleichen.

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